Nur der Garten blieb ihr

Die Klingel riss mich aus dem Halbschlaf. Draußen war es noch dunkel, im Radio lief leise die Nachtschiene von Antenne Bayern, und ich saß in dem alten Ohrensessel, in dem früher immer mein Vater gesessen hatte, wenn er nach der Spätschicht nicht einschlafen konnte. Der Sessel stand jetzt in Heddies kleinem Haus draußen in Werder, zwischen Umzugskartons, die ich seit drei Wochen nicht ausgepackt hatte. Es war kurz nach fünf am Morgen.

Vor der Tür stand eine Frau, die ich nicht kannte. Grauer Mantel, durchnässte Schultern, in der Hand ein Blumenstrauß aus Pfingstrosen, den sie wie einen Beweis vor sich hertrug. Hinter ihr begann gerade der Havelnebel aufzusteigen.

„Frau Lindner? Ich bin's, Marion. Marion Seidel. Ich hab die Rosen an der Grundstücksgrenze gesehen, die haben Sie doch extra gepflanzt, oder?"

Ich zog den Morgenmantel fester. „Die waren schon da, als ich eingezogen bin."

„Ach so." Sie wirkte enttäuscht, als hätte sie mit einer anderen Antwort gerechnet. Dann rückte sie den Strauß zurecht. „Ich wollte nur kurz fragen, ob Sie heute Abend zum Gartenfest am Werderaner Wachtelberg kommen. Bringen Sie was zu essen mit, wenn Sie mögen. Wir sind da sehr unkompliziert."

Ich hätte nein sagen können. Ich hätte die Tür einfach wieder zumachen können, und kein Mensch hätte mir einen Vorwurf gemacht. Aber ich wusste, dass Heddies Haus seit dem Kauf leer gestanden hatte, dass die Nachbarn mich die ganze Zeit beobachteten, dass die Frau mit dem Mantel wahrscheinlich geschickt worden war, um herauszufinden, was für eine Verrückte sich da draußen verschanzte.

„Ich bringe Kartoffelsalat mit", sagte ich.

Der Regen machte kleine Furchen in ihr Rouge, und sie zog die Mundwinkel hoch, als wäre die Sache damit besiegelt.

So fing es an.

Zwei Monate vorher hatte ich noch in Dortmund gelebt. Festanstellung als Sekretärin im Bauamt, ein Mann namens Wolfgang, mit dem ich siebenundzwanzig Jahre verheiratet war, und ein Reihenhaus in Brackel, in dem ich jede Ecke kannte. An einem Dienstag im April kam Wolfgang früher nach Hause, setzte sich mir gegenüber an den Küchentisch und legte sein Handy mit dem Display nach unten auf die Tischdecke. Diese kleine Geste, das Display nach unten, hat mir mehr gesagt als alles, was danach kam.

„Ich packe meine Sachen", sagte er.

Er packte nicht nur seine Sachen. Er packte auch die halbe Bausparsumme, die er über die Jahre auf sein eigenes Konto umgeleitet hatte, und die Zusage unseres Vermieters, dass der Mietvertrag für das Reihenhaus auf seinen Namen umgeschrieben werden könnte. Ich wusste von all dem nichts, weil ich ihm geglaubt hatte, wenn er sagte, wir müssten sparen, der Vermieter sei schwierig, die Raten seien zu hoch.

Die Frau, zu der er zog, hieß Kirsten und hatte früher im selben Amt gearbeitet wie ich. Wir waren zusammen in die Kantine gegangen, hatten uns über unsere Männer beklagt, hatten uns gegenseitig Schrippen mitgebracht, wenn die eine es nicht zum Bäcker schaffte. Ich hatte ihr einmal mein Auto geliehen, als ihres in der Werkstatt war. Sie hatte mir zum Fünfzigsten eine Kette geschenkt mit einem Anhänger, auf dem „Beste Freundin" stand. Ich habe die Kette noch. Sie liegt in einem der Umzugskartons ganz unten, unter den alten Gasrechnungen.

