Die Kandidatin im Keller

Ich heiße Katharina Vogt, bin achtundfünfzig, und seit dreiundzwanzig Jahren arbeite ich als Justizvollzugsbeamtin in der Frauenhaftanstalt Celle-Süd. Normalerweise erzähle ich nicht viel über meinen Dienst. Aber was dort im Oktober passiert ist, hat mir wochenlang den Schlaf geraubt.

Die Anstalt liegt draußen vor der Stadt, hinter einer alten Ziegelei, links die Bundesstraße, rechts nur Heide und Wind. Bei uns sitzen die Frauen, die als besonders gefährlich eingestuft sind. Kein offener Vollzug, kein Freigang, keine Besuche ohne Trennscheibe. Die Türen öffnen nur mit Chip, und nachts patrouillieren wir im Zwei-Stunden-Rhythmus.

Unser einziger männlicher Kollege im Nachtdienst hieß Benjamin Krohn. Vor knapp einem halben Jahr angefangen, schweigsam, immer pünktlich. Kurz nach seinem Dienstantritt fingen die Zicken an.

Morgens beim Rundgang hörte ich ihn mit der Leiterin der Krankenabteilung reden, einer gewissen Dr. Hartlieb. Sie standen am Ende des Ganges, viel zu nah beieinander, und als ich um die Ecke bog, trat er einen Schritt zurück. Nicht schuldbewusst, eher so, als hätte ich sie bei einer Konferenz gestört.

Anfang September wurde eine Insassin aus der Isolierabteilung ins Lazarett gebracht, Gertrud Malsen, neunundsechzig Jahre alt. Sie war beim Hofgang kollabiert, einfach zusammengesackt, während sie mit ihrem Gehstock auf den Bus zur Wäschekammer wartete. Die Sanitäterin tippte auf Kreislauf. Der Anstaltsarzt nahm ihr Blut ab, weil ihr das Gesicht so gelblich wirkte.

Das Ergebnis kam nach drei Stunden.

Ich saß im Aufenthaltsraum, als unsere Schichtleiterin die Tür aufriss und nur sagte: „Vogt, du musst das sehen.“

Die Werte ließen keinen Zweifel. Gertrud war schwanger.

Wir haben die Untersuchung nicht zweimal gelesen, sondern viermal. Dann noch einmal laut, eine Kollegin las, die andere hielt den Zettel, als würde das Papier lügen. Gertrud saß seit sechs Jahren ein. Die letzten sieben Monate in der Einzelzelle. Elektronische Schleusen. Vierundzwanzig Stunden Kameraüberwachung.

„Das ist unmöglich“, sagte ich.

Die Schichtleiterin saß da, die Brille in der Hand, und rieb mit dem Daumen über das Glas, immer wieder, obwohl es längst sauber war. Im Hintergrund lief das Radio. Jemand hatte vergessen, es auszumachen.

Wir zogen die Aufnahmen der vergangenen Monate. Ich saß zwei Nächte dran. Nichts. Die Zelle blieb zu, der Gang leer, die Kontrollpunkte ohne Befund. In der Akte stand: keine Besucher, keine besonderen Vorkommnisse.

Die Anstaltsleitung entschied, die Sache unter Verschluss zu halten. Erst klären, dann melden. Ich fand das richtig. Was willst du melden, wenn du keine Erklärung hast?

Dann kam der Donnerstag.

Wieder Erbrechen. Wieder Isolierabteilung. Wieder eine ältere Frau, diesmal Roswitha Degen, siebenundsechzig, seit fast zwei Jahren bei uns. Auch sie hatte seit Monaten keinen Kontakt nach draußen gehabt, keine Besuche, keine Ausführungen. Die Ärztin kam mit dem Befund persönlich zur Schicht, weil sie am Telefon nicht darüber sprechen wollte.

Auch schwanger.

Da wusste ich: Das ist kein Einzelfall.

Unsere Reviere liegen im zweiten Stock, mein Fenster ging zum Parkplatz. Ich erinnere mich, dass ich eine halbe Stunde lang den Autoschlüssel in der Hand drehte, ohne aufzustehen.

Am nächsten Morgen stellte ich mich beim Rundgang neben Benjamin an die Teeküche. Er wirkte müde. Ich fragte ihn, ob er nachts irgendetwas Ungewöhnliches bemerkt hätte.

