Der Steuerberater aus der Marienstraße und die Sache mit dem täglichen Anruf

Ich arbeite seit siebzehn Jahren als Steuerberater in einer kleinen Kanzlei in der Marienstraße in Freiburg, gleich neben dem Bäcker, der jeden Morgen um sechs die Brezeln in die Auslage legt. Man sieht in diesem Beruf mehr von fremden Familien, als einem manchmal lieb ist – Kontoauszüge erzählen Geschichten, die niemand laut ausspricht. Frau Ottilie Brenner war eine meiner ältesten Mandantinnen, dreiundsiebzig Jahre alt, Witwe, wohnte allein in einer Dreizimmerwohnung am Schlossbergring mit Blick auf den Kirchturm von St. Martin. Ihr Sohn Jendrik lebte in Hamburg, arbeitete irgendwas mit Logistik, und rief nach eigener Aussage "wann immer es passt" an.

Ich erinnere mich an den Dienstag im März, weil ich an dem Tag ohnehin spät dran war – mein Zahnarzttermin um vier hatte sich verschoben, und ich saß noch um halb sechs im Büro über der Steuererklärung von Frau Brenner, als sie unangekündigt hereinkam, mit einem Aktenordner unter dem Arm, den sie sonst nie mitbrachte. Sie roch nach dem Lavendelspray, den sie sich offenbar frisch aufgesprüht hatte, bevor sie das Haus verließ, und ihre Hände zitterten leicht, als sie den Ordner auf meinen Schreibtisch legte.

"Herr Kessler", sagte sie, "ich möchte etwas ändern. Und ich möchte, dass es diese Woche noch passiert."

Ich hatte die Vollmacht für Jendrik selbst mit aufgesetzt, vor vier Jahren, als seine Mutter nach einem Sturz im Badezimmer kurz im Krankenhaus lag. Generalvollmacht, Kontovollmacht für das Depot bei der Sparkasse, sogar Zugriff auf das Sparbuch mit den vierzigtausend Euro, die für die Beerdigung und "falls mal was ist" gedacht waren. Damals hatte sie gesagt, ihr Sohn sei "der einzige Mensch, dem ich blind vertraue". Ich hatte das aufgesetzt, ohne groß nachzufragen. Das ist normal in diesem Job. Man stellt keine Fragen zu Familienbanden, die einem nicht zustehen.

Was ich in den vier Jahren mitbekommen habe, waren Bruchstücke. Frau Brenner erzählte beim Kaffee, den sie mir immer mitbrachte, kleine Dinge. Dass Jendrik zu Weihnachten eine Karte schicken lasse, keine geschriebene, sondern eine online bestellte, die automatisch verschickt wurde. Dass sie ihn zweimal angerufen habe, als sie Fieber hatte, und er beim zweiten Mal gesagt habe, sie solle doch die Nachbarin fragen, er sei "gerade in einem Meeting". Dass die Enkelin, die inzwischen neun war, sie noch nie in Freiburg besucht hatte. Ich hörte zu, weil man das tut, wenn eine Mandantin seit siebzehn Jahren kommt und man ihre Handschrift auf den Formularen besser kennt als manche Kollegen ihre eigene.

Der Auslöser für den Ordner unter ihrem Arm war, wie sich herausstellte, kein Anruf und kein Streit. Es war ein Kontoauszug. Frau Brenner hatte im Februar zufällig entdeckt, dass von ihrem Depot bei der Sparkasse zweimal je achttausend Euro abgebucht worden waren, "Übertrag auf Fremdkonto", ohne dass sie davon wusste. Sie hatte Jendrik angerufen. Er ging beim dritten Versuch ran, an einem Sonntagabend, und sagte, das sei ein Kredit für die Renovierung seines Reihenhauses in Hamburg-Eppendorf gewesen, er habe es "eigentlich sagen wollen", es sei "nur vorübergehend", er zahle es zurück, "sobald die Prämie kommt". Sie fragte ihn, warum er es nicht einfach gesagt habe, bevor er das Geld nahm. Er antwortete, sie hätten ja sowieso nicht oft telefoniert, da habe sich das "irgendwie nicht ergeben".

Diesen Satz wiederholte sie mir dreimal, während sie im Sessel vor meinem Schreibtisch saß. "Das hätte sich nicht ergeben." Als würde ein Sohn, der die eigene Mutter alle drei Wochen für vier Minuten anruft, keine Gelegenheit finden, ihr zu sagen, dass er sechzehntausend Euro von ihrem Sparbuch genommen hat.

Ich muss zugeben, ich hatte eine Meinung dazu, ob erwachsene Kinder ihre Eltern täglich anrufen sollten – ich rufe meine eigene Mutter in Lörrach dreimal die Woche an, nicht täglich, und wir kommen gut miteinander aus. Aber das war nicht die Frage, die Frau Brenner an diesem Nachmittag beschäftigte. Ihre Frage war nicht, ob Jendrik zu selten anrief. Ihre Frage war, ob sie einem Menschen, der so selten anrief und dabei so viel Geld nahm, weiterhin die Kontrolle über ihr gesamtes Vermögen überlassen wollte.

