Das brennende Zimmer

Es war kurz vor Mitternacht, als Lena den beißenden Geruch von Rauch wahrnahm.

Ihr Kopf dröhnte von dem Schlag, den sie kurz zuvor abbekommen hatte. Sie lag auf dem kalten Parkett des Schlafzimmers, die Hände mit einem Kabelbinder auf dem Rücken gefesselt.

Durch den schwarzen Schleier aus Qualm sah sie die ersten Flammen am Bettvorleger lecken.

Ihr ganzer Körper bebte, während sie verzweifelt versuchte, sich zu bewegen.

„Hilfe! Mein Baby!“

Niemand antwortete. Die Tür war verschlossen, das wusste sie.

Vom Flur aus hörte sie das leise Klicken einer Handykamera. Sabine, ihre Schwiegermutter, filmte das brennende Zimmer – und lächelte.

Drehte den großväterlichen Messingschlüssel lässig um den Zeigefinger.

„Keiner kann dich jetzt noch retten, Kleines. Endlich bekommst du, was du verdienst.“

Lena presste ihr Gesicht auf den Boden, versuchte, dem Rauch zu entkommen. Ihre Lunge brannte bereits. Ihr Mann, Tobias, stand sicher irgendwo und sah zu.

Ihr war klar, dass sie nicht noch einmal aufwachen würde, wenn sie jetzt nicht aufstand.

Draußen auf dem langen Flur der Hannoveraner Villa war Grete schon wach geworden. Die alte Haushälterin hatte das Poltern von umgefallenen Möbeln gehört und war barfuß die Treppe hinaufgeeilt. Sie fand Sabine direkt vor der Tür zu Lenas altem Jugendzimmer – in dem man sie eingesperrt hatte. Sabine hatte die Lippen geschürzt, musterte die alte Frau mit einem Blick, den Grete nur zu gut kannte: Verachtung, Überlegenheit, Bosheit.

„Gehen Sie wieder schlafen, Grete. Morgen müssen Sie die Asche wegräumen.“

Grete sah den Schlüssel in Sabines Hand, hörte Lenas erstickte Schreie hinter der Tür.

Mehr brauchte sie nicht.

Mit einer Geschwindigkeit, die niemand der fast Siebzigjährigen zugetraut hätte, stürzte sie sich auf Sabine, riss sie an den Schultern nach hinten und stieß sie gegen die Flurwand.

Der Schlüssel klimperte auf den Boden.

Grete packte ihn und trat die Tür auf.

Die Hitze schlug ihr wie eine Wand entgegen. Qualm waberte in dichten Schwaden unter der Decke.

„Frau Lena!“

Lena lag auf der Seite, die Kleider schon leicht angesengt, hustete und hyperventilierte. Grete zog sie hoch, durchtrennte den Kabelbinder mit der kleinen Gartenschere, die sie immer in der Kittelschürze trug. Aus dem angrenzenden Bad riss sie ein Handtuch vom Haken, drehte den Wasserhahn auf und tränkte es.

„Halten Sie sich das vors Gesicht! Wir gehen jetzt raus.“

Lenas Beine zitterten, ihre riesige Kugel unter dem dünnen Nachthemd machte jeden Schritt zur Qual. Sie klammerte sich an Gretes Arm.

Sie hatten fast den Flur erreicht, als die Haustür unten zuschlug und Schritte auf dem Parkett hallten.

Tobias.

Lena sah auf, erkannte seine Silhouette im Licht der Flurlampe. Ihr Herz machte einen Satz.

„Tobias! Gott sei Dank, hilf uns!“

Er kam näher, blieb direkt vor der offenen Tür zur brennenden Kammer stehen. Sein Blick war kalt. Regungslos.

Dann griff er nach der Türklinke, drückte sie gegen Lenas vorschnellende Hand – und schlug die Tür wieder zu.

Das Schloss schnappte erneut ein.

„Ihr bleibt drin. Beide.“

Er drehte sich zu Sabine um, die noch immer auf dem Boden kauerte und sich die Schulter hielt. „Steh auf. Wir gehen in die Küche, das Gas regelt den Rest.“

Lena hörte das Wort und spürte einen eiskalten Stich im Bauch. Gas.

Die kleine Küche am Ende des Flurs hatte eine Gasleitung für den Herd, das wusste jeder im Haus. Grete kannte zudem die alte Gewohnheit, den Haupthahn nie abzudrehen.

Sie hörte, wie Tobias einen Schrank aufriss. Dann das schrille, zischende Geräusch von entweichendem Gas, gefolgt von einem kurzen, hellen Klirren – er hatte den Anschluss mit einem Fleischhammer zertrümmert und den Schlauch herausgerissen.

„Das ganze Haus fliegt gleich in die Luft.“

Lenas Stimme klang nur noch wie ein heiseres Flüstern.

Grete drückte sie gegen das kühle Glas der Terrassentür am Ende des Ganges. Dahinter lag der Garten, der Rasen, die Freiheit.

Die alte Frau zerrte einen antiken Biedermeierstuhl unter der Telefonkonsole hervor und holte aus. Das erste Mal splitterte das Vorsatzglas in tausend Spinnennetzrisse. Das zweite Mal brach es ein, Scherben fielen ins Gras.

