Es war ein Dienstagabend, kurz vor dem ersten Advent. Draußen regnete es, und durch das Küchenfenster sah ich die Lichter der Straßenbahn 15, die an der Haltestelle gegenüber hielt. Drüben bellte der Hund von Familie Richter, der immer dann anschlug, wenn eine fremde Tür aufging. Ich hatte gerade den Brei für die Zwillinge warm gemacht. Leonie saß am Tisch und malte mit Buntstiften einen Schneemann, der aussah wie ein weißer Klecks.
Da vibrierte mein Handy. Eine Nummer aus Österreich, die ich nicht kannte. Ich drückte weg. Zwei Minuten später kam eine SMS: "Anna, hier ist Mama. Ruf mich bitte zurück. Ich möchte zu Weihnachten kommen. Ich will meine Enkel sehen."
Ich saß da, den Löffel in der Hand, und las die Nachricht dreimal. Die Buchstaben verschwammen. Ich legte das Handy mit dem Display nach unten auf den Tisch. Leonie fragte: "Mama, wer schreibt dir?" Ich antwortete: "Niemand, Schatz. Iss deinen Brei."
Aber ich rief zurück. Nicht sofort. Erst nachdem die Kinder im Bett waren und Thomas auf der Couch vor dem Fernseher eingeschlafen war. Ich ging in die Küche, machte die Tür zu und wählte die Nummer. Es klingelte viermal, dann hörte ich ihre Stimme. Sie klang älter, rauer, als ich sie in Erinnerung hatte.
"Anna, endlich. Ich habe so gehofft…"
"Was willst du?" fragte ich.
"Ich will Weihnachten mit euch verbringen. Mit meinen Enkeln. Ich habe Fotos gesehen auf Facebook. Ich habe ein Geschenk für die Kinder. Ich habe Geld. Ich kann euch helfen."
"Du kennst meine Kinder nicht", sagte ich. "Du kennst mich nicht. Du warst nicht da, als ich meinen Schulabschluss gemacht habe. Du warst nicht auf meiner Hochzeit. Du bist nur gekommen, als Oma gestorben ist, und da hast du zwei Tage lang von deinem neuen Mann in Wien erzählt."
"Anna, ich habe Fehler gemacht. Aber jetzt will ich es gut machen. Bitte gib mir eine Chance."
"Nein", sagte ich. "Du kommst nicht. Und wenn du vor meiner Tür stehst, mache ich nicht auf."
Ich legte auf. Mein Herz hämmerte. Draußen fuhr die Straßenbahn quietschend um die Kurve.
Jetzt muss ich erklären, warum ich so hart bin. Meine Mutter heißt Renate. Sie war nie wirklich eine Mutter. Als ich zwei war, hat mein Vater uns verlassen, und sie hat ihn nur noch "das Schwein" genannt. Danach hat sie sich einen neuen Mann nach dem anderen gesucht. Meine Schulnoten interessierten sie nicht, meine Freunde nicht, mein Kummer nicht. Sie hat mich wie eine kleine Anziehpuppe behandelt: hübsch machen, mitnehmen, wenn sie wollte, und sonst abgeben.
Als ich acht war, packte sie einen Koffer, küsste mich auf die Stirn und stieg in einen Zug nach Wien. "Ich schicke Geld", sagte sie. "Oma Helga passt schon auf dich auf." Ich habe geweint, aber sie hat sich nicht umgedreht. Das Letzte, was ich sah, war ihr roter Mantel, der in der Menge verschwand.
Oma Helga war meine Rettung. Sie war Lehrerin für Deutsch und Geschichte an einer Schule in Leipzig, eine ruhige Frau mit einem Herzen aus Gold. Sie brachte mir bei, wie man einen Aufsatz schreibt, wie man einen Knopf annäht, wie man mit einem leeren Kühlschrank zurechtkommt, wenn das Geld von Renate wieder mal nicht kam. Sie saß mit mir am Küchentisch, wenn ich nachts nicht schlafen konnte, und sagte nie ein schlechtes Wort über meine Mutter. Nur einmal, als ich sechzehn war und mein Zeugnis mit lauter Einsen bekam, sagte sie: "Du hast das geschafft, Anna. Nicht deine Mutter."
