Sabine Krämer betrieb in Bornheim eine kleine Konditorei mit sechs Tischen, in deren Vitrine immer dieselben Mohnhörnchen und ein Erdbeer-Käsekuchen für vier Euro fünfzig das Stück lagen. Gegenüber, in einer umgebauten Werkstatt, fertigte ihre Nachbarin aus dem Hinterhaus, Renate Vogel, Ledertaschen nach Maß an – mit Sattlernaht und Messingbeschlägen, die sie extra aus Offenbach besorgte.
Die beiden waren befreundet, wie man es unter Nachbarinnen eben ist: Man lieh sich Zucker, tauschte Setzlinge vom Fensterbrett, und im Herbst stellten sie gemeinsam Sauerkraut in großen Steinguttöpfen auf Sabines Balkon her. An einem Dienstag, als der übliche Frankfurter Nieselregen fiel und im Café lautlos die Nachrichten liefen, wollte Sabine ihrer Freundin etwas Gutes tun und lud sie zum Abendessen ein, "um die Nachbarin ein bisschen zu verwöhnen".
Sie deckte den Tisch reichlich: Kartoffelsuppe, Reibekuchen, Apfelmus. Serviert wurde alles auf dem besten Geschirr, das sie besaß – flachen Porzellantellern mit dünnem Goldrand, ein Erbstück ihrer Tante aus Fulda. Die Teller waren tatsächlich hübsch. Nur hatte sich Renate drei Jahre zuvor das Handgelenk verletzt, der Bruch war schlecht verheilt, und die rechte Hand ließ sich seitdem nicht mehr ganz durchstrecken. Auf einer flachen Fläche mit dem Löffel zu hantieren fiel ihr schwer: Die Suppe rutschte weg, die Reibekuchen glitten hin und her, und mit einer nur eingeschränkt beweglichen Hand etwas aus einem flachen Teller aufzunehmen, war eine mühselige Angelegenheit.
Sabine wusste das nicht, genauer gesagt, sie hatte nicht daran gedacht. Sie aß schnell und mit Appetit, lobte ihre eigene Suppe in den höchsten Tönen, während Renate mit der Gabel auf dem Teller herumschob, die Reibekuchen in kleine Stücke zerteilte und den Teller schließlich fast unberührt zur Seite schob.
„Warum isst du nichts, Renate? Schmeckt es dir nicht?"
„Doch, es schmeckt", antwortete diese und schaute aus dem Fenster, wo der Nachbarshund Bruno einen Ast aus einer Pfütze zog. „Ich hab einfach keinen Hunger."
Renate ging mit leerem Magen nach Hause und mit einem unguten Gefühl im Bauch – als hätte man sie wieder, wie damals nach dem Krankenhausaufenthalt, nicht gefragt, was für sie eigentlich passt.
Eine Woche später rief sie an: „Komm doch am Samstag vorbei, ich möchte dich auch mal bewirten." Sabine freute sich und kam pünktlich um sieben mit einer Prinzregententorte im Arm.
Auf Renates Tisch stand eine tiefe Suppenschale mit hohem Rand und einer schmalen Tülle – so eine, aus der man mit einer Bewegung trinken kann, selbst mit einer unbeweglichen Hand, aus der man aber mit einem gewöhnlichen Löffel oder einer Gabel kaum etwas herausbekam: Der Rand war zu steil, das Gefäß tief wie ein Topf. Renate goss sich Pilzsuppe hinein und trank in aller Ruhe direkt aus der Tülle, die Schale mit der gesunden Hand haltend.
Sabine griff zum Löffel, stocherte einmal, zweimal – der Löffel schlug gegen den Boden, und zum Mund brachte sie höchstens einen Tropfen. Sie versuchte, die Schale zu sich zu kippen – die Suppe schwappte auf das Tischtuch. Zehn Minuten saß sie so da, hungrig und gereizt, während Renate seelenruhig ihre Portion aufaß.
„Renate, kann ich einen normalen Teller haben?"
Renate stellte die Schale ab, tupfte sich mit der Serviette den Mund und sagte, ohne Boshaftigkeit, ganz beiläufig:
„So einen habe ich nicht. Ich esse eben so, wie es für mich passt. Du hast mich letzte Woche genauso bewirtet – mit dem Geschirr, das für dich passt."
Sabine öffnete den Mund, um zu widersprechen, und schloss ihn wieder. Ihr fiel der flache Teller mit dem Goldrand ein und wie Renate die Suppe mit der Gabel herumgeschoben hatte.
„Ich habe nicht an deine Hand gedacht", sagte sie schließlich. „Es ist mir gar nicht in den Sinn gekommen zu fragen."
„Eben", Renate schob ihr einen gewöhnlichen Teller zu, den sie, wie sich herausstellte, griffbereit im Schrank hatte. „Iss jetzt, sonst wird's kalt."
Zwei Tage später kam Sabine nicht mit einer Torte zu Renate, sondern mit einer Mappe – sie hatte einen Katalog für Hilfsgeschirr für Menschen mit eingeschränkter Handbeweglichkeit mitgebracht: Löffel mit verdicktem Griff, Teller mit erhöhtem Rand, der verhindert, dass das Essen wegrutscht. Sie bestellte zwei Sets auf eigene Kosten, achtundvierzig Euro mit Versand per DHL. Eines behielt sie für sich – für Gäste, die, wie sich gezeigt hatte, ganz unterschiedlich sein können. Das zweite gab sie Renate mit den Worten: „Das ist kein Trostgeschenk. Das ist, damit ich dich nie wieder so bewirte, wie es mir bequem ist."
Renate drehte den Löffel mit dem gummierten Griff in den Händen, setzte den Wasserkocher auf und holte wortlos den Erdbeerkuchen aus dem Kühlschrank, den sie schon am Abend zuvor gebacken hatte – auf Vorrat, für den Fall, dass Sabine käme, um sich zu versöhnen.












