Der Tag, an dem Falkenberg alles verlor

Falkenberg war ein Kaff südlich von Leipzig, dreitausend Einwohner, ein Konsum, eine Kirche mit schiefem Turm und eine Werkstatt am Ortsrand, die seit dreißig Jahren allen im Dorf gehört zu haben schien, obwohl sie nur einem gehörte: Herbert Lenz. Vierundfünfzig Jahre alt, Schweißerhände, ein Rücken, der jeden Regen ansagte, bevor der Wetterbericht es tat. Die Werkstatt hatte er von seinem Vater übernommen, 1994, mit einer Hebebühne, die quietschte wie eine alte Tür, und einem Schild über der Einfahrt: LENZ – KFZ-MEISTERBETRIEB.

Seine Tochter Jana war neunzehn und wohnte noch bei ihm, im Haus mit dem Garten, in dem die Kirschbäume seiner Mutter standen. Ihre kleine Schwester Pia war elf. Die Mutter der beiden war vor vier Jahren an Krebs gestorben, und seitdem hatte Herbert die Regeln gemacht, so gut er konnte, allein, mit einer Küche, die nach Motoröl roch, egal wie oft er die Hände wusch.

Er war kein harter Mann. Er schrie nicht wegen Schulnoten, nicht wegen des Abwaschs. Nur wenn Jana später kam, als sie gesagt hatte, dann brüllte er durchs ganze Haus.

„Ich hab deiner Mutter versprochen, auf dich aufzupassen!", rief er, wenn sie einwandte, sie sei doch volljährig. „Und ich weiß besser, was gut für dich ist! Volljährig, ja klar. Erst mal 'ne Ausbildung fertigmachen, dann kannst du groß reden."

Später, wenn er sich beruhigt hatte, wurde er leiser.

„Der lässt dich sitzen, das weiß ich jetzt schon. Hast du den Wagen gesehen, mit dem der dich abholt? BMW, das hübsche Gesicht dazu – was will der mit 'nem Mädchen wie dir, Jana? Du wirst noch heulen, merk dir das."

Jana glaubte ihm nicht. Marius war zweiundzwanzig, im fünften Semester Wirtschaftsingenieurwesen in Leipzig, an einer Privathochschule, wo die Studiengebühren mehr kosteten als Herberts Werkstatt im Monat einbrachte. Jana selbst hatte den Sprung an die Uni nicht geschafft, der Numerus clausus hatte sie ausgesiebt, eine Ausbildung zur Bürokauffrau hatte sie nach drei Monaten abgebrochen, und jetzt jobbte sie – Prospekte verteilen vor dem Rewe, Regale einräumen bei dm, mal Zeitungen austragen, während sie sich nebenbei auf eine zweite Bewerbungsrunde vorbereitete.

Kennengelernt hatten sie sich vor dem Einkaufszentrum am Leipziger Hauptbahnhof. Sie hielt ihm einen Flyer für ein neues Fitnessstudio hin, er nahm einen, dann noch einen, dann einen dritten, und sagte: „Wissen Sie was – ich nehm Ihnen den ganzen Stapel ab, und Sie kommen dafür mit uns einen Kaffee trinken."

Was in sie gefahren war, wusste Jana selbst nicht, aber sie hatte ja gesagt. Die Flyer, aus Erfahrung klug geworden, warf sie nicht in der Nähe weg, sondern stopfte sie in den Rucksack und entsorgte sie erst später, auf dem Rückweg, in einem Mülleimer zwei Straßenzüge weiter.

Im Café stellte Marius sie seinen Freunden vor, bestellte Flammkuchen und Eis für alle. Solche Dinge aß Jana mit Pia sonst nur zum Geburtstag – Geld war knapp, und was von Herberts Gehalt übrig war, durfte laut seiner Ansage nicht angerührt werden, das sollte „für schlechte Zeiten" liegen bleiben, falls ihm mal was zustieße. Dabei verdiente er gar nicht so wenig. Nur ging die Hälfte drauf für den alten Passat, der ständig kaputtging, und die andere Hälfte verzockte er beim Kartenspielen mit den Nachbarn, freitags, im Partykeller vom Bäcker Wenzel.

