Ich heiße Bernhard, bin dreiundsiebzig und wohne seit einer Ewigkeit in Regensburg, in derselben Doppelhaushälfte in der Nähe vom Pulverturm. Meine Frau Roswitha ist einundsiebzig. Wir sind seit einundvierzig Jahren verheiratet, und bis vor knapp einem Jahr hätte ich geschworen, dass bei uns alles in bester Ordnung ist.
Angefangen hat es mit einer Kleinigkeit. Roswitha ging plötzlich früher ins Bett. Erst um halb elf statt um Mitternacht. Dann um zehn. Manchmal, an schlechten Tagen, schon kurz nach neun, während im Fernsehen gerade mal die Tagesschau lief. Ich saß unten im Wohnzimmer, die Katze der Nachbarn maunzte vorm Fenster nach Futter, das wir ihr manchmal heimlich hinstellten, und ich dachte mir nichts dabei. Rente macht müde, dachte ich. Sie war schließlich zweiunddreißig Jahre lang Sprechstundenhilfe beim Zahnarzt am Dachauplatz, immer auf den Beinen, immer für andere da. Jetzt hat sie sich die Ruhe eben verdient, dachte ich.
Eines Abends brauchte ich das Ladekabel für mein Handy, das immer auf ihrem Nachttisch lag, und ging deshalb schon um halb zehn nach oben. Ich rechnete damit, sie schlafend vorzufinden. Stattdessen saß sie aufrecht im Bett, die Nachttischlampe an, ein Taschenbuch in der Hand – irgendein Krimi aus der Stadtbücherei, mit einem dieser Eselsohren, die sie eigentlich immer verabscheut hat.
„Ich dachte, du schläfst schon", sagte ich.
„Nein", sagte sie nur und blätterte weiter.
Das passierte in den folgenden Wochen noch drei-, viermal. Immer dasselbe Bild: Licht an, Buch auf, kein Schlaf in Sicht. Da wurde mir klar, dass es überhaupt nicht um Müdigkeit ging. Sie floh vor irgendetwas. Vor mir, vor dem Wohnzimmer, vor dem Sessel mit der durchgesessenen Lehne, in dem ich jeden Abend saß.
Also habe ich sie eines Sonntags direkt gefragt, als wir beim Abwasch standen und draußen der Kirchturm von Sankt Emmeram gerade zur vollen Stunde schlug. Sie stellte den Teller ins Abtropfgestell, trocknete sich die Hände am Geschirrtuch ab und sagte: „Ich habe keine Lust mehr, jeden Abend das anzuschauen, was du sehen willst."
Das saß. Wir haben zwei Fernseher im Haus – einen unten, einen im Gästezimmer. Ich sagte ihr das auch, ziemlich trocken. Sie schüttelte den Kopf.
„Darum geht es nicht. Wir essen zusammen, und danach verschwindet jeder in seiner Ecke. Das ist doch kein Zusammenleben mehr, Bernhard, das sind zwei Mieter unter einem Dach."
Von da an kam einiges heraus, was ich lieber nicht gehört hätte. Sie erzählte, seit meiner Pensionierung vor fünf Jahren sei unser Alltag auf ein paar feste Nummern zusammengeschrumpft: Bundesliga samstags, Krimi dienstags, Talkshow donnerstags. Sie habe sich lange dazugesetzt, obwohl sie die halbe Zeit gar nicht hinschaute, und irgendwann habe sie einfach aufgehört zu widersprechen. Sie sei nach oben gegangen, mit einem Buch, und das sei bequemer gewesen als jeder Streit.
„Wir reden seit Monaten keine zwanzig Minuten am Stück miteinander", sagte sie.
Ich fand das übertrieben – bis ich versuchte, mich an unser letztes langes Gespräch zu erinnern. Mir fiel keins ein. Wir kauften zusammen bei Edeka ein, wir saßen am selben Tisch, wir schliefen im selben Bett. Aber wir hatten aufgehört, uns wirklich etwas zu erzählen.
