Der Kreidekreis vor Hausnummer 17

Ich arbeite seit elf Jahren im Schreibwarenladen an der Ecke Koloniestraße. Bei mir kauft das ganze Viertel: Schulhefte im August, Geschenkpapier zu Weihnachten, Trauerkarten, wenn wieder jemand gegangen ist. Man kennt sich. Man grüßt sich. Und manchmal bekommt man Dinge mit, die einen auch nach Feierabend nicht loslassen.

Am Donnerstag war es ruhig. Draußen tröpfelte der Novemberregen auf die Markisen, im Laden roch es nach frischer Druckertinte und dem billigen Vanille-Raumspray, das die Chefin seit zwanzig Jahren aufstellt. Gegen halb fünf kam Frau Demir rein. Sie wohnt in der Nummer 17, zwei Häuser weiter. Putzt dort die Treppenhäuser, kehrt den Hof, ist für alles zuständig, wofür sich sonst niemand verantwortlich fühlt.

Sie kaufte einen großen Packen weißes Zeichenpapier, A3. Und Malkreide. Zwölf Stück, die mit den leuchtenden Farben.

Ich fragte: „Für die Enkel?"

Sie schüttelte den Kopf, und dann kam es doch raus. Sie erzählte es mir, weil ich die Kreide verkauft hatte und weil ihr die Sache offenbar näher ging, als sie zugeben wollte.

Am Dienstag, also zwei Tage davor, war sie morgens zur Arbeit gekommen. Es war noch dämmrig, die Straßenlaternen spiegelten sich in den Pfützen vor der Tür. Und da hat sie es gesehen.

Der gesamte Gehweg vor dem Haus Nummer 17 war bemalt.

Nicht irgendwie. Nicht mit Kritzeleien. Sondern mit Herzchen und Blumen und einer Sonne, die halb so groß war wie ein Kleinwagen. Und quer über die ganzen Platten stand in riesigen bunten Buchstaben: „DANKE, FRAU DEMIR!"

Sie blieb stehen. Sie wusste nicht, wie lange. Irgendwann merkte sie, dass ihr die Kälte in die Schuhe kroch, weil sie wie angewurzelt auf den nassen Steinen stand und auf das Bild sah.

Es waren die Kinder aus dem Haus. Die Kleine aus dem Erdgeschoss, die immer ihre Puppe im Hof verliert. Der Junge aus dem dritten Stock, der im Sommer sein Fahrrad immer quer vor die Tür stellt. Und noch ein paar andere. Sie hatten es am späten Nachmittag gemacht, als Frau Demir schon Feierabend hatte.

Ich hörte ihr zu, während sie die Kreide in ihre Einkaufstasche schob. Ihre Hände zitterten ein bisschen. Sie hat nicht geweint. Sie hat nur dagesessen und diese Kreidepackung festgehalten, als wäre sie aus Porzellan.

„Wissen Sie", sagte sie, „die Kleine hat mir erklärt, warum. Weil ich im Frühjahr ihr verlorenes Armband wiedergefunden habe, das von der Oma. Und weil ich nie schimpfe, wenn sie den Sand aus dem Sandkasten über den Hof schleppen."

Sie war noch keine Stunde im Haus gewesen an dem Morgen, da kam Herr Bergmann die Treppe runter. Ich kenne ihn flüchtig. Er wohnt im ersten Stock, arbeitet irgendwo im öffentlichen Dienst, trägt auch am Samstag gebügelte Hemden.

Er blieb an der Tür stehen und sagte: „Was ist denn das hier?"

Frau Demir dachte zuerst, er meint die Farben. Vielleicht wollte er mitlachen.

Wollte er nicht.

„Das ist eine Sauerei", sagte er. „Die ganze Kreide wird ins Treppenhaus getragen. Die Kinder laufen über den Gehweg, und der Dreck klebt an den Sohlen, und nachher putzt das niemand weg."

Frau Demir sagte noch: „Es ist doch nur Kreide. Der nächste Regen –"

Aber er fiel ihr ins Wort. Darum gehe es ja nicht, meinte er. Es gehe um Grundsätze. Gemeinschaftsflächen seien kein Malbuch. Man könne nicht einfach den halben Bürgersteig beschmieren, nur weil man es gut meine. Wo käme man denn da hin? Morgen kämen andere Kinder und malten was anderes. Übermorgen die Jugendlichen mit Sprühdosen. Ordnung sei Ordnung.

