Der Regen hämmerte gegen die Scheiben des Busses der Linie 62, als ich an der Haltestelle am Pirnaischen Platz einstieg. Ich war im siebten Monat, mein Bauch drückte gegen den feuchten Stoff meines Mantels, und jede Bewegung fühlte sich an, als würde ich einen Medizinball durch die Gegend tragen. Der Bus war voll, Feierabendverkehr. Ich hielt mich an einer Halteschlaufe fest und spürte, wie mir der Schweiß unter dem Schal den Rücken hinunterlief.
An der nächsten Station stieg eine alte Frau zu. Sie hatte einen Stock mit Elfenbeingriff und trug ein dunkelgrünes Wollkostüm, das nach Kampfer roch. Die Tür schloss sich, der Bus ruckte an, und sie schwankte. Kein einziger Fahrgast stand auf. Zwei Teenager starrten auf ihre Handys, ein Mann im Anzug blätterte in einer Zeitung, eine Frau mit Kopfhörern zog demonstrativ die Schultern hoch.
Ich stand auf. „Setzen Sie sich“, sagte ich.
Sie musterte mich einen Moment zu lang, als würde sie ein Gesicht mit einer Erinnerung abgleichen. „Kat“, sagte sie dann, kein Zögern, keine Frage. „Sie sind Annes Schwester. Sie sehen ihr ähnlich um die Augen.“
Ich hielt mich am Stangengriff fest. „Woher kennen Sie meine Schwester?“
„Ich war Notargehilfin in der Kanzlei am Altmarkt. Fast dreißig Jahre.“ Sie setzte sich, legte ihre kleine Handtasche auf den Schoß. „Ihre Schwester kam drei Tage vor ihrem Tod ins Krankenhauszimmer, ein Notar mit ihr. Ich habe das Testament mit abgeheftet. Ich habe ihr Bett noch gesehen, die Infusion, alles.“ Sie strich mit dem Daumen über den Griff ihres Stocks. „Ich bin letztes Jahr in Rente gegangen. Habe die Kanzlei aufgelöst mit dem Chef zusammen. Manche Akten hat man vernichtet, andere aufbewahrt, wenn einem die Sache nicht sauber vorkam.“
„Was heißt nicht sauber?“
„Es gab zwei Kopien im Umlauf. Eine alte, aus einem Entwurf, den Ihre Schwester Wochen vorher verworfen hatte. Die andere, die gültige, hat sie persönlich in ein Schließfach gelegt, weil sie jemandem in der Familie nicht traute. Mir hat sie die Nummer gesagt, für den Fall, dass etwas verloren geht. Ich habe den Schlüssel all die Jahre in meiner eigenen Schublade gehabt, weil ich nicht wusste, wie ich ihn Ihnen zustellen sollte, ohne dass es aussieht wie Einmischung.“ Sie sah aus dem Fenster in den Regen. „Ich fahre diese Linie oft. Ich habe gehofft, Sie irgendwann zu sehen. Ihre Schwester hat mir ein Foto gezeigt, damals im Krankenzimmer.“
Ich brachte kein Wort heraus. Der Bus ruckte um eine Kurve, und sie hielt sich mit einer Hand am Sitz fest.
Als der Bus an der Haltestelle am Großen Garten hielt, stand sie auf. Beim Vorbeigehen drückte sie mir die Hand, und ich spürte etwas Kleines, Hartes zwischen unseren Handflächen. „Die Bank in der Wilsdruffer Straße“, sagte sie. „Fach siebzehn. Warten Sie nicht zu lange.“ Dann war sie draußen im Regen verschwunden.
Zu Hause in der Wohnung in der Neustadt zog ich den Mantel aus und öffnete die Faust, die ich die ganze Fahrt über geschlossen gehalten hatte. Ein kleines Samtsäckchen, dunkelblau, mit dünner Kordel zugezogen. Darin ein silberner Schlüssel, so klein wie für ein Schließfach, und ein zusammengefalteter Zettel mit einer Nummer und der Bankadresse, in Annes Handschrift.
