Der Anruf kam an einem Dienstagnachmittag. Ich war gerade dabei, die Schlüssel aus meiner Tasche zu kramen, als ich Mariannes Stimme durch die halboffene Küchentür hörte.
„Deine Mutter spinnt doch langsam wirklich", sagte sie. Laut. Genervt. Das Telefon lag auf dem Küchentisch, Lautsprecher an, und mein Sohn Tobias war irgendwo in der Werkstatt. Im Hintergrund zischte ein Druckluftschrauber.
„Was ist jetzt wieder?"
„Sie hat meine Vorratsdosen umgeräumt! Einfach so! Und dann sagt sie mir noch, das Waschmittel, das ich kaufe, wäre Schrott. Ich bin hier die Hausherrin, Tobias. Die soll sich behandeln lassen."
Ich stand im Flur. In der Hand die Schlüssel, die Marianne in der Früh vergessen hatte. Der Anhänger, ein kleiner rosa Plüschhase, war an meinen Fingern kleben geblieben, als ich ihn vom Haken genommen hatte. Jetzt fühlte er sich an wie ein nasses Handtuch. Ich legte die Schlüssel auf die Kommode neben der Garderobe, zog die Wohnungstür hinter mir zu und wartete, bis das Schloss leise einrastete.
Draußen im Treppenhaus roch es nach Bohnerwachs und dem nassen Hund aus dem dritten Stock. Ich blieb eine Weile auf dem Absatz stehen. Neunundfünfzig, dachte ich. Ich bin neunundfünfzig und stehe in einem Treppenhaus in Essen-Rüttenscheid und überlege, ob ich weinen soll.
Ich bin nicht die Heldin dieser Geschichte. Ich bin die Frau, die dreißig Jahre bei einer Bäckereikette in der Backstube gearbeitet hat, bis die Knie nicht mehr mitmachten. Die dann nochmal als Kassiererin angefangen hat, im Discounter am Limbecker Platz, Frühschicht, sechs Uhr morgens. Und die von dem bisschen Lohn jeden Monat etwas für Tobias zurücklegte. Für die Eigentumswohnung, in der er jetzt mit Marianne lebt. Achtzigtausend Euro Eigenkapital aus zwölf Jahren Sparen. Ich hab dafür keine einzige Reise gemacht.
Tobias ist mein einziger Sohn. Kfz-Mechatroniker, gute Hände, ruhiger Blick. Marianne arbeitet bei einer Drogeriekette, verkauft Parfum und Haarfarben, hat oft Spätschicht. Kinder haben sie keine. „Erst mal ankommen", sagte Tobias bei der Hochzeit. Ich habe nie nachgefragt.
An diesem Abend saß ich in meiner Wohnung am Weigle-Haus, zwei Zimmer, Balkon nach Westen, die Tapete im Flur löst sich an der Kante. Auf dem Couchtisch stand eine Tasse Pfefferminztee, die ich nicht anrührte. Stattdessen sah ich zu, wie draußen die Straßenlaterne vor dem Fenster flackerte und wieder ausging. Dann wieder an. Dann wieder aus.
Ich habe nicht geweint. Ich habe einen Notizblock genommen und eine Liste geschrieben.
Die Liste hängt immer noch an meinem Kühlschrank. Oben steht: *Was ich schon immer wollte.* Darunter, in meiner Schrift, die in den letzten Jahren kleiner geworden ist: *Schwimmen lernen. Einen Roman von Kempowski zu Ende lesen. Italienisch. Ein Kleid, das nicht nach Bäckerei riecht.*
Am nächsten Morgen habe ich bei der Volkshochschule angerufen.
Die erste Woche hat Marianne, glaube ich, nichts gemerkt. Die zweite auch nicht. Ich bin nicht mehr hingefahren. Kein Eintopf mehr im Kühlschrank, keine gewaschenen Vorhänge, keine frisch gebügelten Hemden. Ich habe Tobias sonntags angerufen und gefragt, wie es ihm geht. Er sagte „muss ja" und „du weißt schon". Mehr kam nicht.
Dafür kam bei mir etwas anderes.
Die Italienischlehrerin hieß Frau Corradini und war siebenundsechzig. Sie trug immer einen hellblauen Schal und sagte „coraggio" zu uns, wenn wir die falschen Endungen benutzten. Der Kurs lief dienstagsabends im Stadtteilzentrum, Raum zwölf, es roch nach Kopierpapier und kaltem Kaffee. Nach der dritten Stunde blieb ich sitzen und Frau Corradini fragte, ob ich Lust hätte, beim Sommerfest des Zentrums zu helfen. Ich sagte ja, ohne zu überlegen.