Was in der Kanzlei geschah, war unspektakulär, und genau deshalb ist es mir im Gedächtnis geblieben. Keine erhobenen Stimmen, kein Weinen. Frau Brenner öffnete den Ordner, den sie mitgebracht hatte – darin: die alte Vollmacht, ihr Personalausweis, ein Kontoauszug mit den beiden markierten Abbuchungen und, was mich überraschte, ein handschriftlicher Zettel mit einer Liste. Sechs Punkte, nummeriert, mit blauem Kugelschreiber. Ich sah nur die ersten beiden, bevor sie den Zettel wieder wegsteckte: "1. Vollmacht bei Sparkasse widerrufen. 2. Neue Vollmacht – wer?"

Wir riefen gemeinsam bei der Sparkassenfiliale am Bertoldsbrunnen an und vereinbarten für den nächsten Morgen einen Termin, um die Generalvollmacht schriftlich zu widerrufen. Ich setzte noch am selben Abend das Formular auf. Sie unterschrieb es bei mir im Büro, mit dem Kugelschreiber, den sie mir ausgeliehen hatte, weil ihr eigener leer war – ein Detail, das mir nur deshalb aufgefallen ist, weil sie sich dafür entschuldigte, als sei ein leerer Kugelschreiber eine Nachlässigkeit, für die man sich rechtfertigen müsse.

Am nächsten Morgen ging sie mit dem unterschriebenen Widerruf zur Sparkasse. Die Sachbearbeiterin, mit der sie sprach, kannte den Fall bereits, weil ich vorab angerufen hatte, um den Termin zu erklären. Innerhalb von zwanzig Minuten war die Vollmacht gelöscht, das Depot und das Sparbuch nur noch für Frau Brenner selbst zugänglich. Als neue Bevollmächtigte für den absoluten Notfall – nicht für den täglichen Zugriff – benannte sie ihre Nichte Swetlana, die in Freiburg wohnte, Krankenschwester war und, wie Frau Brenner es formulierte, "wenigstens fragt, bevor sie was anfasst".

Am Donnerstagnachmittag, keine drei Tage nach dem Widerruf, saß Frau Brenner wieder bei mir im Büro – diesmal wegen einer belanglosen Frage zu ihrer Nebenkostenabrechnung –, als ihr Handy klingelte. Sie sah auf das Display, zögerte, dann sagte sie: "Das ist Jendrik", und nahm ab, direkt vor mir, ohne aufzustehen oder in den Flur zu gehen.

Ich hörte nur ihre Seite, aber ich hörte sie deutlich, weil sie das Telefon nicht ans Ohr, sondern auf den Tisch legte und den Lautsprecher einschaltete – aus Gewohnheit, wie sie später sagte, weil sie zu Hause auch immer freihändig telefonierte, während sie in der Küche hantierte. Jendriks Stimme kam blechern aus dem kleinen Lautsprecher: "Mama, was soll das mit der Sparkasse? Ich wollte gerade was überweisen, und die haben mir gesagt, ich hätte keinen Zugriff mehr. Vertraust du mir nicht mehr?"

Frau Brenner saß aufrecht, die Hände flach auf der Aktenmappe vor ihr. "Ich vertraue dir als Sohn, Jendrik", sagte sie. "Aber du hast zweimal achttausend Euro von meinem Depot genommen, ohne mir ein Wort zu sagen. Das ist kein Vertrauen mehr wert, das ist eine Vollmacht, die du benutzt hast, wie es dir passt."

"Das war doch nur geliehen, ich hab dir das erklärt –"

"Du hast es mir erklärt, nachdem ich es selbst auf dem Kontoauszug gefunden habe. Nicht vorher. Das ist der Unterschied."

Es blieb kurz still auf der Leitung, nur ein Rauschen, als sei Jendrik in ein Auto gestiegen oder aus einem Raum gegangen. Dann: "Was soll ich jetzt machen?"

"Du überweist mir das Geld zurück. Die zweite Rate hast du noch, hast du gesagt. Die erste, wenn die Prämie kommt. Ich warte."

"Und die Vollmacht?"

"Die bekommt jemand anderes. Nicht weil ich dich bestrafen will. Weil ich achtzig Jahre alt sein möchte und noch selbst entscheiden, wo mein Geld hingeht."

Sie sagte das ohne erhobene Stimme, ohne dass ihre Hände auf der Mappe sich bewegten. Am anderen Ende hörte ich Jendrik noch etwas murmeln, das ich nicht verstand, dann verabschiedete er sich knapp, fast förmlich. Frau Brenner legte auf, schob das Handy in ihre Manteltasche und sagte zu mir, als sei nichts gewesen: "Wo waren wir stehen geblieben, bei den Nebenkosten?"

Ich habe Frau Brenner seither noch zweimal im Jahr für die Steuererklärung gesehen. Das Sparbuch mit den vierzigtausend Euro liegt jetzt, minus der mittlerweile vollständig zurücküberwiesenen achttausend Euro der ersten Rate, auf einem Konto, auf das nur sie selbst zugreifen kann. Bei unserem letzten Termin im Januar brachte sie wieder den Kaffee mit, den sie immer mitbringt, stellte ihn auf meinen Schreibtisch und sagte beiläufig, während sie ihre Unterlagen ordnete: "Swetlana hat gestern angerufen, einfach so, wegen nichts. Wollte nur wissen, ob ich gut geschlafen habe." Dann öffnete sie ihre Mappe und begann, mir die Belege für die Handwerkerrechnungen zu zeigen.

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