Großvatertauglich erst nach dem dritten Lehrjahr

Im September fing ich in Hintertupfingen an. Na ja, nicht ganz Hintertupfingen, aber für mich als Leipzigerin, die ihr Referendariat bis dahin nur an einer Gesamtschule in Plagwitz absolviert hatte, war ein Dorf mit elfhundert Einwohnern irgendwo hinter Bautzen schon eine andere Welt. Die Schule roch nach Bohnerwachs und altem Linoleum, vor dem Haupteingang stand ein Kastanienbaum, unter dem sich jeden Morgen die Raucher trafen — ich meine die aus der neunten Klasse.

Meine sechste Klasse empfing mich, wie man dort jeden Neuen empfängt: mit einem Stück Butter auf dem Stuhl. Ich setzte mich nicht sofort. Erst stellte ich meine Tasche ab, hängte die Jacke über die Lehne und ließ meinen Blick langsam durch die Reihen wandern. Vierundzwanzig Gesichter. Einige davon bemüht unschuldig, zwei Mädchen kicherten hinter vorgehaltener Hand, und ganz hinten saß einer, der auf seine Faust biss, um nicht laut loszuprusten.

Ich zog ein Papiertaschentuch aus der Packung, wischte die Butter vom Sitz und legte das Taschentuch in den Mülleimer neben dem Lehrerpult. Dann schrieb ich das Datum an die Tafel und begann mit dem Unterricht über indirekte Rede. Keiner sollte sagen können, dass ich am ersten Tag aus dem Konzept gebracht worden war.

Die Buttergeschichte hätte ich fast vergessen, wenn nicht an diesem Nachmittag jemand vor meinem Haus gestanden hätte.

Ich wohnte in der alten Lehrerwohnung im Obergeschoss der Schule, mit Blick auf den Friedhof und die Bushaltestelle, an der dreimal am Tag ein Bus hielt. Als ich aus dem Fenster schaute, stand da ein Junge mit einem Eimer. Er musste um die zwölf sein, die Knie schmutzig, die Jacke an den Ärmeln zu kurz. Er hielt den Eimer mit beiden Händen, als wäre er aus Porzellan.

Ich ging runter und öffnete die Haustür.

„Ich bin der aus der Viererreihe“, sagte er. „Ich hab’ gesehen, dass Sie sich hingesetzt haben. Ohne zu schimpfen. Die anderen wollten doch bloß gucken, ob Sie hierbleiben.“ Er stellte den Eimer auf die Stufe. Darin lagen ein halbes Dutzend Eier, ein Glas Honig und ein kleines Bündel Rhabarber. „Von meiner Oma“, fügte er hinzu. „Die sagt, neue Lehrerin soll erst mal was Anständiges essen.“

So lernte ich Valentin kennen. Er wohnte zwei Häuser weiter, im ehemaligen Konsum, wo jetzt seine Großmutter einen kleinen Laden für Angelzubehör und getragene Schuhe betrieb. Valentin half mir in den ersten Wochen, den Kohleofen in Gang zu halten, und wenn er merkte, dass ich abends noch korrigierte, brachte er mir manchmal einen Becher warme Milch mit Kamille. Nicht weil er musste. Sondern weil in diesem Dorf niemand unbeobachtet blieb — und ich mittlerweile diejenige war, die beobachtet wurde.

Zwei Monate vergingen, bis ich den Fehler machte, von dem mir heute noch der Kiefer wehtut, wenn ich daran denke.

Im Musikunterricht sangen wir „Der Mond ist aufgegangen“. Es war November, draußen hing der erste Nebel in den Bäumen, und plötzlich hörte ich eine Stimme, die ich nie in einer sechsten Klasse erwartet hätte. Ein Tenor, so klar und ruhig, als hätte er nie etwas anderes getan. Es war Florian, ein stiller Junge aus einer Familie, die einen Hof mit zwölf Milchkühen bewirtschaftete. Er saß in der zweiten Reihe und hielt die Hände unter dem Tisch gefaltet, aber sein Mund bewegte sich kaum, und doch füllte seine Stimme den Raum.

Nach der Stunde sprach ich ihn an. Ob er öfter singe. Ob er schon einmal im Chor gewesen sei. Im nächsten Frühjahr findet in Bautzen der Landeswettbewerb für junge Sänger statt, sagte ich. Ich würde ihn anmelden, wenn seine Eltern einverstanden seien.

Am nächsten Morgen stand sein Vater vor meiner Tür.

Er war um die vierzig, trug eine speckige Warnweste und ließ die Tür hinter sich halb offen, als ob er jeden Moment wieder gehen wollte. „Was erzählen Sie meinem Sohn da?“, fragte er. Er grüßte nicht. „Gesangswettbewerb. In Bautzen. Wer soll denn in der Zeit den Stall machen?“ Er sprach laut, aber nicht hysterisch — so, wie jemand spricht, der gewohnt ist, dass man ihm zuhört.