Ich habe die Schule mit einem Notendurchschnitt von 1,3 abgeschlossen und einen Studienplatz an der Universität Leipzig bekommen. An meinem Abschlussball war Oma Helga die einzige Verwandte, die im Publikum saß. Renate schickte eine SMS: "Glückwunsch, Schatz. Bin gerade in Rom." Ich habe sie gelöscht.
Zehn Jahre später habe ich Thomas geheiratet. Oma Helga war da, im hellblauen Kostüm, die Wangen nass, ein zerknülltes Taschentuch in der Faust. Renate kam nicht. Sie rief auch nicht an. Nur eine Karte aus Wien, mit einem Fünfzig-Euro-Schein drin. Ich habe den Schein genommen und für Windeln ausgegeben, als Leonie geboren wurde. Die Karte habe ich weggeworfen.
Oma Helga starb im Frühjahr 2021. An einem Dienstag. Ich war an ihrem Bett, drückte ihre Hand. Sie drückte meine Finger und sagte: "Lass dich nicht unterkriegen, mein Mädchen." Dann schloss sie die Augen. Renate kam zur Beerdigung, in einem schwarzen Kleid, das nach teurem Parfüm roch. Sie umarmte mich, und ich stand da wie ein Stück Holz, die Arme steif an der Seite. "Ich bin ja jetzt für dich da", sagte sie leise. Ich antwortete nicht.
Jetzt sind wir im Jahr 2024. Ich bin vierunddreißig. Thomas arbeitet bei BMW im Werk Leipzig, in der Montage. Wir wohnen in einer Zweizimmerwohnung in Grünau, die Thomas von seiner Oma geerbt hat. Die Tapete im Flur löst sich an den Ecken, und das Bad hat noch diese hässlichen braunen Fliesen aus den Siebzigern. Aber es ist unser Zuhause. Wir haben drei Kinder: Leonie ist fünf, die Zwillinge Milan und Mathilda sind zwei. Es ist eng, aber wir kommen zurecht. Thomas' Eltern wohnen in einem Dorf bei Wurzen, sie haben einen kleinen Garten und schicken uns jede Woche Eier, Kartoffeln und eingekochtes Obst. Ohne das würden wir es kaum schaffen.
Nach dem Anruf ließ Renate nicht locker. Sie schrieb mir täglich Nachrichten: "Ich bin deine Mutter. Ich habe ein Recht auf meine Enkel." Sie rief von verschiedenen Nummern an, auch von einer deutschen Handynummer, die sie sich offenbar besorgt hatte. Einmal stand sie vor unserer Haustür. Ich sah sie durch den Spion: sie trug einen beigen Mantel und hatte einen großen Geschenkkorb dabei. Ich rührte mich nicht. Der Nachbar von oben, Herr Kowalski, kam die Treppe herunter und fragte sie, wer sie sei. Sie sagte etwas von "die Mutter". Ich hörte, wie er weiterging.
Leonie zog an meinem Ärmel: "Mama, wer ist die Frau da draußen?" Ich sagte: "Eine Fremde, Schatz."
Thomas meinte, wir sollten die Polizei rufen, wenn sie nicht geht. Aber ich wollte keinen Skandal. Ich wollte nur Ruhe. Und ich wollte, dass sie verschwindet. Nicht aus Bosheit, sondern weil ich keine Kraft mehr habe für dieses Theater. Ich habe sechsundzwanzig Jahre lang auf eine Mutter gewartet, die nie kam. Jetzt, wo ich selbst Kinder habe, will ich nicht, dass sie meine Kinder durcheinanderbringt mit ihren leeren Versprechungen.
Also habe ich eine Entscheidung getroffen. Die Wohnung ist sowieso zu klein für fünf Leute. Wir brauchen dringend ein drittes Zimmer, und die Miete in Leipzig ist zwar gestiegen, aber wir können uns mit Thomas' Gehalt und dem Kindergeld eine etwas größere Wohnung leisten, wenn wir sparen. Ich habe auf ImmobilienScout24 gesucht und nach zwei Wochen eine Dreizimmerwohnung in Connewitz gefunden. Altbau, aber renoviert, mit hohen Decken und einem Balkon zum Hof. Die Kaltmiete beträgt 980 Euro, die Kaution 2940 Euro. Thomas hat einen Kredit bei der Sparkasse aufgenommen, und ich habe mein Erspartes von der Ausbildungszeit dazugelegt. Wir haben den Mietvertrag am 15. Dezember unterschrieben. Der Vermieter, ein älterer Herr namens Krüger, gab mir die Schlüssel in die Hand. Zwei Schlüssel an einem silbernen Ring. Ich habe sie in meine Jackentasche gesteckt und die ganze Heimfahrt über festgehalten.
