Ich arbeite seit vierzehn Jahren als Hebamme im Klinikum Ludwigsburg, und normalerweise erzähle ich meine Geschichten nicht weiter. Aber diese hier lässt mich nicht los, seit letztem Winter nicht, und ich glaube, ich muss sie einfach loswerden.
Ich hieß die junge Frau auf Station willkommen, als sie im Dezember eingeliefert wurde: Melina, neunzehn Jahre alt, hochschwanger, ohne Begleitung. Auf dem Aufnahmebogen stand unter "Kontaktperson" nur eine durchgestrichene Nummer. Ich habe in den Jahren so viele Formulare gesehen, dass ich aus so einer Durchstreichung schon fast eine ganze Familiengeschichte lesen kann.
Sie erzählte mir wenig, aber genug. Ihre Mutter war gestorben, als Melina vierzehn war, an Krebs, und seitdem lebte sie mit ihrer jüngeren Schwester Paula beim Stiefvater in einer Sozialwohnung am Stadtrand, in einem dieser Plattenbauten mit den quietschenden Aufzügen, wo man im Treppenhaus immer nach Bohnerwachs und kaltem Zigarettenrauch riecht. Der Stiefvater, Herr Brandner, war kein Unmensch, sagte sie, aber er hatte klare Vorstellungen davon, wie ein Mädchen sich zu benehmen hatte, und die Halbwaisenrente der beiden Mädchen verschwand regelmäßig in seinem alten BMW, der ständig in der Werkstatt stand, und beim Public Viewing in der Eckkneipe, wo er auf Bundesliga wettete.
Den Vater des Kindes, einen Studenten namens Jonas, hatte sie beim Flyerverteilen vor dem Wochenmarkt kennengelernt. Er hatte ihr alle Flyer abgekauft und sie zum Dönerladen eingeladen. Sie war neunzehn, verliebt, und als der Test positiv war, wollte er von alldem nichts mehr wissen. Steckte ihr dreihundert Euro zu, "für den Arzt", und war seitdem nicht mehr erreichbar.
Als der Stiefvater von der Schwangerschaft erfuhr, hatte er ihr erklärt, sie könne das Kind zur Adoption freigeben, denn er heirate demnächst seine Freundin von der Diakoniestation, die selbst schon im sechsten Monat war — Zwillinge. Drei Babys in der Zweizimmerwohnung, das gehe nicht, hatte er gesagt, und Melina hatte ihm geglaubt, weil sie wusste, dass es die Wahrheit war.
Was mich an ihr faszinierte, war diese Ruhe, mit der sie über all das sprach, so als erzähle sie von einer Bekannten. Nur wenn sie von Paula sprach, ihrer zwölfjährigen Schwester, wurde ihre Stimme weich. Sie hatte der Kleinen jeden Abend eine Tüte Gummibärchen vom Kiosk unten mitgebracht, solange sie noch arbeitete — an der Kasse im Edeka, wo sie sich für 11,40 Euro die Stunde die Füße wund stand, bis der Bauch zu groß wurde.
Eines Nachmittags, ich hatte gerade Feierabend und ging noch am Marktplatz vorbei, sah ich sie vor dem Schaufenster einer Weihnachtsdekoladen stehen, minutenlang, die Hand auf der Fensterscheibe. Drinnen standen Porzellanengel im Sonderangebot, die letzten vom Sommerschlussverkauf, die keiner mehr wollte. Ich dachte mir nichts dabei. Erst später habe ich verstanden, was sie da vorbereitete.
Eine Kollegin von der Nachtschicht, die früher in der Nachbarschaft eines Ehepaars gewohnt hatte, das Melina auf dem Vorplatz des Klinikums öfter beobachtet hatte, kannte deren Geschichte. Die Frau hieß Ingrid, unterrichtete Englisch am Gymnasium, ihr Mann Dr. Falkenrath war Kardiologe im selben Haus, in dem ich arbeite. Vor elf Jahren hatten sie ihre einzige Tochter verloren, bei einem Busunglück auf der A81 während einer Klassenfahrt — der Fahrer war eingeschlafen, sieben Kinder waren tot, unter ihnen auch dieses Mädchen, das kurz vor dem Unfall auf einem Rastplatz einen kleinen Porzellanengel gekauft hatte. Man hatte die Figur, kaputt, aber wiedererkennbar, noch in ihrer geschlossenen Hand gefunden. Seitdem, erzählte meine Kollegin, brächten wildfremde Leute den beiden Engelsfigürchen vorbei, als eine Art stiller Trost, der irgendwann zum Ritual der halben Straße geworden war.