„Nein“, sagte er. „Alles ruhig.“

Dann ging er zum Fenster und lehnte sich dagegen, als wäre da draußen etwas, das ihn mehr interessierte.

Zwei Wochen später der dritte Fall: Elisabeth Brandner, vierundsiebzig Jahre alt. Drei alte Frauen, drei Schwangerschaften. Die Kolleginnen fingen an, sich zu weigern, nachts allein auf den Gang zu gehen. Eine hat gekündigt, die andere macht seitdem nur noch Tagschicht.

Bei der Dienstbesprechung fragte ich in die Runde: „Was, wenn wir die ganze Zeit nicht die echten Aufnahmen sehen?“

Es wurde still.

Benjamin saß mir schräg gegenüber. Seine Hand wanderte zum Kragen seiner Uniformjacke, als prüfe er, ob der Knopf noch da war.

Ich sprach weiter: „Wir installieren eine zweite Kamera. Klein, am Ende des Flurs. Nicht mit dem Hauptsystem verbunden. Niemand weiß davon. Nur wir drei.“

Die Schichtleiterin nickte. Der Sicherheitsbeauftragte stimmte zu. Benjamin sagte nichts. Er trank einen Schluck aus seinem Becher, und ich sah, wie ein feiner roter Rand auf dem Emaille blieb, weil seine Hände den Becher nicht ruhig hielten.

Wir montierten die Kamera am Freitagmorgen in eine abgehängte Deckenplatte. Ich habe selbst auf der Leiter gestanden. Ich weiß bis heute, wie sich der Staub auf meine Hände legte.

Vier Nächte passierte nichts.

In der fünften Nacht, um zwei Uhr siebzehn, zeichnete die Kamera Bewegung auf. Eine Gestalt bog aus dem Quertrakt auf den Gang. Sie trug Dienstkleidung. Benjamin.

Er blickte sich zweimal um, dann zog er einen Chip aus der Brusttasche und hielt ihn an das Türschloss von Zelle 14. Die Tür schwang auf. Aber er ging nicht hinein. Er trat zur Seite, den Rücken zur Wand, die Augen auf den Gang gerichtet.

Dann kam Dr. Hartlieb aus dem Dunkel. Weißer Kittel. Eine kleine Arzttasche in der Rechten. Sie verschwand in der Zelle, Benjamin hielt den Gang. Nach einer Viertelstunde kam sie wieder, schloss ab, und beide gingen zur nächsten Tür.

Ich saß allein im Sicherheitsraum und ließ die Aufnahme noch einmal laufen. Das Surren des alten Bandgeräts von nebenan war das einzige Geräusch bis kurz vor Sonnenaufgang.

Noch vor sechs waren beide im Verhör.

Benjamin leugnete die ganze Nacht nichts, was die Kamera zeigte, aber alles, was es bedeutete: „Ich habe diese Frauen nicht angefasst. Sie hat mir gesagt, es seien spezielle medizinische Untersuchungen. Ich sollte nur die Türen öffnen und nachts ein paar Kamerasequenzen überspielen.“

„Und dafür hat Sie niemand bezahlt?“

Darauf antwortete er nicht. Er legte die Hände flach auf den Tisch, als wartete er auf ein Urteil.

Dr. Hartliebs Büro wurde noch am selben Vormittag durchsucht. Hinter dem Aktenschrank fand ich eine Klarsichthülle mit einer Liste. Schulschrift, blaue Tinte. Gertrud Malsen. Roswitha Degen. Elisabeth Brandner. Noch fünf weitere Namen. Hinter jedem stand dasselbe Wort: Kandidatin.

Und darunter, kleiner geschrieben, ein Satz, der alles erklärte: „Institut für Gewebe- und Blutforschung, Außenstelle Celle, aufgelöst 2019, Unterlagen nicht vollständig vernichtet.“ Jemand hatte die Abkürzung IGB an den Rand gekritzelt, dreimal unterstrichen.

Dr. Hartlieb saß im Anhörungsraum, als ich die Liste vor sie legte. Sie starrte auf ihre eigenen Aufzeichnungen, dann schob sie die Unterlagen von sich weg, als könnte sie damit Abstand gewinnen.