Ich bot ihm einen Platz an. Er setzte sich nicht. Er stand am Fenster und trommelte mit den Fingern auf das Fensterbrett, genau auf die Stelle, wo die Farbe schon abblätterte.

„Haben Sie mit Florian gesprochen?“, fragte ich.

„Der ist zwölf.“ Er machte eine Pause. „Ich war mit zwölf auf dem Trecker. Mein Vater hat gesagt, singen kannst du auf dem Feld, wenn die Kühe zuhören.“

Ich wollte etwas über Förderung sagen, über die Chance, die ein Junge wie Florian nur einmal bekommt. Aber der Vater schüttelte den Kopf, bevor ich den zweiten Satz beendet hatte.

„Der Wettbewerb ist im April“, sagte ich. „Da ist die Stallarbeit nicht mehr so viel. Und er will es. Er hat es mir selbst gesagt.“

Da wurde er leiser. Das machte mir mehr Angst als sein Gebrüll.

„Wissen Sie, was meine Frau gesagt hat, als ich gestern Abend nach Hause kam?“ Er drehte sich nicht um. „Sie hat gesagt: ‚Jetzt fängt es an. Erst der Gesang, dann die Stadt, dann sind wir ihn los.‘“

Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte. So einen Satz lernt man im Referendariat nicht.

Eine Woche lang kam Florian nicht zur Schule. Valentin sagte mir, der Vater habe ihn zu einem Onkel nach Löbau geschickt, um beim Dachdecken zu helfen. „Das macht er immer, wenn ihm was nicht passt“, sagte Valentin. „Er tut dann so, als wär’ die Schule Nebensache.“ Der Klassenleiter tat nichts. Der Schulleiter zuckte mit den Schultern und murmelte etwas von Familien, in die man sich nicht einmischt.

Ich wollte nicht aufgeben. Ich dachte an Florians Stimme, wenn er „Der Mond ist aufgegangen“ sang — an diese Stille danach, in der sogar die Kinder aus der letzten Reihe vergessen hatten, mit den Stühlen zu kippeln. Ich rief auf dem Hof an. Zweimal legte die Mutter auf, ohne etwas zu sagen. Beim dritten Mal meldete sich der Vater.

„Wenn Sie noch einmal anrufen“, sagte er, „dann nehme ich den Jungen ganz von der Schule. Dann können Sie sehen, wie weit Sie mit Ihrem Wettbewerb kommen.“

Ich legte auf. Vor meiner Wohnungstür saß Valentin und drehte eine tote Hummel mit einem Grashalm um. Er fragte nichts, und ich war ihm dankbar dafür.

Am Nachmittag ging ich zum Bauernhof der Familie. Der Weg dorthin führt an einer Wiese vorbei, auf der ein ramponiertes rotes Dreirad lag, und am Hühnerdraht hingen ausgefranste Plastiktüten. Ich klingelte an der Hoftür. Aus dem Stall brüllte jemand, dass ich die Tür schließen solle, es zöge. Ich zog sie hinter mir zu und stand im Flur zwischen Gummistiefeln und Säcken mit Rinderfutter.

Die Mutter kam aus der Küche. Sie trocknete sich die Hände an einer Schürze ab, die früher mal gelb gewesen war. „Er ist nicht da“, sagte sie, obwohl ich Florian durch das Fenster im Stall gesehen hatte.

Ich nahm den Anmeldebogen aus meiner Tasche. Ich hatte ihn am Abend zuvor ausgefüllt, sorgfältig, mit meinem besten Füller, als ob dieser eine Bogen etwas ausrichten könnte. Auf dem Tisch neben mir lag ein Kalender vom Raiffeisenmarkt, offen auf dem Monat April. Jemand hatte mit Bleistift ein Kreuz auf den dritten Sonntag gemalt und daneben geschrieben: „Wettbewerb Bautzen“. Es war nicht meine Handschrift.

Die Mutter sah, dass ich den Kalender sah. Sie wurde rot, griff nach dem Bogen, faltete ihn einmal in der Mitte und reichte ihn mir zurück. „Sagen Sie ihm das nicht“, flüsterte sie. „Bitte. Er ist nicht so, wie Sie denken.“

Ich steckte den Bogen wieder ein und ging.

Drei Tage später stand Florian vor der Schule. Er war dünner geworden, oder es lag an der zu großen Jacke. Er trug Gummistiefel, obwohl es nicht geregnet hatte. In der Hand hielt er einen Zettel, den er mir ohne ein Wort gab. Darauf stand, in großen, krakeligen Buchstaben: „Ich singe trotzdem. Aber Sie müssen mir helfen, dass der Vater nichts merkt.“

Ich half ihm. Nicht lange — nur sechs Wochen. Wir übten in der alten Turnhalle, nach dem Unterricht, wenn die anderen längst zu Hause waren. Valentin stand Wache an der Tür. Er tat es, ohne zu fragen, ob es Ärger geben würde. Er fragte nur einmal, ob er mitsingen dürfe, und ich sagte, er könne die zweite Stimme summen, wenn er wolle. Da wurde er ganz ernst und summte von da an jeden Nachmittag, als hinge sein Leben davon ab.

