Die Nachbarn von gegenüber sind mitten in der Nacht ausgezogen. Angeblich hat sie jemand gesehen, wie sie Taschen in einen dunkelblauen VW Caddy geladen haben, aber ich glaube das nicht. So etwas hätten sie nicht getan. Und ganz sicher nicht ohne sich zu verabschieden.
Ich erzähle euch alles von Anfang an, denn das ist keine gewöhnliche Geschichte. Eine, bei der man hinterher auf der Treppe sitzt, mit kaltem Kaffee in der Hand, und denkt, Menschen können schlimmer sein als Hunde.
Frau Krystyna wohnte im dritten Stock, in unserem Haus in der Bergstraße in Leipzig-Connewitz. Eine Altbauwohnung mit Stuckdecke, der Geruch von Bohnerwachs, die Heizung nie richtig warm. Sie war achtundsiebzig Jahre alt und trug eine große Stille in sich. Die Kinder riefen einmal im Quartal an, die Enkel noch seltener. Sie sagte, der Fernseher sei ihr einziger Mitbewohner, weil er wenigstens nicht lüge.
Ihr gegenüber, hinter der Wand, wohnte der Bär. So nannten ihn alle, weil er als Kleinkind überallhin einen Plüschbären mit nur einem Ohr mitgeschleppt hatte. Er war sieben Jahre alt, hatte strohblondes Haar und ein Lachen, bei dem sich sogar Frau Uschi, die Pfandflaschen sammelte, umdrehte und sagte: „Na, wer so lacht, bei dem sitzt das Herz am rechten Fleck.“
Die Eltern vom Bären arbeiteten in einem Logistikzentrum bei Schkeuditz. Im Schichtdienst. Sie kamen heim, stritten sich über Rechnungen, dann folgte eine Stille, schlimmer als jedes Geschrei. Der Junge saß dann auf der Treppe und malte mit Kreide auf die Betonplatten. Elefanten, Burgen, Flugzeuge. Frau Krystyna kam jeden Tag an ihm vorbei, wenn sie vom Netto zurückkam. Sie sprach ihn nicht an. Kinder, sagte sie immer, seien Lärm, Unordnung und Ärger.
Bis der Bär eines Tages an ihre Tür klopfte. Ohne Anlass. In der Hand hielt er ein Blatt aus seinem Malblock.
„Das ist für Sie. Ich hab einen Elefanten gemalt. Weil Sie so gute Ohren haben.“
Frau Krystyna nahm das Blatt. Sie stand in der Tür, in Puschen mit Pompons, und wusste nicht, ob sie sich beleidigt fühlen oder lachen sollte. Gute Ohren hatte ihr noch niemand nachgesagt.
„Komm rein“, sagte sie.
Und so fing es an.
Der Bär kam jeden Tag nach der Schule vorbei. Zuerst nur zum Tee mit Keksen. Später spielten sie Stadt-Land-Fluss, sahen sich alte Fotoalben an, formten gemeinsam Maultaschen. Frau Krystyna kochte ihm Kakao, den sonst niemand trinken wollte, weil er zu süß war. Er brachte ihr Zeichnungen. Einmal malte er sie mit einer Krone. Darunter schrieb er in krakeliger Schrift: „MEINE OMA“.
„Ich hab dir gesagt, ich bin nicht deine Oma“, wandte sie ein.
„Egal. Ich find das aber so.“
Frau Krystyna ging in die Küche, um Wasser aufzusetzen. Sie stand dort eine ganze Minute, bevor sie den Wasserkocher einschaltete. Auf der Fensterbank lag seine vorherige Zeichnung: ein Elefant mit blauem Auge. Sie hängte sie über die Heizung.
Im August brachte ihr der Bär Blumen vom Beet vor dem Haus. Stiefmütterchen. Drei Stück, eine davon geknickt.
„Mama hat gesagt, Blumen schenkt man denen, die man liebt.“
Frau Krystyna nahm die Stiefmütterchen und stellte sie in ein leeres Gurkenglas. In jener Nacht konnte sie nicht schlafen. Nicht weil ihr etwas wehtat. Sie lag einfach da und dachte, seit dem Tod ihres Mannes seien elf Jahre vergangen, und eine solche Freude habe sie in dieser Zeit kein einziges Mal gehabt.
