# Balkon in der Fliederstraße

Ich bin siebenundachtzig Jahre alt und erinnere mich genau an den Geruch des Tapetenkleisters, mit dem mein Mann unsere erste Wohnung in Marzahn tapeziert hat. Erdbeergeruch, billig, aus dem Baumarkt an der Ecke. Heinrich wurde nicht einmal fünfundvierzig. Das Herz hat ihn geholt, an einem Mittwoch, beim Frühstück, mit einer Scheibe Brot in der Hand, in die er nicht mehr hineingebissen hat.

Ich blieb mit vier Kindern zurück. Die Jüngste, Karin, trug noch Windeln in der Nacht.

Zeit zum Trauern gab es nicht. Morgens brachte ich die Kinder zu Kita und Schule, dann ging ich in die Wäscherei in der Turmstraße, wo ich Tischdecken für ein Restaurant bügelte, und abends putzte ich ein Steuerbüro im dritten Stock. Der Aufzug dort war seit neunundsiebzig kaputt, ich weiß das noch genau, weil in dem Jahr Karin geboren wurde.

Es gab Abende, an denen mir die Hände zitterten vom Schleppen des Wassereimers. Aber morgens klingelte der Wecker um Viertel vor sechs, und ich stand auf. Immer.

Die Kinder wurden schnell erwachsen, weil sie mussten. Der Älteste, Thomas, machte mit zwölf Jahren selbst die Einkäufe und passte auf, dass Karin zu Mittag aß, bevor ich von der Spätschicht heimkam. Ich wollte für sie mehr, als ich selbst gehabt hatte — dass sie nicht rechnen mussten, ob das Geld bis zum Monatsende reicht.

Die Wohnung in der Fliederstraße, zweiundvierzig Quadratmeter, zwei Zimmer mit Küche, kaufte ich auf Kredit, achtzehn Jahre abbezahlt. Die Fliesen im Bad bekamen schon in den Neunzigern Risse, aber Geld für neue gab es nie. Ich blieb dort, als die Kinder auszogen — zuerst Thomas nach Hamburg wegen der Arbeit, dann heiratete Karin und zog nach Lichtenberg, mit der Straßenbahn keine zehn Minuten entfernt, aber trotzdem rief sie nur einmal die Woche an, nicht öfter.

Abends setzte ich mich auf den Balkon, so groß wie zwei Gehwegplatten. Dort standen meine Geranien in Plastiktöpfen vom Discounter und die alte Tasse meiner Mutter, mit einem Sprung am Henkel, aus der ich Malzkaffee trank, weil echter mir den Magen verdarb. Gegenüber, im Fenster im Erdgeschoss, hielt die Nachbarin Erika einen Kanarienvogel, der ausgerechnet zum Sonnenuntergang am lautesten sang. Ich mochte das.

Im September rief Karin an und sagte, am Sonntag würden alle zusammen kommen, man habe sich lange nicht gesehen, man wolle einen kleinen Ausflug machen.

Ich freute mich. Ich zog den blauen Pullover an, den Thomas mir einmal aus dem Urlaub mitgebracht hatte.

Wir fuhren mit dem Kleinbus über die Stadtautobahn, bogen irgendwo hinter Zehlendorf ab. Wir hielten vor einem Gebäude mit dem Schild „Seniorenresidenz Abendfrieden". Thomas holte meinen Koffer aus dem Kofferraum — denselben, den er am Tag zuvor gepackt hatte, ohne dass ich es wusste.

„Mutter, so ist es besser für dich. Allein schaffst du die Treppen nicht mehr."

Karin küsste mich auf die Wange und sagte, sie würden jeden Sonntag kommen. Dann stiegen sie in den Bus und fuhren davon, und ich stand mit dem Koffer vor der automatischen Tür, die sich ausgerechnet in diesem Moment nicht öffnen wollte.

Jetzt teilt sich mein Tag in Mahlzeiten um sieben, um dreizehn und um achtzehn Uhr. Eine Pflegerin namens Sabine misst mir den Blutdruck und trägt ihn in eine Tabelle ein. Sie ist freundlich, bringt mir manchmal eine Zeitung mit. Vernachlässigt werde ich nicht — das Zimmer ist sauber, das Essen warm, die Tabletten liegen auf einem Tablett in einer Plastikbox mit den Wochentagen.

Aber ich habe keinen eigenen Balkon mehr. Stattdessen einen Flur mit einer Neonröhre, die so surrt, dass ich sie nach einundzwanzig Uhr noch durch die geschlossene Tür höre.

Ich vermisse die Tasse mit dem Sprung. Erikas Kanarienvogel. Und dass ich selbst entscheiden konnte, wann ich frühstücke und ob ich überhaupt vor neun aus dem Bett steige.

Sie sagen, ich brauche Pflege. Mag sein. Aber außer Pflege brauche ich auch, dass mich jemand fragt, bevor er meinen Koffer packt.