Melina hatte sich einen dieser Engel für vier Euro neunzig gekauft und war zu ihnen gegangen. Ingrid hatte ihr die Tür geöffnet, sie erkannt — vermutlich von der Kasse — und sie zum Tee hereingebeten. Was genau an diesem Nachmittag gesprochen wurde, weiß ich nur aus zweiter Hand, aber die Kollegin erzählte mir, Ingrid habe von der Hysterektomie nach der schweren Geburt erzählt, davon, dass sie und ihr Mann sogar den Adoptionskurs beim Jugendamt Ludwigsburg absolviert hätten, aber im letzten Moment sei sie nicht fähig gewesen, jemand anderen an die Stelle der Tochter zu setzen. Sie habe zu ihr gebetet, um ein Zeichen gebeten. Nichts sei geschehen — bis in diesem Moment im Wohnzimmer ein Glas oder eine der Figuren umgefallen und zerbrochen sei. Zufall, würde jeder Nüchterne sagen. Aber manche Menschen brauchen genau so einen Zufall, um weiterzuleben.
Ich sah Melina zwei Wochen später wieder, als sie zur Entbindung kam. Ein Mädchen, gesund, dreitausendeinhundert Gramm. Sie nannte sie Lea. Ich half ihr beim ersten Anlegen, und sie fragte mich, ob es normal sei, dass man ein Kind, das man weggeben will, trotzdem so lieben kann. Ich habe ihr damals keine Antwort gegeben. So etwas beantwortet man nicht als Hebamme.
Am Tag der Entlassung, einem Dienstag, hatte sie einen Brief geschrieben und all ihr Erspartes hineingelegt — die komplette Halbwaisenrente eines Jahres, sechshundertvierzig Euro, das erfuhr ich später von ihr selbst. Sie wollte das Baby vor der Tür der Falkenraths ablegen, mit dem Brief, in dem sie um Verzeihung bat und an das zerbrochene Zeichen erinnerte.
Sie hatte den ganzen Tag im Breuninger-Center gesessen, aus Angst, es bei Tageslicht zu tun, bis der Weihnachtsmarkt auf dem Marktplatz schon die Lichter ausschaltete. Erst als es dunkel wurde und ein Nachbar mit seinem Dackel aus dem Hauseingang trat, schlüpfte sie hinein. Sie stellte die Babyschale vor die Wohnungstür, schob den Umschlag unter die Decke — und in dem Moment, als sie klingeln und weglaufen wollte, öffnete sich die Tür von selbst. Dr. Falkenrath stand davor, im Bademantel, mit einer Tasse Kamillentee in der Hand.
Sie brach zusammen, weinte, erzählte ihm alles in einem Atemzug: Jonas, den Stiefvater, die Zwillinge, die Diakonieschwester, Paula, die im Flur weinend gefragt hatte, ob man das Baby nicht irgendwo verstecken könne. Er hörte ihr zu, ohne sie zu unterbrechen, und sagte am Ende nur, Ingrid schlafe schon, man solle morgen reden, sie könne im Wohnzimmer übernachten.
Das Wohnzimmer war voller Engel — auf dem Fenstersims, im Regal, auf dem Klavier. Kein Trauerzimmer, wie sie befürchtet hatte, sondern hell, mit genau einem Foto an der Wand. Sie schlief, das Kind fest an sich gedrückt, und wachte am nächsten Morgen auf, weil das Kind fehlte.
Ich habe das später von ihr in der Nachsorge erfahren, mit Tränen in den Augen, aber lächelnd dabei: Wie sie hochschreckte, wie Ingrid mit dem Baby im Arm zur Tür hereinkam und sagte, sie solle stillen, sie habe die Kleine nur beruhigt, damit Melina noch etwas schlafen könne. Und wie Ingrid sie dann fragte, wie alt ihre Schwester sei, und ob die wohl mitkommen würde zu ihnen — Platz sei genug, sie könne beim Umzug helfen, und niemand solle Paula am Ende zum Dienstmädchen des Stiefvaters machen.
Ich weiß, was aus der Sache wurde, weil Melina mich Wochen später anrief, um mir zu erzählen, dass ihr Anwalt beim Jugendamt einen Aufenthaltswechsel für Paula beantragt hatte und dass Ingrid ihr geholfen hatte, ein eigenes Konto zu eröffnen, auf das künftig die Halbwaisenrente ging, ohne Zugriff für Herrn Brandner. Sie sagte mir das ganz ruhig, als würde sie mir eine Kontonummer diktieren, nicht das Ende einer Angst.
Ich habe seitdem noch ein paarmal den Laden am Marktplatz besucht, in dem sie den Engel gekauft hat. Er verkauft im Winter immer noch dieselben Figuren im Schaufenster, vier Euro neunzig das Stück. Manchmal, wenn ich vorbeigehe, bleibe ich kurz stehen und denke an die junge Frau mit der Hand am Glas, die nicht wusste, dass sie gerade dabei war, sich selbst zu retten.












