Der Anruf, der alles veränderte

Der Heimweg kam mir an diesem Abend endlos vor. Der Wind zerrte an den Kastanien entlang der Goethestraße, und mit jedem Schritt in Richtung meiner Altbauwohnung in der Leipziger Südvorstadt wurde die Enge in meiner Brust schlimmer. Dabei hätte ich erleichtert sein müssen. Die Scheidung war durch, der Papierkram erledigt. Mir gehörte die Wohnung, die mir meine Großmutter hinterlassen hatte — drei Zimmer, Stuckdecken, Fenster zum Innenhof mit dem alten Ahorn. Aber das flaue Gefühl blieb.

Vielleicht lag es an meiner Mutter. Die hatte mir schon damals, vor sechs Jahren, bei der Verlobung mit Daniel gesagt: „Kind, der Mann hat einen Schatten hinter den Augen. Überleg dir das noch mal.“

Ich hatte gelacht. Daniel hatte einen guten Job als Fertigungsleiter bei einem Automobilzulieferer in Zwickau, einen ruhigen Händedruck und die Angewohnheit, mir die Autotür aufzuhalten. Was sollte da schon schiefgehen?

Die ersten zwei Jahre liefen tatsächlich wie gemalt. Wir heirateten, fuhren nach Lissabon, kamen zurück und richteten uns ein. Mein Gehalt als Restauratorin für Möbel in einer kleinen Werkstatt in Plagwitz war überschaubar, aber es reichte. Daniel legte Wert darauf, dass ich um vier zu Hause war, wenn er von der Arbeit kam. Das Essen auf dem Tisch, der Balkon bepflanzt, die Hemden gebügelt. Ich fügte mich. Es fühlte sich an wie ein warmes, ruhiges Leben — bis ich irgendwann merkte, dass mir die Decke auf den Kopf fiel.

„Ich will wieder mehr arbeiten“, sagte ich beim Abendessen. „Die Werkstatt sucht jemanden für die Leitung der Restaurierungsabteilung. Das wäre genau meins.“

Daniel legte das Besteck weg. „Du hast doch schon einen Job. Der hier.“ Er deutete mit dem Kinn auf die Küche, auf mich, auf den gedeckten Tisch.

„Das ist kein Job. Das ist Haushalt.“

Es folgte ein Streit, der sich drei Tage hinzog. Daniel warf mir vor, ich wolle unsere Ehe zerstören. Ich warf ihm vor, er habe mich nie ernst genommen. Am Ende nahm ich die Stelle an, gegen seinen Willen, und arbeitete fortan bis siebzehn Uhr, manchmal länger, wenn ein Kundenauftrag drängte. Daniel sprach eine Woche lang nur in Ein-Silben-Sätzen mit mir.

Dann wurde er still. Kein Streit mehr. Er kam nach Hause, aß, setzte sich ins Wohnzimmer, starrte in sein Tablet und ging schlafen. Ich dachte lange, das sei eine Phase. So nennen das die Ratgeber, die meine Mutter mir heimlich in die Tasche steckte.

Das mit der Katze habe ich nicht kommen sehen.

An einem regennassen Dienstag im Oktober fand ich auf dem Heimweg von der Straßenbahnhaltestelle ein Kätzchen. Es saß zwischen zwei Mülltonnen an der Karl-Liebknecht-Straße, keine vier Monate alt, mit einem plastikverklebten Stück Tesa am Schwanz. Es maunzte nicht. Es sah mich nur an, als wäre ich ihm etwas schuldig. Ich nahm es mit, kaufte an der Tankstelle eine Dose Futter und nannte es Clara, nach meiner Großmutter.

Daniel reagierte, wie man reagiert, wenn man seit Monaten nicht mehr der Mittelpunkt von jemandes Aufmerksamkeit ist: mit Stille. Dann mit einem Ultimatum.

„Die Katze kommt weg oder ich.“

„Das ist meine Wohnung“, sagte ich. „Und die Katze bleibt.“

Er ging. Noch in derselben Nacht. Seine Sachen packte er in zwei Reisetaschen, die er sich von seinem Bruder lieh. Die Scheidung zog er durch wie ein Projekt: Anwalt, Termine, Fristen. Als ich das Urteil in den Händen hielt, blätterte ich es durch wie eine alte Zeitung.

Dann, an dem Abend, an dem meine Vorahnung mich zusammenbrechen ließ, kam ich nach Hause und die Wohnungstür war halb offen. Ein feiner Luftzug bewegte die Garderobe. Drinnen sah es aus, als hätte jemand gewütet. Küchenschränke standen offen, die Besteckkästen lagen auf dem Boden. Aber nichts war zerschlagen. Es fehlten die Dinge mit Wert: die Espressomaschine, die mein Vater mir zur Eröffnung der Werkstatt geschenkt hatte; die silberne Kette meiner Großmutter; das kleine Aquarell aus der Diele, das in einem schmalen Goldrahmen gesteckt hatte. Und mein Arbeitslaptop mit den Fotos der restaurierten Bauernstühle, die ich für die Ausstellung im Grassimuseum digitalisiert hatte.