Nach der Trennung blieb mir nicht viel. Die Ersparnisse waren zu einem großen Teil weg, die Wohnung aufgelöst, meine Kündigung hatte ich selbst eingereicht, weil ich es im selben Flur wie Kirsten nicht mehr aushielt. Ein Anwalt, den mir meine Schwester bezahlte, sagte mir, familienrechtlich sei da nichts mehr zu holen, Wolfgang habe die Bausparverträge und den Mietvertrag sauber auf sich umgeschrieben, das halte vor Gericht. „Aufheben sollten Sie trotzdem alles", hatte er noch gesagt, „Kontoauszüge, Mails, was Sie an Schriftverkehr finden. Für die Scheidung bringt das nichts. Aber man weiß nie, wofür man es später braucht." Ich hatte einen Aktenordner angelegt, ohne genau zu wissen, wofür.

Was mir blieb, war Heddies Haus.

Heddie war meine Tante gewesen, die Schwester meiner Mutter. Sie hatte das Grundstück in Werder schon in den Siebzigern gekauft, als dort noch keiner wohnen wollte, und es ihr Leben lang behalten. Als sie starb, überschrieb sie es mir. Ich hatte es nie besucht, nur einmal zur Beerdigung, und danach die Schlüssel in eine Schublade in Dortmund gelegt. Jetzt waren diese Schlüssel das Einzige, was mir von meinem alten Leben geblieben war. Das Haus war klein, das Dach undicht, der Garten so verwildert, dass man die Apfelbäume kaum erkannte. Aber es gehörte mir. Und Wolfgang hatte kein Recht darauf.

„Du kannst da doch nicht wohnen", sagte meine Schwester am Telefon. „Da gibt's ja nicht mal gescheites Internet."

„Ich will auch kein gescheites Internet", sagte ich.

„Und was willst du?"

Ich wusste es nicht. Aber das erzählte ich ihr nicht. Ich sagte, ich wolle erst mal ankommen, den Garten machen, überlegen. Sie seufzte und überwies mir fünfhundert Euro, obwohl ich sie nicht darum gebeten hatte.

In den ersten Wochen in Werder saß ich viel auf der Bank am Zaun und betrachtete den Kirschbaum, der seit Jahren nicht mehr geschnitten worden war. Der Mann von nebenan, ein älterer Herr mit einem Berner Sennenhund namens Balou, grüßte einmal am Tag, nicht mehr und nicht weniger. Die Kirschen faulten ungepflückt am Baum. Ich sammelte sie trotzdem auf, jeden Morgen, weil ich etwas zu tun brauchte, und warf sie in den Kompost. Einmal rief der Nachbar über den Zaun: „Die hätten Sie essen können!" Ich antwortete nicht.

Dann kam der Brief.

Ein dicker Umschlag aus Dortmund, Absender: Kirsten. Kein Absender auf der Rückseite, aber die Schrift kannte ich, dieses großzügige, runde Gekrakel, mit dem sie früher Geburtstagskarten unterschrieben hatte. Ich saß mit dem Umschlag auf der Bank und riss ihn erst nach einer halben Stunde auf. Drin war eine Karte mit einem Foto von zwei Händen, die sich über einem Teller Spaghetti hielten. Und eine handschriftliche Nachricht:

„Liebe Gitte, ich hoffe, es geht Dir gut. Ich wollte Dir nur sagen, dass Wolfgang und ich im Oktober heiraten. Er hat mich gebeten, Dir zu schreiben, weil er selbst nicht wusste, wie. Es wäre schön, wenn Du kommen könntest. Alles Liebe, Kirsten."

Ich legte die Karte in den Umschlag zurück. Dann ging ich ins Haus, zog die alten Schürzmesser aus der Schublade, die Heddie dort liegen gelassen hatte, und ging in den Garten. Den Rest des Tages schnitt ich Brombeerranken. Als es dunkel wurde, hatte ich Blasen an beiden Händen und der Kompost reichte nicht mehr.

Am nächsten Morgen stand ich auf und ging zum Grundstückszaun.

Der Nachbar mit dem Hund war gerade dabei, seinen Rasensprenger zu reparieren. Balou lag daneben im Schatten und hob nicht mal den Kopf.

„Herr Krause?"

Er sah auf. „Ja?"

„Ich heiße Gitte Lindner. Ich wollte fragen, ob Sie mir die Heckenschere leihen können. Die Hecke an der Straße wächst auf den Gehweg."

