Der Rucksack, der Rica den Rhein zeigte

„Genau auf diesen Moment habe ich gewartet", sagt Rica, während Herr Brenner ihr die Gurte über der Brust festzieht. Kein großes Wort, keine Umarmung, nur dieser eine Satz, ausgesprochen mit derselben Ruhe, mit der andere Kinder ihre Schuhe binden. Der Nieselregen über dem Deutschen Eck wird in diesem Moment leiser, oder es kommt ihr nur so vor, weil die Klasse schon Richtung Uferpromenade lostrottet und sie zum ersten Mal seit Ewigkeiten nicht zurückbleibt.

Rica Wallner ist zehn. Sie hat Spina bifida, eine angeborene Fehlbildung der Wirbelsäule, sitzt im Rollstuhl, seit sie eigentlich laufen lernen sollte. An der Grundschule in der Lindenstraße in Koblenz kennt sie jeden in der 4b beim Vornamen. Was sie nicht kennt: das Gefühl, bei einem Ausflug einfach mitzukommen, ohne dass vorher jemand mit gerunzelter Stirn über Rampen und Kies redet.

Sie hat nie um eine Extra-Tour gebeten. Sie wollte dieselben Erinnerungen wie die anderen — nicht die Version, die ihre Mutter ihr an Wochenenden extra zurechtlegte, mit glattem Boden und barrierefreiem Eingang, sondern die echte, gemeinsame. Meistens lief es so: Die Klasse fuhr los, Rica blieb zu Hause, und montags saß sie in der ersten Reihe und hörte zu, wie die anderen von etwas erzählten, bei dem sie nicht dabei gewesen war.

Im September stand der Ausflug zum Deutschen Eck an, mit Wanderung entlang der Mosel bis zu den Weinbergterrassen bei Winningen — steiler Schieferboden, schmale Trampelpfade, für Räder unmöglich. Frau Dornbach, die Klassenlehrerin, hatte schon vorsichtig gefragt, ob Rica an diesem Tag vielleicht in der Schule bliebe, mit einer Betreuungskraft und einem Arbeitsblatt über den Rhein-Mosel-Zusammenfluss.

Die andere Lösung kam von jemandem, der mit der Klasse eigentlich nichts zu tun hatte. Herr Brenner unterrichtete Sport in der Parallelklasse, kannte Rica nur vom Pausenhof, wo sie mit ihrem Rollstuhl fast schneller um die Ecke bog als die Jungs mit ihren Rollern. Zu Hause stand eine alte Kraxe, so ein Kindertragerucksack, mit dem er früher seine eigenen Töchter durch die Eifel geschleppt hatte, bevor die laufen konnten. Er fragte Frau Dornbach, ob er mitkommen und Rica einfach tragen dürfe. Auf dem Rücken, den ganzen Weg.

Am Elternabend gab es Streit. Ricas Mutter, Sabine Wallner, saß mit verschränkten Armen in der letzten Reihe, das Klassenzimmer roch nach Kreide und kaltem Kaffee, und rundherum fragten Eltern, ob das nicht zu gefährlich sei, ob die Schule dafür überhaupt versichert sei, ob man nicht besser einen Rampenbus chartere — der laut Reisebüro aber erst in drei Wochen frei war, der Ausflug war für Freitag geplant. Herr Brenner sagte nur, er habe das schon mit zwanzig Kilo Ausrüstung am Rücken gemacht, ein Kind von dreißig Kilo sei kein Problem, und er trage die Verantwortung dafür. Der Schulleiter zögerte lange, unterschrieb dann, nachdem Frau Dornbach eine zweite Begleitperson aufgetrieben hatte.

Freitagmorgen, kurz nach acht. Die Kaiser-Wilhelm-Statue grau im Dunst, alle in Regenjacken, jemand hatte seine Brotdose vergessen, und Timo fütterte heimlich einen streunenden Hund mit seinem Pausenbrot, bis die Lehrerin es sah. Rica wartete im Rollstuhl neben dem Gepäckfach, während Herr Brenner die Kraxe aus dem Kofferraum seines alten Kombis hob und Gurt für Gurt prüfte. Dann dieser Satz von ihr, und los ging's.

