Elmar Brenner hatte sein Leben lang auf einen Sohn gewartet. Als Marlene, seine Erste, zur Welt kam, lächelte er trotzdem. Ein Mädchen eben. Beim nächsten Mal würde es klappen, dachte er. Seine Frau Renate lag erschöpft im Kreißsaal der Klinik in Rendsburg und sah ihn schuldbewusst an.
„Ist doch egal", sagte er. „Wir kriegen noch einen Jungen."
Zwei Jahre später kam Susanne. Dann Bettina. Dann gleich zwei auf einmal, die Zwillinge Karin und Doris. Später Hannelore, dann Ingrid, und zum Schluss die Jüngste, Waltraud. Acht Töchter. Kein einziger Sohn.
Im Dorf bei Rendsburg, an der schleswig-holsteinischen Küste, wo Elmar seine Zimmerei betrieb, wurde über solche Familien geredet. Nicht immer böse gemeint, aber es tat trotzdem weh.
„Elmar, du kriegst wohl nur Ausschuss hin?", fragte der Nachbar Uwe Petersen einmal beim Skat und wischte sich den Korn vom Schnurrbart.
Elmar sagte nie ein böses Wort zu Renate. Nicht einmal, als die Achte kam. Aber Renate sah es ihm an: Jedes Mal, wenn wieder ein Mädchen geboren wurde, ging er raus in die Werkstatt, setzte sich auf die Hobelbank, drehte sich eine Zigarette und starrte lange auf die Reetdächer der Nachbarhöfe. Wortlos. Dieses Schweigen wog schwerer als jedes Geschrei.
„Elmar, verzeih mir", flüsterte Renate einmal.
„Wofür denn", sagte er nur. „Die Kinder sind unsere. Alle acht. Da gibt's nichts zu verzeihen."
Trotzdem wartete er. Bis Renate eines Abends am Küchentisch sagte: „Schluss jetzt, Elmar. Ich kann nicht mehr. Und ich will auch nicht mehr."
Da begriff er endgültig: Einen Sohn würde es nie geben. Der Name Brenner würde mit ihm enden. Niemand, dem er das Haus vererben könnte. Niemand, dem er den alten Zughobel seines Vaters in die Hand drücken würde. Niemand, dem er zeigen konnte, wie man ein Blockhaus verzimmert, einen Dachstuhl aufrichtet, ein Gefach ausmauert.
Elmar Brenner war Zimmermann. Der beste weit und breit an der Eider. Nicht, dass er unbedingt gewollt hätte, dass sein Sohn auch Zimmermann wird. Er wollte nur, dass irgendetwas weiterging. Dass jemand das fortführte, was er aufgebaut hatte.
Dabei liebte er seine Töchter. Auf seine eigene, wortkarge Art, aber wirklich. Acht Mädchen bedeuteten acht Zöpfe, acht verschiedene Charaktere, acht eigene Wege. Das Haus in der Dorfstraße war nie still. Immer heulte eine, lachte eine andere, stritt sich eine dritte um eine Puppe, während die vierte heimlich das Haargummi der Schwester klaute. Der Krach war so groß, dass die Nachbarn manchmal die Fenster zumachten.
Kam Elmar abends von der Baustelle, wurde er sofort umringt.
„Papa, ich zuerst!"
„Papa, sie hat angefangen!"
„Papa, sag ihr was!"
Er lachte, trennte die Streithähne, gab dem einen oder anderen einen liebevollen Klaps aufs Hinterteil und setzte sich zum Abendbrot.
Schliefen die Mädchen endlich, ging er raus. Setzte sich auf die Bank vor dem Haus und schaute auf sein Werk: ein großes Fachwerkhaus mit fünf Fenstern zur Straße, gebaut aus dicken Eichenbalken. Er hatte es als junger Mann selbst hochgezogen, kannte jede Verzapfung, jeden Zapfen, jede Kerbe. Das Haus war sein Stolz. Und sein Kummer. Denn wem sollte er es einmal überlassen?
Renate kam dann oft raus und setzte sich zu ihm. Lange sagten beide nichts.
„Wenn ich mal tot bin", meinte Elmar irgendwann, „verkaufen sie das Haus. Die Mädels brauchen es nicht. Die ziehen alle nach Kiel oder Hamburg."
„Red nicht so einen Unsinn, Elmar."
„Warum soll ich mir was vormachen."
Die Jahre vergingen. Die Töchter wurden groß und zogen nacheinander aus. Marlene ging zuerst, machte eine Ausbildung zur Grundschullehrerin in Kiel. Susanne folgte, sie wurde Krankenschwester. Bettina lernte Einzelhandelskauffrau. Die Zwillinge Karin und Doris zogen beide nach Hamburg und machten eine Bankausbildung. Hannelore studierte an der Volkshochschule Kulturpädagogik. Ingrid fand Arbeit in einem Hotel an der Ostsee, in Timmendorfer Strand. Und die Jüngste, Waltraud, lernte Schneiderin.