Dann habe ich unsere alte Festnetznummer abgemeldet und bei der Telekom einen neuen Mobilfunkvertrag abgeschlossen. Meine neue Nummer habe ich nur Thomas, seinen Eltern und zwei Freundinnen gegeben. Renate sollte keine Chance haben, sie herauszufinden.
Am Tag des Umzugs, einem Samstag, halfen uns zwei Freunde von Thomas, die Möbel zu tragen. Ich packte die letzten Kartons. Oben auf einem Regal im Schlafzimmer fand ich eine kleine Schachtel mit alten Fotos von Oma Helga. Ich nahm sie heraus und legte sie in meine Handtasche. Nicht für Renate. Für mich.
Gegen Mittag, als der Möbelwagen schon halb leer war, klingelte es an der offenen Haustür. Ich hatte gerade einen Karton mit Geschirr in den Armen, die Kanten schnitten sich in meine Unterarme. Als ich mich umdrehte, stand sie im Türrahmen. Beiger Mantel, ein großer Geschenkkorb, Cellophan, das im Wind knisterte.
"Anna." Sie machte einen Schritt auf mich zu. "Ich habe gehört, ihr zieht um. Herr Kowalski hat es mir gesagt."
Ich stellte den Karton nicht ab. Ich hielt ihn fest vor meinem Bauch, wie einen Schild. "Du musst gehen, Renate."
"Ich habe Geschenke für die Kinder mitgebracht. Lass mich wenigstens…"
Hinter mir kam einer von Thomas' Freunden mit einem Wäscheständer die Treppe herunter und musste an ihr vorbeischieben. Sie trat einen Schritt zur Seite, ohne den Blick von mir zu nehmen. "Bitte, Anna. Ich will nur fünf Minuten."
Ich sah Leonie im Türspalt zum Wohnzimmer stehen, eine Puppe unter dem Arm, und in diesem Moment wusste ich, dass es keine fünf Minuten geben würde. Nicht heute, nicht morgen, nie.
"Es gibt kein Fünf-Minuten mehr", sagte ich. "Es gab sechsundzwanzig Jahre Zeit dafür." Ich drehte mich um, trug den Karton zum Auto und stellte ihn auf die Rückbank, neben Mathildas Kindersitz. Als ich mich wieder umdrehte, stand Renate noch immer an der Tür, den Korb jetzt mit beiden Armen an den Bauch gepresst. Sie sagte nichts mehr. Ich ging an ihr vorbei zurück ins Haus, um den letzten Karton zu holen, und ließ die Tür hinter mir offen, aber ich sah nicht noch einmal zu ihr hin.
Als wir losfuhren, saß ich hinten zwischen den Kindersitzen, Mathilda schlief auf meinem Schoß. Im Rückspiegel sah ich Renate noch auf der Straße stehen, den Korb neben sich abgestellt, kleiner werdend, bis die Straße eine Kurve machte und sie verschwand.
In der neuen Wohnung stellte ich die Schachtel mit den Fotos auf die Fensterbank im Wohnzimmer. Ich holte mein Handy heraus und löschte alle Nachrichten von Renate. Dann blockierte ich die österreichische Nummer, die deutsche Nummer und jede andere Nummer, die sie benutzt hatte.
Draußen wurde es dunkel. Aus dem Hof hörte man das Rauschen der Bäume. Ich machte Tee für uns beide, stellte Leonie ihre Tasse mit dem Kakao auf den Küchentisch und setzte mich ihr gegenüber. Sie tauchte einen Keks in die Milch und fragte: "Mama, wohnen wir jetzt für immer hier?"
Ich nahm den neuen Schlüsselbund vom Tisch, drehte ihn in der Hand, spürte das kühle Metall, und legte ihn dann neben meine Teetasse. "Ja", sagte ich. "Für immer." Ich schob ihr den Teller mit den Keksen näher hin, und der Dampf aus meiner Tasse stieg zwischen uns hoch, während draußen die ersten Fenster der Nachbarhäuser sich gelb erleuchteten.