Schwimmen lernte ich im Stadtbad an der Gruga. Jeden Freitagmorgen, Bahn eins, neben den Aquafitness-Kursen der Helios-Klinik. Das Wasser war achtundzwanzig Grad, die Umkleiden rochen nach Chlor und Haferl. Meine Schwimmlehrerin hieß Janine, sie war dreiundzwanzig und hatte eine Tätowierung am Knöchel. Sie hielt mich am Rücken fest, während ich übte, das Gesicht ins Wasser zu legen. Beim ersten Mal dachte ich, ich ersticke. Beim vierten Mal nicht mehr.
Nach acht Wochen konnte ich zwanzig Bahnen ohne Pause. Ich bin nicht schnell. Aber ich komme an.
Der Anruf kam an einem Freitagabend im November. Ich war gerade dabei, meine neue Badematte auszupacken, türkis, mit Saugnäpfen, als das Handy summte. Unbekannte Nummer.
„Erika?" Mariannes Stimme. Dünn. Sie fröstelte, man hörte es an den Konsonanten.
„Ja?"
„Ich bin's, Marianne. Mein Akku ist leer, ich steh hier vor dem Haus. Der Schlüssel bricht ab, ich komm nicht rein. Tobias ist noch in der Werkstatt. Hast du noch den Ersatzschlüssel?"
Ich hatte ihn. Er lag in der Schublade neben dem Brieföffner. Ein einzelner Schlüssel mit einem Aufkleber von einem Baumarkt.
„Ich bin gerade nicht zu Hause", sagte ich.
Das stimmte. Ich war in der Stadtbücherei, im ersten Stock, am Fensterplatz. Vor mir lag ein Buch über die Toskana. Die Heizung summte. Draußen zog der Abend herauf, und die Straßenbahnlinie 107 fuhr gerade über die Kreuzung, das Quietschen der Schienen drang bis herauf.
„Wo bist du?", fragte sie.
„Bei einer Lesung", sagte ich. „Die fängt gleich an. Ruf doch Tobias an."
„Der geht nicht ran."
„Dann probier es weiter."
Ich hörte sie atmen. Einmal. Zweimal. Als würde sie etwas sagen wollen, das nicht über die Lippen kam.
„Ich muss dann", sagte ich. „Viel Glück."
Ich legte auf und blieb noch eine Weile am Tisch sitzen. Das Buch lag offen vor mir, Seite vierundachtzig, ich hatte keine einzige Zeile gelesen. Aber ich fühlte keine Genugtuung. Ich fühlte etwas, das näher an Ruhe war.
Tobias kam an jenem Abend um kurz vor zehn nach Hause. Er musste die Tür aufbrechen lassen, der Schlüsseldienst kostete ihn zweihundertachtzig Euro, bar, ohne Rechnung. Marianne stand die ganze Zeit daneben, in den nassen Schuhen, die Hände in den Jackentaschen vergraben, und sah zu, wie der Mann den Zylinder ausbohrte.
Am nächsten Samstag rief Tobias an.
„Mama? Können wir vorbeikommen?"
Ich hatte gerade meine Schwimmbrille gefunden, die neue mit den getönten Gläsern. Ich legte sie auf den Tisch.
„Wann?"
„So gegen drei?"
„Geht."
Sie kamen um halb vier. Marianne trug eine Papiertüte mit Apfelkuchen, den sie unterwegs beim Bäcker gekauft hatte. Tobias hatte einen Strauß gelbe Tulpen in der Hand, eingewickelt in braunes Papier. Sie saßen auf meinem Sofa, Marianne auf der Kante, als könnte sie jeden Moment wieder aufspringen. Tobias trank seinen Kaffee in drei Schlucken.
„Also", sagte Marianne.
Ich stellte die Zuckerdose auf den Tisch. Mein alter Wecker im Schlafzimmer tickte durch die offene Tür.
„Ich hab blöd geredet", sagte sie. „Vor ein paar Wochen. Das hab ich nicht so gemeint."
Ich drehte den Löffel in meiner Tasse.
„Was genau hast du nicht so gemeint?"
Marianne presste die Lippen aufeinander. „Dass du dich behandeln lassen sollst. Und das andere."
Tobias sah aus dem Fenster. Draußen auf dem Balkon stand meine Wäschespinne, halb zusammengeklappt, und der Wind rüttelte daran.
„Ich war einfach müde", sagte Marianne. „Die Spätschichten, der Haushalt, alles. Und du warst immer da. Immer. Und irgendwann hab ich gedacht, du willst mir zeigen, dass ich es nicht kann."
Ich sagte nichts.
„Dann warst du weg", fuhr sie fort. „Und auf einmal war da niemand mehr, der den Müll rausbringt, wenn wir beide Spätdienst haben. Niemand, der den Siphon reinigt oder die Waschmaschine entkalkt. Ich hab zweimal die Wäsche in der Maschine vergessen, bis sie gemüffelt hat." Sie lachte kurz, es klang wie ein Husten. „Wir haben tagelang von Aufbackbrötchen und Pizza gelebt. Und ich hab gemerkt, dass ich gar nicht wusste, was du alles machst."
