# Siebzehn Minuten mit meinem Bruder

Ich weiß noch genau, wie der Kaffee nach verbranntem Plastik schmeckte. Die Maschine in der Klinikcafeteria war seit Jahren kaputt, aber niemand kam auf die Idee, sie zu reparieren. Achtundvierzig Cent pro Becher, Automat neben der Tür zur Radiologie, und ich trank das Zeug, als hinge mein Leben davon ab.

Mein Bruder Karsten lag zwei Stockwerke über mir.

Ich saß da mit diesem Becher in der Hand und versuchte, den Anruf zu vergessen, der mich vor sechs Stunden aus dem Schlaf gerissen hatte. Unsere Mutter am Telefon. Ihre Stimme so flach, dass ich zuerst dachte, es sei eine falsche Verbindung.

„Karsten hatte einen Unfall.“

Mehr hatte sie nicht gesagt.

Vor dem Fenster der Cafeteria zog ein Reinigungswagen vorbei, und ich zählte die Striche auf meinem Kaffeebecher, als wären es Rosenkränze. Ich bin nicht religiös. Aber in dieser Nacht, als ich durch die leeren Flure des Klinikums Bogenhausen gelaufen bin, habe ich mit jemandem verhandelt, an den ich seit zwanzig Jahren nicht mehr gedacht hatte.

Karsten ist drei Jahre älter als ich. Drei Jahre, die zwischen uns immer wie dreißig waren. Er war der Vernünftige, der mit dem Plan. Studium in Leipzig, Job bei einer Versicherung, Haus in Pasing, zwei Kinder, die zur Musikschule gehen. Ich war die Schwester, die „noch sucht“, wie Mutti es nannte. Sechsunddreißig, Kellnerin, wohnhaft in einer Zweizimmerwohnung in Neuperlach, samstags im Hirschgarten mit Freunden, die ich seit der Schulzeit nicht aus den Augen verloren habe.

Wir haben uns nicht viel zu sagen gehabt in den letzten Jahren. An Weihnachten saßen wir am selben Tisch, den meine Mutter mit Stoffservietten eindeckt, und redeten über die Bratensoße. Nicht über das, was zählt.

Und dann kam der Anruf.

Er hatte auf der A9 bei Nürnberg die Kontrolle über den Wagen verloren. Ein Sekundenschlaf, sagten die Ärzte. Der Fahrer eines Lkw hatte ihn noch gesehen, wie er auf der Nebenspur ins Schleudern kam, und hatte ausgeschert, so weit es ging. Der Aufprall war trotzdem heftig.

Ich saß in der Cafeteria und dachte an das letzte Mal, als ich ihn gesehen hatte. Es war im April, bei Mutters Geburtstag. Er hatte mir vorgeworfen, ich würde „die Feste nur für die Küche nutzen“ und mich nicht um die Gäste kümmern. Ich hatte ihm gesagt, er solle sich um seine eigenen Angelegenheiten kümmern. Er war dann früh gegangen, weil die Kinder am nächsten Tag Schule hatten.

Es war dumm. Alles daran war dumm.

Jetzt saß ich in der Cafeteria und starrte auf mein Handy. Siebzehn Minuten hatte ich auf der Intensivstation gewartet, bis die Schwester mich freundlich, aber bestimmt wieder herausgebeten hatte. Siebzehn Minuten mit Karsten.

Er hatte Schläuche im Mund. Aber er war ansprechbar, das sagten sie. Anfangs zumindest. Ich stand an seinem Bett, und ich wusste nicht, wohin mit meinen Händen. Ich habe seine Hand gehalten, weil das die einzige Stelle war, die nicht nach Medizin und Metall aussah. Die Haut war trocken. Nach elf Jahren hätte ich nicht einmal mehr sagen können, ob ihm meine Hand vertraut vorkam.

Ich habe Dinge gesagt. Dinge, die man sagt, wenn man nie gelernt hat, über Gefühle zu sprechen. Dass ich da bin. Dass alles gut wird. Dass Mutti unterwegs ist. Lügen und Wahrheiten gemischt.

Und dann bin ich auf den Flur gegangen, weil ich dachte, ich müsste kotzen. Ich habe nicht geweint. Nicht so, wie man weint, wenn man jemanden verliert. Ich habe einfach dagestanden, die Stirn gegen die kühle Wand des Ganges gelegt und gezählt. Eins, zwei, drei. Bis zwanzig. Dann noch mal.

Da war kein Gebet. Da war nur diese Leere, die keiner beschreibt, wenn er von Krankenhäusern erzählt. Der Geruch nach Desinfektionsmittel und lauwarmem Kaffee. Das leise Knistern der Leuchtstoffröhren. Die blauweißen Schilder an den Türen.

Ich denke an einen Nachmittag, als ich vierzehn war. Karsten sollte auf mich aufpassen, und ich hatte mich in unserem alten Baumhaus versteckt, weil ich nicht wollte, dass er mich zum Lernen zwingt. Er hat zwei Stunden nach mir gesucht. Als er mich fand, hat er nichts gesagt. Er hat nur eine Tüte Gummibärchen vor den Eingang gelegt und ist gegangen. Ich fand sie am nächsten Morgen, halb geschmolzen, weil die Sonne durchs Blätterdach gebrannt hatte.

Warum denke ich an schmelzende Gummibärchen, wenn mein Bruder zwei Stockwerke über mir gegen den Tod kämpft? Warum erinnere ich mich an die eine Sache, die er nie erwähnt hat?

