Das erste, was ich je gerochen habe, ist Salz, Fisch und nasser Tang. Keine Ahnung, warum mich meine Mutter an den Steinen unterhalb der Kreidefelsen von Vitt zurückgelassen hat. Vielleicht war ich das schwächste, das mickrigste von fünf grauen Fellknäueln. Ich war halt ein kleines, zitterndes Ding mit viel zu großen Ohren. Also saß ich da, halb verhungert, und starrte auf die Ostsee. Nachts schlief ich unter einem umgedrehten Kutter, der nach Diesel und alten Netzen roch.
An dem Morgen, der alles änderte, war die Luft zum Schneiden. Es hatte die ganze Nacht gestürmt, und im Hafenbecken trieben Äste und verbeulte Bojen. Ein Fischkutter namens *Möwe III* tuckerte vorbei, jemand spülte Eimer aus, Möwen kreischten über einem Fischabfall. Ich wankte auf den Steg, rutschte auf einer nassen Planke aus und fiel kopfüber in eine halboffene Alukiste. Drei Sekunden später hievte mich eine riesige Hand im Arbeitshandschuh hoch.
Die Hand gehörte Hans. Hans war Tauchlehrer, Typ blonder Riese mit faltigem Lächeln und einem Kinn, das im September noch Sommersprossen hatte. Er musterte mich kurz, brummte etwas, das klang wie „dir geht’s ja dreckig“, und steckte mich in seine Jackentasche. So fuhr ich raus auf seinen Kahn – die *Kreideprinzessin*, ein umgebauter Ausflugskatamaran mit Tauchplattform und einem ganzen Schrank voller Neoprenanzüge.
Die nächste Überraschung lag auf dem Vordeck. Nahm ich jedenfalls an. Sie war knapp zwei Meter lang, wog schätzungsweise dreihundert Kilo und hatte große, dunkle Hundeaugen. Ein Seehundbulle. Gustav.
Als Hans mich aus der Tasche zog und auf den Boden setzte, geschah Folgendes: Ich sah diesen fetten, glänzenden Fischleib mit den lustigen Flossen, und mein Schwanz fuhr hoch wie ein Brezelständer. Jedes Haar an meinem winzigen Körper stellte sich einzeln auf. Ich machte einen Buckel, so groß ich konnte, und fauchte. Es klang etwa wie ein undichter Fahrradschlauch. Dann sprang ich um Gustav herum, zeigte ihm meine Krallen – stecknadelgroße Splitter – und fauchte nochmal.
Gustav gluckste. Wie ein warmer Eintopf, der vor sich hin blubbert. Er zog sich auf die Brustflosse, neigte den Kopf und musterte mich. Kein Zähnefletschen, kein Brüllen. Er stupste mir mit der Schnauze ein Stückchen frische Makrele zu. Das Stück war größer als mein Kopf.
So lernte ich Gustav kennen.
Die nächsten Tage waren eine einzige Empörung. Gustav lag breit da, und die Touristinnen kreischten entzückt. Er wedelte mit den Flossen, sie klatschten. Ich saß unter der Reling und leckte mir das Fell. Doch nach drei Tagen merkte ich: Die Stelle unter seiner linken Brustflosse war behaglich. Dort zog es nicht, der Wind pfeifft nicht, und es roch nach Meer und Wärme. Ich schlief ein. Als ich aufwachte, schwebte Gustavs Flosse wie ein Baldachin über mir, und er hatte eine Pfote – Flosse – auf meinem Rücken liegen. Tief in mir löste sich etwas, das ich nicht kannte. Vielleicht das erste Gefühl, nicht allein zu sein.
