Der Kratzer an Denissens Handrückseite

Olena stellte den Karton mit den leeren Farbdosen auf den Asphalt und wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn. Der Septemberabend roch nach nassem Laub und den Mülltonnen vom Hof gegenüber — vertraut, ein bisschen säuerlich, nach den vielen Jahren hier. Der Umzugswagen war schon weg, die neue Wohnung in der Goethestraße halb eingeräumt, und der letzte Rest Renovierungsmüll wartete neben dem Container, bis die Stadtreinigung ihn am Dienstag mitnahm.

Denis kam mit dem zweiten Karton die Kellertreppe hoch, blieb stehen und sah seine Frau an.

«Was ist?»

Sie hielt das Handy mit der Taschenlampe vor sich, der Lichtkegel zitterte auf einem alten Frotteelaken. Die Katze lag darauf wie zusammengefaltet: grau getigert, das Fell stumpf, die Flanken hoben sich zu schnell.

«Die war vor zwanzig Minuten noch nicht da», sagte Olena.

«Jetzt ist sie da.» Denis stellte den Karton neben den Container. «Vielleicht haben wir sie vorhin nur übersehen.»

«Übersehen? Auf einem hellen Laken?» Olena ging in die Hocke. Die Katze hob den Kopf, die Ohren lagen flach, aber sie fauchte nicht. Sie versuchte aufzustehen, die Hinterläufe gaben nach, und sie kippte wieder auf die Seite. Auf dem Laken lagen ein paar Brösel Trockenfutter, als hätte jemand eine letzte Ration ausgeschüttet, bevor er die Tür zumachte.

«Da hat sie jemand hergesetzt», sagte Olena leise. «Mit dem Laken. Das ist kein Zufall, Denis. Die ist ausgesetzt worden.»

Denis zog die Jacke enger. Vom Spielplatz an der Ecke kam Kindergeschrei, irgendwo kläffte der kleine Hund der Nachbarin, Frau Wenzel. «Und was willst du jetzt machen?»

Olena steckte das Handy weg. «Ich nehme sie mit.»

«Olena. Wir haben gerade erst die Wohnung bezogen. Wir haben keine Katzensachen. Und die da ist alt.»

«Gerade deshalb.» Olena zog den Reißverschluss ihrer Fleecejacke auf. «Nachts soll es vier Grad geben. Soll ich sie dalassen zum Erfrieren?»

«Nein. Aber morgen rufen wir das Tierheim an.»

«Morgen», sagte Olena, «gehen wir erst zum Tierarzt.»

Denis seufzte. Dann nahm er das Laken an den Ecken, hob die Katze vorsichtig hoch. Sie hing in dem Frotteestoff wie in einer Hängematte. Ihr Gewicht war kaum mehr als das eines schweren Buchs.

«Wie alt ist die überhaupt?», fragte er und hielt sie auf Armeslänge weg.

Die Antwort gab ihm die Katze selbst: Sie drehte den Kopf, legte die Ohren an und fuhr ihm die Krallen über die Handfläche. Ein einziger sauberer Kratzer, vom Daumenballen bis zum kleinen Finger.

Olena musste lachen. «Selbst schuld. Du hast sie gehalten wie ein Paket.»

In der Wohnung stellte Olena den Wäschekorb ins Bad, legte ein altes Handtuch hinein. Die Katze blieb darin liegen, während Olena einen flachen Teller mit Wasser füllte und ein Stück gekochtes Ei hineinbröselte, das sie vom Frühstück übrig hatte. Denis stand in der Tür, die verletzte Hand unter den Wasserhahn.

«Und wenn sie tollwütig ist?»

«Du bist doch gegen Tollwut geimpft», erinnerte Olena. «Vom letzten Einsatz in der Ukraine.»

«Das ist zehn Jahre her.»

«Dann muss ich dich eben beißen, wenn du Schaum vor dem Mund bekommst.»

Die Katze fraß nicht. Sie lag mit offenen Augen im Wäschekorb, die graue Nase hell vom Staub der Mülltonnen.

Olena ging in der Nacht dreimal ins Bad. Beim dritten Mal, gegen drei, hockte sie im Morgenmantel auf dem Badewannenrand. Die Katze atmete rasselnd, ab und zu lief ein Zittern durch ihren Körper. Olena streckte die Hand aus, nur bis zur Kante des Korbs. Die Katze drückte die Stirn gegen ihre Finger. Fest.

Denis saß am nächsten Morgen im Auto, Wagenheber und Werkzeugkasten noch im Fußraum, die Katze in einem Pizzakarton auf Olenas Schoß. Der Pizzakarton war Olenas Idee gewesen. Die Katze hatte hineingepasst, als wäre er für sie gemacht.

«Das ist absurd», sagte Denis und fuhr auf die Bergmannstraße.

«Du bist absurd», sagte Olena und hielt den Karton mit beiden Händen fest.

