Ein Blitz eines Autos vor der Werkstatt, Motorengeruch aus der Vorderfront

Ich heiße Bernd Kessler, ich betreibe seit einundzwanzig Jahren die Kfz-Werkstatt an der Ecke Lindenallee in Cottbus, gleich gegenüber vom Kleingartenverein „Sonnenwinkel". Ich erzähle das nicht, weil ich in der Geschichte eine Rolle gespielt hätte. Ich habe nur gesehen, was am Zaun passiert ist, und weil meine Werkstatt die einzige mit Schweißgerät und Bolzenschneider im ganzen Verein ist, wurde ich reingezogen. Freitagabend war das, kurz vor Ladenschluss, ich wollte eigentlich nur noch den Rolladen runterlassen.

Die Frau kannte ich vom Sehen. Katrin Lorenz, Ende dreißig, Physiotherapeutin in der Praxis an der Bahnhofstraße, seit vier Jahren Besitzerin der kleinen Parzelle 14 im Verein, die ihr eine Tante vermacht hatte. Ihr Mann Torsten kam öfter vorbei — meistens um Schrott abzuladen. Alte Heizkörper, verbogene Bewehrungsstäbe, Reste von einem Opel, den er längst verkauft hatte. Er stapelte das Zeug am Zaun der Parzelle, als wäre es ein Gewerbehof und keine Laube mit Rosenbeet.

An diesem Freitag stand Torsten bei mir vor der Tür, roch nach Zigarette und Aufregung, und fragte, ob ich ihm zwei Torbohlen aufschweißen könnte, weil er am Sonntag mit einem Makler auf die Parzelle wolle. Ich fragte nicht nach, das mache ich nie — wer bei mir schweißen lässt, muss mir nicht seine Ehe erklären. Aber er erzählte trotzdem, halb zu mir, halb zu sich selbst: dass seine Mutter, Erika Lorenz, die undichten Rohre im Bad nicht bezahlen könne, dass das Grundstück seiner Frau "eh nur Unkraut trägt" und dass er den Verkauf schon mit einem Makler aus Forst besprochen habe. Vierhundert Quadratmeter, gute Lage nah am See, er rechnete mit sechsunddreißigtausend Euro.

Ich hab bloß genickt und die Bohlen bestellt.

Zwei Tage später — Sonntagmorgen, kalt, Nebel über dem Vereinsteich, irgendwo lief bei jemandem das Radio mit dem Wetterbericht für die neue Woche — stand ich zufällig am Zaun, weil ich meinen Hund ausführte, und sah Katrin die Straße hochkommen. Nicht mit Einkaufstüten wie sonst samstags. Sie trug eine Aktenmappe unter dem Arm, braun, abgewetzt an den Ecken, ich kannte die Mappe, weil sie darin immer die Papiere für ihre Steuererklärung transportierte, wenn sie zu meiner Frau kam, die als Buchhalterin nebenbei aushilft.

Sie ging nicht zur Laube. Sie ging zu meiner Werkstatt.

„Bernd", sagte sie, und ihre Stimme war ruhig, viel zu ruhig für das, was sie als Nächstes sagte. „Kannst du mir ein neues Schloss ans Gartentor schweißen? Und den alten Riegel rausschneiden?"

Ich fragte, ob es eilig sei. Sie sagte: bis heute Mittag. Der Makler komme um vierzehn Uhr.

Ich hab die Flex geholt, den Riegel des alten Tores rausgetrennt — Funken sprühten auf den Kies, mein Hund bellte einmal und legte sich dann wieder hin, der kennt das Geräusch schon — und ein neues Vorhängeschloss mit Kette eingeschweißt, so massiv, dass man es nur noch mit einem Winkelschleifer wieder rausbekommt. Katrin stand die ganze Zeit daneben, die Aktenmappe unter dem Arm, und blätterte still in den Papieren. Ich sah einen Grundbuchauszug, ich sah eine Vollmacht mit rotem Stempel, ich sah eine Kontoübersicht der Sparkasse Spree-Neiße mit einer Zahl, die ich nicht genau lesen konnte, aber es waren mehrere Nullen.

Um kurz vor zwei kam ein silberner VW Passat die Straße runter, hielt vor der Parzelle. Torsten stieg aus, im Blazer, was in einer Kleingartenanlage schon fast komisch wirkte, und hinter ihm ein Mann mit Aktentasche — der Makler, nehme ich an. Torsten ging zum Tor, zog am Schloss. Es öffnete sich nicht. Er zog noch mal, rüttelte, dann sah er das neue Metall, blank und frisch verschweißt, wo gestern noch der alte verrostete Riegel gewesen war.

„Was soll das", rief er, drehte sich um — und sah seine Frau auf der Bank vor der Nachbarparzelle sitzen, die Mappe jetzt geöffnet auf den Knien.

„Ich habe heute früh beim Notar in der Bahnhofstraße unterschrieben", sagte Katrin, ohne aufzustehen. „Die Parzelle geht an den Kleingartenverein zurück in Erbpacht, auf meinen Namen, mit Nießbrauchvermerk. Kein Verkauf, keine Vollmacht für dich, kein Zugriff auf mein Konto bei der Sparkasse — das hatte ich übrigens sicherheitshalber schon Mittwoch gesperrt und ein neues eröffnet, nachdem ich deine Nachricht an deine Mutter gelesen hatte, wo du geschrieben hast, du hättest schon 'so gut wie unterschrieben'."

Der Makler stand daneben, sah auf seine Uhr, sagte irgendwas von „dann fahr ich mal wieder" und verschwand tatsächlich innerhalb von einer Minute zurück zum Auto.

Torsten schrie noch was von „unsere Ehe", von „Familie hilft Familie", rüttelte noch zweimal am Schloss, das nicht nachgab, weil ich weiß, wie man schweißt. Katrin blieb sitzen. Sie sagte nur noch einen Satz, den ich nie vergessen werde, weil sie ihn so nüchtern aussprach, als würde sie einen Befund verlesen: „Für deine Mutter zahle ich nicht mit meinem Erbe. Wenn sie einen Kredit für die Rohre braucht, gibt es die Sparkasse. Die Tür ist offen, mein Tor nicht mehr."

Ich hab meine Flex weggepackt, den Hund an die Leine genommen und bin gegangen. Was aus den beiden geworden ist, weiß ich nicht genau — ich hab Torsten seitdem nur einmal gesehen, wie er allein an seinem Passat stand, vor dem verschlossenen Tor, und telefonierte. Ob mit seiner Mutter oder mit einem Anwalt, das ging mich nichts an. Das neue Schloss hängt da immer noch. Ich hab's gemacht.

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