Jana beschwerte sich nie. Sie war dankbar, dass er sie und Pia nicht aus dem Haus geworfen hatte – das Haus gehörte ihm, das der Mutter hatten sie verkaufen müssen, um die letzten Behandlungen zu bezahlen. Klar, manchmal hätte sie sich Süßigkeiten gewünscht, eine Cola, irgendwas – aber wenn mal etwas übrig war, gab sie es Pia.

Im Café hatte sie Marius gefragt, ob sie ein Stück Flammkuchen mitnehmen dürfe, für ihre kleine Schwester. Er hatte sie angesehen, überrascht, fast verlegen. Dann bestellte er einen ganzen Flammkuchen zum Mitnehmen und dazu eine große Tafel Nussschokolade.

Herberts Sorge erwies sich als unbegründet. Marius war kein Blender. Und Jana spürte in seiner Nähe deutlich, wie wenig sie selbst vorzuweisen hatte, was sie anspornte: Sie büffelte für die nächste Bewerbungsphase, fand eine Stelle als Kassiererin bei Kaufland, bekam ordentlich Geld dafür, konnte sich endlich eine vernünftige Jeans leisten und einmal zum Friseur gehen, richtig, mit Termin, nicht die Schere ihrer Tante – damit Marius stolz auf sie sein konnte.

Als er sie zu seinen Eltern ins Ferienhaus am Cospudener See einlud, wusste Jana genau, was das bedeutete. Angst hatte sie keine – sie war kein Kind mehr. Und sie liebten sich, das war doch die Hauptsache.

Dass Herbert sie nicht gehen lassen würde, hatte sie befürchtet. Doch der kam inzwischen selbst spät nach Hause, manchmal gar nicht. Jana wusste, wo er die Nächte verbrachte – bei Silke, der Krankenschwester aus der Praxis am Marktplatz, die ihm schon lange schöne Augen machte, sich aber lange gesträubt hatte, sich mit einem Mann einzulassen, der zwei Töchter aus erster Ehe mitbrachte. Sie war selbst mal verheiratet gewesen, geschieden, und irgendwann hatte sie seinem tapsigen Werben nicht mehr widerstanden.

Für Jana kam das gerade recht. Pia heulte zwar, als sie hörte, dass sie eine Nacht allein bleiben sollte, aber eine Tüte Chips, eine Cola und Nussschokolade versöhnten sie mit ihrem Schicksal.

Dass sie schwanger war, merkte Jana spät. Ihr Zyklus war seit jeher unregelmäßig, und niemand hatte ihr je beigebracht, darauf zu achten. Es war die zweite Kassiererin, Frau Bittner, die halb im Scherz fragte: „Na, du strahlst ja richtig, und dein Bäuchlein wird auch rund – bist du am Ende schwanger?"

Jana lachte damals nur und schob es auf die Schicht, auf zu viel Currywurst in der Kantine. Aber die Frage blieb hängen wie ein Splitter unter der Haut. Sie zählte nach, auf dem Handy, im Kalender, dreimal, und jedes Mal kam sie auf dieselbe Zahl: neun Wochen überfällig.

Sie kaufte den Test nicht in Falkenberg, dafür war das Dorf zu klein, jeder kannte jeden, und die Apothekerin, Frau Kessler, hätte es Herbert noch am selben Abend über den Gartenzaun erzählt. Sie fuhr mit dem Bus nach Leipzig, kaufte zwei Tests in einer Drogerie am Hauptbahnhof, benutzte sie in der Toilette eines Cafés, in dem sie noch nie gewesen war. Zwei Striche. Beide Male.

Sie erzählte es Marius zuerst. Er saß auf der Bettkante in seiner WG, den Test in der Hand, drehte ihn zweimal um, als könnte sich das Ergebnis dabei ändern.

„Ich brech mein Studium nicht ab", sagte er schließlich, und Jana wartete auf den Rest des Satzes, der nicht kam.

„Hab ich auch nicht verlangt", sagte sie.

„Aber ich lass dich nicht allein damit", fügte er hinzu, viel zu schnell, als hätte er gemerkt, wie das vorher geklungen hatte. Er nahm ihre Hand, aber Jana registrierte, dass er dabei aus dem Fenster sah, nicht sie ansah.

