Zapfsäule Nummer vier, Rastplatz Elsterwerda

Ich heiße Bogdan Kessler, ich bin achtundvierzig, und seit sechzehn Jahren fahre ich Fernverkehr für eine Spedition aus Cottbus. Autobahnraststätte an der A13, kurz vor Elsterwerda — die kenne ich wie meine Westentasche. Dort habe ich Marlene kennengelernt. Nicht die Frau, die mir das Herz gebrochen hat. Die Frau, die mir gezeigt hat, was ich für ein Mensch geworden war.

Ich muss vorher erklären, wie es so weit kam, dass ich einen Hund an einem Pfosten zurückgelassen habe. Sonst klingt das, was ich getan habe, nach reiner Gemeinheit. Und ganz falsch ist das nicht. Aber es war auch etwas anderes.

Meine Schwiegermutter, Renate, hatte den Hund fünf Jahre zuvor angeschafft, kurz nachdem mein Schwiegervater gestorben war. Ein kleiner Terrier-Mischling namens Fiete, weiß mit einem braunen Fleck über dem linken Auge. Als Renate im März ins Pflegeheim in Senftenberg musste — der Kopf spielte nicht mehr mit, sie erkannte manchmal ihre eigene Tochter nicht —, blieb Fiete bei uns. Bei mir und bei Yvonne, meiner Frau. Und ich, ich muss es zugeben, ich mochte diesen Hund von Anfang an nicht besonders. Er roch nach dem alten Sofa im Haus meiner Schwiegermutter, nach Mottenkugeln und kaltem Kaffee. Er knurrte mich an, wenn ich zu nah an Yvonnes Seite der Couch kam. Er war nicht mein Hund. Er war ihr Hund, Renates Hund, und ich fühlte mich wie ein Möbelstück, das mit übernommen wurde, als das eigentliche Haus verkauft wurde.

Im September trennten Yvonne und ich uns. Sie zog zu ihrer Schwester nach Dresden, vorübergehend, sagte sie. Ich blieb mit Fiete in unserer Wohnung in Cottbus, weil niemand sonst da war, der ihn nehmen konnte. Renate war im Heim. Yvonnes Schwester hatte selbst zwei Katzen und keinen Platz. Und ich — ich hatte eine Tour nach Dresden vor mir, dreißig Kilometer Umweg über die Raststätte bei Elsterwerda, und einen Kopf voller Wut, die nirgendwo hinwollte.

An dem Tag, an dem ich Fiete an dem Pfosten anband, hatte ich morgens mit Yvonne telefoniert. Sie sagte, es sei endgültig. Sie sagte, sie hätte schon einen Termin beim Anwalt in Dresden gemacht, wegen der Scheidung, wegen der Wohnung, wegen allem. Ich fuhr los, mit dem Hund auf dem Beifahrersitz, weil ich ihn nirgendwo lassen konnte, und irgendwo zwischen Cottbus und der Raststätte fasste ich einen Entschluss, den ich bis heute nicht ganz erklären kann. Ich band ihn an den Pfosten bei Zapfsäule vier. Legte die alte fliederfarbene Wolldecke aus Renates Wohnzimmer dazu, die Fiete immer benutzte. Und fuhr weiter nach Dresden. Ich sagte mir, ich würde auf dem Rückweg vorbeikommen. Ich glaube nicht, dass ich mir das wirklich glaubte.

Es war halb fünf am Nachmittag, Ende September, die Luft schon mit diesem harzigen Geruch nach nassem Laub, der über die Lausitz zieht, wenn ich vom Anwaltstermin — den ich mir spontan angeschlossen hatte, weil ich Yvonne noch einmal sehen wollte — zurück zur Raststätte fuhr. Ich hatte vor, ihn abzuholen. Ich schwöre, das hatte ich vor. Aber der Anwaltstermin hatte drei Stunden gedauert, weil Yvonne und ich uns wegen der Couch, wegen des Autos, wegen fünftausend Euro auf einem gemeinsamen Sparkonto angeschrien hatten, und als ich endlich losfuhr, war es schon dunkel.

An der Raststätte stand eine Frau in oranger Arbeitsjacke neben dem Pfosten. Sie hielt Fiete auf dem Arm, die Decke über die Schulter geworfen wie ein Tuch. Sie sah mich aus dem Auto steigen, sah, wie ich direkt auf sie zuging, und ihr Gesicht veränderte sich — von Erleichterung zu etwas Härterem.

