Nasses Haar, sechs Ohrfeigen

Ich lag auf dem Gehweg in der Blumenstraße in Hamburg-Eimsbüttel, mit bloßen Füßen und einem Nachthemd, das mir bis zu den Knien hochgerutscht war. Der Regen trommelte auf die Mülltonnen vor dem Altbau, in dem ich zwölf Jahre gewohnt hatte. Zwölf Jahre, vier Monate, neun Tage. Ich hatte jeden einzelnen davon mitgezählt, sogar an dem Abend, als ich beim Abwasch zwei Teller fallen ließ und Konrad mich eine Woche lang nicht angefasst hatte.

Sechs Mal. Ich hatte mitgezählt, weil ich nicht schreien konnte. Der erste kam, als ich fragte, warum diese Frau, Carla Winter, an unserem Esstisch saß und meine Ohrringe trug. Die mit den echten Perlen, die meine Mutter mir zur Hochzeit geschenkt hatte. Der zweite kam, als ich sagte, sie solle sie abnehmen. Der dritte, vierte, fünfte — als Konrad brüllte, in diesem Haus gehöre alles ihm, ich hätte nichts mitgebracht und solle den Mund halten. Der sechste warf mich gegen die Garderobe aus Nussbaum, die meine Großmutter mir vererbt hatte. Die Kante traf mich über der Augenbraue. Dann riss er die Wohnungstür auf und schleuderte meine Reisetasche in den Novemberregen.

»Raus, Ilka«, sagte er. Schwer atmend, das Gold des Eherings glänzte im Flurlicht. »Du hättest lernen müssen, wo dein Platz ist.«

Carla stand hinter ihm in meinem seidenen Morgenmantel und lächelte, als hätte sie bei einer Quizshow den Hauptpreis gezogen.

Ich habe vor ihr nicht geweint. Ich bin aufgestanden, auf dem Marmorboden des Hausflurs, und hinausgegangen. Das Tor zum Vorgarten schlug hinter mir zu, als ich auf die Straße trat. Ein Fahrradkurier fuhr vorbei und sah mich an, als wäre ich eine Betrunkene. Niemand hielt an.

Ich setzte mich auf die Bordsteinkante unter der Straßenlaterne. Das Display meines Handys war gesplittert, funktionierte aber noch. Auf dem Bildschirm der Riss genau über dem Foto von Papa, das ich seit seinem siebzigsten Geburtstag als Hintergrund habe.

Konrad sprach Papas Namen immer mit einer komischen Betonung aus, so, als sei Henry Brandes nur ein alter Mann mit einem Obsthof im Alten Land. Er wusste nicht, dass Papa die Transportkette Brandes Logistik aufgebaut hatte, die den halben Hamburger Hafen abwickelte. Oder er wollte es nicht wissen. Konrad war immer gut darin, Dinge zu übersehen, die ihm nicht passten.

Ich wählte mit zitternden Fingern. Papa ging beim zweiten Klingeln ran.

»Ilka?«

»Papa.«

Seine Stimme kippte sofort. »Was ist passiert?«

Ich schaute hoch zu unserem Fenster im dritten Stock. Da brannte Licht im Wohnzimmer. Gleich würden sie sich Wein eingießen, aus den Gläsern, die Papa uns zur Silberhochzeit geschenkt hatte. Aus seiner Firma, Sonderedition mit Gravur.

»Er hat mich geschlagen«, sagte ich. »Sechs Mal. Wegen ihr. Dann hat er mich rausgeworfen. In den Regen.«

Pause. Nicht Schock. Nicht Verwirrung. Eine Stille, die ich an ihm kannte, die ich aber noch nie am Telefon gehört hatte. Das war die Stille, bevor er einen Vertrag platzen ließ.

»Bist du in Sicherheit?«

»Nein.«

»Schick mir deinen Standort.«

Ich tat es. Seine nächsten Worte waren kälter als der Regen auf meinen Schultern.

»Hör mir genau zu, Ilka. Geh nicht wieder rein. Sprich nicht mit ihm. Geh nicht ans Telefon, wenn er anruft. Ich schicke jemanden vorbei. Und einen Arzt.«

Ich schloss die Augen.

»Papa.«

»Ja?«

»Zeig ihm keine Gnade.«

Da war wieder diese Stille. Dann klang er nicht mehr wie mein Vater. Er klang wie ein Richter bei der Urteilsverkündung.