Zwei Wochen lang traf sie sich mit ihm nur noch auf neutralem Boden – ein Parkbank im Clara-Zetkin-Park, ein Dönerladen in der Südvorstadt. Er redete von einer Zwei-Zimmer-Wohnung, die er sich vielleicht leisten könnte, wenn seine Eltern zustimmten, mit halb abgewandtem Gesicht, während er auf sein Handy tippte. Jana verstand, dass er Zeit brauchte. Sie verstand auch, dass Zeit für ein Kind, das bereits wuchs, ein Luxus war, den keiner von ihnen wirklich hatte.

Herbert erfuhr es nicht von Jana. Er erfuhr es von Frau Kessler, der Apothekerin, die zufällig in derselben Leipziger Drogerie gewesen war und Jana an der Kasse erkannt hatte, mit zwei Schwangerschaftstests im Körbchen. Am Abend stand er in der Küche, den alten Rezeptblock in der Hand, auf dem er sich sonst Ersatzteilnummern notierte, und Jana wusste sofort, woher der Wind wehte.

„Ist das wahr?", fragte er, die Stimme flach, kein Gebrüll diesmal, was fast schlimmer war.

Jana nickte nicht, sie sagte es laut: „Ja."

Er setzte sich, stand wieder auf, ging zur Anrichte, kam zurück. „Und der feine Herr Student? Weiß der Bescheid?"

„Er weiß es."

„Und?"

Jana sagte nichts. Das Schweigen war die Antwort, und Herbert verstand sie, ohne dass sie ein Wort mehr sagen musste. Er schrie nicht. Er setzte sich auf den Küchenstuhl, den ihre Mutter immer benutzt hatte, den mit der geflickten Lehne, und sagte leise: „Ich hab's dir gesagt."

„Das hilft mir jetzt nicht", sagte Jana, und zum ersten Mal in ihrem Leben widersprach sie ihm nicht ängstlich, sondern mit einer Ruhe, die sie selbst überraschte.

Vier Monate später, im Januar, als Falkenberg unter einer dünnen Schneedecke lag und der Konsum am Marktplatz Lebkuchen zum halben Preis verkaufte, weil die Weihnachtsware endlich raus musste, stand Jana im Wartezimmer der Frauenärztin in Borna, sechster Monat, den Bauch schon deutlich sichtbar unter der Winterjacke. Marius war nicht dabei. Er hatte angerufen, zwei Tage zuvor, mit einer Stimme, die klang, als würde er einen auswendig gelernten Text vorlesen: Er brauche „Abstand", um „klarzukommen", das Studium, die Prüfungen, seine Eltern, die von der Sache noch nichts wussten und es „in dieser Form" wohl auch nicht erfahren sollten.

Herbert hatte sie zum Termin gefahren, im Passat, der diesmal ausnahmsweise nicht liegen geblieben war. Er saß im Wartezimmer neben ihr, auf einem dieser unbequemen Plastikstühle, in seiner Arbeitsjacke, die noch nach der Werkstatt roch, und blätterte in einer Zeitschrift, ohne wirklich zu lesen.

„Du musst nicht mit reinkommen", sagte Jana, als ihr Name aufgerufen wurde.

„Ich komm mit", sagte er, und stand auf, bevor sie protestieren konnte.

Im Behandlungszimmer, während die Ärztin das Ultraschallgerät über Janas Bauch führte und auf dem Monitor ein kleines, ruckelndes Herz aufleuchtete, stand Herbert am Fußende der Liege, die Mütze in beiden Händen, und schwieg. Jana sah, wie sich seine Kiefermuskeln bewegten, als er die Zähne zusammenbiss, und wusste, dass er sich Mühe gab, nicht zu weinen, vor der Ärztin, vor ihr.

Danach, im Auto, auf dem Parkplatz, bevor er den Motor startete, sagte er: „Der Kerl kommt nicht mehr in mein Haus. Aber du – du bleibst, so lange du willst. Du und das Kind."

„Ich hab kein Geld für ein eigenes Zimmer für das Baby", sagte Jana leise.

„Alénas altes Zimmer, das mit dem Erker – das wird umgebaut. Ich hab noch Farbe im Keller." Er sagte es, als wäre die Sache damit erledigt, so wie er über einen kaputten Auspuff gesprochen hätte.

