Der Braten, den niemand je gegessen hat

Ich heiße Helga, bin achtundsechzig und wohne in Bielefeld. Einunddreißig Jahre lang habe ich an Heiligabend für vierzehn Leute gekocht. Und dieses Jahr habe ich im Juli beim Kaffeetrinken gesagt, dass es so nicht weitergeht.

Meine Tochter dachte zuerst an einen Scherz. Mein Schwiegersohn hat gelacht und gesagt, ohne meine Rouladen sei Weihnachten doch gar kein Weihnachten. Mein Sohn hat gefragt, ob wir verreisen wollen. Ich habe den Kuchen in der Mitte vom Tisch angesehen, so ein trockener Marmorkuchen vom Bäcker, weil ich an dem Tag keine Lust mehr hatte zu backen. Und dann habe ich noch mal dasselbe gesagt.

Keine Feier bei mir. Nicht so wie immer.

Die Stille danach war komisch. Nicht wütend, eher so, als hätte jemand das falsche Programm im Radio eingeschaltet. Keiner hat verstanden, dass ich es ernst meine.

Dabei war es so einfach. Ich bin müde. Nicht krank, nicht böse, nicht verbittert. Einfach müde bis in die Knochen, und zwar schon seit Jahren.

Früher war das anders. Als die Kinder klein waren, da war ich im November schon aufgeregt. Ich habe Listen geschrieben, Einkaufszettel, Menüpläne. Ich wusste genau, wer keinen Rosenkohl isst, wer nur die Kruste vom Braten abmacht, wer zum Nachtisch immer zwei Portionen Vanillesoße will. Mein Mann Dieter hat den Baum gekauft und die Getränke geholt, aber den Rest habe ich gemacht. Drei Tage vor Heiligabend fing ich mit dem Einkauf an. Am 23. habe ich den Rotkohl vorbereitet, die Soße angesetzt, den Teig für die Plätzchen gemacht. Am 24. stand ich um fünf auf, weil man das Fleisch nicht zu spät in den Ofen schieben darf. Um zwölf mittags war ich schon so weit, dass ich mich umgezogen habe, während der Braten schmorte.

Und dann kamen sie. Alle vierzehn. Immer mit Geschenken, immer mit guten Wünschen, immer hungrig.

Ich habe gelacht an diesen Abenden. Wirklich. Ich habe mich gefreut, wenn die Enkel die Kerzen ausgepustet haben und jemand sagte: „Bei Oma schmeckt es einfach am besten.“ Ich habe Fotos gemacht, auf denen alle vor dem Baum sitzen. Auf den meisten bin ich nicht drauf. Auf den wenigen, wo ich zu sehen bin, halte ich eine Schöpfkelle in der Hand oder trage Teller in die Küche.

Letztes Jahr war ich im Dezember krank. Nichts Schlimmes, eine Bronchitis. Ich habe trotzdem gekocht. Ich habe gehustet, mir dreimal die Hände gewaschen, damit keiner sich ansteckt, und zwischendurch die Soße abgeschmeckt. Meine Tochter hat gesagt: „Mama, du musst dich mal hinsetzen.“ Aber als ich mich hinsetzen wollte, war der Tisch noch nicht gedeckt, und die Servietten lagen noch im Schrank. Also bin ich wieder aufgestanden.

Am Ende des Abends habe ich in der Küche gestanden und auf die Reste geguckt. Der Braten war fast leer gegessen, aber die Schüsseln, die Töpfe, die Gläser — alles stand herum wie nach einem kleinen Erdbeben. Dieter kam rein und fragte, ob ich im Wohnzimmer noch ein Glas Wein trinken wolle. Ich habe den Kopf geschüttelt und die Alufolie genommen.

Wir waren bis halb drei wach. Als ich endlich in mein Bett gefallen bin, hat mich der Gedanke nicht losgelassen: Alle haben gefeiert. Ich habe gearbeitet.

Im Sommer habe ich dann gesagt, dass ich das nicht mehr mache.

Und dann ging es los. Meine Tochter hat erklärt, dass ihre Wohnung zu klein sei. Mein Sohn meinte, die Kinder hingen so an dem Fest bei mir. Mein Schwiegersohn fand, man könne doch jetzt nicht einfach alles umschmeißen, nur weil es mal ein bisschen anstrengend sei. „Das gehört doch dazu“, hat er gesagt, „Weihnachten ist für die Familie.“

Ich habe nichts darauf geantwortet. Ich habe meinen Kaffee getrunken. Er wurde kalt. Ich habe mir vorgestellt, wie ich nächstes Jahr wieder um fünf aufstehe, und mir wurde ganz flau im Magen.

Dieter hat irgendwann die Hand gehoben. Das machen Männer in dem Alter manchmal, wenn sie etwas Wichtiges sagen wollen. Er meinte, dass er einunddreißig Jahre lang daneben gestanden habe. Dass er gesehen habe, was ich mache, aber nicht, was es kostet. Und dass es jetzt reicht.