Der Weg entlang der Mosel war zäher, als irgendjemand gedacht hatte. Nach der ersten Stunde verengte sich der Pfad zwischen zwei Weinbergterrassen auf kaum Schulterbreite. Der Schiefer war nass vom Nieselregen, dunkel und glänzend wie nasser Schiefer eben glänzt, und Herr Brenners rechter Fuß rutschte einfach weg, ohne Vorwarnung. Er riss die Hand zur Seite, bekam einen Rebstock zu fassen, die Rinde schnitt in seine Handfläche, sein Knie schlug gegen Stein. Auf seinem Rücken schrie Rica auf, ein einzelner, hoher Ton direkt an seinem Ohr, ihre Finger krallten sich in seine Jacke, er spürte ihr ganzes Gewicht auf einmal nach rechts kippen, gegen die Gurte, gegen ihn. Für einen Moment war da nur das: sein Atem, angehalten, ihr Griff, der Abhang unter ihnen, dreißig, vierzig Zentimeter bis zur Kante der Terrasse. Dann fand sein Stiefel wieder Halt auf einer trockeneren Stelle, und er stand.

Zwei Sekunden gar nichts. Dann lachte Rica — weil Herr Brenner beim Straucheln ein Geräusch gemacht hatte wie ein meckernder Ziegenbock, ein Laut, den keiner ihm zugetraut hätte, und sie prustete ihm ins Ohr, und die halbe Klasse, die das mitbekommen hatte, lachte mit, unsicher zuerst, dann lauter. Rica war in diesem Moment nicht mehr das Mädchen, das getragen wurde. Sie war die, die dabei war, als Herr Brenner fast hinfiel und wie ein Ziegenbock klang — die Geschichte, die montags in der Klasse erzählt würde.

Mittags, an einer Lichtung mit Blick auf die Terrassen, packte jeder seine Brotdose aus. Rica bestand darauf, aus der Kraxe zu klettern und sich ins feuchte Gras zu setzen wie alle anderen, obwohl ihre Mutter ihr geraten hatte, lieber auf der Picknickdecke zu bleiben. Sie saß mit durchnässter Hose zwischen zwei Mitschülerinnen, riss Grashalme aus und flocht sie ineinander, während sie ihr Brot aß, und niemand fand daran etwas Besonderes.

Zwei Wochen später, Elternvertretersitzung. Auf der Tagesordnung: ein zweites Trageset für die Schule, finanziert aus der Klassenkasse und einer Elternspende, zweihundertzehn Euro insgesamt, damit nicht jedes Mal Herr Brenners Privatausrüstung herhalten musste. Ein Vater enthielt sich, fand, das sei Sache der Stadt. Er wurde überstimmt.

Am Abend danach sitzt Sabine Wallner am Küchentisch, ein leerer Ordner vor sich, den sie extra dafür gekauft hat. Sie legt die schriftliche Zusage der Schulleitung hinein — künftig wird bei jedem Ausflug mit unwegsamem Gelände automatisch geprüft, ob eine Trage- oder Kraxenlösung nötig ist, damit beim nächsten Mal keiner am Elternabend erst fragen muss, ob das nicht zu gefährlich sei. Dazu den Kostenvoranschlag fürs zweite Set. Und zuletzt die Teilnehmerliste vom Ausflug zum Deutschen Eck, die sie glattstreicht, bevor sie sie einheftet. Sie sucht kurz, mit dem Finger auf dem Papier, findet den Namen ihrer Tochter nicht am Rand, nicht mit Sternchen, nicht gesondert vermerkt — er steht einfach in der Reihe, zwischen Timo und Léonie, so wie jeder andere Name auch. Sie klappt den Ordner zu und lässt ihn auf dem Tisch liegen, noch eine Weile, bevor sie das Licht ausmacht.

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Der Rucksack, der Rica den Rhein zeigte