Das Haus wurde leer. Erst ungewohnt. Dann schmerzhaft. Später normal.
Elmar und Renate blieben zu zweit zurück. Fast wie in den ersten Jahren ihrer Ehe, bevor die Kinder kamen. Nur waren sie jetzt alt und müde. Die Gespräche wurden kürzer. Die Abende länger.
Elmar saß weiterhin draußen und betrachtete das Haus, das mit ihm alterte. In einer Ecke tropfte es durchs Dach. Die Veranda hatte sich gesenkt. Von den Fensterläden blätterte die Farbe ab. Elmar hätte alles reparieren können, seine Hände gehorchten noch. Aber wofür? Und für wen?
Renate starb still, im Schlaf, nach dem Mittagessen legte sie sich hin und wachte nicht mehr auf.
Elmar blieb allein. Nach der Beerdigung versammelten sich alle acht Töchter im Elternhaus. Zum ersten Mal seit Jahren wieder komplett. Mit Ehemännern, Kindern, Enkeln. Das Haus füllte sich wieder mit Stimmen — aber es waren andere Stimmen als früher. Keine hellen Mädchenstimmen mehr, sondern erwachsene, bestimmte Stimmen mit großstädtischem Tonfall.
Sie saßen am Küchentisch, tranken Kaffee, sprachen über Renate.
„Papa", begann Marlene, die Älteste, jetzt selbst schon über fünfzig und Schulleiterin in Kiel. „Wie soll das weitergehen mit dir? Zieh doch zu uns. Wir haben ein Gästezimmer."
„Oder zu uns", warf Susanne sofort ein. „Bei uns ist auch Platz."
„Man könnte auch wechseln", schlug Karin vor. „Ein halbes Jahr bei mir, ein halbes bei Doris."
Elmar hob die Hand. Alle verstummten.
„Ich geh hier nicht weg", sagte er leise. „Eure Mutter liegt hier auf dem Friedhof, am Dorfrand. Das ist mein Haus. Ich hab's gebaut. Hier bleib ich, so lang's geht."
„Aber wie willst du allein zurechtkommen? Den Ofen anheizen, Brennholz holen —"
„Ich bin noch kein Pflegefall", schnitt er ihr das Wort ab. „Ich hab noch zwei Hände. Und einen Kopf, der funktioniert. Das krieg ich hin."
Die Töchter wechselten Blicke. Keine sagte mehr etwas. Sie fuhren ab, jede in ihre Stadt zurück.
Elmar heizte den Ofen. Holte Wasser vom Brunnen. Reparierte den Zaun. Lebte weiter.
Doch die Jahre forderten ihren Tribut. Mit dreiundsiebzig konnte er kaum noch Holz hacken, sein Rücken machte nicht mehr mit. Mit vierundsiebzig vergaß er immer öfter, wo er den Schlüsselbund hingelegt hatte. Mit fünfundsiebzig stürzte er auf der Veranda und lag fast eine Stunde da, bis die Nachbarin ihn fand.
Es musste etwas geschehen.
Im Herbst desselben Jahres rollte ein langer Lkw mit Anhänger vor Elmar Brenners Haus. Die Ladefläche war voller Bauholz. Zwei Kombis folgten dem Laster. Aus den Autos stiegen nacheinander die Töchter. Alle acht. Mit ihren Männern, ihren Kindern, mit Koffern, Taschen und Arbeitskleidung.
Elmar trat auf die Veranda und blieb wie angewurzelt stehen.
„Was habt ihr euch da ausgedacht?"
„Wir bauen ein Haus, Papa", sagte Marlene. „Ein neues."
„Was für ein Haus? Wovon redet ihr überhaupt?"
„Eins, das du brauchst. Wir haben das besprochen und entschieden. Das alte hier verfällt. Die Balken unten faulen, die Ecken senken sich. Vielleicht hält's noch ein, zwei Jahre — und dann? Wir wollen, dass du noch lange lebst. Anständig. Sicher."
„Und wovon wollt ihr das bezahlen?"
„Wir haben zusammengelegt", antwortete Susanne. „Jede hat was gespart. Die eine mehr, die andere weniger. Aber für ein Haus reicht's. Und unsere Männer packen mit an."