„Es war ein Programm“, sagte sie. „Ein privates Forschungsprogramm. Die Frauen haben geglaubt, es seien ganz normale Kontrolluntersuchungen. Niemand sollte davon erfahren.“

Ich fragte: „Die Firma ist seit Jahren geschlossen. Wer hat Ihnen die Anweisungen gegeben?“

Sie sah mich an. Ihre Pupillen waren so klein wie Stecknadelköpfe.

„Ich war nie die Leitung“, sagte sie.

„Sondern wer?“

„Der Anstaltsleiter“, sagte sie. „Direktor Fenske. Er hat das Institut übernommen, als es offiziell geschlossen wurde. Die Frauen, die niemand vermisst, die keine Angehörigen mehr haben, die als schwierig gelten – die kommen nie wieder raus. Also spielt es keine Rolle, was mit ihnen passiert.“

Ich merkte, wie mir das Kinn anfing zu kribbeln, so, wie es das nur tut, wenn ich kurz davor bin, laut zu werden. Ich stand nicht auf. Ich blieb sitzen und sah zu, wie meine eigene Hand auf dem Tisch zur Faust wurde, während draußen im Hof eine Kollegin den Wäschewagen über den rauen Beton schob.

Am Abend sah ich mir die Aufnahmen noch einmal an. Ich habe sie nicht wegen Benjamin noch einmal angesehen. Sondern wegen der Stelle, die mir nicht aus dem Kopf ging: der Augenblick, bevor die beiden um die Ecke bogen. Das Glas der Brandschutztür am Gangende spiegelte. Und in der Spiegelung war noch etwas. Eine Silhouette.

Ich vergrößerte das Bild. Erst dachte ich, es sei ein Wischer auf der Linse. Aber es war eine Frau.

Alt. Zusammengesackt. Einen dunklen Schal über dem Kittel.

Ich holte die Insassenakten aus dem Archiv, ich saß drei Stunden lang an dem Tisch, ich habe die Bilder nebeneinandergelegt wie früher die Zeitungsausschnitte meiner Mutter. Der Name stand in den Akten:

Ruth Brenner, sechsundsiebzig Jahre alt.

Laut offizieller Aktenlage vor acht Monaten verstorben.

Ich rief die Schichtleiterin an. Sie glaubte mir erst, als ich ihr den Ausdruck vor die Nase hielt.

Noch in derselben Nacht gingen wir in den geschlossenen Trakt. Den nutzt die Anstalt seit Jahren als Lager. Alte Matratzen, Putzmittel, Regale mit Gefangeneneigentum. Die Tür am Ende des Ganges kannte ich. Aber an der Wand daneben, hinter einem Stapel Kartons, entdeckten wir eine zweite Tür.

Sie stand nicht im Bauplan.

Die Schichtleiterin drückte dreimal mit der Schulter dagegen, dann gab das Schloss nach. Dahinter eine Treppe. Metallstufen, nach unten. Die Luft wurde feucht.

Ich ging als Erste. Ich habe die Stufen zweimal abgezählt, weil ich im Dunkeln nicht stolpern wollte. Unten ein Gang. Neonröhren, die flackerten. An der Decke Wasserleitungen, die summten.

Um zwölf Uhr nachts, als ich die erste Tür öffnete, saß Ruth Brenner auf einem Stuhl neben einem Feldbett.

Sie lebte.

Ich blieb in der Tür stehen. Sie hob den Kopf, musterte mich, dann sagte sie: „Ihr habt uns gefunden.“

„Uns?“

Sie deutete mit dem Kinn auf die verschlossenen Türen hinter mir. „Es gibt noch mehr. Wir sind mehr, als Sie denken.“

Ich ließ den Schlüsselbund sinken. „Warum hält man Sie hier unten fest?“

Ihr Mund zog sich schmal, kein Lächeln, eher eine Narbe, die sich verschob.

„Weil die Schwangerschaften niemals das eigentliche Experiment waren“, sagte sie.

Mir wurde kalt, obwohl unten im Keller die Heizungsrohre liefen.

„Sondern was?“

Sie drehte den Kopf zur letzten Tür am Ende des Ganges. Ich hatte zunächst gedacht, es sei ein Raum für Umkleidekabinen. Jetzt sah ich das kleine runde Fenster aus Milchglas. Dahinter brannte Licht.

„Sie wollten wissen“, sagte Ruth, „was mit den Babys passiert.“

Ich ging die letzten Meter allein. Die Schichtleiterin blieb bei Ruth, weil die alte Frau nicht mehr allein stehen konnte. Meine Hand lag auf der Klinke, kalt, feucht vom eigenen Schweiß. Ich drückte sie herunter.