Marius meldete sich noch zweimal. Einmal mit einer SMS, die fragte, ob „alles okay" sei, ohne ein einziges Fragezeichen zum Kind zu verschwenden. Einmal, im März, mit einem Anruf, in dem er vorschlug, „vielleicht Unterhalt zu regeln, aber offiziell, über einen Anwalt, damit es sauber läuft" – ein Satz, der mehr nach Absicherung für ihn selbst klang als nach Verantwortung.

Jana ging zum Jugendamt in Borna, allein, mit einem Ordner, den sie sich selbst zusammengestellt hatte: Kontoauszüge, die zeigten, was sie verdiente, Immatrikulationsbescheinigung von Marius' Hochschule, die eine Freundin ihr besorgt hatte, ein ausgedrucktes Formular für die Unterhaltsvorschusskasse. Die Sachbearbeiterin, eine Frau mit grauem Pferdeschwanz und einer Stimme, die keine Umwege machte, sagte ihr, wie das Beistandschaftsverfahren funktioniere, was sie einreichen müsse, und dass Marius, ob er wolle oder nicht, zahlen müsse, sobald das Kind geboren sei – vierhundertdreißig Euro im Monat, nach der Düsseldorfer Tabelle, für seine Einkommensklasse als Student mit BAföG und Nebenjob.

Ende April kam Lotta zur Welt, in der Klinik in Borna, um vier Uhr morgens, mit einer Lunge, die sofort und laut protestierte, kaum dass sie draußen war. Herbert wartete auf dem Flur, in derselben Arbeitsjacke, weil er direkt aus der Werkstatt gekommen war, einen Ölfleck noch am Ärmel. Als die Schwester ihn ins Zimmer ließ, nahm er das Bündel so vorsichtig in die Arme, als hielte er einen Vergaser, der beim kleinsten falschen Handgriff explodieren könnte.

Marius kam nicht. Nicht am Tag der Geburt, nicht in der ersten Woche. Erst im Juni, als der erste Brief vom Jugendamt bei ihm ankam, stand er unangekündigt vor Herberts Werkstatt, in einem Hemd, das aussah, als hätte er es extra für diesen Auftritt gebügelt.

„Ich will sie sehen", sagte er zu Jana, die gerade an der Hebebühne stand und Herbert ein Werkzeug reichte.

„Du hast fünf Monate gehabt", sagte Jana. Sie wischte sich die Hände an der Hose ab, ohne ihn dabei aus den Augen zu lassen. „Jetzt gibt's einen Beistand, einen Termin beim Amt, und du zahlst, was das Gericht festlegt. Sehen kannst du sie, aber nicht so, mit einem gebügelten Hemd vor der Werkstatt, wenn's dir gerade passt."

Herbert stand daneben, die Zange noch in der Hand, sagte kein Wort, aber er stellte sich, ohne es zu bemerken, halb vor Jana und Lotta, die im Kinderwagen neben der Werkbank schlief.

Marius blieb noch einen Moment stehen, den Mund halb geöffnet, als wolle er etwas erwidern. Dann drehte er sich um und ging zu seinem BMW, der jetzt, im Werkstatthof zwischen den alten Reifenstapeln, kleiner wirkte, als Jana ihn in Erinnerung hatte.

Im August unterschrieb Jana beim Notar in Borna die Vollmacht für die Beistandschaft, mit der das Jugendamt den Unterhalt für Lotta gerichtlich einfordern konnte. Herbert saß neben ihr, hatte extra für diesen Termin die Werkstatt geschlossen, ein Schild an die Tür gehängt: „Heute wegen dringendem Familientermin geschlossen." Als Jana den Stift ablegte, sah sie zu ihm hinüber.

„Danke", sagte sie, „dass du recht hattest und trotzdem nicht ,ich hab's dir doch gesagt' gesagt hast."

Herbert schnaubte, halb ein Lachen. „Hab ich doch gesagt", murmelte er, und griff nach dem Kinderwagen, um ihn über die Türschwelle zu schieben, während draußen der Bus nach Falkenberg hupte, weil er drei Minuten zu früh losfahren wollte.

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