Ich stand auf und holte die Kanne. Als ich zurückkam, hatte Marianne die Hände im Schoß zu Fäusten geballt.
„Ich hab dich ausgesperrt", sagte sie. „Und du warst nicht böse. Du warst einfach nur… weg."
Ich schenkte ihr Kaffee nach. Dann setzte ich mich wieder.
„Weißt du, was der schlimmste Satz war?", fragte ich.
Sie schüttelte den Kopf.
„‚Ich bin hier die Hausherrin.'"
Marianne zuckte.
„Das habe ich nicht gesagt", murmelte sie.
„Doch. Am Telefon. Zu Tobias."
Sie schwieg. Draußen fuhr ein Auto mit zu lautem Auspuff die Straße hinunter, und der Klang hallte zwischen den Häuserwänden.
„Du hast recht", sagte sie schließlich. „Du hast ja recht. Aber ich meinte es nicht so, wie es klang. Ich hatte das Gefühl, du nimmst mir die Wohnung weg. Nicht mit Absicht, aber so hat es sich angefühlt. Jede umgeräumte Schublade war so ein Zeichen, dass du es besser weißt. Und ich wollte es endlich mal selbst schaffen."
Ich nahm einen Schluck Kaffee. Er war lauwarm.
„Ich wollte dir nie etwas wegnehmen", sagte ich. „Ich wollte Tobias helfen. Und dir. Aber ich hab nicht gefragt, ob du meine Hilfe willst."
Marianne sah mich an. Ihre Augen waren müde, die Lidstriche verwischt, die Bluse zerknittert am Kragen. Zum ersten Mal an diesem Nachmittag sah sie nicht aus wie die Frau, die am Telefon gelacht hätte, wenn ich gestürzt wäre.
„Kannst du wieder kommen?", fragte sie. „Bitte. Einmal die Woche. Oder einmal im Monat. Aber komm wieder."
Ich stand auf und ging in die Küche. Aus dem Schrank über der Spüle holte ich einen Zettel und einen Stift. Dann schrieb ich eine Nummer auf. Zwölf Ziffern, die Handynummer meiner neuen Nachbarin, Frau Yildiz, die in der Hausgemeinschaft warmes Essen an ältere Leute lieferte.
Ich legte den Zettel auf den Tisch.
„Das ist für euch", sagte ich. „Frau Yildiz kocht türkisch. Wenn ihr Spätdienst habt, bringt sie euch was vorbei. Acht Euro die Portion."
Marianne starrte auf den Zettel.
„Und du?"
Ich öffnete die Balkontür und ließ die kalte Luft herein. Draußen war es inzwischen dunkel, und die Lichter der Siedlung drüben am Hang flimmerten.
„Ich komme wieder", sagte ich. „Aber nicht mehr jeden Tag. Und nicht mehr ungefragt."
Marianne nickte. Tobias drehte die Tasse in seinen Händen und sagte nichts. Er hatte den Mund halb geöffnet, als suche er nach einem Satz, den es nicht gab.
Am Ende fuhren sie gegen sechs. Marianne umarmte mich an der Tür, kurz und fest, der Apfelkuchen blieb fast ganz bei mir zurück. Tobias legte mir die Hand auf die Schulter und sagte: „Bis Sonntag."
Ich machte die Tür zu und lehnte mich von innen dagegen.
Dann ging ich ins Bad und betrachtete mich im Spiegel. Das Gesicht meiner Mutter, dachte ich. Die Warze am Kinn, die kleinen Äderchen an den Schläfen, die grauen Strähnen am Ansatz. Meine Mutter war mit sechzig gestorben, Herzinfarkt, im Bus auf dem Weg zur Arbeit. Mein Vater noch früher, vor einem Fenster, das er streichen wollte.
Ich zog meine Jacke an, nahm den Schwimmbeutel und fuhr mit der Straßenbahn zum Stadtbad. Freitagabend, kurz vor acht. Die Bahnen waren fast leer. Ich stieg ins Wasser, das an meinen Beinen zog, und begann zu schwimmen.
Brust. Rücken. Kraulen, das ich noch nicht richtig konnte.
Nach der zwanzigsten Bahn hielt ich am Beckenrand inne und sah zur großen Uhr über dem Sprungturm. Halb neun.
Ich dachte an den Schlüssel in meiner Schublade. An den Anruf aus der Bücherei. An die hundertachtzig Bahnen, die ich bis zum Sommer noch schwimmen würde.
Dann tauchte ich unter und stieß mich ab.











