Ich wohne seit neunundzwanzig Jahren in diesem Haus in der Kamenzer Straße in Leipzig-Gohlis. Vier Stockwerke, Altbau, die Wände so dick, dass man normalerweise nichts von den Nachbarn hört. Nur wenn unter mir gestritten wird, verstehe ich jedes Wort. An jenem Abend hörte ich keinen Streit. Ich hörte eine Stimme, die einen Satz sagte wie etwas, das man nicht mehr zurücknehmen kann.
Es war ein Freitag im November, kurz vor halb acht. Ich war gerade vom Balkon hereingekommen, die Blumenkästen mit Tannenzweigen abgedeckt, die Hände noch kalt. Meine Küchenuhr tickte. Da drang von unten, aus der Wohnung von Jana und Sven, ein Räuspern durch die Decke. Und dann: „Das ist Karin. Sie wird deinen Platz einnehmen. Im Geschäft – und bei mir.“
Ich stellte den Wasserkocher ab, obwohl er noch nicht kochte. Die Worte kamen nicht laut, eher beiläufig. Als hätte er gesagt: Ich bringe morgen Brötchen mit. Aber sie wirkten unter meiner Schuhsohle wie ein Sprung im Estrich. Ich kannte die beiden, wie man Nachbarn kennt, an denen man vierzehn Jahre auf dem Weg zum Briefkasten vorbeigeht. Jana, Anfang fünfzig, Architektin, die morgens als Erste das Haus verließ. Sven, der einen Fachhandel für hochwertige Badausstattung führte, gleich um die Ecke an der Georg-Schumann-Straße. Das Ladenlokal gehörte Jana. Hatte sie von ihrer Tante geerbt. Das stand im Hausflur nie zur Debatte, aber man wusste es. Wie man eben Dinge weiß, die der Postbote einem halblaut erzählt.
An jenem Abend war ich nur die Zeugin, die zufällig einen Topf vom Herd hob. Ich kannte die junge Frau nicht, die dort unten stand. Ich hörte nur, wie sich die Wohnungstür öffnete, wie Schritte über das Parkett gingen, wie Jana etwas sagte, das ich nicht verstand, und wie die Tür ins Schloss fiel. Kurz darauf sah ich vom Küchenfenster aus, wie Sven mit einer Reisetasche die Straße überquerte. Neben ihm ging die junge Frau, das Handy vor dem Gesicht, als würde sie einen Mietwagen buchen. Er trug keine Handschuhe, obwohl es drei Grad hatte.
Ich wollte eigentlich nur meinen Tee trinken und die Nachrichten schauen. Aber ich blieb am Fenster, bis die Rücklichter eines Wagens in Richtung Innenstadt verschwanden.
Zwei Tage später traf ich Jana im Treppenhaus. Sie trug einen Umzugskarton die Treppe hinunter, der so schwer war, dass sich die Pappe an den Griffen bog. Obenauf lag eine Thermoskanne, Modell „Stuttgart“, und ein Aktenordner mit der Aufschrift *Mietvertrag – Georg-Schumann-Straße 84*. Sie wirkte nicht aufgelöst. Sie sah aus wie jemand, der einen kranken Baum fällt, bevor er auf das eigene Dach stürzt. Wir nickten uns zu.
„Brauchen Sie Hilfe?“, fragte ich, weil der Karton wirklich schwer aussah.
„Danke, Frau Berger. Nur noch der eine. Es sind seine Sachen. Die bringe ich ihm vorbei, wenn er die Schlüssel abholt.“
Bis dahin hatte ich gedacht, so eine Trennung beginnt mit Geschrei und endet mit dem Jugendamt auf der Treppe. Bei Jana begann sie mit Kartons. Und mit einer Frist.
Was ich jetzt erzähle, habe ich nicht alles selbst gesehen. Ich bin Rentnerin, ich setze mich nicht in fremde Autos und fahre nicht durch die halbe Stadt. Aber in einem Haus in Gohlis, mit den richtigen offenen Fenstern im Sommer und den dünnen Heizungsrohren im Winter, bekommt man mehr mit, als einem lieb ist. Der Rest ist das, was die Leute im Hausflur sagen. Der Mann von der Hausverwaltung. Die Friseurin von nebenan. Und ein einziges Mal auch Jana selbst, an einem Morgen, an dem wir zusammen an der Haltestelle standen wegen der gesperrten Linie 4.
Die Sache war die: Jana hatte ihrem Mann nach dem Auszug eine Kündigung geschickt. Nicht für die Ehe. Für das Ladenlokal. Fünfzehn Jahre lang hatte sein Geschäft dort umsonst gesessen, weil Jana dachte, das sei das Familienprojekt. Jetzt dachte sie das nicht mehr. Die Kündigung kam per Einschreiben, mit einer Frist von drei Monaten. Und ein Mietvertragsentwurf lag bei. Marktübliche Miete, hatte der Anwalt geschrieben. Das wusste ich von der Friseuse, deren Bruder für den gleichen Anwalt die Post macht.