Mehr dachte ich an diesem Abend nicht darüber nach. Denn im Wohnzimmer warteten die Zwillinge.
Milo und Erik, meine Neffen, hatten an diesem Wochenende ihren achtzehnten Geburtstag gefeiert. Ich hatte sie großgezogen, seit ihre Mutter – meine Schwester Anne – drei Tage nach der Geburt gestorben war. Ihr Vater hatte sich schon während der Schwangerschaft aus dem Staub gemacht. Ich war zweiundzwanzig gewesen, frisch aus der Ausbildung zur medizinischen Fachangestellten, und von einem Tag auf den anderen Mutter von zwei Säuglingen.
Ich hatte den Mann, der mich heiraten wollte, nach Australien gehen lassen. Ich hatte keine eigene Familie gegründet, keine Karriere gemacht, keine Reisen unternommen. Stattdessen hatte ich Nachtschichten geschoben, Hausaufgaben überwacht, Elternabende besucht, Fußballturniere mit Limonaden und belegten Brötchen organisiert und jeden Cent für ihre Schulbücher, ihre Fahrräder, ihre Nachhilfe zusammengehalten.
In den letzten Monaten aber war etwas gekippt. Die Zwillinge hingen mit einer neuen Clique herum, Jungs mit schnellen Autos und noch schnelleren Versprechen. Vor drei Wochen hatte Erik nach Geld gefragt, „nur geliehen“, für etwas, das er nicht näher erklären wollte. Vor zehn Tagen hatte ein Mann angerufen, der sich als ihr Vater vorstellte, zurück aus irgendeinem Job in Rotterdam, und seitdem waren die beiden anders, verschlossener, als hätten sie plötzlich einen zweiten Plan für ihr Leben, in dem ich nicht mehr vorkam.
Und jetzt, ein Jahr nach ihrer Volljährigkeit, standen sie in meiner Küche. Erik lehnte am Herd, Milo hatte die Arme verschränkt.
„Der Anwalt sagt, das Haus gehört uns“, sagte Milo. Er sprach leise, aber mit einer Schärfe, die ich von ihm nicht kannte. „Mama hat es uns vererbt. Du hattest Wohnrecht, bis wir achtzehn sind. Jetzt sind wir achtzehn. Wir wollen es verkaufen.“
Ich hielt den Wasserkocher in der Hand. Der Griff war warm, das Wasser noch nicht gekocht. Ich stellte ihn zurück auf die Platte.
„Ihr wollt das Haus verkaufen“, wiederholte ich. „Das Haus, in dem ihr aufgewachsen seid. In dem ihr mit mir lebt. In dem ich eure Mutter gepflegt habe, bevor sie ins Krankenhaus kam.“
Erik zuckte die Schultern. „Du bist nicht unsere Mutter. Du bist nur die Tante. Der Anwalt sagt, wir können dich rauswerfen.“
Eine Zeit lang sagte ich nichts. Draußen bellte der Dackel des Nachbarn durch den Regen. Der Kühlschrank summte. Auf dem Tisch lag noch die halbe Geburtstagstorte vom Samstag, die Kerzen waren nicht mehr da, und daneben, halb unter einer Zeitschrift verdeckt, zwei Briefe von der Bank mit rotem Aufdruck, die ich schon eine Weile mit Unbehagen registriert, aber nicht angesprochen hatte.
Ich dachte an den Mann in Australien, der mir damals einen Brief geschrieben hatte, den ich nie beantwortet hatte, weil ich dachte, die Zwillinge bräuchten mich mehr als ich ihn. Ich dachte an die Nächte, in denen ich bei Fieber an ihren Betten gesessen hatte, an die zwölf Jahre, in denen ich meine eigenen Wünsche in eine Kiste unter dem Bett gepackt hatte.