Die Tierärztin, eine junge Frau mit Pferdeschwanz und dem Namensschild Dr. Brinker, zog sich Latexhandschuhe über und untersuchte die Katze auf dem Edelstahltisch. «Ungefähr zwölf, vielleicht dreizehn.»

«Sehen Sie», flüsterte Olena Denis zu, «das ist doch kein Alter.»

«Für eine Katze, die ihr Leben lang draußen war, schon», sagte Dr. Brinker. «Sie hat Arthrose, die Zähne sind schlecht, und das Herz macht Geräusche. Die Nächte in der Kälte haben nicht geholfen.» Sie drückte vorsichtig an der Flanke der Katze entlang. «Aber die eigentliche Diagnose ist: Sie hat einfach Glück gehabt, dass Ihre Frau gestern noch mal runter ist.»

Denis sah auf seine Handfläche. Der Kratzer war vom Desinfektionsmittel rosa verfärbt.

«Was kostet das?», fragte er.

«Mit Medikamenten und Blutbild rund zweihundertvierzig Euro.»

Olena holte ihre Girocard heraus, noch bevor Denis den Mund aufmachen konnte.

Zu Hause breitete sich die Katze auf dem Badezimmerteppich aus, als hätte sie nie woanders gelegen. Wenn Olena sich bewegte, hob sie den Kopf. Wenn Denis den Raum betrat, legte sie die Ohren an. Einmal fauchte sie, als er nur die Zahnbürste aus dem Schrank holen wollte, und er zog die Hand zurück wie vor einer offenen Flamme.

«Die mag mich nicht», sagte er an diesem Abend.

«Unsinn», sagte Olena. «Sie spürt, dass du noch nicht überzeugt bist.»

Am dritten Tag rief die Tierärztin an. Das Blutbild hatte einen Wert, der zu hoch war, ein Eiweiß, an das sich Olena später nicht mehr erinnern würde. Dr. Brinker wollte ein Schilddrüsen-Medikament ausprobieren. «Das hat sie, seit sie alt ist», sagte sie. «Wir können das unterstützen. Aber es wird Zeit brauchen.»

In dieser Nacht schrie die Katze zum ersten Mal seit ihrem Einzug. Nicht lang, nur zwei, drei hohe, klagende Töne, die von den frisch gestrichenen Wänden widerhallten. Olena lag sofort neben dem Korb auf dem Boden, den Arm um die zitternde Katze gelegt. Das Schreien erstarb. Die Katze begann zu schnurren, dieses leise, unregelmäßige Geräusch, wie ein alter Kühlschrank.

Denis stand in der Tür und sah zu, wie seine Frau auf dem Badezimmerboden lag, die Wange an das strähnige Fell gedrückt, die Hand auf dem Herzen der Katze. Er ging zurück ins Schlafzimmer und holte das Kissen aus dem Gästezimmer. Dann legte er sich neben Olena auf den Badezimmerboden und zog die Decke über sie beide.

Am nächsten Morgen hing ein Zettel an der Tür, den Denis gedruckt hatte: «Katze bitte nicht stören. Schläft.»

Die Katze hieß in den ersten Tagen «die da» oder «das Vieh». Beim Frühstück am Samstag sah Olena über den Rand ihrer Kaffeetasse.

«Wir brauchen einen Namen.»

«Wie wäre es mit Krallenmonster?», sagte Denis und zeigte ihr die Hand, auf der der Kratzer sich zu einem hellen Strich zusammenzog.

Olena rührte in ihrem Kaffee. «Mir gefällt Marla.»

Denis wiederholte den Namen. Die Katze war zu diesem Zeitpunkt gerade dabei, mit ihren arthrotischen Pfoten einen Schuh von Olena durch den Flur zu schieben.

«Marla», sagte Denis. «Passt. Kleiner Panzer, fährt aber noch.»

In der nächsten Woche stand Olena in der Küche und schnitt Gurke für den Salat, als das Telefon klingelte. Der Anruf kam von einer Frau, die eine Anzeige in einem Online-Portal gelesen hatte. Olena selbst hatte sie nicht aufgegeben. Es war Denis gewesen, an einem Abend, als Olena schon schlief.

«Ja», sagte Olena, «noch zu haben. Aber Sie sollten wissen, dass sie älter ist.»

«Älter? Wie alt denn?»

«Mindestens zwölf. Und sie braucht jeden Morgen eine Tablette.»

Am anderen Ende der Leitung war ein langes Schweigen. Olena hörte, wie im Hintergrund ein Kind rief. «Zwölf», wiederholte die Frau. «Ich weiß nicht. Wir suchen eigentlich ein Kätzchen für unsere Tochter.»

Dann kam der Satz, den Olena später nicht mehr vergessen würde, obwohl er ganz beiläufig gesprochen wurde: «Also, wenn die so alt ist, überlegen Sie mal, ob es sich überhaupt lohnt, da noch was reinzustecken.»

Olena legte auf, ohne sich zu verabschieden.