Sven, so erzählte man sich, habe zuerst telefoniert. Dann sei er ins Geschäft gefahren und habe die Kündigung neben die Kaffeemaschine auf den Tresen gelegt, als sei sie eine Betriebsanleitung, die man später lesen kann. Aber die Frist stand im Briefkopf. Und die Miete war eine Zahl, die man nicht übersehen konnte. Dreitausendvierhundert Euro kalt pro Monat. Ich schrieb mir das auf den Rand der Fernsehzeitung, weil ich so eine Zahl für unmöglich hielt.
Der Januar war hart. Ich sah Sven nur zweimal. Einmal parkte sein Wagen, ein grauer Passat, abends mit eingeschaltetem Innenlicht vor dem Haus. Er saß am Steuer und starrte auf die Windschutzscheibe, als wäre dort eine Rechnung aufgemalt. Ich ging mit meiner kleinen Hündin Etta vorbei. Er reagierte nicht. Nur die Scheibenwischer gingen einmal über das trockene Glas. Ich glaube, es war Versehen.
Das Geschäft lief schlecht. Das hörte ich von Jana, als wir an der Ersatzhaltestelle standen, weil die Straßenbahnschienen erneuert wurden. Sie trug einen dicken grauen Mantel und hielt ihre Handtasche mit beiden Händen vor dem Bauch, als fröre sie trotzdem.
„Die neue Frau hat vergessen, eine Lieferung aus Keramik abzunehmen. Zwölf Paletten. Stehen jetzt beim Spediteur bei Taucha. Pro Tag kostet das siebzig Euro, ab dritter Tag hundertzehn.“
Sie sagte das nicht hämisch. Sie sagte es wie eine Meldung aus dem Radio. Ich hörte nur den Wind an der Haltestelle und weit weg die Martinshörner von der Feuerwache Nord.
Ich fragte: „Was macht er denn jetzt?“
„Er versucht, die Ausstellung zu verkaufen. Freistehende Wannen. Duschpaneele mit Bluetooth. Weiß nicht, wer im Februar eine Badewanne für achttausend Euro kauft.“
Dann kam die Bahn. Sie stieg ein, ich stieg ein. Wir fuhren zwei Stationen zusammen, ohne ein Wort.
Ende Januar, einen Abend vor dem Mülltag, hörte ich unten wieder Stimmen. Diesmal lauter. Eine Frau, nicht Jana. Die junge. Sie schrie etwas von „verarscht“ und „deine verdammte Ex“. Dann flog etwas. Kein Glas. Es klang nach einer Schranktür. Danach Stille. Nur der Luftzug im Treppenhaus, der die alte Dichtung an meiner Wohnungstür bewegte. Ich zog mir die Decke über die Beine und machte den Fernseher an, damit ich das Knacken der Rohre nicht mehr hörte.
Anfang Februar war unten im Geschäft Inventur, das hieß bei ihm: Ausverkauf. Die Friseuse erzählte, jemand habe eine Regendusche aus Titan zum halben Preis bekommen, weil Sven den Karton nicht mehr aus dem Lager tragen wollte. Der Laden war fast leer, als ich einmal dran vorbeiging. Durch die Scheibe sah ich nur noch einen Tisch und zwei Stühle. Kein Licht über dem Tresen. Die neuen Glastüren, die er vor zwei Jahren hatte einbauen lassen, spiegelten die Straße wie eine kalte Wasserfläche.
Dann, es muss Mitte Februar gewesen sein, weil Karneval war und ich meine alte Clownsfigur vom Schrank holte, kam Sven zurück. Nicht zu mir. Unten klingelte es bei Jana. Ich weiß das, weil ich gerade meinen Schlüssel im Schloss hatte und die Tür zum Treppenhaus einen Spalt offen stand. Ich hörte seine Schritte schwer die Stufen hochkommen, ein Reiben der Jacke am Geländer. Dann seine Stimme.
„Jana. Kann ich reinkommen? Fünf Minuten.“
Sie machte auf. Ich hörte die Kette. Nicht das Klirren, das man erwartet. Eher ein leises Anschlagen, als hätte sie die Kette schon in der Hand gehabt, bevor er klingelte.
Ich hätte weitergehen sollen. Ich bin keine, die an Türen lauscht. Aber meine Etta war stehen geblieben, die Leine straff, und ich dachte, sie hätte etwas gesehen. So blieb ich eine halbe Treppe über ihnen. Ich sah nicht in die Wohnung. Aber ich hörte alles, weil Altbau nichts für Geheimnisse ist.