Er sah mich lange an, als würde er überlegen, ob ich gefährlich bin. Dann nahm er die Mütze ab, kratzte sich am Kopf und sagte: „Können Sie. Aber bringen Sie sie zurück, bevor der Regen kommt. Das Ding verträgt nichts ab. Klaus Krause, übrigens. Falls wir uns jetzt öfter über den Zaun schreien."

„Versprochen", sagte ich.

Da grinste er das erste Mal. „Und die Kirschen? Die können Sie auch behalten. Wobei ich sagen muss, Ihre Tante hat immer welche bei mir abgegeben. Sie hat gesagt, ein Garten muss teilen lernen. Sonst ist es kein Garten."

„Ich bringe Ihnen welche vorbei", sagte ich.

Und das tat ich. Noch am selben Abend stellte ich eine Schüssel Kirschen auf seine Terrassenstufe. Am nächsten Morgen stand vor meiner Tür ein Korb mit Zucchini, die ich nicht bestellt hatte. Es gab Aufgaben. Es gab jemanden, der über den Zaun schaute. Es gab einen Grund, aufzustehen.

Das Gartenfest am Wachtelberg fand am dritten Samstag im Juli statt. Es roch nach verkohltem Fleisch und diesem speziellen Sommerregen, der auf heißen Asphalt fällt. Ich stand mit meinem Kartoffelsalat im Plastikbehälter am Rand der Wiese, als Marion mich entdeckte und auf einen Kreis von Gartennachbarn zusteuerte. Sie stellte mich den Leuten vor, die ich sowieso schon vom Sehen kannte: der Mann mit dem Gewächshaus voller Tomaten, die ältere Frau mit dem Fahrradanhänger voller Bücher, ein junges Paar, das erst im Frühjahr zugezogen war und dessen Kinder vor dem Grill herumsprangen.

Eine der Frauen, Bärbel, drückte mir ein Glas Weißwein in die Hand. „Du siehst müde aus", sagte sie. „Alles gut bei dir?"

„Umzug und so", sagte ich.

Sie redete weiter über ihre Stauden. Ich trank den Wein, hörte zu und merkte, wie ich das erste Mal seit Wochen nicht an Dortmund dachte.

Auch Klaus stand am Grill, mit einer Schürze, auf der „Chefkoch" stand, und schob Balou immer wieder mit dem Fuß von den Würstchen weg. Als er mich sah, hob er die Grillzange. „Frau Lindner! Die Heckenschere hat übrigens überlebt."

„Sagen Sie doch Klaus zu mir", rief er über den Rauch. „Das mit dem Herr Krause hört sich an, als würden Sie mich zur Bank bestellen."

„Dann sag du auch Gitte", rief ich zurück.

Ein paar Tage später, als wir beide vor seinen Beeten standen und er mir seine Tomatensorte „Harzfeuer" erklärte, sagte er: „Der Zaun zwischen deinem und meinem Grundstück hat schon bessere Tage gesehen. Wenn wir ihn auf einer Seite wegnehmen, sparen wir uns die Reparatur. Balou läuft so oder so rüber, der Respekt vorm Zaun steht auf einem anderen Blatt."

Ich dachte an die Karte aus Dortmund, die seit Tagen ungeöffnet auf dem Küchentisch lag.

„Machen wir", sagte ich. „Aber nur, wenn die Kirschen über den Zaun freie Bahn haben."

„Dann hätten wir bald einen halben Obstgarten zwischen den Häusern."

„Dann machen wir das", sagte ich noch mal.

Am letzten Juliwochenende kam der Anruf.

Ich war im Garten, die Hände voller Tomatenblätter, als mein Handy klingelte. Die Nummer kannte ich nicht. Die Vorwahl war Dortmund. Ich wischte die Erde an der Jeans ab und ging ran.

„Gitte? Ich bin's, Kirsten."

Ich konnte die Sonne durch die Äste der Apfelbäume sehen. Sie schob sich gerade über das Dach von Heddies Haus. Ein sauberer, stiller Vormittag.

„Ich wollte hören, ob du meine Karte bekommen hast", sagte sie.

„Hab ich."

„Und? Kommst du?"

Ich zog einen Stuhl vom Terrassentisch, setzte mich und legte die Füße auf die umgestürzte Regentonne. Die Tonne hatte Heddie als Wasserreservoir benutzt, und ich hatte sie noch nicht weggeräumt.