»Dann ist die Gnade jetzt vorbei.«

Vierzig Minuten später hielten zwei schwarze Wagen mit getönten Scheiben neben mir. Einer von Papas Sicherheitsleuten legte mir eine Wolldecke um die Schultern. Ein Arzt, den ich noch nie gesehen hatte, tupfte mir mit einem Wattepad das Blut von der Augenbraue. Er sagte nichts. Er sah mich nur an und schrieb etwas in sein Telefon.

Ich habe in dieser Nacht nicht geschlafen. Ich saß in einem Hotelzimmer am Jungfernstieg, während draußen der Regen gegen die Fenster schlug, und starrte auf mein Handy. Es blieb still. Konrad rief nicht an.

Aber um fünf Uhr morgens begann sein Handy zu klingeln. Das erfuhr ich später, von seinem Buchhalter, einem Mann namens Heiner, der mich immer gemocht hatte und der sich in jener Nacht entschied, dass zwanzig Jahre Freundschaft mit Konrad weniger wert waren als die Wahrheit.

Was Papa in den Stunden bis zum Morgengrauen in Bewegung gesetzt hatte, würde man später in der Kanzlei als »Brandes-Sache« führen. Zuerst wurden die Firmenkonten von Konrads Spedition in Altona eingefroren. Dann zog der größte Investor seiner Lagerhallen-Erweiterung in Billbrook die Zusage zurück, um Viertel vor sechs per E-Mail, mit drei Führungskräften in Kopie. Dann berief der Aufsichtsrat eine Sondersitzung für neun Uhr ein, in der Kaffeeküche, weil der offizielle Konferenzraum belegt war. Und dann begannen die Anrufe aus dem Hafen.

Um sieben Uhr stand ich unter der Dusche und ließ mir das getrocknete Blut aus dem Haar waschen. Auf dem Spiegel lag der Zettel, den mir der Sicherheitsmann gegeben hatte: eine Adresse, eine Nummer, ein Name — meine neue Anwältin. Frau Dr. Asmussen, Kanzlei am Neuen Wall.

Um halb neun hatte ich den ersten Beweis. Er kam nicht von Papa. Er kam von Carla.

Sie schrieb mir von einer fremden Nummer. Ein Foto: ihr Gesicht, verweint, auf dem Kissen, das ich in unserem Schlafzimmer ausgesucht hatte. Dazu die Nachricht: »Er hat mir wehgetan. Bitte komm zurück.«

Ich habe geantwortet: »Der Arzt hätte dir den Rat gegeben, die Jalousien zu schließen. Das habe ich damals auch gelernt.«

Dann habe ich die Nummer gelöscht.

Papa hatte mir verboten zu sprechen, aber er hatte mir nicht verboten zu schreiben. Und dieser eine Satz, der war für mich.

Was Papa in den nächsten fünf Tagen tat, kann ich nur in Etappen beschreiben, weil ich die meiste Zeit auf einem Ledersofa in seiner Anwaltskanzlei saß und den Lärm von der Straße hörte. Straßenbahn, Möwen, die Fahrradklingeln am Gänsemarkt.

Am dritten Tag wurde Konrad aus seiner eigenen Firma abberufen, per Beschluss des Aufsichtsrats, auf den Papa durch zwei Holding-Gesellschaften seit Jahren Zugriff hatte. Ich wusste das nicht. Keiner wusste das. Konrad hätte es wissen können, aber er hatte die Verträge nur überflogen und das Kleingedruckte seinem Buchhalter überlassen.

Am vierten Tag stand die Wohnung leer. Nicht ausgeräumt. Leer. Konrad hatte versucht, Möbel zu verkaufen, um liquide zu bleiben. Der Käufer — ein Antiquitätenhändler aus Winterhude, den Papa seit dreißig Jahren kennt — hatte ihn abgewiesen. »Ich kaufe nichts aus einer Ehe, in der das Wort des einen nicht zählt«, soll er gesagt haben. Ob das stimmt, weiß ich nicht. Aber ich stelle es mir gern so vor, wenn ich nachts nicht schlafen kann.

Am fünften Tag klingelte es an der Tür des Hotelzimmers. Ich dachte, es sei der Zimmerservice. Da stand Konrad. Er hatte graue Ränder unter den Augen, und sein Hemd, ein hellblaues, das ich ihm im September in einer Boutique in Eppendorf gekauft hatte, war zerknittert, als hätte er es drei Nächte lang nicht ausgezogen.

