Die Zahl 13

Ich arbeite seit zwölf Jahren in der Sparkasse am Königsplatz in Augsburg. Ich habe schon viel gesehen – Leute, die weinen, schreien, betteln. Aber diesen Nachmittag im Oktober werde ich nicht vergessen. Draußen regnete es seit dem Morgen, und die Straßenbahn der Linie 2 quietschte jedes Mal, wenn sie um die Ecke bog. In der Filiale roch es nach dem Kaffee aus dem Automaten, den keiner richtig mochte.

Ich sortierte gerade Überweisungsbelege und dachte an meinen Urlaub in drei Wochen – Berge, frische Luft, keine Bildschirme. Auf meinem Schreibtisch stand der kleine Kaktus, den mir meine ehemalige Kollegin Petra geschenkt hatte. Ich vergaß immer, ihn zu gießen.

Die Eingangstür ging auf, und der Wind trieb ein paar Regentropfen bis zu meinem Schalter.

Eine Frau kam herein, vielleicht Anfang dreißig. Sie trug einen grauen Regenmantel, die Haare waren nass und klebten an den Wangen. Unter dem Arm hielt sie eine braune Ledermappe. Sie ging direkt zu meinem Schalter, setzte sich, ohne zu fragen, und sagte: „Ich möchte ein gemeinsames Konto auflösen. Alles auf ein anderes Konto überweisen.“

Ich tippte die Kontonummer ein. Ein Sparkonto, gemeinsame Inhaber: Johanna Berger und Gisela Berger, eröffnet am 13. Mai vor dreizehn Jahren. Der Kontostand betrug 48.250 Euro.

„Das ist ein Gemeinschaftskonto“, sagte ich vorsichtig. „Beide Inhaber müssen zustimmen, wenn ich es schließen soll. Oder eine Vollmacht.“

„Ich habe eine Vollmacht“, sagte sie und schob mir ein Papier hin. „Meine Mutter hat sie mir vor drei Jahren gegeben, als sie dachte, ich würde nur ihr zuliebe unterschreiben. Sie hat nie verstanden, was das bedeutet.“

Ich prüfte das Dokument. Es war gültig. Vollmacht über alle Konten, inklusive Einzelverfügung.

„Ich möchte die gesamte Summe auf das Jugendkonto meines Sohnes überweisen“, sagte sie leise. „Er ist sieben. Das Geld gehört ihm. Ich habe es elf Jahre lang zurückgelegt. Für seine Zukunft.“

Ihre Hände zitterten, als sie einen Stift aus der Tasche zog. Kein Zorn, keine Genugtuung. Eher Müdigkeit.

Ich begann mit der Überweisung. Draußen fuhr wieder die Straßenbahn vorbei, und das Quietschen mischte sich mit dem Geräusch des Druckers.

Bevor ich den Vorgang bestätigte, öffnete Johanna ihre Handtasche noch einmal und zog einen weißen Umschlag hervor, den sie neben die Ledermappe auf die Theke legte.

„Das habe ich vorhin am Automaten abgehoben“, sagte sie, mehr zu sich selbst als zu mir. „Fünftausend. Für etwas anderes.“

Ich fragte nicht nach. Es war nicht meine Sache.

Plötzlich riss die Eingangstür auf.

Eine ältere Frau stürmte herein, vielleicht Ende sechzig. Der Regen tropfte von ihrem Mantel, sie hielt einen zerknüllten Zettel in der Faust. Sie sah sofort zu unserem Schalter.

„Johanna! Was machst du da? Das ist mein Geld!“

Die junge Frau drehte sich nicht um. Sie sah auf den Bildschirm, wo die Bestätigung der Überweisung erschien. 48.250 Euro.

„Du kannst das nicht machen!“ schrie die Alte. „Das ist unser Geld! Dein Vater hat es uns hinterlassen!“

Jetzt drehte sich Johanna um. Sie stand auf, und ich bemerkte, wie sie die Ledermappe fest an ihre Brust drückte.