Ich stand in der Küche, hielt mich am Türrahmen fest und versuchte zu atmen. Dann fiel mir Clara ein.

„Clara?“, rief ich. „Miez? Komm her.“

Nichts.

Ich durchsuchte jede Ecke, jedes Schrankfach, den Wäschekorb, die Badewanne. Keine Katze. Draußen begann es zu regnen. Ich rannte die Treppe hinunter, durch den Innenhof, rief ihren Namen, bis eine Nachbarin im Bademantel das Fenster schloss. Ich stand auf der Straße, ohne Jacke, und wusste, dass Daniel sie nicht getötet hatte. Er hatte sie mitgehen lassen. Ausgesetzt. Irgendwo am Straßenrand, zwischen Mülltonnen, so wie ich sie gefunden hatte.

Am nächsten Morgen fuhr ich zur Polizei. Die Anzeige wegen Einbruchdiebstahls nahm man auf, aber man verwies auf die Zivilklage. Ein Beamter, jünger als ich, tippte die Adresse in den Computer und fragte, ob mein Exmann einen Schlüssel habe.

„Er hat gewohnt hier. Dieser Schlüssel.“

„Dann ist es ein Beziehungsstreit“, sagte er und rieb sich die Schläfen. „Zivilrechtlich.“

Ich verließ die Wache und saß zwanzig Minuten in meinem Wagen auf dem Parkplatz, ohne den Motor zu starten. Dann rief ich meine Mutter an. Nicht wegen der Wohnung. Ich wollte ihr sagen, dass sie recht gehabt hatte, damals vor sechs Jahren. Aber ich brachte keinen Ton heraus, und sie wiederholte nur leise: „Komm essen, Kind.“

Die Katze suchte ich drei Wochen lang. Ich hängte Zettel auf, schaltete Anzeigen in der Leipziger Volkszeitung, postete in zweiunddreißig Facebook-Gruppen für vermisste Tiere in Sachsen. Ich fuhr abends mit dem Fahrrad die Straßen rund um den Clara-Zetkin-Park ab, klapperte Tierheime ab, rief beim Ordnungsamt an. Nichts.

Daniel meldete sich nicht. Seine Mutter aber schon. Sie stand eines Morgens vor meiner Tür, mit einem Regenschirm, den sie vor sich hielt wie ein Zepter.

„Du hast meinen Jungen kaputtgemacht“, sagte sie. „Du hättest ihn nicht verlassen dürfen. Er hat alles für dich getan.“

Ich bat sie nicht herein.

Monate vergingen. Die Werkstatt übernahm einen großen Auftrag, achtzig Stühle aus dem Nachlass eines Herrenhauses bei Borna. Ich arbeitete zehn, manchmal elf Stunden am Tag und empfand das Streichen von Holz mit Schellack als eine Form der Stille, die ich aushalten konnte.

Dann kam der Samstag im April. Ein Kunde wollte einen Sekretär aus Nussbaumholz abholen, aber er verspätete sich, und ich beschloss, durch den Auwald zu laufen, an der Weißen Elster entlang. Die Sonne stand tief, der Fluss führte Hochwasser, am Ufer sammelte sich Treibgut.

Hinter einer umgestürzten Erle lag etwas Kleines, ein Bündel aus nassem Fell und Schmutz. Erst dachte ich an einen alten Handschuh. Dann bewegte es sich.

Es war ein Kater, halb verhungert, mit einem zerrissenen Halsband. Als ich ihn vorsichtig hochnahm, begann er zu schnurren, sofort, als hätte er nur auf diesen Moment gewartet. Auf der Innenseite des Halsbands war ein Anhänger eingraviert. Ich kniff die Augen zusammen. Da stand: Clara.

Ich darf es beschreiben wie es war: Meine Knie gaben nach. Ich saß auf dem feuchten Gras, den nassen Kater an der Brust, und lachte und weinte gleichzeitig. Das Tier war dünn, misstrauisch, voller Zecken. Aber es war meine Clara. Ich verstand nicht, wie sie hierhergekommen war. Ich verstand später, warum.

Drei Tage danach kam ein Anruf. Eine Frauenstimme, die ich seit Monaten nicht mehr gehört hatte. Meine ehemalige Schwiegermutter.

„Daniel ist krank“, sagte sie ohne Vorrede. „Er hat alles verloren. Die Firma, das Auto, die neue Wohnung. Jetzt liegt er bei mir auf dem Sofa und rührt sich nicht. Das ist deine Schuld. Wenn du ihn damals nicht rausgeworfen hättest, wäre er nicht so tief gefallen.“

Ich presste den Hörer ans Ohr und spürte mein Herz im Hals. Meine freie Hand lag auf Claras Rücken.