»Vierhunderttausend«, sagte er, ohne Hallo. »Das ist alles, was bleiben würde, wenn dein Vater in Ruhe lässt, was von meiner Firma übrig ist. Die Hälfte davon gehört dir. Mach ein Konto auf, oder lass uns zu einem Notar gehen, ich übertrage dir die Wohnung. Es kann wieder so werden wie früher, Ilka. Wir wohnen in der Blumenstraße, du bekommst deine Ohrringe zurück, ich Werde Carla los.«

Er sprach vom Umbringen seiner Geliebten wie von einem Wocheneinkauf.

Ich schaute ihn an. Ich hatte ihn zwölf Jahre lang geliebt. Vier Monate. Neun Tage. Und als er jetzt in dem zerknitterten Hemd auf dem Hotelflur stand und mir vierhunderttausend Euro bot, als wäre meine Würde ein Rechnungsposten, da merkte ich zum ersten Mal, wie müde ich war. Nicht von der Nacht im Regen. Von den Jahren davor.

Ich habe die Tür nicht zugeschlagen. Ich habe sie einfach wieder zugemacht. Ganz leise.

Am Nachmittag fuhr ich mit Papas Fahrer zu der Wohnung in der Blumenstraße. Ich hatte den Schlüssel noch. Ich schloss auf, im Wohnzimmer stand der Sektkühler noch auf dem Tisch, daneben zwei Gläser mit Resten von Rotwein. Meine Perlenohrringe lagen neben dem Korkenzieher.

Ich zog das Nachthemd aus dem Schrank, das ich in der Nacht getragen hatte, und legte es auf das Bett. Dann legte ich die Ohrringe darauf. Ich zog das Fenster hoch, ließ die kalte Luft herein und hörte, wie die Möwen überm Hinterhof schrien. Auf dem Balkon, genau an der Stelle, wo Konrad im Sommer immer stand und auf sein Handy starrte, lag der kleine Keramikfrosch, den meine Schwester mir aus Altes Land mitgebracht hatte. Ich hatte ihn für dumm gehalten. Aber er hielt die Tür zum Balkon auf, auch an stürmischen Tagen.

Ich nahm ihn mit. Ich habe ihn nicht geklaut. Ich habe ihn mitgenommen, weil er nichts mit dem zu tun hatte, was in diesen Räumen passiert war.

Am Abend saß ich wieder in der Kanzlei. Frau Dr. Asmussen schob mir einen dünnen Ordner hin.

»Das ist die Zusammenfassung der Vermögensaufstellung«, sagte sie. »Konrad hat in den letzten acht Jahren insgesamt sechshundertachtzigtausend Euro von der Firma auf Privatkonten umgeleitet. Die Belege kommen nächste Woche.«

Ich blätterte. Erste Seite: ein Auszug von einem Konto auf den Bahamas, der mir in einem Hotelzimmer wie eine fremde Sprache vorkam. Zweite Seite: eine Rechnung für ein Ferienhaus in Timmendorfer Strand, vier Nächte, gebucht für zwei Personen, bezahlt mit der Kreditkarte der Firma.

Ich stand.

Sie sah auf.

»Wohin gehen Sie?«

»Ich muss einen Brief schreiben.«

Ich schrieb ihn mit der Hand, auf Papier mit Briefkopf des Hotels. Vier Sätze. Kein Zorn. Keine Erklärung. Einfach eine Aufstellung:

»Ich nehme das Angebot nicht an.

Mir gehört die Hälfte der Wohnung in der Blumenstraße.

Du hast mich sechs Mal geschlagen.

Ich will dein Geld nicht, Konrad. Ich will, dass du morgen um neun Uhr beim Notar in Eppendorf erscheinst, um deine Hälfte an die Mieterhilfe zu übertragen. Die Hälfte, die nach dem Urteil übrig bleibt, zahlst du in zwölf Monatsraten an den Frauennotruf Hamburg. Oder ich gehe zur Staatsanwaltschaft.«

Ich brachte den Brief nicht selbst vorbei. Ich ließ ihn von einem Boten abgeben.

Am nächsten Morgen um neun Uhr stand ich vor dem Notariat in der Osterstraße. Ich hatte denselben roten Mantel an, den ich in der Nacht getragen hatte — Papa hatte ihn mir aus der Wohnung holen lassen, zusammen mit Pass und Handy-Ladegerät, von einem Schlüsseldienst, der in fünf Minuten das Schloss austauschte.

Konrad kam zu spät. Er trug denselben hellblauen Hemd. Er stockte auf den Stufen, als er mich sah, mit meiner Anwältin, der Notariatsangestellten und zwei Zeugen, die Papa geschickt hatte.

