Die Adresse hat sich geändert

Ich fahre seit zwölf Jahren die Tour 47 für die Deutsche Post in Leipzig-Gohlis. Die Plattenbauten an der Landsberger Straße kenne ich besser als meine eigenen Taschen. Morgens um sechs hole ich den Wagen am Depot in der Zschocherschen Straße, fülle die Thermoskanne mit Kaffee, der nach Pappe schmeckt, und lege die Leberwurstbrote in die Beifahrertür. Im Treppenhaus der Nummer 112 riecht es nach Bohnerwachs und kaltem Rauch. Die Tour ist lang, manchmal über hundertzwanzig Stopps, und wenn es regnet, klebt der Scanner nicht richtig auf der Unterschrift.

In der Nummer 112, Aufgang C, dritter Stock links, wohnt Anke Rademacher. Ich klingele bei ihr fast jeden Werktag. Nicht wegen Briefen – die Frau bekommt Pakete. Kartons in allen Größen, manche mit dem Amazon-Logo, manche von Zooplus, manche mit handgeschriebenen Adressen, als hätte jemand sein eigenes Paket zur Post gebracht. Anke selbst ist klein, hat kurze braune Haare und meistens einen Fleck auf der Bluse, Kaffee oder Erdbeermarmelade. Sie unterschreibt mit dem Finger auf dem Scanner, und wenn ich Pech habe, will sie über das Wetter reden. Wenn ich Glück habe, riecht es aus ihrer Wohnung nach frischem Gebäck.

Einmal ist ein Karton aufgeplatzt, genau im Treppenhaus. Erdnussbuttergläser, vier Stück, und Leberwursttuben. Ich habe die Sachen aufgesammelt und ihr gegeben. „Für die Hunde im Tierheim", hat sie gesagt. „Die mögen das. Die warten da manchmal über zweihundertfünfzig Tage, bis jemand sie abholt."

Ich habe nichts gesagt, weil ich nicht wusste, was man darauf antwortet. Ich habe selbst einen Hund zu Hause gehabt, einen alten Jack Russell namens Otto. Der ist vor drei Jahren gestorben, aber daran wollte ich nicht denken.

Dann kam vor vier Monaten der junge Mann. Er machte die Tür auf, als ich klingelte. Groß, schmales Gesicht, graue Jogginghose, ein Nasenring. „Für Anke? Ich nehme das." Er unterschrieb mit dem Finger, ohne zu lesen. Ich gab ihm den Karton. Ab dem Tag hat er fast alle Pakete angenommen. Anke sah ich seltener, nur manchmal hörte ich sie im Hintergrund telefonieren oder mit Töpfen hantieren.

Ich habe mir nichts dabei gedacht. Ein Sohn, ein Mitbewohner, ein Freund – was weiß ich. Die Leute haben Besuch, das geht mich nichts an. Aber dann habe ich angefangen, die Kartons wiederzusehen.

Nicht in der Wohnung, sondern im Internet. Auf Kleinanzeigen. Leberwurst in Tuben, nur aufgetaute Ware, fünf Euro das Stück. Ein halber Karton Marken-Hundefutter, zwanzig Euro. Der Verkäufer nannte sich „jonas_flohmarkt_leipzig". Auf einem Foto sah ich denselben Kratzer auf dem Holztisch wie in Ankes Flur, als sie einmal die Tür offen gelassen hatte. Also hatte der junge Mann die Sachen fotografiert und eingestellt.

Ich habe nichts gesagt. Man steckt nicht in fremde Leben rein. Aber ich habe mir gemerkt, wann die Pakete ankamen und wann sie wieder im Netz auftauchten. Dienstags Zustellung, donnerstags Angebot. Das war wie ein Uhrwerk.

Vor zwei Wochen stand ich mit einem großen Karton vor Ankes Tür – Zooplus, sehr schwer, die Adresse rutschte mir fast aus der Hand. Der junge Mann, Jonas, machte auf. Hinter ihm konnte ich Anke in der Küche sehen. Sie telefonierte, das Handy zwischen Ohr und Schulter geklemmt, und rührte in einem Topf. Zucker, Mehl, Butter. Es roch nach Plätzchen, obwohl erst September war.

„Ich nehme das", sagte Jonas.

Ich hob den Scanner. „Der Absender hat eine Unterschrift von der Empfängerin verlangt. Anke Rademacher, nicht du."

Er kniff die Augen zusammen. „Ich bin ihr Sohn."

„Aber nicht Anke."

Er ging zur Küche und rief etwas. Anke kam, wischte sich die Hände an einem Geschirrtuch ab. Sie unterschrieb. Ich gab ihr das Paket. Jonas verschwand im Flur, aber nicht ohne mir über die Schulter zu schauen, als wäre ich ein Paket, das er gleich öffnen wollte.

Als ich im Treppenhaus stand, hörte ich, wie in der Wohnung eine Tür zuschlug. Dann von oben, durch die dünne Tür, ein Geräusch, das ich nicht einordnen konnte. Es klang wie ein Topf, der auf den Boden fiel, oder wie ein Mensch, der weint.