„Raus mit Ihnen! Sofort!“ – Grete schob Lenas schwankenden Körper durch die Öffnung, das Handtuch fiel von Lenas Gesicht. Kühle Nachtluft strömte herein, doch gleichzeitig drang der scharfe Geruch von Erdgas aus der Küche herüber.

Die Flammen fraßen sich durch die Schlafzimmertür. Das Knistern wurde zu einem Brüllen, Funken tanzten durch den Flur.

Lena klammerte sich an das Geländer der Terrasse, wollte Gretes Hand nicht loslassen.

„Kommen Sie auch raus!“

Grete drehte sich um. Der Flur war nur noch eine Wand aus Rauch und dahinter ein glühendes Inferno. In diesem Moment sah sie die Flamme, die aus der Küche zurückschlug – und wusste, sie schafften es nicht beide.

Ohne ein Wort zu sagen, stieß sie Lena mit der flachen Hand vollends nach draußen und warf sich halb vor die Öffnung, während der Korridor hinter ihr mit ohrenbetäubendem Rumpeln in einer gelb-roten Druckwelle aufriss.

Der Gasherd detonierte genau in dem Augenblick, als Grete ihre Arme schützend über den Kopf zog. Die Wucht schleuderte sie gegen die zerbrochene Glastür, Holzsplitter flogen durch die Luft.

Alles wurde schwarz.

Das Nächste, was Lena wahrnahm, war das Blaulicht, das über die Bäume im Garten zuckte. Sanitäter legten sie auf eine Trage, eine Sauerstoffmaske presste sich auf ihr Gesicht.

Ihr eigener Schrei gellte noch in den Ohren, aber sie wusste nicht, ob sie ihn wirklich ausgestoßen hatte.

„Mein Kind. Bitte, mein Kind!“

Ein Arzt beugte sich über sie, die Worte gingen im Martinshorn unter.

Dann nur noch helles OP-Licht und das Gefühl, in einen Strudel gezogen zu werden.

Als sie aufwachte, war es still. Der Geruch von Desinfektionsmittel. Ein piepsender Monitor.

Eine Schwester trat an ihr Bett und lächelte.

„Ihre Tochter hat es geschafft. Ein bisschen zu früh, aber sie ist stark. Sie liegt auf der Neonatologie, Sie können sie bald sehen.“

Lena schluchzte, Tränen liefen ihr übers Gesicht.

Und dann fiel ihr Grete ein.

„Die alte Dame, die mit mir…“

Die Schwester wurde ernst. „Frau Grete ist stabil. Sie hat schwere Verbrennungen an den Armen und eine Rauchvergiftung, aber sie lebt. Auf diesem Stockwerk, Zimmer 21. Nur besuchen ist noch nicht…“

Lena drückte das Kissen an ihre Brust, lächelte zum ersten Mal seit Monaten.

Zwei Tage später klärte Kriminalkommissar Wiegand sie auf, was unterdessen vorgefallen war.

Tobias und Sabine hatten noch in derselben Nacht versucht, mit einem vollgepackten BMW X5 über die A2 nach Osten zu fliehen. An der Raststätte „Lehrter See“ war der Wagen dann von vier Zivilfahrzeugen eingekeilt worden, während Tobias gerade die Tankkarte durchziehen wollte. Die Polizei fand im Kofferraum ihre Pässe, Bargeld im Wert von 83.000 Euro und eine Mappe mit Lenas Testament, das Tobias nach ihrem Tod geerbt hätte – die Villa am Stadtrand und das gesamte Aktiendepot ihrer Eltern.

Sabine hatte bei der Festnahme noch geschrien, das sei alles eine ‚private Familienangelegenheit‘. Der Kommissar sagte, sie habe ihm fast ins Gesicht gespuckt.

Tobias hatte bloß dagesessen, stumm, mit einem Ausdruck, als gehöre der Rücksitz der Polizei zu seinem Plan.

„Ihre Aussage wird reichen, um beide wegen versuchten Mordes in Tateinheit mit schwerer Brandstiftung anzuklagen. Sie müssen sich keine Sorgen mehr machen.“

Vier Monate später schob Lena einen leichten Kinderwagen durch den Georgengarten. Der Spätherbst warf bunte Blätter auf den Kies, die Luft roch nach feuchter Erde.

Die Kleine schlief zufrieden, eine winzige Faust unter dem Kinn.

Auf dem Weg zum Ententeich setzte sich Lena auf eine Bank und zog ein selbstgeschnitztes Holz-Entchen aus der Jackentasche. Grete hatte es in der Reha gebastelt, mit einem kleinen ‚G‘ auf der Unterseite.

Sie stellte das Entchen auf die Lehne und betrachtete es einen Moment.

Hinter ihr auf dem asphaltierten Weg bremste ein Bus, Menschen stiegen aus.

Lena drehte sich nicht um, sah nur auf das schlafende Gesicht ihrer Tochter hinab.

Das leise Quaken einer echten Ente kam vom Teich herüber.

Lena stand auf, hängte ihr die Decke neu über den Wagen und ging langsam weiter, das geschnitzte Entchen immer noch in der Hand.

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