Die Schwester kommt in die Cafeteria. Sie sucht mich, ich sehe es an der Art, wie sie den Kopf hebt, als sie hereinkommt. Sie kennt meinen Namen nicht, aber sie erkennt mich an den roten Augen und dem Becher in meiner Hand.

„Frau Lindner?“

Ich nicke.

„Ihr Bruder ist aufgewacht. Er fragt nach Ihnen.“

Ich stelle den Becher auf den Tisch. Der Kaffee ist längst kalt.

Sein Zimmer ist voller Geräte. Monitore, die grüne Kurven über den Bildschirm schicken, ein Ständer mit Infusionen, ein Stuhl, auf dem ich vorhin gesessen habe. Karsten hat die Augen offen. Sein Gesicht ist geschwollen, über der rechten Braue klebt ein weißes Pflaster, und als er mich sieht, versucht er etwas zu sagen, aber die Beatmung ist noch drin.

Ich setze mich auf den Stuhl. Diesmal halte ich nicht seine Hand. Ich bin feige, ich weiß es. Aber ich schaffe es nicht, ihn zu berühren, als wäre er aus Glas.

„Mutti ist unterwegs“, sage ich. „Sie wollte mit dem Zug kommen, weil sie nachts nicht mehr fahren will.“

Er blinzelt. Einmal, zweimal. Vielleicht bedeutet das: gut.

„Die Ärzte sagen, du hast Glück gehabt.“ Meine Stimme klingt dünn, wie die einer Fremden. „Sie sagen, du musst jetzt erst mal liegen bleiben. Keine Aufregung.“

Er schaut mich an. Ich halte es aus. Ich weiß nicht, warum, aber plötzlich will ich, dass er weiter schaut, dass er nicht wieder einschläft, dass er hierbleibt.

Und dann fällt mir ein, was ich ihm vor zehn Jahren gesagt habe. Es war nach Papas Beerdigung, auf dem Friedhof in Großhadern, die Autos hatten noch die Scheinwerfer an, weil der November so grau war. Karsten hatte mir die Hand hingehalten, einfach so, als wollte er mich stützen. Und ich hatte sie weggeschlagen. Nicht aus Wut. Aus etwas anderem, etwas, das ich heute noch nicht benennen kann.

„Fass mich nicht an“, hatte ich gesagt. „Du kommst immer erst, wenn alles vorbei ist.“

Ich weiß nicht, warum ich das gesagt habe. Es stimmte nicht einmal. Er war da gewesen, die ganze Zeit. Er war derjenige, der Mutti gehalten hatte, als sie am offenen Grab fast zusammengebrochen wäre. Er war derjenige, der die Rechnungen bezahlte, ohne sie zu erwähnen.

Und ich? Ich stand daneben und zählte die Blumensträuße.

Jetzt sitze ich an seinem Bett und will ihm so viel sagen. Dass ich nicht weiß, warum wir so geworden sind, so fremd, so voller unausgesprochener Sätze. Dass ich ihn liebe, auf diese sture, verwickelte Art, die in unserer Familie immer Liebe bedeutet hat. Dass ich Angst habe.

Aber ich bekomme nur vier Worte heraus.

„Ich bleibe bei dir.“

Er blinzelt wieder. Und ich könnte schwören, dass er es versteht.

Der Arzt kommt später, ein junger Mann mit müden Augen, und erklärt uns, was gebrochen ist: drei Rippen, das Schlüsselbein, ein Wirbel. Keine inneren Blutungen. Die nächste Nacht wird zeigen, ob das Gehirn abschwillt. Klassisches Ärztevokabular, das alle Fragen beantwortet und doch keine.

Ich fahre nach Hause, um zu schlafen, sagt meine Mutter. Sie sitzt im Flur auf einem Stuhl, den sie aus einem leeren Zimmer geholt hat, und ich sehe, dass sie weint. Nicht laut. Nur so, dass ihr Gesicht nass ist und sie es nicht wegwischt.

„Fahr du“, sagt sie. „Ich bleibe hier.“

Ich will widersprechen. Aber dann denke ich an die Nacht, die vor uns liegt, und daran, dass einer von uns morgen früh einen klaren Kopf brauchen wird. Ich umarme sie. Sie fühlt sich an wie ein Vogel, so klein und zerbrechlich in meinen Armen.

Auf dem Heimweg fahre ich an Karstens Haus vorbei. Es ist dunkel. Silke, seine Frau, kümmert sich um die Kinder, sie weiß Bescheid. Ich halte nicht an. Ich weiß nicht, was ich sagen würde.

Ich schlafe nicht. Ich liege in meiner Wohnung und denke an das Baumhaus. An die Tüte Gummibärchen. An seine Hand, die ich weggeschlagen habe. Und ich denke daran, dass ich ihn morgen wieder sehe, wenn alles gut geht, und dass ich dann vielleicht den Mut haben werde, mehr zu sagen als vier Worte.

Um sechs Uhr morgens klingelt mein Telefon. Meine Mutter. Ihre Stimme ist ruhig, zu ruhig.

„Er ist aufgewacht. Er will dich sehen. Er sagt, du sollst das mit der Tüte erklären.“

Ich lache. Zum ersten Mal seit dreißig Stunden. Durch das Lachen und die Tränen sage ich nur: „Ich komme.“

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