„Papa hat mir das Konto eingerichtet, als ich achtzehn wurde“, sagte sie. Ihre Stimme war ruhig, aber ich sah, wie ihre Knöchel weiß wurden. „Du hattest Zugriff, weil ich dumm war. Jetzt ist Schluss.“

Die alte Frau – Gisela, wie ich aus den Kontodaten wusste – kam näher. Sie packte Johanna am Ärmel.

„Du weißt, warum du das machst, du undankbares Kind! Wegen dieser verdammten Numerologie! Ich habe dir immer gesagt, dass mit der Zahl 13 kein Segen auf deinem Leben liegt. Dein Vater ist an einem 13. gestorben, und ich habe dich vor diesem Fluch gewarnt, seit du ein Kind warst. Und jetzt bestrafst du mich?“

Johanna riss sich los. Sie schob den weißen Umschlag über die Theke, zu ihrer Mutter hin.

„Hier sind fünftausend Euro. Damit du siehst, dass ich kein dummes Kind mehr bin, das an deine Karten glaubt. Ruf mich nie wieder an. Und komm nicht zu meiner Wohnung.“

Gisela stand da, den Mund halb offen. Sie starrte auf den Umschlag, dann auf ihre Tochter.

Ich war Zeuge. Ich mischte mich nicht ein, aber ich spürte, wie mein Herz schneller schlug. Zwölf Jahre hinter diesem Schalter, und so etwas hatte ich noch nie erlebt.

„Die Überweisung ist durchgeführt“, sagte ich und schob das Bestätigungsformular über den Tresen.

Johanna nahm es, faltete es sorgfältig und steckte es in ihre Ledermappe. Dann griff sie nach ihrer Handtasche.

„Danke“, sagte sie zu mir, ohne mich anzusehen.

Sie ging zur Tür. Gisela rief ihr hinterher: „Du wirst es bereuen! Die Zahl 13 wird dich verfolgen! Dein ganzes Leben lang!“

Johanna blieb an der Tür stehen. Ihre Schultern hoben sich, als wollte sie etwas sagen. Aber sie sagte nichts. Sie zog die Tür auf, und der kalte Oktoberwind blies herein.

Dann war sie weg.

Gisela stand noch immer an meinem Schalter. Der Regen tropfte von ihren Ärmeln auf den Boden. Sie griff nach dem Umschlag, riss ihn auf. Zwischen den zusammengefalteten Geldscheinen lag ein kleiner Zettel, handbeschrieben.

Sie las ihn, und ihre Finger, die den Zettel hielten, sanken langsam herab, bis sie schlaff neben dem Umschlag lagen.

Ich beugte mich nicht vor, aber aus dem Augenwinkel erkannte ich Johannas Handschrift: eine Zahlenreihe, dann darunter, in Druckbuchstaben: „Deine eigene Glückszahl, laut deinem Numerologen, den du mir all die Jahre verschwiegen hast. Ich habe seine Rechnungen in deiner Schublade gefunden. Du hast nie an mich geglaubt. Du hast nur an Zahlen geglaubt, die dir jemand verkauft hat.“

Gisela faltete den Zettel wieder zusammen, ganz langsam, als könnte sie damit auch die Worte darauf verschwinden lassen. Dann drehte sie sich um und ging hinaus in den Regen. Durch das Fenster sah ich, wie sie an der Haltestelle stehen blieb, den Umschlag fest in der Hand. Die Straßenbahn kam, und sie stieg ein, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Ich lehnte mich in meinem Stuhl zurück. Meine Hände lagen auf der Tastatur, aber ich tippte nichts. Vor mir stand der kleine Kaktus. Ich nahm die Wasserflasche und goss ihn zum ersten Mal seit Wochen.

Draußen zog die Linie 2 vorbei, und das Quietschen klang an diesem Nachmittag wie ein Schlussstrich.

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