Die Saison war auf dem Höhepunkt. Hans arbeitete von morgens um sieben bis abends um halb neun. Die Gäste aus Berlin und München zahlten fünfundneunzig Euro pro Zwei-Stopp-Tauchgang, um die Unterwasserhöhlen bei den Stubbenkammer-Klippen zu sehen. Sie fotografierten uns unentwegt: Gustav, der mit den Tauchern posierte, und mich, das graue Katerchen unter dem Flossen-Monster. Einer zeigte mir sein Handy, auf dem Bild war ich mit aufgerissenem Mäulchen und einer Minischolle im Maul. #catandseal, stand darunter.
Inzwischen frischte der Wind wieder auf. Hans war nervös, der Barometer fiel, aber die Firmenzentrale in Stralsund wollte keine Tour absagen. Für sechzehn zahlende Gäste plus Trinkgeld.
Der Nebel schlich sich an wie ein Dieb. Um kurz nach elf war die Welt unter der Kreideküste verschwunden. Man hörte die Bojenklingel, sonst nichts. Hans fuhr Schrittgeschwindigkeit. Ich saß auf dem Ruderhausdach, mein Fell klumpte vor Feuchtigkeit. Gustav lag flach auf dem Vordeck, unruhig, er drehte den Kopf alle paar Sekunden. Der Motor dröhnte dumpf.
Dann der Schlag. Ein markerschütterndes Mahlen, ein Krachen, als würde das Schiff gegen einen Giganten rennen. Ich flog durch die Luft, schlug mit der Schulter gegen eine Relingstütze, prallte ab und fiel ins Wasser.
Kälte – eine Kälte, die sofort meine Knochen fand. Ich paddelte wahnsinnig, aber meine Pfoten waren keine Flossen. Salzwasser in den Ohren, in der Nase. Jedes Mal, wenn ich den Kopf hob, schwappte eine graue Welle darüber. Überall schrien Menschen, irgendwo schrie Hans etwas von *Rettungswesten*. Treibgut tanzte auf den Wellen: eine orangefarbene Boje, ein halb versunkener Turnbeutel mit dem Aufdruck „Greifswalder SC“, eine zerrissene Taucherbrille.
Dann wurde ich gepackt. Nicht gebissen, sondern geschoben. Von unten. Etwas Riesiges, Glitschiges wölbte sich unter meinem Bauch, hob mich, bis meine Schnauze Luft bekam. Ich hustete, spuckte, klammerte mich mit meinen Krallen fest, so gut es ging, und es hielt. Mein persönlicher Rettungs-Ponton roch nach Fisch und Vertrautheit und hatte keine Eile. Gustav zog mich durch die Wellen, seine Schnauze wie ein Eisbrecher. Er wandte den Kopf, gluckste sein Eintopf-Geräusch und blies mir Luft ins Gesicht.
Den Rest habe ich in kurzen, nassen Blitzen in Erinnerung: eine Felsplatte, von der jemand eine Bojenleine gerissen hatte. Hans, der uns mit Blut an der Stirn entgegenkletterte und heiser lachte. Ein Sanitäter mit einem Verbandskasten und einer Taschenlampe. Und ein Feuerwehrmann, der sich bückte und zu seinem Kollegen sagte: „Ist das krass – der Hund hat den Kater gerettet.“ „Das ist ’ne Robbe“, zischte der andere. „Und vor der hat das Kätzchen mehr Respekt als Sie vor Ihrem Chef.“ Sie lachten ein raues, erleichtertes Lachen.
Ich lag auf dem glitschigen Stein, zitternd, aber nicht mehr vor Kälte. Unter meiner linken Pfote spürte ich Gustavs Brustflosse. Sie hob und senkte sich gleichmäßig. In seinem dicken Fell glitzerten Wassertropfen. Er blinzelte mir zu. In diesem Moment wusste ich: Dieses Wesen da war nicht einfach ein Seehund. Es war mein Anker. Und ohne ihn gäbe es mich nicht.