Alles ging kaputt an einem Donnerstag. Am ersten November. Ich erinnere mich genau, weil ich auf dem Südfriedhof Kerzen anzündete und meine Schuhe bis auf die Haut nass wurden.
Der Bär kam nicht. Frau Krystyna wartete bis acht, dann bis neun. Schließlich stellte sie sich vor die Tür der Nachbarn. Die Mutter des Jungen öffnete. Anke. Sie trug einen karierten Fleecepulli und hatte rot verweinte Augen.
„Der Kleine kommt nicht mehr zu Ihnen. Das ist besser so.“
Frau Krystyna hielt ein Glas Kakao in der Hand. Sie blieb damit mitten im Flur stehen.
„Was ist passiert?“
„Tun Sie nicht so unschuldig. Jeder hat irgendein Interesse. Wir wollen nicht, dass das Kind leidet, wenn Sie mal…“ Anke brach ab, aber das Wort blieb in der Luft hängen.
Sterben. Es brauchte nur einen Moment, bis es ausgesprochen war.
„Ich lebe noch“, antwortete Frau Krystyna.
Die Tür fiel zu. Der Schlüssel drehte sich zweimal im Schloss.
Später erfuhr ich vom Hausmeister, dass Anke im Laden gesagt hatte: „Die Alte tätschelt das Kind, und am Ende überschreibt sie ihm noch die Wohnung.“ Dummheit eben. Man weiß ja, dass Zungen schneller arbeiten als Gehirne.
Frau Krystyna tat, was Frauen in ihrem Alter tun. Sie kaufte Wasserfarben, Bastelbögen, Schokolade. Schrieb einen Brief. Ich weiß nicht, was darinstand, aber ich weiß, wie der Zettel aussah: rosa, mit einem handgemalten Elefanten. Ich habe es selbst gesehen, als sie mich bat, ihr mit dem aufgerissenen Umschlag zu helfen.
Sie legte das Päckchen vor die Tür der Nachbarn.
Eine Woche verging. Dann eine zweite. Der Junge lief durch den Flur, den Blick auf den Boden geheftet. Die Mutter hielt ihn an der Hand.
Mitte November kam die Tochter von Frau Krystyna zu Besuch. Bettina. So eine, die einmal im Jahr auftaucht, gleich mit Vorwürfen im Gepäck. Sie fuhr mit einem Audi Q5 vor, ihr Mann in Lederhandschuhen daneben. Sie kamen rein und legten gleich los: „Mama, was sind das für Zeichnungen? Will dir da jemand was andrehen?“
Frau Krystyna erzählte stolz vom Bären. Sie sprach von ihm wie von der engsten Familie. Bettina hörte zu, ging dann auf den Flur und schlug mit der Faust an die Tür der Nachbarn.
Ich will den ganzen Streit nicht schildern, das passt nicht in einen Kopf. Geschrei, Beleidigungen, „das werden wir noch sehen“. Der Mann von Bettina stieß Anke, Anke stieß Frau Krystyna. Frau Krystyna stürzte vor der Türschwelle und schlug mit der Schläfe gegen den metallenen Briefkasten.
Ich erinnere mich nur noch an den Rettungswagen. Die Blaulichter spiegelten sich in den Pfützen. Der Bär stand am Fenster im vierten Stock und winkte mir zu. Er weinte nicht. Das war das Schlimmste daran.
Im Krankenhaus lag Frau Krystyna acht Tage. Ich besuchte sie einmal, weil ich dachte, sie könnte in diesem Zimmer sterben und jemand sollte dabei sein. Sie saß im Bett, mit einem Verband über der Augenbraue, und fragte, ob der Bär ihre letzte Zeichnung bekommen habe. Denn diesmal hatte sie ihm etwas gemalt: zwei Elefanten, einen großen und einen kleinen, unter einem Regenschirm.