Am nächsten Morgen fuhr ich zur Bank in der Innenstadt, das Samtsäckchen in der Jackentasche. Die junge Frau in der Schalterhalle prüfte die Nummer, tippte etwas in ihren Computer und führte mich in den Keller.
Das Schließfach Nummer 17 war klein. Der Schlüssel drehte sich mit einem leisen Klick. In der Schublade lag ein Umschlag aus vergilbtem Papier. Mein Name stand darauf, geschrieben mit der Handschrift meiner Schwester.
Ich setzte mich auf einen der Stühle im Vorraum der Bank und öffnete den Umschlag mit zitternden Fingern.
Darin lag ein notarielles Testament. Das Original. Datiert drei Tage vor Annes Tod, unterzeichnet in einem Krankenhauszimmer, beglaubigt von einem Notar aus der Kanzlei am Altmarkt.
Ich las es zweimal. Dann ein drittes Mal.
Anne hatte mir das Haus vererbt. Mir. Ganz allein und uneingeschränkt. Den Zwillingen hatte sie einen Betrag von 2.500 Euro pro Person zugesprochen, auszahlbar mit fünfundzwanzig Jahren. Dazu ein persönlicher Brief an mich: „Kat, ich weiß, dass die Jungs ihren Vater irgendwann finden oder dass er sich melden wird. Ich weiß auch, dass du alles für sie opfern wirst. Aber wenn du das liest, denke an dich. Das Haus gehört dir. Verkauf es, wohn darin, verschenk es. Aber lass dich nicht ausziehen. Du hast genug bezahlt. Ich liebe dich. Anne.“
Ich faltete den Brief zusammen. Der Mann am Nebenschalter starrte auf ein Finanzmagazin, aber ich sah nur das Papier in meinen Händen. Ich dachte daran, wie Erik gesagt hatte: „Du bist nur die Tante.“ Wie Milo am Vortag den Anwalt angerufen hatte, während ich in der Tür stand. Wie sie sich abgewandt hatten, als ich ihnen sagte, dass ich im siebten Monat schwanger war – von einem Mann, den ich erst seit einem Jahr kannte, einem Krankenpfleger aus dem St.-Joachim-Krankenhaus, der mir gesagt hatte, er würde bei mir bleiben, egal was passiert.
Ich dachte an die Notargehilfin im Bus, an ihre kalten Finger, an ihre dreißig Jahre in derselben Kanzlei, in der auch das Testament beglaubigt worden war. An das, was sie über die zwei Kopien gesagt hatte.
Ich wusste, was ich tun würde.
Zwei Tage später bat ich die Zwillinge zu einem Gespräch in die Wohnung. Ich trug das Testament in einer schwarzen Mappe unter dem Arm. Auf dem Tisch lag ein Kugelschreiber, daneben standen zwei Umschläge.
Erik kam zuerst. Er warf einen Blick auf die Mappe, dann auf mich. „Was soll das?“, fragte er.
Ich zog das Testament heraus und legte es vor ihn auf den Tisch. „Das ist das Original des Testaments eurer Mutter“, sagte ich. „Notariell beglaubigt, drei Tage vor ihrem Tod. Es setzt euch nicht als Erben des Hauses ein. Es setzt euch überhaupt nicht ein – außer mit 2.500 Euro pro Kopf, zahlbar mit fünfundzwanzig Jahren. Das Haus hat sie mir vermacht. Mir allein.“
Milo trat hinter Erik. Er griff nach dem Papier, überflog die Zeilen. Sein Gesicht wurde blass. „Das kann nicht sein. Der Anwalt hat gesagt…“
„Euer Anwalt hatte einen frühen Entwurf, den eure Mutter selbst verworfen hat, bevor sie das hier unterschrieben hat. Ein Testament gilt in der zuletzt errichteten, notariell beglaubigten Fassung – alles Frühere ist automatisch hinfällig. Das hier ist das gültige Dokument, es lag in einem Schließfach. Eine ehemalige Mitarbeiterin der Kanzlei, die es damals mit abgeheftet hat, hat mir den Schlüssel gegeben. Sie hatte ihn all die Jahre aufbewahrt, weil sie der ersten Fassung nie getraut hat.“
Es folgte ein Moment, in dem nur der Regen gegen das Küchenfenster schlug.
