Die Suppe war noch heiß. Der Sohn — Michael — hatte sein Telefon neben den Teller gelegt, so wie immer. Es summte. Katrin, seine Frau, schaute hinüber. Sie griff danach, las. Dann wurde sie erst rot, dann ganz weiß. Ich stand gerade am Nebentisch und füllte Wasser nach. Ich hörte, wie sie leise sagte: „Sag es ihnen. Sag deiner Mutter, warum du wirklich so spät nach Hause kommst.“ Michael rührte sich nicht. Er schluckte. Die alte Frau Brandt — Helga — ließ den Löffel in die Suppe fallen. Es klirrte. Der alte Brandt hustete und schaute auf seinen Teller, als stünde dort die Lösung geschrieben.
Katrin schob den Stuhl zurück. Das Geräusch auf dem Holzboden war laut. „Ich bin keine Staffelei für dein Doppelleben“, sagte sie. Ihre Stimme zitterte, aber sie stand gerade. „Nicht vor den Kindern“, flüsterte Helga. Katrin lachte kurz. Nicht fröhlich. Eher wie ein Ausatmen mit Kieks. „Vor den Kindern? Weißt du, was dein Sohn vor den Kindern macht? Er lügt. Er schreibt Nachrichten an eine Frau, die er ‚Maus‘ nennt, und dann kommt er heim und tut, als sei ich ein Möbelstück.“
Ich wusste nicht, was genau in der Nachricht stand. Ich habe sie nie gesehen. Aber ich sah Michaels Gesicht. Das genügte. Er versuchte, nach dem Telefon zu greifen, aber Katrin zog die Hand zurück. Sie warf das Gerät auf den Tisch. Es rutschte über die Tischdecke und blieb neben dem Salzstreuer liegen. „Da“, sagte sie. „Lies es selbst. Ich habe es nicht geschrieben.“ Helga griff nach dem Telefon, schaute kurz hinein und legte es wieder hin, als hätte sie in etwas Ekliges gefasst. Ihr Gesicht war wie versteinert. „Solche Sachen klärt man zu Hause“, sagte sie. Nicht eine Spur von Mitleid.
Katrin lachte wieder, dasselbe bittere Lachen. „Zu Hause? In der Wohnung, in der ich seit einem Jahr die Tür nicht abschließe, ohne dass mir die Hand zittert? In der ich um drei Uhr nachts wach liege und auf den Schlüssel im Schloss warte, der nie kommt? Bringt mir das jemand bei, Helga? Bringt mir jemand bei, wie man seinem Kind erklärt, dass der Vater wieder ‚auf Montage‘ ist, obwohl er keine Montage mehr macht?“
Keiner sagte etwas. Die Kinder saßen da, die Gesichter über die Teller gebeugt. Das Mädchen — vielleicht zehn — zupfte an ihrem Ärmel. Der Junge starrte auf seine Hände. Meine Finger um die Wasserkanne wurden weiß, so fest klammerte ich mich daran. Ich wollte nicht hinhören, aber ich musste, weil ich sonst nicht hätte servieren können. Ich tat so, als räumte ich den Nachbartisch ab.
Michael stand auf. „Katrin, reg dich ab.“ Das sagte er tatsächlich. „Reg dich ab.“ Als wäre sie eine Dampfmaschine, die man abdreht. Katrin drehte sich zu ihm um. „Ich rege mich nicht ab“, sagte sie. „Ich stehe auf. Das habe ich Jahre nicht getan.“ Sie nahm ihre Jacke vom Haken an der Wand — eine beige Jacke, die ich schon oft gesehen hatte. Sie zog sie an, als wäre sie aus Blei. Dann ging sie zur Tür. Keiner hielt sie auf. Sie drückte die Tür auf, und draußen fiel das Licht von der Straßenlaterne auf ihr Gesicht. Sie sah nicht wütend aus. Sie sah aus wie jemand, der nach langer Krankheit das erste Mal wieder frische Luft bekommt.
Ich bin ihr nicht nachgegangen. Ich hätte es vielleicht tun sollen, aber ich hatte noch den Tisch zu bedienen. Ich brachte die Gläser. Die Familie Brandt saß da wie bestellt und nicht abgeholt. Helga legte ihre Serviette zusammen, faltete sie zweimal, legte sie neben den Teller. Der alte Brandt winkte mich heran und verlangte die Rechnung. Wortlos.
Später, als ich den Tisch abräumte, fand ich Katrins Haarklammer auf dem Fußboden. Sie musste sie verloren haben, als sie aufstand. Ich steckte sie in meine Schürzentasche. Ich weiß bis heute nicht, warum. Vielleicht, weil es das Einzige war, was von ihr blieb.
Ich erzählte meiner Kollegin Bärbel davon. Die zuckte nur die Schultern. „Der Michael? Der war schon immer ein Hallodri. Aber die Katrin ist die Dumme, weil sie so lange gewartet hat.“ So redet man bei uns. Man nimmt nicht Partei. Man erklärt die Frau zur Dummen, weil sie es aushält. Das habe ich nie verstanden.
Eine Woche später sah ich Katrin in der Stadt. Ich war auf dem Weg zur Sparkasse, weil ich den Kontoauszug holen musste. Sie stand am Schalter, eine blaue Mappe unter dem Arm. Sie hatte abgenommen. Aber der Rücken war gerade. Sie sagte zur Bankangestellten: „Ich brauche die Hälfte des gemeinsamen Kontos. Es sind 14.280 Euro. Können Sie mir den Betrag bestätigen?“ Die Bankangestellte tippte etwas in den Computer. Katrin schob einen Ausweis über den Tisch. Ihre Hände waren ruhig. Kein Zittern. Sie trug keinen Ehering mehr.