Die Kinder haben erst mal geschluckt. Dann haben sie angefangen zu verhandeln. Nicht mit mir, sondern miteinander. Wer was mitbringen könnte. Ob man nicht doch bei uns feiern könne, aber anders. Ob ich weiterhin den Braten machen würde, nur den Braten, alles andere würden sie übernehmen.

Ich habe gesagt, der Braten ist die meiste Arbeit.

Da hat meine Tochter gefragt, was sie denn überhaupt beisteuern soll.

Und dann habe ich etwas gesagt, was ich mir lange überlegt hatte: „Du machst den Braten. Ich gebe euch mein Rezept. Schritt für Schritt. Dann wisst ihr, wie das ist.“

Sie hat gelacht. Aber nicht so, wie vorher. Es war eher ein kleines Lachen von unten, so eins, das man macht, wenn man merkt, dass der andere es ernst meint.

Am nächsten Tag hat sie angerufen. Sie wollte wissen, wie lange man für die Soße braucht. Ich habe es ihr erklärt. Sie hat geschwiegen. Dann hat sie gefragt, ob ich den Rotkohl immer selbst schneide. Ja, habe ich gesagt, immer.

Wieder Stille.

Dann: „Mama, das sind ja Stunden. Jedes Jahr. Warum hast du das so lange gemacht?“

Ich habe den Hörer ans andere Ohr gewechselt. Draußen ist gerade die Straßenbahn vorbeigefahren. Die Linie 3. Auf dem Balkon saß eine Taube und hat mich angesehen.

„Weil ihr es so gewollt habt“, habe ich geantwortet.

Letzte Woche war der 24. Dezember. Wir haben zum ersten Mal seit einunddreißig Jahren bei uns gefeiert, aber anders. Meine Tochter hat den Braten gemacht. Sie stand schon um sieben bei uns vor der Tür, mit Schürze und einer Tüte voller Zutaten. Dieter hat sie in die Küche gelassen. Ich habe im Wohnzimmer mit den Enkeln Plätzchen gebacken. Echte Plätzchen, mit Ausstecher und allem. Die Küche duftete nach Braten und Zimt. Ich habe nicht ein einziges Mal den Ofen angefasst.

Mein Sohn hat die Getränke mitgebracht. Meine Schwiegertochter hat den Nachtisch gemacht. Sogar der Tisch wurde von den Jüngeren gedeckt. Ich habe eine Vase gefunden und Tannenzweige reingestellt, die auf dem Balkon lagen. Es war schön.

Der Braten war zäh. Ehrlich. Die Soße war ein bisschen zu salzig. Aber alle haben gegessen, und keiner hat gemeckert. Meine Tochter stand die erste Hälfte des Abends in der Küche und hat abgeräumt. Um halb zehn hat sie sich neben mich aufs Sofa fallen lassen. Sie hat ihre Füße auf den Hocker gelegt und gesagt: „Ich glaub, ich schaff das nie wieder.“

Ich habe gelacht und ihr einen Keks gegeben.

Am Ende des Abends, als alle weg waren, saß ich mit Dieter auf dem Balkon. Es war kalt, aber klar. Er hat mir einen Schal geholt. Unten ist ein Nachbar mit seinem Hund vorbeigegangen, so ein kleiner dicker Dackel, der immer bellt, wenn jemand hustet. Wir haben zugesehen, wie die Lichter im Haus gegenüber angegangen sind.

Dieter hat gesagt: „Weißt du, was mir heute am besten gefallen hat?“

Ich habe den Kopf zu ihm gedreht.

„Dass du das erste Mal mit am Tisch gesessen hast, als alle gleichzeitig da waren.“

Ich musste daran denken, wie viele Fotos es von früher gibt, auf denen alle lachen und ich nicht da bin. Dann habe ich die Füße hochgezogen, den Schal fester gewickelt und sehr lange auf den Balkonboden geschaut, ohne etwas zu sagen.

Gestern habe ich die alte Weihnachtskiste vom Dachboden geholt. Da lag noch das alte Rezeptbuch drin, in dem ich die Mengen für den Braten notiert hatte. Ich habe die Seite rausgerissen. Einfach so. Die Ränder waren gelb und brüchig. Ich habe sie meiner Tochter in einen Umschlag gesteckt und an die Kühlschranktür geklemmt.

Dazu ein Zettel mit einer einzigen Zeile: „Deine Soße war gut. Beim nächsten Mal weniger Salz.“

Und ich habe die Schürze, die ich einunddreißig Jahre lang jeden Heiligabend getragen habe, in den Altkleidercontainer unten an der Ecke geworfen. Ich habe nicht mal zurückgeschaut. Nur der Container hat geklappert, als ich den Deckel zugemacht habe.

Dann bin ich nach Hause gegangen und habe mir einen Tee gekocht. Den habe ich im Wohnzimmer getrunken, in Ruhe, während im Fernsehen irgendein Weihnachtsfilm lief, bei dem ich keine Ahnung hatte, wie er ausgeht.

Das war mein Fest.

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