Ich nahm die beiden Umschläge und schob sie über den Tisch. In jedem lagen 2.500 Euro in bar, abgehoben von meinem eigenen Konto. „Das ist euer Erbe. Früher als vorgesehen. Nehmt es. Aber das Haus bekommt ihr nicht.“
Erik fuhr hoch. „Du kannst uns nicht einfach rauswerfen! Wir haben hier gelebt! Wir haben Rechte!“
Ich sah ihn ruhig an und legte ein weiteres Dokument auf den Tisch: einen notariellen Übertragungsvertrag, vorbereitet am Vormittag in der Kanzlei am Altmarkt. Darin überschrieb ich das Haus – geschätzt auf 480.000 Euro – an eine Stiftung für Pflegekinder in Dresden.
„Ich werfe euch nicht raus“, sagte ich. „Ich gebe das Haus weg. Noch heute unterschreibe ich den Vertrag. Die Stiftung übernimmt es in einer Woche. Eure Sachen könnt ihr am Donnerstag abholen, zwischen acht und zwölf Uhr. Danach werden die Schlösser ausgetauscht.“
Erik stützte sich auf die Stuhllehne. Milo stand wie versteinert. Er griff nach einem der Umschläge, wog ihn in der Hand.
„Du bist schwanger“, sagte er, als müsste er mich daran erinnern. „Was willst du mit einem Kind in einer Mietwohnung?“
„Ich habe eine Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung in der Pieschener Vorstadt gemietet“, entgegnete ich. „Die erste eigene Wohnung meines Lebens. Der Mann, von dem ich schwanger bin, hat mir beim Umzug geholfen. Wir schaffen das.“
Ich schob den Blick zu den beiden Bankbriefen, die noch immer halb unter der Zeitschrift lagen. „Und wenn ihr klug seid, bezahlt ihr davon erst einmal, was ihr der Bank schuldet, bevor euer neuer Freundeskreis euch noch tiefer reinzieht. Ich habe die Mahnungen gesehen. Ich habe geschwiegen, weil ich dachte, es ist eure Sache. Jetzt ist es das ganz offiziell.“
Ich stand auf, nahm die schwarze Mappe und ging zur Tür. Bevor ich sie öffnete, drehte ich mich noch einmal um.
„Eure Mutter wollte, dass es euch gut geht, auch ohne das Haus. Mehr habe ich nicht zu sagen.“
Ich öffnete die Tür. Draußen stand der Dackel des Nachbarn, der vor dem Regen in den Hausflur geflüchtet war. Er wedelte kurz mit dem Schwanz und lief die Treppe hinauf.
Ich drückte die Tür hinter mir zu und hörte, wie drinnen etwas zu Boden fiel – vielleicht ein Stuhl, vielleicht das Testament, vielleicht die halbe Geburtstagstorte.
Der Regen hatte aufgehört. Ich ging die Stufen hinunter, spürte das Kind in mir treten und dachte an die Frau im Bus, an ihre dreißig Jahre in der Kanzlei, an das kleine Samtsäckchen, das sie all die Zeit für den richtigen Moment aufbewahrt hatte.
Es lag jetzt in der schwarzen Mappe, zusammen mit einer Kopie des Testaments und einer Quittung der Stiftung über den beginnenden Übertragungsprozess.
Ich zog den Mantel enger und trat auf die Straße. An der Haltestelle stieg ich in den nächsten Bus der Linie 62. Diesmal blieb ich sitzen.