Ich wollte nicht spionieren. Aber die Schlange vor mir war lang, und ich konnte nicht weghören. Die Bankangestellte fragte: „Und die Vollmacht für Ihren Mann?“ Katrin schüttelte den Kopf. „Die widerrufe ich hiermit. Ich habe das Formular ausgefüllt. Hier.“ Sie legte ein Blatt Papier dazu. Die Bankangestellte schaute es an, stempelte es ab. „In Ordnung. Der Betrag wird heute noch überwiesen. Die Karte Ihres Mannes wird gesperrt.“ Katrin sagte: „Danke.“ Dann drehte sie sich um und ging. Ich trat zur Seite, um sie vorbeizulassen. Sie erkannte mich nicht. Oder sie tat so.
Abends erzählte ich Bärbel davon. „14.280? Die haben doch zusammen ein Haus gekauft. Da war mehr drauf.“ Ich zuckte die Schultern. „Sie nimmt nur die Hälfte.“ Bärbel schnaubte. „Mehr kriegt sie nicht. Der Michael hat sicher alles längst auf ein anderes Konto geschafft.“ Ich sagte nichts. Ich dachte an die Haarklammer in meiner Schürzentasche.
Ein paar Wochen später kam Michael allein ins Gasthaus. Er setzte sich auf den Stammplatz, direkt unter den Keiler. Er bestellte ein Pils und einen Schnaps. Ich brachte ihm beides. Er schaute auf sein Telefon, tippte herum, legte es weg. Dann schaute er zur Tür, als erwartete er jemanden. Niemand kam. Ich fragte, ob er noch etwas wünsche. Er schüttelte den Kopf. „Die Katrin redet nicht mehr mit mir“, sagte er. Das sagte er zu mir, als wäre ich seine Beichtmutter. Ich wusste nicht, was ich antworten sollte. Ich hätte sagen können: „Kein Wunder.“ Aber ich bin Bedienung, nicht Richterin. Ich füllte sein Glas nach und ließ ihn sitzen.
Ich hörte, dass Katrin in eine kleine Wohnung über der Bäckerei am Markt gezogen war. Die Miete betrug 620 Euro kalt, das erzählte die Bäckersfrau meiner Mutter. Sie sagte auch, Katrin arbeite jetzt Vollzeit in der Apotheke am Kirchplatz. Und dass sie jeden Morgen um sieben aus dem Haus gehe, mit einer Aktentasche, die sie fest in der Hand hielt.
An einem Dienstag kam ich früh zum Dienst, weil ich noch Semmeln für die Küche holen musste. Die Bäckerei war noch halb leer. Vor mir in der Schlange stand Katrin. Diesmal erkannte sie mich. Sie nickte mir zu, fast unmerklich. „Guten Morgen“, sagte sie. Ich sagte: „Guten Morgen, Frau…“ Ich stockte. Ich wusste nicht, wie ich sie nennen sollte. „Keller“, sagte sie. „Ich heiße wieder Keller.“ Sie bezahlte zwei Brötchen und einen Kaffee, alles bar. Da lag der Schlüsselbund in ihrer Hand. Daran hing ein neuer Schlüssel, einer von diesen mit dem flachen Kopf, wie man sie für Sicherheitsschlösser bekommt. Er war blank, noch nicht verkratzt.
Als sie ging, folgte ich ihr mit den Augen, nur weil sie vor mir die Tür aufhielt. Draußen blieb sie stehen, zog einen Briefumschlag aus der Tasche und warf ihn in den gelben Postkasten an der Ecke. Dann ging sie weiter, die Straße hinunter, an der Apotheke vorbei, zu dem Haus mit den blauen Fensterläden. Dort blieb sie stehen. Sie steckte den neuen Schlüssel ins Schloss. Er passte. Sie schloss auf und ging hinein.
Später, an meinem freien Tag, sah ich Michael vor eben diesem Haus stehen. Er trug seine Lederjacke und hielt einen Blumenstrauß in der Hand, die Art mit Plastikfolie drumrum. Er drückte die Klingel. Keiner antwortete. Er drückte noch einmal. Dann trat er zurück und schaute hinauf zu den Fenstern. Die Gardine bewegte sich nicht. Er stand da vielleicht zehn Minuten. Dann legte er die Blumen auf die Fensterbank, zündete sich eine Zigarette an und ging.
Die Blumen verwelkten. Nach drei Tagen lag der Strauß immer noch auf der Fensterbank, braune Blätter auf dem Stein. Ich habe nicht gesehen, wer ihn weggeräumt hat. Aber irgendwann war er weg.
Ich habe die Haarklammer noch. Sie liegt in meiner Küchenschublade, zwischen den alten Gummibändern und dem angebrochenen Kerzenwachs. Manchmal, wenn ich sie sehe, denke ich an den Sonntag im Goldenen Hirsch. Und an die Frage, die Katrin gestellt hat: Bringt mir jemand bei, wie man das aushält?
Ich habe darauf keine Antwort. Ich weiß nur, dass sie jetzt eine Tür hat, die sie aufschließen kann, ohne dass die Hand zittert. Und dass ich das respektiere.












