Frankfurt am Main, Vollzugsanstalt Preungesheim.

Die Neue hieß Selin Aydemir, siebenundzwanzig Jahre alt, und sie fiel auf, noch bevor sie ein Wort gesagt hatte. Auf ihrem linken Unterarm rankte sich ein schwarzes Ornament bis zum Ellbogen, am Schlüsselbein saß ein kleiner Kompass, tätowiert von jemandem, der sein Handwerk verstand. Die anderen Frauen im Hof tuschelten schon in der ersten Stunde. Aber Selin gab ihnen nichts, worüber sie reden konnten. Sie stand morgens auf, faltete ihre Decke zu einem exakten Quadrat, aß, was auf dem Tablett lag, und sprach nur, wenn man sie ansprach.

In Block C, wo die Frauen mit längeren Strafen saßen, kannte jede Insassin den Namen Karin Brellmann. Zweiundvierzig, breite Schultern, ein Kinnhaken, der noch von einer Schlägerei aus ihrem ersten Jahr stammte. Karin hatte sich in neun Jahren Haft ein System aufgebaut: Wer neu kam, zahlte. Manche wuschen ihre Wäsche im Waschraum im Keller, andere gaben ihr die Hälfte vom Mittagessen ab, aus Angst, nicht aus Respekt. Die Aufseherin vom Dienst, Frau Dolinski, sah öfter weg, als sie sollte – das wusste jede im Trakt.

Zwei Wochen lang blieb Selin unter Karins Radar. Dann kam der Dienstag im September, an dem es im Speisesaal nach Kohlrouladen roch, draußen der erste kalte Regen gegen die Milchglasfenster klatschte und im Fernsehraum nebenan, kaum hörbar, eine Wiederholung von "Wetten, dass..?" lief, weil jemand den Kanal nicht gewechselt hatte.

Selin saß allein am Ende des dritten Tisches, direkt unter dem kaputten Neonlicht, das seit Wochen flackerte und das keiner reparierte. Sie aß mit der linken Hand, die rechte lag flach auf dem Tablettrand – eine Angewohnheit, die niemandem auffiel außer der alten Gudrun aus Zelle 14, die seit Jahren beobachtete, weil sie sonst nichts mehr zu tun hatte.

Karin bemerkte die Neue von der Essensausgabe aus. Sie musterte sie, ein Grinsen zog an ihrem Mundwinkel, dann schlenderte sie zwischen den Tischen hindurch, einen Umweg extra, damit alle sie kommen sahen. Die Gespräche am Nebentisch verstummten nach und nach. Löffel blieben in der Luft hängen.

Sie blieb vor Selins Tablett stehen, die Hände in die Hüften gestemmt.

„Gib mir deine Kohlroulade."

Selin hob den Kopf, die Stimme trocken. „Das ist meins. Hol dir selbst was."

Ein paar Frauen am Nachbartisch wechselten Blicke. Niemand widersprach Karin. Niemand.

„Ich hab noch Hunger", sagte Karin, die Stimme schon eine Stufe lauter. „Du überlebst auch ohne Mittagessen."

„Nein."

Kein Zittern in der Stimme, kein Ausweichen. Genau das machte es schlimmer. Im Saal war es inzwischen so still, dass man das Tropfen der Kaffeemaschine drei Tische weiter hören konnte.

Karin packte das Tablett und riss es zur Seite. Kohlrouladen, Soße, ein Klumpen Kartoffelbrei – alles klatschte auf den Linoleumboden, spritzte gegen Selins Hosenbein.

„Weißt du überhaupt, wer ich bin?"

Keine Antwort.

„Auf die Knie", sagte Karin. „Da lernst du mal Respekt."

Selin rührte sich nicht.

Karin wartete eine Sekunde, zwei. Dann griff sie zu, packte Selin an der Schulter und riss sie von der Bank hoch. Ein paar Frauen drehten den Kopf weg, sie wollten es nicht mit ansehen. Sie kannten das Muster: Erst die Schulter, dann der erste Schlag, dann liegt die Neue am Boden und bettelt.

Karin holte aus.

Der Faustschlag traf nichts als Luft. Selin hatte den Kopf im letzten Moment gerade so weit gedreht, dass Karins Knöchel an ihrem Ohr vorbeisausten. Karin erstarrte für einen Wimpernschlag, dann schlug sie erneut zu – mit demselben Ergebnis.

