Zehn Punkte für Deutschland – und keine Krankenversicherung

Karin Voss war siebzehn, als sie in der Turnhalle in Stuttgart-Bad Cannstatt zum letzten Mal auf das Sprungbrett zulief. Landesmeisterschaft, Bodenturnen, Note 9,95 – die beste ihres Jahrgangs. Der Trainer nannte sie danach nur noch „die Kleine mit dem Eisenwillen". Zeitungen druckten ihr Foto neben Boris Becker und Steffi Graf, als wäre sie Teil derselben Geschichte. Ein Sportartikelhersteller aus Herzogenaurach schickte ihr kostenlose Turnschuhe fürs ganze Team. Für ein paar Jahre kannte man in halb Baden-Württemberg ihren Namen.

Vierzig Jahre später lag sie im Klinikum Esslingen, Intensivstation, Zimmer 14. Draußen vor dem Fenster hingen im März noch die Reste vom Schnee an den Randsteinen, und drinnen piepte ein Monitor im Sekundentakt neben ihrem Bett. Eine seltene bakterielle Lungenentzündung hatte sich in beiden Flügeln festgesetzt. Sie konnte nicht mehr allein atmen. Ihre Tochter Nele, dreiundzwanzig, saß zwei Nächte auf einem Plastikstuhl im Flur und zählte die Fliesen auf dem Boden, um nicht an das zu denken, was der Arzt am Vormittag gesagt hatte: dass man sich auf das Schlimmste vorbereiten solle.

Und dann kam die Nachricht, die niemand erwartet hatte. Karin Voss, freiwillig krankenversichert gewesen bis 2019, hatte ihre private Absicherung ausgesetzt, weil sie sich die Monatsbeiträge nicht mehr leisten konnte. Nach der Scheidung von ihrem Mann, einem Physiotherapeuten aus Fellbach, war ihr Einkommen aus Vorträgen und Sponsoring-Auftritten praktisch versiegt. Zweiunddreißig orthopädische Eingriffe in vierzig Jahren hatten ihren Körper ausgezehrt, aber auch ihr Konto. Die Beiträge lagen zuletzt bei über sechshundert Euro im Monat – Geld, das sie nicht mehr hatte.

Nele stellte am Abend im Krankenhausflur eine Spendenaktion online, mit einem Zielbetrag von fünfundvierzigtausend Euro für Behandlungskosten und die Reha danach. Sie schrieb keine langen Sätze dazu, nur: „Meine Mutter hat uns beigebracht zu kämpfen. Jetzt kämpft sie, und wir brauchen Hilfe." Innerhalb von zwölf Stunden waren es über hundertfünfzigtausend Euro. Am Ende hatten mehr als siebentausend Menschen gespendet, insgesamt knapp vierhundertzwanzigtausend Euro. Manche schrieben, sie hätten die Sprungmatte noch vor Augen, obwohl sie damals selbst erst sechs oder sieben gewesen waren. Andere erinnerten sich nur vage an ein Foto im Stern, an ein Turnmädchen mit Zopf und geradem Rücken, das aussah, als könne ihm nichts etwas anhaben.

Die Empörung ließ nicht lange auf sich warten. Kommentarspalten füllten sich mit der immer gleichen Frage: Wie kann eine Frau, die einmal für ganz Deutschland gewonnen hat, ohne Absicherung dastehen? Ein Sozialrechtler aus Tübingen erklärte in einem Radiointerview, dass in Deutschland niemand offiziell „unversichert" sein dürfe – seit 2009 gilt die allgemeine Versicherungspflicht, wer freiwillig gesetzlich oder privat versichert war, könne bei Zahlungsrückstand zwar in den Notlagentarif rutschen, aber Behandlung werde nie verweigert. Das Problem, sagte er, liege woanders: bei den Beitragsschulden, den Mahnbescheiden, der Angst, die Post überhaupt noch zu öffnen.

Genau das bestätigte sich zwei Wochen später, als eine Mitarbeiterin der Krankenkasse öffentlich Stellung nahm, ohne Details zu nennen, aber mit einem Satz, der hängen blieb: dass Beitragsschulden bei ehemals Selbstständigen keine Seltenheit seien, gerade nach Trennungen oder Einkommenseinbrüchen wie in der Pandemie, und dass die Kasse längst eine Ratenzahlung angeboten habe – ein Angebot, das Karin Voss aus Scham nie angenommen hatte.

Karin überlebte. Nach sechzehn Tagen auf der Intensivstation und weiteren drei Wochen auf der Normalstation kam sie nach Hause, mit einer tragbaren Sauerstoffflasche, die sie noch monatelang neben sich herzog wie einen kleinen treuen Hund. Der Nachbar, ein pensionierter Postbeamter, stellte ihr jeden Morgen die Zeitung direkt vor die Wohnungstür, damit sie nicht bis zum Briefkasten im Erdgeschoss laufen musste.

Vier Wochen nach der Entlassung saß Nele mit ihrer Mutter am Küchentisch, zwischen ihnen ein Aktenordner mit rotem Rücken, den Nele selbst beschriftet hatte: „Kasse – Offene Posten." Karin blätterte nicht darin, sie schob ihn nur ein Stück zur Seite und sagte, sie könne das jetzt nicht. Nele klappte ihn trotzdem auf. Sie hatte in den Wochen im Krankenhaus gelernt, mit wem man bei der Kasse sprechen muss, welche Nummer im Sachbearbeiter-Kürzel für Ratenzahlung steht, wie man einen Erlassantrag für die aufgelaufenen Säumniszuschläge stellt. Am Ende dieses Nachmittags unterschrieb Karin eine Ratenvereinbarung über die Restschuld bei der Kasse – zu zahlen in vierundzwanzig Monatsraten – und Nele rief bei der Bank an, um einen Dauerauftrag einzurichten, damit die Rate ab sofort automatisch abgeht und nie wieder ein Brief unbeantwortet liegen bleibt.

Von den Spendengeldern blieben nach Abzug aller Behandlungs- und Rehakosten gut hundertsechzigtausend Euro übrig. Karin entschied, diese Summe nicht zu behalten. Sie ließ über einen Notar in Esslingen eine Zweckbindung aufsetzen: Das Geld ging an eine Stiftung für Lungenerkrankungen in Stuttgart, mit der Auflage, dass es ausschließlich für Menschen verwendet wird, die genau in die Lücke fallen, in der sie selbst gelandet war – ehemals Selbstständige mit Beitragsschulden bei der Krankenkasse.

Als der Postbeamte von nebenan sie fragte, ob sie nicht wenigstens einen Teil für sich behalten wolle, für die Reha, für neue Schuhe, für irgendwas, drehte Karin den Schlüssel in ihrer Wohnungstür um und sagte nur, die Sohlen ihrer alten Turnschuhe seien noch gut genug. Dann ging sie mit der Sauerstoffflasche im Rollwägelchen die drei Treppenstufen zum Hof hinunter, langsamer als früher, aber sie ging.

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