Meine Schwiegermutter roch immer nach Maiglöckchen. Ein Parfum aus DDR-Zeiten, das sie sich in Chemnitz auf dem Flohmarkt am Getreidemarkt nachkaufte, jeden Herbst, in kleinen braunen Fläschchen mit abgegriffenem Etikett. Ich, Robert Lindner, vierunddreißig, Elektriker bei einer Firma in Zwickau, hab diesen Geruch zwölf Jahre lang ertragen. Erst in ihrer Küche, dann in unserem gemeinsamen Reihenhaus, das ich mit meiner Frau Katja aus dem Ersparten und einem KfW-Kredit gekauft hatte.
Ich will hier ehrlich sein, auch wenn's mich nicht gut dastehen lässt: Ich hab meine Mutter nie rausgeworfen. Sie ist eingezogen, weil mein Vater gestorben ist und die Wohnung in Chemnitz zu groß und zu teuer wurde. Katja hat nie was gesagt, jedenfalls nicht direkt. Aber ich hab gemerkt, wie sie samstags morgens leiser wurde, wenn meine Mutter in der Küche stand und die Kaffeetassen neu einsortierte, weil "das eigentlich besser passt". Ich hab's runtergeschluckt. Meine Mutter war allein, ich war ihr einziges Kind, was hätte ich machen sollen.
Vor drei Wochen, an einem Donnerstagabend im August, kam Katja von der Arbeit – sie ist Physiotherapeutin in einer Praxis am Hauptbahnhof – und stellte ihre Tasche nicht wie sonst im Flur ab, sondern nahm sie mit ins Wohnzimmer. Ich fand das komisch, hab aber nichts gefragt. Der Fernseher lief, irgendeine Vorabendserie, meine Mutter saß im Sessel und hat kommentiert, wie sie es immer tut, wenn eine Frau im Film "zu forsch" auftritt.
Katja hat die Zeitung, die auf dem Tisch lag, beiseitegeschoben und einen Ordner rausgeholt. Grüner Ordner, DIN A4, mit einem Aufkleber "Steuer 2023" drauf, den sie absichtlich draufgeklebt hatte, das hab ich erst später kapiert. Drin war der Grundbuchauszug. Meine Mutter stand vor drei Jahren, als mein Vater gestorben war, mit im Grundbuch – zu einem Viertel, "damit sie sich sicher fühlt", hatte ich damals gesagt. Katja hatte nie widersprochen.
Jetzt lag da ein zweites Papier. Ein Kaufangebot für ihren Viertelanteil, adressiert an einen Nachbarn, Herrn Ziegler, der zwei Häuser weiter wohnt und seine Tochter dort einziehen lassen wollte. Katja hatte das selbst organisiert, über Wochen, ohne mit mir zu reden. Der Betrag stand da schwarz auf weiß: achtundvierzigtausend Euro.
"Was soll das", hab ich gesagt, mehr verwirrt als wütend in dem Moment.
"Das ist ein Angebot an deine Mutter", sagte Katja, ruhig, viel zu ruhig für ihre Verhältnisse. "Sie kann verkaufen. Herr Ziegler zahlt bar, in drei Raten, Notartermin ist schon vereinbart, nächsten Dienstag."
Meine Mutter hat die Fernbedienung fallen lassen. Nicht laut, nur so ein leises Klack auf dem Teppich. "Das ist mein Zuhause", hat sie gesagt, und ich hab zum ersten Mal gehört, wie ihre Stimme kippt.
Ich muss zugeben – in dem Moment war ich auf ihrer Seite. Ich bin aufgestanden, hab gesagt, das entscheiden wir nicht so, das ist meine Mutter, das ist unser Haus. Katja hat mich nicht angeschrien. Sie hat den Ordner zugeklappt und gesagt: "Robert, ich zahl seit zwölf Jahren die Hälfte der Kreditrate für ein Haus, in dem ich in meiner eigenen Küche nicht entscheiden darf, wo die Tassen stehen. Ich hab nichts gesagt, weil ich dachte, das wird besser. Es wird nicht besser."
Dann hat sie was gesagt, das ich nicht vergessen werde: dass sie am Montag mit ihrer Anwältin in Zwickau war – eine Kollegin ihrer Chefin – und dass der Viertelanteil meiner Mutter im Grundbuch rechtlich nichts mit einem Wohnrecht zu tun hat. Meine Mutter hätte Eigentum, keinen Schutz. Und dass Katja, wenn nötig, die Teilungsversteigerung beantragen würde, wenn keine Einigung zustande kommt – das hatte die Anwältin ihr erklärt, für den Fall, dass ich mich querstelle.
Ich hab drei Tage gebraucht, um zu begreifen, dass sie es ernst meinte. Ich bin zu meiner Mutter gefahren – nein, sie war ja bei uns, ich bin mit ihr rausgegangen, an den Schwanenteich, wo sie immer die Enten füttert mit altem Brot aus der Tüte, die sie extra dafür aufhebt. Ich hab gefragt, ob sie sich vorstellen könnte, in die Seniorenresidenz am Domhof zu ziehen, betreutes Wohnen, mit dem Geld aus dem Verkauf finanzierbar, ich hätte es mir vorher schon mal angesehen, ohne es ihr zu sagen.
Sie hat lange die Enten beobachtet. Dann hat sie gesagt, sie hätte gewusst, dass es irgendwann so kommt, sie hätte es nur nicht sich selbst zugegeben. Dass sie in den zwölf Jahren gemerkt hat, wie Katja immer stiller wurde, aber sie hat gedacht, das geht vorbei.
Am Dienstag saßen wir zu viert beim Notar in der Innenstadt – ich, Katja, meine Mutter, Herr Ziegler mit seiner Tochter. Meine Mutter hat unterschrieben. Achtundvierzigtausend Euro, in drei Raten über sechs Monate. Sie zieht Ende September in die Residenz, ein Einzelapartment, sechsunddreißig Quadratmeter, mit Balkon zum Innenhof.
Katja hat mich danach vorm Notariat auf dem Parkplatz angesehen, neben dem Automaten, der Kaugummi ausspuckt, an dem meine Mutter jedes Mal stehenbleibt, obwohl sie nie was zieht. "Ich hab dich nicht bestraft", hat sie gesagt. "Ich hab aufgehört, für etwas zu bezahlen, das mir nie gehört hat."
Ich hab nichts erwidert. Ich hab nur zugesehen, wie meine Mutter dem Automaten einen Cent-Betrag reinsteckte, den sie nicht mal brauchte, und wie die kleine Plastikkugel mit dem grünen Kaugummi runterfiel, in ihre offene Hand.












