Simon betrieb elf Jahre lang eine Handywerkstatt in der Herforder Straße in Bielefeld. Ein winziger Laden im Altbau, vor dem Fenster die Straßenbahnhaltestelle, auf der Fensterbank stand immer eine Tasse mit kaltem Kaffee und eine Keksdose, in der er die Quittungen aufbewahrte. Es roch nach Flussmittel und Display-Politur. Im Februar 2027 las Simon auf einem Fachportal, dass die EU neue Vorschriften einführt. Akkus in neuen Handys sollen vom Nutzer selbst austauschbar sein, ohne Kleber, ohne Heißluftfön, ohne Erhitzen des Rahmens. Er las den Artikel dreimal, jedes Mal langsamer, dann ging er nach hinten in die Werkstatt und stand da mit dem Handy in der Hand, bis das Display von selbst dunkel wurde.
Früher war der Akkuwechsel sein bestes Geschäft gewesen. Der Kunde brachte das Gerät, Simon nahm neunzig Euro allein für die Arbeit, weil man das Display aufhebeln, den Akku vom Rahmen lösen und dabei aufpassen musste, das Flachbandkabel nicht zu beschädigen. Die Leute trauten sich das nicht selbst zu. Sie wussten: Ein falscher Handgriff, und das Display zerbricht, dann kostet die Reparatur mehr als ein neues Handy. Simon hatte dafür sein eigenes Werkzeug – eine Plastikkarte zum Aufhebeln, an den Kanten so abgewetzt, dass sie gelblich schimmerte. Diese Karte lag immer am selben Platz, im Fach mit der Aufschrift „Akkus". Im Februar legte er sie in die Schublade mit den Kabeln, die niemand mehr benutzt.
Die Kunden riefen seltener an. Zuerst dachte er, es liege am Winter, dann an der Konkurrenz. Erst im April brachte ein junger Kerl ein Handy vorbei und erzählte, er habe den Akku selbst in der Küche gewechselt, weil der Hersteller die Anleitung auf der Verpackung mitgeliefert hatte. Er zeigte Simon ein Foto auf seinem Handy: das geöffnete Gehäuse, der neue Akku, ein Schraubendreher für sechs Euro aus dem Baumarkt. Simon betrachtete das Foto und gab dem jungen Mann sein Handy zurück. Er sagte nichts. Nur schloss er die Kabelschublade etwas fester als nötig.
Simons Frau Petra verkaufte im selben Laden Zubehör. Hüllen, Panzerglas, Ladegeräte. Sie bemerkte als Erste, dass auf dem Geschäftskonto das Geld schwand und die Einnahmen sich halbiert hatten. Simon sagte, das sei vorübergehend, die Leute würden den neuen Lösungen noch misstrauen, die Hersteller würden Wege um die Vorschriften herum finden. Petra stritt nicht mit ihm. Aber im Mai, als die Mahnung für die Ladenmiete kam, legte sie sie ihm auf die Tastatur, zwischen die Buchstaben A und S, und ging hinaus. Simon saß bis zum Abend über dieser Mahnung. Auf der Fensterbank stand schon die dritte Tasse Kaffee, kalt wie die erste.
Im Juni bekam Simon ein Angebot von einer großen Servicekette. Sie wollten seinen Kundenstamm für fünfzehntausend Euro aufkaufen. Kein großes Geld, aber Simon rechnete in seinem Notizbuch aus, dass es bei den aktuellen Einnahmen reichen würde, um die Miete bis Jahresende zu decken. Statt zu antworten, fuhr er zur Elektronikmesse nach Berlin. Er lief zwischen den Ständen umher und betastete die neuen Handys, bei denen man den Akku wechselte wie in einer Fernbedienung. Ein Herstellervertreter erklärte ihm, die Fertigungslinie für Europa unterscheide sich von der für den Rest der Welt, aber man führe sie trotzdem überall ein, weil es billiger sei als zwei getrennte Linien zu betreiben. Simon kam von der Messe mit einer Tüte Prospekte zurück, die er nie auspackte. Die Tüte stand bis August im Flur, bis Petra sie ins Treppenhaus stellte, damit die Altpapierfirma sie mitnahm.