"Sind Sie der Besitzer?"

"Ja. Das ist Fiete. Ich —"

"Er hat seit heute früh acht Uhr hier gelegen." Ihre Stimme war ruhig, aber jedes Wort saß wie ein Nagel. "Ich heiße Ines, ich arbeite hier. Er hat bei jedem Auto den Kopf gehoben. Bei jedem einzelnen."

Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte. Vielleicht dass sie mir den Hund einfach zurückgibt und ich mit einem schlechten Gewissen nach Hause fahre, das sich in ein paar Tagen wieder auflöst, so wie schlechtes Gewissen das meistens tut. Stattdessen stand sie da mit Fiete im Arm und sah mich an, als würde sie mich abwägen wie eine Ladung Fracht, bei der sie noch entscheiden musste, ob sie beschädigt ist.

"Er ist elf Jahre alt", sagte ich, als müsste das irgendetwas erklären. "Er gehört eigentlich meiner Schwiegermutter. Sie ist im Pflegeheim. Meine Frau und ich — wir trennen uns gerade, und ich wusste nicht —"

"Das interessiert mich nicht besonders", sagte Ines. Nicht unfreundlich. Nur klar. "Was mich interessiert, ist, dass dieser Hund acht Stunden auf dem Asphalt gelegen hat und gewartet hat. Auf Sie."

Ich streckte die Arme aus, um ihn zu nehmen. Fiete drehte den Kopf weg von mir und drückte sich fester an Ines' orange Jacke. Das traf mich mehr, als ich zugeben wollte. Ein Hund, der mich nie gemocht hatte, der mich jetzt, nach diesem Tag, endgültig nicht mehr wollte.

"Ich zahle Ihnen natürlich, was Sie für ihn ausgegeben haben. Die Milch, das —"

"Ich will Ihr Geld nicht." Sie schwieg einen Moment, dann sagte sie etwas, das ich seitdem nicht vergessen habe. "Wissen Sie, was das Schlimmste ist? Er hat gar nicht so getan, als würde er verstehen, dass Sie ihn verlassen. Er hat einfach nur gewartet. Als wäre es selbstverständlich, dass Sie zurückkommen. Das ist der Unterschied zwischen einem Hund und einem Menschen. Ein Mensch hätte irgendwann aufgehört zu hoffen."

Ich nahm Fiete an diesem Abend mit nach Hause. Ines gab ihn mir, aber sie schrieb sich vorher meine Zulassung ab, das Kennzeichen, meinen Namen, den Namen der Spedition. Sagte, sie würde in zwei Wochen anrufen, um zu hören, wie es dem Hund geht, und dass sie beim Ordnungsamt Bescheid geben würde, wenn nicht. Ich hielt das für eine leere Drohung. Sie rief tatsächlich an. Am 14. Oktober, um kurz nach neunzehn Uhr, mitten beim Abendessen.

Aber das Eigentliche passierte schon vorher, noch am selben Abend im Auto. Fiete lag auf dem Beifahrersitz, auf der fliederfarbenen Decke, und zitterte die ganze Fahrt über, nicht vor Kälte — die Heizung lief —, sondern aus einem Grund, den ich erst später verstand: Er hatte Angst, dass ich wieder anhalten und ihn wieder irgendwo zurücklassen würde. Bei jeder roten Ampel drückte er sich tiefer in den Sitz.

Ich fuhr nicht nach Hause. Ich fuhr nach Senftenberg, ins Pflegeheim, obwohl die Besuchszeit längst vorbei war. Die Nachtschwester an der Rezeption wollte mich erst nicht durchlassen, aber ich muss ausgesehen haben wie jemand, der gerade etwas verloren und gerade etwas gefunden hatte, denn sie ließ mich schließlich zu Renates Zimmer.

Sie saß wach im Bett, das Licht der Nachttischlampe auf einem Kreuzworträtsel, das sie nicht mehr ausfüllte. Als ich mit Fiete unter dem Arm hereinkam, kannte sie mich in diesem Moment — nicht immer erkannte sie mich, das hatte Yvonne gesagt —, aber diesen Abend kannte sie mich, und sie kannte den Hund sofort und ohne jeden Zweifel.