Der Raum war klein, gekachelt, mit einer Reihe von Wärmebetten an der Wand, wie man sie aus Frühchenstationen kennt, nur älter, die Schläuche vergilbt. In vier der acht Betten lagen Säuglinge. Ich zählte sie, weil ich zählen musste, um nicht umzukippen. Auf einem Klemmbrett am Fußende jedes Betts klebte ein Zettel mit Nummer und Blutgruppe, kein Name. Eine Krankenschwester, die ich nie zuvor gesehen hatte, saß auf einem Hocker und fütterte eines der Kinder mit einer Spritze ohne Nadel. Sie sah mich an, stellte die Spritze ab und hob langsam beide Hände, als hätte sie auf genau diesen Moment gewartet.

„Sie sind gesund“, sagte sie nur. „Alle acht. Das war das Ziel. Antikörper aus dem Blut der Mütter, weitergegeben im Mutterleib. Man wollte sehen, ob sich Resistenzen vererben lassen, wenn man sie künstlich vorher einsetzt.“

Ich fragte nicht weiter. Ich nahm mein Diensttelefon, fotografierte die Klemmbretter, die Betten, die Frau, dann rief ich die Leitstelle an, mit ruhiger Stimme, weil ich wusste, dass meine Stimme jetzt das Einzige war, das noch ruhig sein durfte.

Innerhalb einer Stunde war der komplette Nachtdienst der Kripo Celle im Haus. Man riegelte den gesamten Trakt ab. Fenske wurde noch vor sieben Uhr morgens in seiner Dienstwohnung festgenommen, im Bademantel, wie mir eine Kollegin später erzählte, die dabei war. Er sagte kein Wort, weder bei der Festnahme noch später bei der ersten Vernehmung.

Die acht Kinder kamen noch am selben Tag in die Kinderklinik der Charité-Außenstelle Celle. Fünfundzwanzig weitere Frauen, die offiziell als tot oder in andere Anstalten verlegt geführt waren, wurden aus dem Kellertrakt geholt. Mit Ruth Brenner waren es sechsundzwanzig.

Ruth wollte nicht ins Krankenhaus, bevor sie mit mir gesprochen hatte. Sie saß auf einer Trage im Hof, eine Decke über den Schultern, und hielt meine Hand fest, mit einem Griff, der viel zu kräftig war für eine Sechsundsiebzigjährige.

„Sagen Sie meiner Schwester, dass ich noch lebe“, sagte sie. „Sie wohnt in Hankensbüttel. Man hat ihr gesagt, ich sei an einer Lungenentzündung gestorben.“

Ich habe die Schwester noch am selben Nachmittag angerufen. Sie hat am Telefon geweint, so laut, dass ich den Hörer ein Stück vom Ohr nehmen musste.

Zwei Tage später wurde ich selbst vernommen, dann noch einmal, dann kam die Staatsanwaltschaft, dann die Presse, der ich nichts gesagt habe außer: „Fragen Sie die Behörde.“

An dem Abend, an dem ich nach Hause kam, saß mein Mann am Küchentisch und hatte die Zeitung schon gesehen. Er fragte nicht viel. Er stellte mir einen Teller mit Brot und Käse hin und setzte sich neben mich, ohne etwas zu sagen, bis ich von selbst zu reden anfing.

Ich habe ihm alles erzählt. Die Liste, die Kamera, den Keller, die acht Betten. Als ich fertig war, stand er auf, holte zwei Gläser und einen kleinen Rest Cognac aus dem Küchenschrank, den wir seit Jahren nicht angerührt hatten, und schenkte uns beiden ein.

Am nächsten Morgen klingelte mein Telefon. Die Nummer war unbekannt.

Diesmal habe ich abgenommen.

Es war ein Mann, der sich als Ermittler des Landeskriminalamts vorstellte. Er wollte wissen, ob ich bereit sei, als Zeugin gegen Fenske und Hartlieb auszusagen, auch öffentlich, auch vor Gericht.

„Ja“, sagte ich, und legte den Zettel mit der Zahl sechsundzwanzig, den ich immer noch neben meiner Dienstmarke aufbewahrte, auf den Küchentisch, wo mein Mann ihn sehen konnte.

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