„Er hat die Katze weggeschafft“, sagte ich.

„Das war ein Tier“, sagte sie. „Mein Sohn ist ein Mensch.“

Ich hätte auflegen können. Stattdessen fragte ich: „Wo hat er sie ausgesetzt?“

Es entstand eine Pause. Dann, leiser: „Am Auwald. Er sagte, die Katze solle dorthin, wo du sie nie finden würdest. Aber das war ein Fehler. Er hat vieles bereut. Du weißt doch, wie Männer sind, wenn sie Angst haben.“

Ich legte auf. Nicht wütend, nicht schadenfroh. Sondern ruhig. Eine Stille, die ich lange nicht mehr gespürt hatte.

Am nächsten Morgen ging ich zur Bank. Ich löste das Gemeinschaftskonto auf, das während der Ehe noch auf beider Namen lief und auf dem noch 2.400 Euro lagen — meine Ersparnisse, die ich nach der Trennung dort vergessen hatte. Ich ließ mir den Betrag in bar auszahlen. Dann fuhr ich in die Innenstadt, hob 800 Euro von meinem eigenen Konto ab und kaufte einen Gutschein im Tierheim Leipzig über 800 Euro. Auf die Rückseite schrieb ich mit der Hand in Großbuchstaben: FÜR KATZEN, DIE WEGGEWORFEN WERDEN.

Den Rest des Geldes — die 2.400 — steckte ich in einen weißen Umschlag. Darauf schrieb ich den Namen meiner früheren Schwiegermutter. Dazu legte ich eine Karte, auf der nur ein Satz stand: „Damit du deinem Sohn ein Zugticket nach Hause kaufen kannst.“

Dann fuhr ich zu ihr. Nicht, um zu streiten. Nicht, um zu triumphieren. Sondern um zu sagen, dass ich sie nie wieder sehen wollte, dass ich mein Leben nicht mehr an diesen Mann binden werde, und dass ich die 2.400 nicht als Abfindung meinte, sondern als Entsorgungskosten: für den Menschen, den ich einmal geliebt hatte.

Sie öffnete die Tür, als hätte sie auf mich gewartet. Vor ihr auf dem Flurtisch stand eine halb ausgetrunkene Tasse Pfefferminztee. Sie sah den Umschlag in meiner Hand.

„Du kommst, um dich zu entschuldigen“, sagte sie.

„Ich komme, um dir das hier zu geben“, sagte ich und drückte ihr den Umschlag in die Hand. „Für das, was er mir genommen hat. Für die Schäden in der Wohnung. Für die Zeit, die ich mit der Suche verbracht habe. Und für Clara, die er in den Wald geworfen hat.“

Sie öffnete den Umschlag, sah das Geld, dann die Karte. Ihr Gesicht fiel in sich zusammen.

„Das kannst du nicht machen“, flüsterte sie. „Das ist dein Sohn nicht wert.“

„Ich weiß“, sagte ich.

Dann ging ich. Auf der Straße atmete ich die April-Luft ein, die nach Regen und jungem Gras roch. Clara saß zu Hause auf dem Fensterbrett und beobachtete den alten Ahorn im Innenhof. Als ich die Wohnungstür aufschloss, sprang sie von der Fensterbank und rieb ihren Kopf an meiner Fessel.

Ich setzte mich zu ihr auf den Boden und erzählte ihr von dem Umschlag, von dem Gutschein und von der Karte. Sie schnurrte, ohne mich anzusehen, den Blick auf die Tür gerichtet, als erwarte sie, dass von dort jeden Moment jemand hereinwolle.

Zwei Tage später kam ein Brief. Auf dem Umschlag stand nur mein Vorname in krakeliger Schrift. Ich öffnete ihn nicht sofort. Ich legte ihn auf den Küchentisch und arbeitete zuerst die Stuhllehne fertig, an der ich gerade saß. Erst am Abend schnitt ich den Umschlag auf.

Darin lag ein kleiner, silberner Anhänger: ein fliegender Vogel, wie man sie an Süßigkeitenautomaten ziehen konnte. Und ein Zettel mit der Schrift meiner früheren Schwiegermutter: „Er hat die Katze nicht ertragen. Aber er hatte den Anhänger vom Halsband genommen, bevor er sie losgelassen hat. Er wollte ihn dir zurückgeben. Ich hoffe, das zählt noch etwas.“

Ich legte den Anhänger neben Claras Wassernapf. Sie schnupperte kurz daran und stieß ihn mit der Pfote unter das Küchenregal, wo er liegenblieb.

Ich habe ihn nicht wieder hervorgeholt.

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Der Anruf, der alles veränderte