Bettina nutzte die Zeit. Sie kam mit einem Notar vorbei. Man müsse die Vollmacht ändern, die Zustimmung zum Verkauf des Gartengrundstücks unterschreiben, etwas mit dem Erbe regeln. Frau Krystyna unterschrieb, weil sie unter Medikamenten stand und kaum etwas sah. Ich will das nicht bewerten. Sie sagte mir hinterher nur einen Satz: „Meine Tochter hat Angst, ich könnte die Wohnung an Fremde verschenken. Und ich hab Angst, mit Fremden hinter der Wand zu sterben.“
Als sie aus der Reha zurückkam, sah die Wohnung anders aus. Bettina hatte die Malbücher weggeworfen, das Heft mit den Zeichnungen, das Gurkenglas. Übrig blieben nur die Heizung und der Geruch von Bohnerwachs.
Frau Krystyna setzte sich ans Fenster. Lange sagte sie nichts. Schließlich bat sie mich, ihr einen neuen Malblock und Buntstifte zu kaufen. Zwölf Farben. „Ach, mach zweiundzwanzig“, fügte sie hinzu.
Dann tat sie etwas, womit im ganzen Haus niemand gerechnet hatte. Sie bestellte einen Termin beim Anwalt. Allein. Mit dem Taxi. Der Anwalt kam am Montagmorgen, mit einem Aktenstapel in der Tasche. Sie sprachen bei geschlossener Tür. Nach einer Stunde ging Frau Krystyna mit ihm auf den Flur, und dann eine Etage tiefer, zur Glastür mit der Aufschrift „Hausärztin“.
Danach ging alles sehr schnell.
Bettina rief am Abend an. Sie schrie so laut, dass ich es durch den Hörer in ihrer Hand hören konnte. „Wie konntest du nur! Mama, man hat dir was versprochen! Du bist ja verrückt geworden!“
Frau Krystyna hörte schweigend zu, den Hörer ans Ohr gedrückt. Sie legte erst auf, als es am anderen Ende still wurde.
Am nächsten Tag kam sie mit Kaffee zu mir. In der einen Hand hielt sie einen Becher, in der anderen den Malblock. Darauf, auf dem ersten Blatt: ein Elefant mit Brille und ein Junge mit großen Ohren.
„Weißt du, was ich gemacht hab?“, fragte sie.
Ich wusste es nicht.
„Ich hab die Wohnung einer Stiftung übertragen. Einer, die hörgeschädigten Kindern hilft. Die kümmern sich um das, was Erwachsene nicht können: Sie nehmen Kindern nicht ihre Freunde weg.“
Ich sah sie an. In ihren Schultern lag eine Ruhe, nicht in ihren Worten.
„Und deine Tochter?“
„Die hat bekommen, was sie wollte. Die Gewissheit, dass sie die Wohnung nicht kriegt.“
Sie trank ihren Kaffee langsam, als zählte sie jeden Schluck. Dann malte sie weiter.
Eine Woche später stand der Bär wieder vor Frau Krystynas Tür. In der Hand eine Pappmappe. Darin siebzehn Zeichnungen. Elefanten, Burgen, Züge. Auf einer stand oben geschrieben: „FÜR DIE BESTE OMA DER WELT“.
Die Mutter des Jungen stand hinten im Flur, sagte aber nichts. Sie schaute nur zu. Als wüsste sie nicht, ob sie hereinkommen oder besser fliehen sollte.
Frau Krystyna ging in die Hocke. Mit Mühe, die Knie machten das nicht mehr so leicht mit.
„Willst du Tee?“
„Mit Saft?“
„Wird sich finden. Der Saft wartet schon lange auf dich.“
Sie gingen hinein. Die Tür ließen sie weit offen.
Ich blieb auf der Treppe zurück, mit dem Becher kaltem Kaffee. Im Treppenhaus roch es nach Bohnerwachs und Feuchtigkeit. Von der rechten Gebäudeseite, dort wo die Mülltonnen standen, näherte sich die Straßenbahn der Linie 9. Der kleine Junge im vierten Stock wandte sich vom Fenster ab und verschwand im Inneren der Wohnung.
Auf der Fußmatte vor der Tür blieben zwei nasse Abdrücke zurück. Einer groß, einer klein.