„Es tut mir leid“, sagte er. „Das war ein riesiger Fehler. Karin ist weg. Der Laden ist hin. Ich weiß jetzt, dass alles nur wegen dir funktioniert hat. Du hast die Lieferanten gekannt, die Monteure, die Zahlen. Ich hab das nie gesehen. Gib mir eine Chance. Bitte.“
Ich hörte, wie Etta mit der Pfote an der Leine kratzte. Und dann hörte ich Jana. Sie sprach nicht laut. Sie sprach, als stünde sie mit dem Rücken zur Tür und lese vom Bildschirm ab.
„Du hast an meinem fünfzigsten Geburtstag gesagt, Karin nimmt meinen Platz ein. Vor zwanzig Leuten. Du hast nicht gefragt. Du hast angekündigt.“
„Das war dumm. Eitel. Ich war nicht bei mir.“
„Doch, Sven. Genau da warst du. Und der Platz, den sie nehmen wollte, war ich. Nicht die Firma. Nicht das Sortiment. Ich.“
Es raschelte. Papier. Oder eine Plastiktüte.
„Hier“, sagte sie. „Zwei Sachen. Einmal die Bestätigung, dass ich deine Sachen am siebzehnten November bei der AWO abgegeben habe. Und die Abrechnung vom Steuerberater. Dein Geschäft hat im letzten Quartal minus einundachtzigtausend Euro gemacht. Ich wollte, dass du die Zahl vor dir hast, wenn du hier stehst und von Chancen redest.“
Ich hörte, wie er Luft holte. So wie mein Schwiegersohn, bevor er sagt, dass die Werkstatt wieder irgendwas nicht kann. Aber es kam kein Satz. Nur ein Geräusch in der Kehle.
„Ich gehe jetzt einkaufen“, sagte Jana. „Die Wohnung ist abgeschlossen. Falls du noch einen Schlüssel hast, der nicht passt – lass ihn stecken. Ich habe heute Morgen das Schloss im Flur gewechselt. Der Schlüsseldienst hat mir eine Rechnung über zweihundertvierzig Euro geschrieben. Die ist in der Papiertüte dabei. Zusammen mit der Mietforderung für den Januar. Ich habe nur noch einen Monat Geduld. Zahlungsziel: der Zwanzigste.“
Ich hörte, wie sie sich umdrehte. Schritte auf dem Fliesenboden. Der Knauf meiner eigenen Tür bog die Kälte zu mir herein. Ich zog Etta an der Leine nach oben, zwei Stufen, so leise, wie man mit einer Dackeldame eben sein kann. Auf halber Höhe blieb ich noch einmal stehen, nicht weil ich wollte. Weil meine Hüfte zwickte. Und während ich den Schmerz wegatmete, hörte ich, wie unten ein einzelner Umschlag auf den Läufer fiel. Als hätte ihn jemand lange gehalten und dann losgelassen.
Ich bin dann doch nicht einkaufen gegangen. Ich habe Etta ins Körbchen gelegt, mir eine Herztablette genommen und am Küchentisch gesessen, bis es dunkel wurde. Nicht wegen der Geschichte. Wegen der Ruhe, mit der eine Frau an einem Abend im Februar ihre eigene Tür abschließt.
Später, im März, stand in der Zeitung eine kleine Meldung, dass in der Georg-Schumann-Straße ein Fachmarkt für Sanitärtechnik aufgelöst wird. Die Gläubiger seien informiert. Mehr nicht. Die neue Apotheke kam im Frühjahr. Ich sah die Bauarbeiter, als ich mit Etta die Kreuzung überquerte. Einer von ihnen trank einen Eiskaffee, mitten im April, und hielt sich die Hand über die Augen, weil die Sonne vom Schaufenster geblendet wurde. Das Glas war wieder sauber.
Jana sehe ich noch manchmal. Neulich trug sie eine hellblaue Jacke und einen dieser Rucksäcke, aus denen ein Ladekabel hing. Sie ging schnellen Schrittes die Kamenzer Straße hinunter, als hätte sie einen Termin, den sie nicht verpassen will. Ich musste an den Abend denken, an dem Sven wiederkam und unten im Flur stand. Und an den Klang, mit dem der Umschlag auf den Boden fiel.
Ich habe ihn danach nie wieder im Haus gesehen. Auf meiner Fensterbank steht eine kleine Aloe. Sie hat zwei Ableger bekommen, ohne dass ich etwas dafür getan habe. Gestern habe ich die Ableger eingetopft. Ich weiß nicht, warum ich das jetzt erzähle. Vielleicht, weil eine Geschichte dann zu Ende ist, wenn man beim Umtopfen an sie zurückdenkt und der Händedruck nicht mehr zittert. Ich habe die kleinen Töpfe auf die Heizung gestellt. Und als ich den Wasserhahn in der Küche zudrehte, merkte ich, dass er endlich nicht mehr tropfte. So ein Satz bleibt einem als Erstes im Gedächtnis. Und als Letztes.