Der Wettbewerb war an einem Sonntag im April. Ich holte Florian um halb sieben Uhr morgens an der Bushaltestelle ab, als die Sonne gerade hinter dem Friedhof aufging. Er trug ein weißes Hemd, das ihm um zwei Größen zu weit war, und eine schwarze Hose, die nach Mottenkugeln roch. Wir fuhren mit dem Bus nach Bautzen. Er starrte die ganze Fahrt aus dem Fenster, ohne ein Wort zu sagen. Nur als wir an einem Baggersee vorbeifuhren, drehte er sich um und fragte: „Meinen Sie, die Leute lachen?“

„Nein“, sagte ich. „Die werden zuhören.“

Und so war es. Er sang „Der Mond ist aufgegangen“, und im Saal wurde es so still, dass man die Neonröhren summen hörte. Als er fertig war, klatschte niemand sofort. Dann klatschten alle.

Er wurde Zweiter. Der Erste war ein Mädchen aus Görlitz, das seit drei Jahren Konservatorium sang. Florian bekam eine Urkunde und einen Gutschein über fünfzig Euro für Musiknoten. Ich sah, wie er die Urkunde anstarrte, als stünde darauf etwas, das er nicht lesen konnte. Dann faltete er sie zusammen und schob sie unter sein Hemd, direkt auf die Haut.

Auf der Rückfahrt schlief er ein. Als der Bus durch sein Dorf fuhr, wachte er auf, schaute aus dem Fenster und sagte: „Da ist mein Vater.“

Der Vater stand an der Haltestelle. Er trug dieselbe Warnweste, aber diesmal hatte er sie ausgezogen und über den Arm gelegt. Als der Bus hielt, stieg Florian aus, und der Vater nahm ihn am Kragen, nicht grob, eher, als wollte er prüfen, ob sein Sohn wirklich da war. „Na?“, sagte er. Nur dieses eine Wort.

Florian zog die Urkunde unter dem Hemd hervor und hielt sie ihm hin. Der Vater faltete sie auseinander, las, las noch einmal. Dann schaute er mich an, durch die offene Bustür hindurch.

„Ist er gut gewesen?“, fragte er. Es klang nicht böse. Eher wie jemand, der eine Rechnung prüft.

„Er war der Beste“, sagte ich.

Der Busfahrer hupte. Ich stieg aus. Und dann standen wir drei an der Haltestelle, während der Bus davonfuhr, und der Vater hielt die Urkunde gegen das Licht, als könnte man durch das Papier hindurch etwas Wichtigeres erkennen.

Ich dachte, jetzt würde er brüllen. Ich dachte, jetzt würde er sagen, das war das letzte Mal. Ich dachte, er würde mich anzeigen, weil ich gegen seinen Willen gehandelt hatte.

Stattdessen drehte er sich zu seinem Sohn und legte ihm die Hand in den Nacken. „Zwölf Jahre“, sagte er. „Zwölf Jahre hab’ ich gedacht, auf dem Hof zählt nur das Vieh. Und du singst wie ein verdammter Engel.“

Dann ging er. Er ging den Weg zum Hof hinauf, die Urkunde in der Hand, und Florian lief hinter ihm her, und ich blieb an der Haltestelle stehen, bis ich ihre Schritte nicht mehr hörte.

Am nächsten Montag, als ich auf den Lehrerparkplatz einbog, stand vor der Tür zur Schule ein Eimer. Darin lagen frische Eier, ein Glas Honig und ein handgeschriebener Zettel: „Für die Lehrerin, die meinem Jungen zugehört hat.“ Der Zettel war unterschrieben mit „Bauer Wollschläger“. Daneben lag, zusammengerollt, ein Zehn-Euro-Schein.

Ich hob den Eimer auf und trug ihn ins Lehrerzimmer. Die Kolleginnen lächelten. Eine sagte: „Jetzt gehören Sie dazu.“ Aber das stimmte nicht. Ich gehörte nicht dazu. Ich hatte nur verstanden, dass man in diesem Dorf nicht nur den Kindern den Rücken frei halten muss, sondern auch den Eltern, die es nicht gelernt haben, stolz zu sein, und deshalb Angst davor haben.

Am Abend brachte ich den Zehn-Euro-Schein zurück auf den Hof. Ich legte ihn in den Briefkasten, zusammen mit einem Zettel, auf dem nur eine Zeile stand: „Der Eier wegen müssen Sie keine Angst haben. Mit Blasmusik hat er sowieso nichts am Hut. Er wird Oper singen, und Sie werden in der ersten Reihe sitzen.“

Ich weiß bis heute nicht, ob das jemals geschah. Aber wenn ich jetzt an Florian denke, dann sehe ich nicht den Jungen mit der zu großen Jacke. Ich sehe den Mann, der in einer überfüllten Oper einmal leise mitsummt — „Der Mond ist aufgegangen“ — und dabei den Kopf zweimal zur Seite neigt, als lausche er auf eine zweite Stimme, die nur er hören kann.

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