In den ersten drei Monaten rief ich jeden Sonntagabend bei Karin an, nachdem im Fernsehraum die Unterhaltungssendung zu Ende war, die alle schauten, weil sonst nichts lief. Karin hatte immer wenig Zeit. Thomas kam kein einziges Mal, er entschuldigte sich mit der Arbeit in Hamburg.

Bis an einem Sonntag im November, als es draußen wie aus Eimern schüttete, die Nachbarin aus dem Zimmer nebenan, Frau Berta, bei mir anrief und erzählte, ihre Enkelin sei Anwältin und komme nächste Woche zu Besuch. Sie fragte, ob ich mit ihr sprechen wolle.

Die Enkelin hieß Nina, war, soweit ich mich erinnere, um die dreißig und hatte eine Mappe voller Papiere ihrer Großmutter dabei. Sie setzte sich zu mir an den Tisch im Aufenthaltsraum, bot mir Kekse aus einer mitgebrachten Packung an und fragte direkt, ob die Wohnung in der Fliederstraße noch auf meinen Namen laufe.

Sie lief. Niemand hatte sie bisher überschrieben, obwohl Thomas schon zweimal am Telefon gefragt hatte, „ob man das nicht mal regeln sollte, Mutter, für alle Fälle".

Nina erklärte mir in Ruhe, was eine Vollmacht bedeutet und was eine Schenkung, und dass ich beides widerrufen oder einfach nicht unterschreiben könne, bis ich selbst entschieden hätte, was ich wolle.

Im Dezember, zwei Wochen vor Weihnachten, bat ich Sabine, mir ein Taxi zu bestellen. Sie fragte, wohin. Ich sagte, zum Notar in der Bergmannstraße, demselben, bei dem Heinrich und ich einst den Kreditvertrag unterschrieben hatten.

Ich fuhr allein, mit einer Mappe, in der Grundbuchauszug und Personalausweis lagen. Ich setzte ein Testament auf — die Wohnung in der Fliederstraße vermachte ich Karin und Thomas je zur Hälfte, so wie es ohnehin gekommen wäre, aber ich fügte eine Klausel hinzu: Solange ich lebe, hat niemand ohne meine schriftliche Zustimmung das Recht, sie zu verkaufen, zu vermieten oder irgendetwas daraus mitzunehmen. Ich ließ auch festhalten, dass eine Vollmacht über mein Konto, das mit der Rente, ausschließlich Sabine aus dem Heim erhält — allein zur Begleichung meines Aufenthalts, sonst nichts.

Der Notar, ein älterer Herr mit Brille, fragte, ob ich sicher sei, dass ich das nicht lieber den Kindern überlassen wolle. Ich antwortete, gerade deshalb überlasse ich es mir selbst.

Karin rief im Januar an, als im Grundbuch der Vermerk über die Beschränkung auftauchte. Ihre Stimme war hoch, überstürzt.

„Mutter, was hast du getan, warum hast du uns nichts gesagt, Thomas sagt, jetzt können wir die Wohnung nicht mal vermieten, um deinen Aufenthalt dort zu bezahlen…"

Ich sagte ihr ruhig, dass ich meinen Aufenthalt von meiner Rente bezahle und von dem, was ich vierzig Jahre lang beim Bügeln fremder Tischdecken zurückgelegt hatte, und dass niemand die Wohnung vermieten müsse, denn ich würde dorthin zurückkehren.

Am anderen Ende entstand eine Pause, in der nur das Atmen zu hören war.

Im März kamen beide, Thomas und Karin, zum ersten Mal zusammen seit jenem Sonntag mit dem Kleinbus. Sie setzten sich mir gegenüber im Aufenthaltsraum, Thomas hielt einen Ausdruck der Notarurkunde in der Hand.

„Mutter, wir dachten, so wäre es sicherer für dich."

„Sicherer für wen, mein Junge."

Ich hob die Stimme nicht. Ich goss mir Tee aus der Thermoskanne ein, die ich immer neben dem Bett stehen habe, weil der hiesige zu dünn ist.

„Habt ihr mich auch nur ein einziges Mal gefragt, ob ich hier sein will? Oder ob ich lieber zurück in die Fliederstraße möchte, auch wenn die Treppen mir mehr wehtun als der Aufzug in eurem Haus?"

Thomas antwortete nicht. Karin weinte, aber ich unterbrach meinen Tee nicht, um sie zu trösten.

Im Mai stellte ich eine Pflegehilfe ein, Frau Krüger, die dreimal die Woche in die Fliederstraße zu mir kommt, bezahlt von meinem Konto, zu dem nur Sabine und ich Zugang haben. Ich zog im April aus dem Seniorenheim aus, als es wärmer wurde. Die Geranien waren im Winter eingegangen, aber ich kaufte neue, in denselben Plastiktöpfen vom Discounter.

Erikas Kanarienvogel singt noch immer zum Sonnenuntergang. Ich sitze auf dem Balkon mit der Tasse meiner Mutter und höre zu.

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