Frau Demir hat nichts mehr gesagt. Sie hat nur ihre Kehrschaufel genommen und ist in den Hof gegangen.

Als ich sie am Donnerstag im Laden sah, war die Kreide schon eingepackt. Aber ihre Finger fuhren immer wieder über den Rand der Packung, als würde sie prüfen, ob die Ecken noch scharf sind. Man sieht Menschen an, wenn ihnen jemand die Freude kaputtgemacht hat. Das setzt sich fest, nicht wie ein Fleck, eher wie ein feiner Riss.

Sie hat dann noch einen dünnen Ordner gekauft und ein Lineal. Ich habe ihr den Rabatt gegeben, den Stammkunden bekommen.

Am nächsten Morgen, es war Freitag, bin ich absichtlich früher los. Der Laden macht um neun auf, aber ich wollte den Weg vor der Nummer 17 sehen, bevor der Berufsverkehr einsetzt.

Es hatte in der Nacht geregnet. Der Gehweg war leer.

Nicht im Sinne von sauber. Sondern leer.

Keine Herzchen. Keine Sonne. Kein „DANKE, FRAU DEMIR".

Das Wasser hatte alles mitgenommen. Ein paar blasse rosa Schlieren waren noch da, direkt an der Hauswand, wo das Vordach den Regen abgehalten hatte. Aber der Rest war fort.

Ich blieb eine Weile vor der Tür stehen. Der Mülleimer an der Laterne war halb voll mit nassem Papier. Daneben lag ein leerer Karton, auf dem noch das Preisschild vom Kiosk klebte: „Malkreide 12er, 2,99."

Es hatte also jemand aufgeräumt. Der Regen allein hätte die Farbe nicht so spurlos verschwinden lassen, nicht so schnell. Da war jemand dran gewesen, mit Besen und Wasser, bevor die Sonne aufging.

Ich weiß nicht, ob es Frau Demir war. Vielleicht wollte sie Herrn Bergmann die Genugtuung ersparen, sich noch einmal aufzuregen. Vielleicht wollte sie auch einfach nicht, dass die Kinder am Morgen sehen, wie ihre Bilder weggeschwemmt werden. Sie kennt ja die Uhrzeiten der Schule. Sie weiß, wann die Kleine aus dem Erdgeschoss das Haus verlässt.

Am Montag danach kam Herr Bergmann in den Laden. Er kaufte Druckerpatronen, schwarz und cyan. Ich fragte ihn nicht nach der Sache mit der Kreide. Man fragt so was nicht. Er legte einen Fünfzig-Euro-Schein auf den Tresen und sah auf mein Namensschild, als wollte er sich merken, wer ich bin.

Dann sagte er: „Der Hof ist jetzt wieder sauber. War ja nichts anderes zu erwarten."

Ich gab ihm das Wechselgeld. Unsere Finger berührten sich dabei. Seine Hand war kalt, trotz der Heizung.

Am Nachmittag, kurz vor Ladenschluss, kam Frau Demir wieder.

Sie kaufte nichts. Sie legte nur einen Zettel auf den Tresen. Darauf stand in akkurater Handschrift:

„Die Kinder malen jetzt im Hof hinter dem Fahrradständer, mit Erlaubnis der Hausverwaltung. Fläche abgesperrt, Kreide wird gestellt. Frau Demir, Haus 17."

Daneben klebte ein kleines Foto. Darauf sah man Betonplatten, auf denen mit Klebeband ein Rechteck markiert war, etwa zwei Meter mal drei. Und darin, mit den zwölf Farben aus meinem Laden, ein neuer Anfang.

Ich habe den Zettel an die Pinnwand hinter der Kasse gehängt, neben die Werbung für den Martinsumzug und den Aushang über die neuen Leerungszeiten der Post.

Da hängt er heute noch, das Klebeband-Rechteck auf dem Foto leicht gewellt vom Licht, das durchs Schaufenster fällt.

Vorhin, kurz nach der Mittagspause, kam Frau Demir wieder herein, kaufte diesmal Buntstifte für die Kleine aus dem Erdgeschoss, steckte das Wechselgeld in ihre Manteltasche und ging zur Tür. Die Glocke über dem Rahmen schlug einmal an, dann fiel die Tür ins Schloss, und draußen fing es wieder an zu regnen.

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