»Du unterschreibst jetzt«, sagte ich.

Sein Mund bewegte sich, aber es kam kein Wort. Dann sah er den Vertrag.

Ich habe nicht gelächelt. Ich habe nur gewartet. Und als er den Stift nahm, faltete ich die Hände und spürte, wie die kalte Luft von der Straße an meinen Knöcheln hochzog, als wäre da noch ein Rest von dem Regen, den ich in der Blumenstraße abbekommen hatte.

Seine Unterschrift zog sich über das Papier, er zitterte so sehr, dass der Kugelschreiber drei Mal absetzte.

Als alles unterschrieben war, nahm ich meine Kopie und ging hinaus. Er kam hinter mir her, den Fußweg entlang, bis zur Bahnstation.

»Eine Million«, rief er hinter mir her. »Ich Verschaffe dir eine Million, wenn du deinen Vater von mir fernhältst.«

Ich ging weiter.

»Ilka!«

Ich stieg die Stufen zur S-Bahn hoch, und der kalte Wind drückte mir den Mantel an die Beine. Der Riss im Handy war immer noch da. Ich spürte ihn unter dem Daumen, als ich Papas Nummer wählte.

»Es ist erledigt«, sagte ich.

Papa fragte nicht, was ich unterschrieben hatte. Er fragte: »Hast du den Frosch mitgenommen?«

Ich musste lachen, und der Laut, der da aus mir herauskam, klang wie das Klingeln der Bahn, die gerade einfuhr.

»Ja«, sagte ich. »Er sitzt auf meinem Fensterbrett.«

Dann stieg ich ein, und über Hamburg legte sich der Abend wie eine Hand, die sich um eine Tasse Tee legt.

Ich habe Konrad nie wiedergesehen. Von Heiner, dem Buchhalter, erfuhr ich im April, dass er jetzt in einer Einzimmerwohnung in Barmbek wohnt und bei einer Leiharbeitsfirma Schichten im Hafen schiebt. Carla hatte ihn zehn Tage nach der Notartermin verlassen. Sie hatte die Perlenohrringe eingesteckt, bevor sie ging, und mir wurde erzählt, dass Konrad sie nicht daran gehindert hat. Vielleicht hat er inzwischen gelernt, wann man den Mund hält.

Die Wohnung in der Blumenstraße hat der Frauennotruf Hamburg im Juni an eine Mutter mit zwei Kindern vermittelt. Sie zahlen eine symbolische Miete. Manchmal gehe ich vorbei, wenn ich in der Stadt bin, und sehe, wie im dritten Stock eine Katze auf dem Fensterbrett sitzt. Dann fällt mir ein, dass er mir mal gesagt hat, er wolle keine Katzen. Zu viele Haare, sagte er.

Ich habe die Fensterbank im Hotelzimmer jetzt mit zwei Dingen: dem Keramikfrosch aus dem Alten Land und einem Stoß Briefe vom Frauennotruf, den ich nicht wegwerfen kann, weil in einer der ersten Dankeskarten ein Bild von zwei kleinen Mädchen lag, die auf dem Balkon der Blumenstraße Karotten schneiden.

Eines Morgens las ich in der Zeitung, dass die Firmenzentrale von Brandes Logistik nach Schluss einer Sitzung um 23 Uhr kurz in der Zeitung stand, weil gegenüber ein Auto brannte. Das war nicht Papas Werk. Das war nur Hamburg, das nie ganz aufhört, wenn man hinschaut.

Die längste Zeit danach hatte ich keine Träume. Dann träumte ich einmal, ich läge wieder auf dem Gehweg, aber der Regen wäre warm, und neben mir stünde ein Mann in einem gelben Regencape und würde mir einen Pappbecher mit Tee hinhalten. Als ich aufwachte, war das Hotelzimmer hell, und auf dem Boden neben dem Bett lag mein Mantel, in dem noch der Geruch von nassem Marmor steckte.

Ich bin nie wieder in die Blumenstraße gezogen. Aber der Frosch steht da, und die Briefe daneben, und draußen hupt ein Auto, und das ist auch eine Art, weiterzumachen.

Manchmal denke ich: Der Regen war das Einzige, was in dieser Nacht ehrlich war. Er hat nicht gewartet, bis ich umfiel. Er ist einfach weitergegangen. Wie ich.

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Nasses Haar, sechs Ohrfeigen