Ich fragte sie, ob sie meiner überdrüssig sei. Sie sagte: „Nicht deiner. Der Art, wie wir leben."
Das war ein Unterschied, den ich erst ein paar Tage später begriff. Zunächst war ich einfach nur gekränkt. Vierzig Jahre lang hatte ich das, was wir hatten, für Geborgenheit gehalten – und jetzt sollte es für sie Langeweile gewesen sein? Ich schlief zwei Nächte unten auf der Couch, aus reinem Trotz, mit der Wolldecke, die eigentlich für Gäste gedacht ist.
Am dritten Tag räumte Roswitha morgens beim Frühstück ein, dass auch sie einen Fehler gemacht hatte: Sie hätte all die Jahre einfach schweigend die Treppe hochgehen können, ohne je ein Wort zu verlieren. Das war nicht fair mir gegenüber. Man kann nicht erwarten, dass sich etwas ändert, wovon der andere nichts weiß.
Wir haben klein angefangen. Zweimal die Woche bleibt der Fernseher nach dem Abendessen aus. Manchmal reden wir einfach, manchmal spielen wir Rommé am Küchentisch, manchmal ziehen wir die Jacken an und gehen eine Runde am Donauufer entlang, bis zur Steinernen Brücke und zurück. Wir haben aber auch angefangen, wieder getrennte Dinge zu tun, ohne dass das ein Vorwurf ist: Ich schaue weiterhin meine Spiele, sie ist inzwischen zweimal im Monat bei einem Lesekreis in der Stadtbücherei, mit Frauen, die ich kaum kenne und die ihr offenbar ziemlich am Herzen liegen.
Das Merkwürdige daran: Seitdem vermissen wir uns wieder ein bisschen, wenn wir getrennt sind. Und genau das hat uns gutgetan. Neulich kam Roswitha wieder früh ins Bett, gegen halb zehn. Ich ging hoch, in der Erwartung, sie sitzend mit dem Buch anzutreffen. Diesmal lag sie schon mit geschlossenen Augen da, die Nachttischlampe noch an.
„Ist was?", fragte ich vorsichtig.
Sie schlug ein Auge auf, grinste schief und sagte: „Nein. Heute bin ich wirklich einfach nur müde."
Es klingt nach einer kleinen Geschichte, ich weiß. Kein Seitensprung, keine Trennungsdrohung, kein großer Knall. Aber ich habe daraus etwas mitgenommen, das ich vorher nicht hatte begreifen wollen: Man kann jahrelang keinen Streit haben und trotzdem längst aufgehört haben, einander wirklich zuzuhören. Eine Ehe zerbricht nicht immer mit einem Knall. Manchmal hört sie einfach auf, sich anzusehen – Abend für Abend, bis es zur Gewohnheit wird.
Vor drei Wochen haben Roswitha und ich beim Notar in der Maximilianstraße unser gemeinsames Testament geändert. Vorher stand darin, wie es bei den meisten steht: alles bleibt, wie es ist, der überlebende Partner erbt, Punkt. Jetzt haben wir eine zusätzliche Klausel eingefügt – einen Betrag von zwölftausend Euro, gebunden an ein eigenes Konto, das nur auf Roswithas Namen läuft, für den Lesekreis und die Reisen, die sie ohne mich unternehmen möchte, falls mir vor ihr etwas zustößt. Sie hat den Ordner mit den Unterlagen selbst in die Hand genommen, als wir aus der Kanzlei kamen, und ihn nicht mir gegeben, sondern in ihre eigene Tasche gesteckt. Kein großes Wort dazu. Nur dieser eine Satz, auf dem Gehweg vor dem Notariat, während die Straßenbahn Richtung Arnulfsplatz vorbeifuhr: „Jetzt gehört wenigstens etwas nur mir." Ich sah dies an und sagte nichts weiter. Manche Dinge muss man nicht kommentieren, man muss sie nur zulassen.