„Sag mal, Kirsten", sagte ich. „Weißt du eigentlich, dass ich die Hälfte der Miete bezahlt habe, für das Reihenhaus, in dem ihr jetzt wohnt? Siebenundzwanzig Jahre lang?"

Am anderen Ende war es still.

„Ich hab die alten Rechnungen noch", sagte ich. „Die Überweisungen für die Bausparverträge, die Kontoauszüge aus den letzten Jahren. Und ich hab die Nachrichten, die du mir geschickt hast, als du mit ihm angefangen hast, während wir uns noch in der Kantine gegenübergesessen haben. Ich weiß, mein Anwalt sagt, für die Scheidung bringt das nichts. Wolfgang hat alles sauber auf sich umgeschrieben. Aber für die Scheidung will ich es auch gar nicht benutzen."

„Was willst du dann damit?"

„Falls du bei deinem neuen Arbeitgeber mal erzählen willst, wie eine anständige Kollegin sich verhält. Ich hätte da ein paar Beispiele."

„Gitte, das ist lange her."

„Nein", sagte ich. „Es ist gar nicht lange her. Es ist genau zweieinhalb Monate her. Deine Karte kam vor drei Wochen."

Ich hörte, wie sie atmete. Dann kam Wolfgangs Stimme im Hintergrund, dumpf, als würde er durch die geschlossene Tür fragen, wer dran sei.

„Ich komme nicht", sagte ich. „Und ich werde die Sachen wahrscheinlich nie benutzen. Ich will nur, dass du weißt, dass ich sie habe. Und dass du nie wieder vor meiner Tür stehst. Und dass du Wolfgang ausrichtest, dass er seine Post an die alte Adresse nicht mehr nachsenden lassen muss. Ich wohne woanders."

Dann legte ich auf.

Ich blieb noch einen Moment sitzen, das Handy in der Hand. Ein Marienkäfer kroch über den Tisch. Auf der Straße fuhr der Postbote mit seinem gelben Fahrrad vorbei, ich hörte das Klingeln.

Am Abend ging ich zu Klaus hinüber.

„Ich brauche deine Hilfe", sagte ich. „Der Zaun, die Rückwand der Laube, die alte Regentonne. Ich will den Garten neu machen. Richtig."

Er warf Balou einen Blick zu, als könnte der Hund entscheiden. „Jetzt? Mitten im Sommer?"

„Jetzt", sagte ich.

Und so holte er die Heckenschere, ich die Handschuhe, und wir fingen an. Es wurde neun, es wurde zehn. Die Dunkelheit kam, und ich hörte die ersten Grillen, die es in diesem Jahr so spät wie nie gab. Wir arbeiteten schweigend, bis der Zaun zur Straße hin offen war wie ein Tor.

Als Klaus sich eine Zigarette anzündete, fragte er: „Feierabend?"

„Noch nicht", sagte ich. Ich nahm mein Telefon, öffnete eine App und tippte herum. Dann hielt ich ihm den Bildschirm hin.

„Ein Onlineshop für Stauden. Ich bestelle zwanzig Lavendel. Und einen Walnussbaum."

„Zwanzig Lavendel?"

„Für die Lücke am Zaun."

Er zog an der Zigarette, blies den Rauch in die laue Luft. „Deine Tante hätte das gefallen."

„Ich weiß", sagte ich.

Um halb elf klopfte Marion an die Terrassentür. Sie hatte eine Flasche Sekt und drei Gläser dabei, und ohne zu fragen, setzte sie sich auf die Stufen und schenkte ein. „Na, ihr seid ja fleißig", sagte sie. „Passt auf, dass ihr nicht noch die ganze Nacht buckelt."

„Keine Sorge", sagte ich. „Es ist ja bald getan."

Der Garten war weit davon entfernt, fertig zu sein. Der Zaun war auf, die Laube hatte eine neue Tür, und der Kirschbaum würde im nächsten Jahr so viele Früchte tragen, dass ich Körbe bräuchte.

Ich setzte mich neben Marion, nahm mein Glas und sah zu den Apfelbäumen hinüber, wo die letzten Streifen Himmel rot wurden.

„Wisst ihr was", sagte ich. „Nächste Woche mache ich Marmelade. Die schmeckt euch bestimmt."

„Von den Kirschen?", fragte Marion.

„Von den Kirschen", sagte ich. „Genug für alle drei Häuser."

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Nur der Garten blieb ihr