Am schlimmsten waren die Anrufe von Stammkunden. Der ehemalige Filialleiter der Post fragte, ob Simon ihm den Akku in seinem alten Modell wechseln könne, ein neues wolle er nicht, er habe sich daran gewöhnt. Simon konnte das. Er machte es. Er nahm fünfzig Euro, weil es ihm dumm vorkam, mehr zu verlangen. Der Filialleiter zahlte und meinte, eigentlich könne er das ja selbst, habe aber keine Zeit. Dieses Wort „selbst" schmerzte Simon mehr, als er zugeben wollte.
Anfang September traf Simon seine Entscheidung. Er kündigte sie nicht an. Am Montagmorgen öffnete er den Laden einfach nicht. An die Tür hängte er einen Zettel: „Werkstatt geschlossen. Danke für elf Jahre." Der Zettel hing drei Tage, dann verwischte der Regen die Tinte, und übrig blieb nur „geschlossen". Bevor er den Zettel abnahm, kam der Gerichtsvollzieher mit dem Beschluss zur Kontopfändung wegen der ausstehenden Miete. Simon unterschrieb das Protokoll, ohne es zu lesen. Petra stand am Fenster und sah der Straßenbahn nach, die gerade von der Haltestelle losfuhr.
Im Oktober verkaufte Simon die Ausstattung der Werkstatt. Tische, Lampen, den Heißluftfön, den Lötkolben, die ganze Schublade mit den Hebelkarten. Gekauft hat alles der junge Kerl, derselbe, der ihm im April das Foto vom neuen Akku gezeigt hatte. Er zahlte fünftausend Euro für alles. Simon sah zu, wie die Tische hinausgetragen wurden, und dachte, dass ihm von all dem eine Karte am meisten fehlen würde, die gelblich abgewetzte. Sie lag in der Kabelschublade. Er nahm sie nicht heraus.
Den Vertrag mit der Servicekette unterschrieb er im November. Fünfzehntausend Euro für den Kundenstamm. Auf dem Konto wurde es lockerer. Petra sagte nichts dazu, stellte ihm abends nur einen Teller Hühnersuppe mit einer Scheibe Brot hin und legte daneben den Kassenbon vom Supermarkt, damit er wusste, was das Essen gekostet hatte. Simon aß schweigend. Den Bon steckte er in die Keksdose, die früher auf der Fensterbank gestanden hatte. Die Dose stand jetzt in der Küche, weil es die Werkstatt nicht mehr gab.
Zum letzten Mal war Simon im Dezember im Laden in der Herforder Straße. Er brachte die letzten Kartons weg. Auf dem Boden blieb nur der Abdruck des Schreibtisches zurück, ein dunkleres Rechteck, das seit Jahren kein Licht gesehen hatte. Simon trat ans Fenster und sah eine Weile zur Haltestelle hinüber. Gerade fuhr die Straßenbahn Linie 4 vor, dieselbe, mit der er früher zur Arbeit gefahren war. Die Türen öffneten sich, niemand stieg aus. Simon machte das Licht aus, schloss die Tür ab und warf den Schlüssel in den Briefkasten, so wie er es mit dem Vermieter vereinbart hatte.
Am selben Abend kam eine Nachricht von der Servicekette auf sein Handy. Sie schrieben, sie würden die Filiale in Bielefeld schließen, weil es dort keine Laufkundschaft gebe, der Garantieservice werde ohnehin in Frankfurt abgewickelt. Sie fragten, ob Simon seinen Kundenstamm nicht zurückkaufen wolle. Simon las die Nachricht und legte das Handy mit dem Display nach unten auf den Tisch.
Petra fragte, wer geschrieben habe. Simon sagte, niemand. Dann stand er auf und holte die Keksdose aus dem Küchenschrank. Er nahm den Bon heraus, den sie ihm damals hingelegt hatte, und betrachtete die Summe: dreizehn Euro sechzig. Er steckte den Bon zurück. Die Dose stellte er auf den Kühlschrank, denn dort hatte sie jetzt ihren Platz.
Am nächsten Morgen rief Simon bei der Arbeitsagentur an und vereinbarte einen Termin wegen einer Umschulung zum Klimatechniker. Petra erzählte er nichts davon. Er verließ einfach das Haus und stieg in die Straßenbahn Linie 4, die gerade vorfuhr. Er setzte sich ans Fenster und sah zu, wie die Schaufenster der Herforder Straße vorbeizogen. Er drehte sich nicht um. In der Tasche hatte er einen Zettel mit der Adresse der Behörde und einen Kugelschreiber, mit dem er die Adresse zweimal abgeschrieben hatte, um sie nicht zu vergessen.