"Fiete", sagte sie, und ihre Stimme brach auf eine Art, die ich bei einer Zweiundachtzigjährigen nicht erwartet hätte. Der Hund sprang praktisch aus meinen Armen auf die Bettdecke und drückte sich an ihre Seite, als hätte es die fünf Monate im Heim, den ganzen Tag am Pfosten, mich, nie gegeben.

Ich setzte mich auf den Plastikstuhl neben dem Bett und erzählte Renate nicht, was ich getan hatte. Nicht an diesem Abend. Aber ich sagte ihr, dass Yvonne und ich uns trennen, dass ich nicht wusste, wo Fiete am besten aufgehoben wäre, und dass ich mit dem Heim sprechen wollte, ob Haustierbesuche möglich seien. Es stellte sich heraus: Ja. Zweimal die Woche, mit Anmeldung, im Aufenthaltsraum im Erdgeschoss.

Ich brauchte drei Tage, um mich selbst zu fragen, warum ich getan hatte, was ich getan hatte, ohne mir eine Lüge als Antwort zu erlauben. Die Antwort war: Ich hatte Fiete für etwas bestraft, das Yvonne mir angetan hatte. Der Hund konnte mir nicht wehtun, also machte ich ihn zum Ort, wo ich meine Wut abladen konnte, ohne dass jemand mich dabei sah — bis Ines mich sah.

Ich rief sie am 3. Oktober an, nicht andersherum. Fragte, ob ich vorbeikommen und ihr die fliederfarbene Decke zurückbringen könnte, die sie mit nach Hause genommen hatte, um sie zu waschen. Es war eine Ausrede. Ich wollte ihr sagen, was ich mit dem Hund gemacht hatte.

Ich brachte einen Ordner mit — das klingt übertrieben für einen Hund, aber genau das ist es, was ich tat. Ich hatte beim Tierarzt in Cottbus einen Chip-Nachweis auf meinen Namen umschreiben lassen, dreiundvierzig Euro, und einen Betreuungsplan für Fiete formuliert: unter der Woche bei mir, samstags Besuch bei Renate im Heim, und im Notfall — falls ich wieder eine Tour übernehmen musste, bei der ich zwei Tage weg war — eine Nachbarin, die ich dafür bezahlte, nicht die Straße, nicht ein Pfosten an einer Zapfsäule.

Ines las den Ordner an der Theke der Raststätte, während hinter ihr die Kaffeemaschine zischte. Sie sagte nichts Warmes dazu. Sagte nur: "Gut." Und dann, während sie mir die gewaschene Decke über den Tresen reichte: "Er hat übrigens nicht geschlafen, in der ersten Nacht bei uns. Ich musste ihn mit zu mir nach Hause nehmen, weil die Frühschicht sonst niemand da hatte, der auf ihn aufpasst. Er hat die ganze Nacht an der Tür gelegen."

Ich fuhr an diesem Tag nicht direkt weiter. Ich blieb noch eine Stunde an der Raststätte sitzen, mit einem Kaffee, den ich nicht wollte, und sah durch die Scheibe zur Zapfsäule vier hinüber, zu dem Pfosten aus verzinktem Stahl, an dem nichts mehr hing außer der Kette, mit der die Tankdeckel manchmal befestigt waren. Ich dachte an Renate, die im März alles verloren hatte, was ihr eigen war, und an Fiete, der im September alles verloren hatte, was ihm vertraut war, und daran, dass ich derjenige gewesen war, der beides beschleunigt hatte.

Renate starb im darauffolgenden Februar, an einer Lungenentzündung, die sich im Heim ausbreitete. Ich war bei ihrer Beerdigung in Senftenberg, mit Fiete an der Leine, weil sie in ihrem letzten klaren Moment gesagt hatte, sie wolle, dass der Hund dabei sei, wenn irgendwas mit ihr passiert. Yvonne kam auch, wir sprachen kaum, aber wir standen beide am Grab, und Fiete saß zwischen uns, ohne zu wissen, welchem von uns beiden er jetzt gehörte.

Er gehört mir, seit diesem Tag im Februar, offiziell und ohne Zweifel. Er schläft auf einer neuen Decke, nicht der fliederfarbenen — die liegt zusammengefaltet in einer Schublade, weil ich sie nicht wegwerfen kann. Ines ruft immer noch an, zweimal im Jahr, ungefähr. Fragt, wie es ihm geht. Ich schicke ihr manchmal ein Foto. Sie antwortet selten mehr als "gut" zurück, aber sie antwortet.

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