Die nächste Zeit war ein einziger Fototermin. Hans musste dreizehn Aussagen bei der Wasserschutzpolizei machen, das Wrack der *Kreideprinzessin* wurde gehoben, und seine Firma drückte ihm einen neuen Vertrag und einen größeren Katamaran aufs Auge. Hans kaufte sich ein altes Reetdachhaus in Glowe, keine zwanzig Meter vom Strand, und baute eine Terrasse, von der aus man die Küste sehen konnte. Die Sommer darauf warfen wir ein Programm auf die Beine, das keiner glauben würde: Hans hielt Tauchkurse, aber danach gab es die „Afternoon Robben-Show“. Gustav und später zwei weitere Seehunde – Frieda und Oskar – schwammen um die Plattform, zeigten Kunststücke und zogen mich im Körbchen übers Wasser, während ich mit hochgereckter Sphinx-Pfote die Wellen grüßte.
Und hier kommt der Teil mit der Macht. Die Terrasse wurde nach und nach zum Katzenhotel. Hans konnte an keinem Streuner vorbeigehen. Erst kam Minka, eine weiße Diva aus dem Tierheim. Dann Karl, ein uriger orangefarbener Kater, der im Winter durch die Dünen gestreunt war. Innerhalb von elf Monaten lebten auf dem Grundstück zwölf Katzen. Zwölf. Vom dicken August bis zur fuchsigen Leni.
Anfangs war Chaos. Sie fauchten, klauten Futter, sprangen auf die Küchenzeile. Hans rannte mit Wasserspritze hinterher. Bis zu dem Nachmittag, an dem er eine schwere Edelstahlschale auf den Steinboden vor der Terrassentür knallte.
„Finn“, sagte Hans und kratzte mir zwischen den Ohren. Ich hing gerade unter Gustavs Flosse, der sich auf dem Landungssteg räkelte. „Du bist der Grund, warum das hier existiert. Ohne Gustavs’ Rettung wären wir alle nicht hier. Deshalb kriegst du ab sofort den Chefposten.“ Er drehte die Schale um – auf der Unterseite klebte ein graviertes Metallschild: *Finn – Oberbefehlshaber*. Ich sah zu, wie er die Schale exakt an die Stelle setzte, wo die Mittagssonne das Moos zwischen den Pflastersteinen trocknete. Dann füllte er sie mit Nordseekrabben, frisch vom Kutter.
Das war der Moment. Die anderen Katzen standen in einem Halbkreis. August streckte den Hals, zog ihn aber sofort zurück. Leni machte einen Buckel, aber nicht gegen mich. Minka setzte sich hin und leckte sich die Pfote. Ich schritt, tropfnass von Gustavs Flosse, zu der neuen Schale und begann zu fressen. Kein Fauchen, kein Pfotenhieb. Nur das leise Schmatzen und das Klappern der Krabbenschalen.
Seit diesem Tag spaziert hier kein Kater, ohne mir den Weg freizumachen. Wenn ich über die Terrasse gehe, teilt sich das Katzenvolk wie ein Fischschwarm vor dem Felsen. Kein Kampf, keine Drohgebärden. Es ist einfach so. Sie wissen, wer den Anker hat.
Heute sitze ich auf der letzten Stufe der Holztreppe, die zum Strand führt. Gustav treibt draußen, ein runder schwarzer Punkt, der alle zehn Sekunden auftaucht und Luft schnaubt. Hans repariert an der Veranda eine Lampe und telefoniert mit dem nächsten Reiseveranstalter aus Hamburg. Unter der Treppe neben meiner Pfote steht die Schale, in die inzwischen jeden Freitag frischer Lachs kommt, eingewickelt in braunes Papier vom Fischhaus Köppen.
Die anderen Katzen dösen in ihren Weidenkörben. Kein Bojenläuten, kein Nebel. Nur das Klickern der Krabbenschalen und ein langer, warmer Atemzug. Ich habe elf Jahre als streunendes Nichts begonnen. Jetzt bin ich der Oberbefehlshaber.