Im Speisesaal rührte sich niemand mehr. Kein Getuschel, kein Löffelklirren. Nur Blicke, die von Tisch zu Tisch wanderten.

Karin, jetzt außer sich, warf sich mit ganzem Gewicht nach vorn, wollte Selin mit beiden Armen packen und zu Boden reißen. Genau in dem Moment hörte Selin auf, nur auszuweichen.

Sie fasste Karins Handgelenk, drehte die Hüfte, ließ Karins eigene Wucht gegen sie arbeiten. Eine halbe Sekunde später knallte hundertzehn Kilo Anstaltswärterschreck mit voller Breitseite auf die Fliesen. Ein Tablett schepperte hinterher.

Ein kollektives Luftholen ging durch den Saal. Niemand hatte begriffen, was gerade passiert war – am wenigsten Karin selbst.

Selin stand daneben, ihre Schulter zuckte einmal, als hätte der Wurf sie mehr gekostet, als ihr Gesicht zeigte. Karin rappelte sich hoch, das Gesicht rot vor Wut und Scham, und griff erneut an. Diesmal bekam sie einen Fausthieb an den Oberarm, dort, wo Selin den Griff nicht mehr sauber lösen konnte, bevor auch dieser Angriff im Fall auf die Fliesen endete. Selin presste kurz die Lippen zusammen und rieb sich die Stelle, dann ließ sie den Arm wieder sinken.

„Wer bist du?", presste Karin zwischen zwei schweren Atemzügen hervor.

Selin sah auf sie herab. „Jemand, mit der du dich besser nicht angelegt hättest."

In dem Moment kam Frau Dolinski durch die Schwingtür gestürmt, Funkgerät in der Hand, gefolgt von zwei weiteren Bediensteten. Sie sah Karin am Boden, sah das verschüttete Essen, sah Selin, die schon dabei war, die Scherben ihres Tabletts einzusammeln, als wäre nichts gewesen.

„Aydemir – Hände hoch, sofort!"

Selin hob die Hände, ohne Hast. „Sie hat angefangen, Frau Dolinski. Fragen Sie, wen Sie wollen."

„Wo hast du das gelernt?", fragte Dolinski später im Verhörraum, den Kugelschreiber in der Hand, ohne zu schreiben.

„Offenbach. Ein Studio, hinterm Bahnhof." Selin zuckte mit der verletzten Schulter und verzog kurz das Gesicht. „Sechs Jahre hab ich da unterrichtet. Bevor das hier kam."

Mehr sagte sie nicht dazu, und Dolinski fragte nicht weiter.

Karin bekam vierzehn Tage Einzelhaft im Trakt B. Ihre Reststrafe verschob sich nach hinten – wie weit, sprach sich im Trakt nur als Gerücht herum, mal hieß es vier Wochen, mal zwei Monate. Gudrun aus Zelle 14 hatte die Zahl gehört und gleich weitergetragen, mit dem Zusatz, „das habe sie sich redlich verdient".

Selin bekam keinen Eintrag. Ihre Schulter blieb noch tagelang steif, sodass sie beim Bettenmachen die Decke nur mit einer Hand zum Quadrat faltete.

Drei Wochen später fragte sie der Sportbeauftragte Herr Wecker, ob sie zweimal die Woche einen Selbstverteidigungskurs leiten wolle. Sie sagte zu, ohne nach der Bezahlung zu fragen.

Am ersten Kurstag, ein Mittwochnachmittag im Oktober, standen neun Frauen in der Turnhalle, in Sporthosen, die zu groß oder zu klein waren, weil die Anstalt nur drei Größen führte. Unter ihnen auch Gudrun aus Zelle 14, die sich, wie sie sagte, „mit fünfundsechzig auch mal wehren können wollte, falls hier noch mal jemand auf dumme Gedanken kommt."

Selin zeigte ihr, wie man ein Handgelenk löst, das gepackt wird, hob dabei den rechten Arm nur bis zur Schulterhöhe und nicht weiter. Gudrun übte den Griff dreimal, bis er saß.

Karin kam an diesem Nachmittag von der Bibliothek zurück und musste am Fenster der Turnhalle vorbei. Sie blieb stehen, einen Atemzug lang, sah durch die Scheibe hinein. Der Beamte neben ihr wartete nicht. „Weiter", sagte er, und sie ging, ohne sich noch einmal umzudrehen.

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