Ich bin weitergegangen. Der Feierabend war nah, und Otto wollte gefüttert werden. Otto war tot, aber ich dachte trotzdem daran.

In den Wochen danach achtete ich auf die Adressen. Die meisten Pakete kamen von Zooplus, Amazon, Fressnapf. Absender waren Privatleute aus ganz Sachsen, die an das Tierheim Leipzig spendeten. In der Empfängerzeile stand: „Tierheim Leipzig, z. Hd. Anke Rademacher, Ehrenamt". Ich habe gerechnet. In vier Monaten hatte ich ihr achtundvierzig Pakete gebracht. Wenn man den Inhalt auf dem Kleinanzeigen-Markt verkauft, kommt da leicht eine Summe von eintausendachthundert Euro zusammen. Vielleicht mehr. Ich habe die Rechnung im Kopf gemacht, während ich an der Haltestelle Georg-Schumann-Straße stand und auf die Tram 12 wartete. Ein Monatsticket kostet neunundfünfzig Euro. Davon hätte man viele Tickets kaufen können.

Und dann war der Morgen, an dem ich das Paket aus Berlin ablieferte. Ein Karton mit Aufkleber: „Sensible Fracht – Erdnussbutter ohne Xylitol". Auf der Unterseite stand in Kinderschrift: „Für die Hunde, die schon so lange warten."

Ich fragte mich, ob die Hunde je etwas davon bekommen.

Letzte Woche klingelte ich bei Anke. Es regnete, mein Regencape klebte an den Schultern, und die Tropfen liefen in den Kragen. Sie machte selbst auf. In der Hand hielt sie einen Stapel Papiere – Kontoauszüge, sah ich an den Banklogos. Ihr Gesicht war aschfahl.

„Stimmt es?", fragte ich, obwohl ich es längst wusste. Ich weiß nicht, warum ich gefragt habe. Vielleicht wollte ich es von ihr hören.

Sie hob den Kopf. Die Augen rot, die Haut um die Nase wund. „Die Hunde", sagte sie, und dann schwieg sie.

Ich gab ihr das Paket und ging die Treppe hinunter. Hinter mir hörte ich, dass jemand in der Wohnung einen Stuhl zurückzog.

Am nächsten Tag sah ich die Anzeige. „Verkaufe Hundefutter in großen Mengen. Neues Sortiment. Preis auf Anfrage." Darunter ein Foto von dreißig Dosen Nassfutter, alle mit demselben Klebeband wie die Zooplus-Kartons. Der Verkäufer: jonas_flohmarkt_leipzig.

Ich bin an diesem Tag an der Nummer 112 vorbeigefahren, ohne auszusteigen.

Heute war ein anderer Tag. Die Sonne schien, das Licht fiel schräg durch die Kastanien an der Landsberger Straße. Im Rucksack hatte ich einen kleinen Karton – nicht für Anke, sondern für die Wohnung 48 im gegenüberliegenden Aufgang. Aber als ich auf den Hof einbog, hörte ich von oben ein Poltern, dann die Stimme von Anke, laut und fest:

„Du unterschreibst kein Paket mehr. Du holst kein Paket mehr ab. Du gehst jetzt."

Dann die Stimme von Jonas, hoch und scharf: „Du kannst mich nicht rauswerfen. Ich bin dein Sohn."

Und Anke, ohne Pause: „Du hast die Spenden weggenommen. Du verkaufst das. Ich habe die Anzeigen. Ich habe die Kontoauszüge. Ich habe heute Morgen die Polizei angerufen."

Es raschelte, dann ein Fluch. Schritte. Die Wohnungstür von Nummer 112 flog auf, Jonas rannte die Treppe herunter, an mir vorbei, ohne mich anzusehen. Er trug eine Plastiktüte, aus der ein Karton herausragte. Der Karton platzte an der Seite auf. Leberwursttuben fielen heraus, rollten die Steinstufen herunter, blieben auf dem Absatz liegen. Eine rollte bis zu meinen Schuhen. Ich bückte mich, hob sie auf. Das Etikett war abgelöst, der Preis von fünf Euro noch lesbar.

Ich warf sie in die grüne Tonne vor dem Haus. Die Klappe schlug zu.

Eine halbe Stunde später stand ich wieder vor Ankes Tür. Sie hatte denselben Karton in der Hand, aber jetzt war ein neues Etikett darauf. „Tierheim Leipzig, Brehnaer Straße 71", las ich. Darunter, in Ankes Schrift: „Keine Zustellung mehr an diese Adresse."

„Danke, Rainer", sagte sie. „Die nächsten Pakete gehen direkt ins Tierheim. Ich habe die Adresse heute Morgen geändert."

Ich sagte: „Gut so." Dann ging ich zurück zum Wagen. Der Scanner piepte. Auf dem Display stand keine neue Nachricht. Ich startete den Motor und fuhr los.

Am Ende der Straße bog ich rechts ab. Im Rückspiegel sah ich, wie Anke am Fenster stand und die Markise herunterließ. Die Sonne lag auf den Kastanien, und der Hund aus dem Nachbarhaus bellte dreimal.

Ich dachte an Otto. Er hätte sich über die Leberwurst gefreut.

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