Siebenundzwanzig Anrufe kamen auf die Anzeige in den nächsten zwei Wochen. Olena beantwortete jeden. Sieben Besuche folgten. Eine Frau brachte eine Transportbox mit, in die Marla nicht hineinpasste. Ein Mann in Lederjacke wollte wissen, ob die Katze Mäuse fing — «nicht mehr so gut», sagte Olena, und er ging. Ein junges Paar blieb nur, bis Denis die Hand ausstreckte und den frischen Kratzer zeigte, dann waren sie weg.

Beim letzten Besuch, einem stämmigen Herrn mit Schnauzbart, der erklärte, er suche eine Katze für seine Mutter «im Altersheim, als Gesellschaft», hörte Denis vom Flur aus zu. Der Mann stand im Wohnzimmer, die Hände in den Manteltaschen, und sah auf Marla hinunter, die auf Olenas Lesesessel lag, die Augen halb geschlossen.

«Die schläft ja den ganzen Tag. Ist die überhaupt noch bei Sinnen?»

Denis kam aus dem Flur, nahm den Herrn am Ellbogen und führte ihn zur Tür. «Wir haben es uns anders überlegt», sagte er. Seine Stimme war freundlich und fest. «Unsere Katze ist nicht zu verkaufen.»

Er schloss die Tür hinter dem Mann, drehte sich um und ging zurück zu Olena, die mit offenem Mund im Sessel stand.

«Unsere Katze?», sagte sie.

Denis ging zur Couch, setzte sich. Marla hob den Kopf, sah ihn an, ließ ihn aber in Ruhe. Zum ersten Mal, seit sie hier war, lag keine Spannung in ihrem Körper.

«Ich hab da mal was nachgelesen», sagte Denis, «als ich die Anzeige aufgegeben habe. Wusstest du, dass alte Katzen, die ausgesetzt werden, meistens nicht mal zwei Wochen draußen überleben? Weil sie das Jagdverhalten nicht mehr haben. Die rennen mitten in den Verkehr. Und die nachts schreien, das sind die, die mal gestreichelt worden sind. Die wissen, was sie verloren haben, und die schreien, weil sie es nicht verstehen.»

Olena setzte sich neben ihn auf die Lehne. «Du wolltest sie abgeben, Denis. Vor drei Wochen hast du sie am Laken aus dem Müll geholt wie einen unangenehmen Auftrag.»

«Ich lag falsch.» Denis rieb sich den Kratzer an der Hand, die mittlerweile fast verblasst war, nur noch eine dünne weiße Linie. «Ich hab gedacht, das ist eine alte Katze, die nicht mehr lange macht. Stattdessen kratzt sie mich, wenn ich sie anfasse, und sie schreit nachts, und sie frisst mir fast das Gehalt weg mit ihren Tabletten. Also hat sie offensichtlich noch einiges vor.»

Marla sprang an diesem Abend zum ersten Mal auf die Couch, ohne Hilfe. Ein einziger runder Satz. Olena jubelte, als hätte sie ihr erstes Wort gesprochen. Marla rollte sich in der Armbeuge von Denis zusammen, vergrub das Gesicht im Ärmel seines Sweatshirts und schnurrte. Das Geräusch war so alt und brüchig wie das Heizungsrohr in dem Haus von Denis’ Großmutter in Essen, doch Denis saß still, die Hand auf Marlas Rücken, und hörte zu.

Am letzten Tag des Monats nahm Olena die Pillendose aus dem Küchenschrank, schüttete die Schilddrüsen-Tabletten in den Mörser und zermahlte sie mit dem Stößel, so wie es die Tierärztin gezeigt hatte. Denis sah ihr dabei zu, ein halbes Käsebrot in der Hand.

«Du weißt schon, dass das zweihundertzwanzig Euro im Monat kostet», sagte er. «Wenn alles gutgeht.»

«Und wenn nicht?» Olena kratzte das Pulver in ein Schälchen und mischte es unter das Futter. «Dann ist es immer noch unser Geld.»

Marla fraß, ohne den Kopf zu heben. Denis biss von seinem Brot ab, sah aus dem Fenster in den Innenhof. Da war der Kirschbaum, an dem im Frühjahr immer die Vögel saßen. Seit sie hier wohnten, hatte er ihn nie richtig bemerkt.

«Ich hab da mal was gehört», sagte Olena. «Man sagt, wenn eine Katze einem Menschen über den Weg läuft, der sie nicht will, dann stirbt sie nicht. Sie wartet, bis der Richtige kommt.»

Denis blickte auf die Katze, die ihre Schüssel leer schob. «Also hat sie auf uns gewartet?»

«Nein», sagte Olena. «Sie hat uns gefunden. Das ist was anderes.»

Marla hob den Kopf und lief, mit den steifen, knirschenden Hinterläufen, zu Denis hinüber. Sie legte den Kopf gegen seinen Knöchel. Nur das. Denis beugte sich hinab und strich zum zweiten Mal in dieser Woche über ihr altes, grau getigertes Fell.

Draußen im Hof begann es zu regnen. Der Kirschbaum verlor die letzten Blätter.

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