Elmar sah sie an, eine nach der anderen. Marlene, über fünfzig, Schulleiterin, ergraut und energisch. Susanne, Stationsleiterin in einer Klinik in Neumünster. Bettina mit ihrem eigenen kleinen Laden. Karin und Doris, beide bei der Sparkasse, mit Brille und geschäftsmäßigem Auftreten. Hannelore, die im Kulturzentrum arbeitete und noch genauso leicht lachte wie als Kind. Ingrid, braungebrannt von der Ostsee, in einem bunten Tuch. Und Waltraud, die Jüngste, siebenunddreißig, modisch gekleidet, auf hohen Absätzen — dieselbe, die früher barfuß über diesen Hof gerannt war.
Acht Töchter. Kein Sohn. Und trotzdem standen sie alle da, mit Bauholz und Werkzeug.
Am nächsten Morgen ging es los. Elmar dachte zuerst, sie würden ein bisschen herumspielen und dann aufgeben. Welche Frau versteht schon was vom Zimmerhandwerk? Welche seiner Töchter hatte je richtig eine Axt in der Hand gehalten?
Er täuschte sich gewaltig. Karins Mann war Bauingenieur und hatte die Pläne längst durchgerechnet. Bettinas Mann arbeitete als Dachdecker und übernahm das Dach. Ingrids Mann, ein Elektriker aus Lübeck, verlegte die Leitungen. Und die Töchter selbst — Marlene hatte als Mädchen jahrelang zugesehen, wie ihr Vater die Balken abband, und wusste noch, wie man einen Zapfen sauber einpasst. Sie stand mit dem Zollstock da und maß die Fundamentgräben nach, während Waltraud, in Arbeitshose statt hoher Absätze, Nägel sortierte, als hätte sie nie etwas anderes getan.
Elmar setzte sich auf die alte Bank und sah zu. Die ersten Tage sagte er kaum etwas. Er beobachtete nur, wie das Fundament gegossen wurde, wie die ersten Balken aufgerichtet wurden, wie seine Töchter miteinander stritten — nicht wie früher um ein Haargummi, sondern darüber, ob der Sturz über der Tür einen Zentimeter höher sitzen sollte.
An einem Nachmittag im Oktober, es roch nach nassem Laub und frisch gesägtem Holz, kam Marlene zu ihm rüber, wischte sich die Hände an der Hose ab und setzte sich neben ihn.
„Papa. Wir bauen dir kein Museum. Wir bauen dir was zum Leben. Ebenerdig, keine Treppen, breite Türen für den Rollator, falls es mal so weit kommt. Ein Bad, das du allein benutzen kannst. Und einen Kamin, weil du ohne Feuer sowieso nicht schlafen kannst, das wissen wir."
Elmar schluckte. „Und das alte Haus?"
„Das reißen wir nicht ab", sagte sie. „Das renovieren wir. Als Ferienhaus für uns alle. Damit die Enkel wissen, wo sie herkommen."
Sechs Wochen dauerte der Bau, bis in den November hinein, mit Bauleuchten gegen die frühe Dunkelheit und Thermoskannen mit Kaffee, die zwischen den Gerüsten herumgereicht wurden. Als das neue Haus fertig war — kleiner als das alte, aber warm, trocken, mit breiten Türen und einem Kamin, dessen Rauch schnurgerade in den grauen Küstenhimmel stieg —, stellten die Töchter einen Tisch mitten in den Neubau und deckten ihn.
Elmar stand in der Tür seines neuen Zuhauses und sagte lange nichts. Dann ging er zu der alten Truhe, die man aus dem ursprünglichen Haus herübergebracht hatte, öffnete sie und holte den Zughobel seines Vaters heraus, in Öltuch gewickelt, seit über vierzig Jahren unberührt.
„Wer will den haben?", fragte er in die Runde.
Es meldete sich niemand mit erhobener Hand — stattdessen kam Karins Sohn, dreizehn Jahre alt, aus der Ecke, wo er die ganze Zeit den Handwerkern zugesehen hatte, und sagte: „Ich, Opa. Ich will Zimmermann werden."
Elmar drückte ihm den Hobel in die Hand. Er sagte kein Wort dazu, wie das Handwerk nun doch weiterlebte. Er zeigte dem Jungen nur, wie man die Klinge hält, damit die Späne in einer einzigen langen Locke abgehen.
Zwei Wochen später ging Elmar zum Notar in Rendsburg, mit der Grundbuchmappe unterm Arm, und ließ das Grundstück zu gleichen Teilen auf alle acht Töchter überschreiben — jede ein Achtel, im Grundbuch schwarz auf weiß, kostenpunkt fünfhundertzwanzig Euro Notargebühren, die Marlene aus der gemeinsamen Kasse bezahlte. Uwe Petersen, der Nachbar von früher, stand am Zaun, als der Notar mit seiner Aktentasche wieder wegfuhr, und fragte, was das denn solle mit der Erbschaft.
„Ausschuss", sagte Elmar und zündete sich eine Zigarette an, „baut heutzutage bessere Häuser als mancher Sohn."












