Der Tag, an dem sie das Grundbuch aus dem Tresor holte

Margit Krause spürte das leise Zittern ihrer Hand, als sie den Schlüssel ins Schloss der Wohnung ihres Sohnes steckte. Ein Mittwochvormittag in Hamburg-Altona, die Elbe roch nach Salzwasser und Fischbrötchen, zwei Straßen weiter kreischten die Möwen über einer Mülltonne. Eigentlich wollte sie Daniel nur seine vergessene Steuerkarte vorbeibringen – dass sie ihn um halb elf zu Hause antreffen würde, hatte sie nicht mal gedacht. Aber das Lachen, das aus dem Wohnzimmer drang, passte nicht zu seiner üblichen Morgenstille.

Margit öffnete die Tür einen Spalt weiter und sah auf dem grauen Cordsofa eine fremde Frau in Daniels grauem Bademantel. Das feuchte Haar der Frau hinterließ einen dunklen Fleck auf dem Kissen, das Lara vor drei Jahren bei IKEA ausgesucht hatte. Daniel stand mit zwei Kaffeetassen in der Tür zur Küche, und der Blick, den er seiner Mutter zuwarf, war nicht Überraschung – es war Ärger darüber, dass sie ihn unterbrach.

„Du könntest wenigstens Bescheid sagen”, begann er.

Margit stellte ihre Handtasche auf den kleinen Schuhschrank, ohne den Blick von der Fremden zu nehmen. „Dein Vater ist gestern wegen Rückenschmerzen zusammengebrochen. Ich dachte, dich interessiert’s vielleicht, bevor du mit deiner… Kollegin brunchen gehst.”

Die Worte saßen. Daniel wurde blass, die Frau im Bademantel rührte sich nicht. Margit drehte sich einfach um, zog die Tür hinter sich zu und wartete auf den nachmittäglichen Anruf aus der Klinik. Sie brauchte keine Antwort. Sie wusste jetzt, was in ihrem Sohn vorging – oder besser, was nicht mehr in ihm vorging: jede Verantwortung für Lara und die kleine Mia.

Drei Stunden später stand Margit in ihrer eigenen Altbauwohnung am Rindermarkt und beobachtete Lara, die versuchte, Mia mit einem Brezeltier aus Mürbeteig abzulenken. Der Fernseher lief ohne Ton, das Vormittagsprogramm zeigte eine Doku über Containerbrücken im Hafen. Lara war dreiundzwanzig, Daniel vierunddreißig – er hatte sie überredet, nach der Geburt mit ihr und dem Kind zu seiner Mutter zu ziehen, weil er sich auf sein Start-up konzentrieren musste. So war Margits große Wohnung zu dritt bewohnt, während Daniel in seiner ehemaligen Junggesellenwohnung in Ottensen nächtigte, offiziell wegen der Serverwartungen.

„Er hat eine Andere”, sagte Margit leise und setzte sich zu ihr auf die Fensterbank. „Ich habe sie heute gesehen. Sei mir nicht böse, Lara, ich wollte es dir lieber selbst sagen, bevor er dir morgen die Papiere hinlegt.”

Lara antwortete nicht. Ihre Hände, die den Teig formten, bewegten sich weiter, aber Margit sah, wie eine winzige Mehlspur auf ihrer Strumpfhose zitterte, ohne dass sie sie wegwischte. Das war genug.

Um 16.47 Uhr rief Daniels Vater aus der Klinik an, um zu sagen, dass es kein Rücken war – ein Aneurysma, und dass sie ihn nicht mehr retten konnten. Margit schrieb Daniel eine Nachricht, eine sachliche, und er kam erst um halb acht, ohne Blumen, ohne eine Vase für irgendwas, nur mit dem Geruch von fremdem Parfum an seinem Hemdkragen.

„Das mit Papa tut mir leid”, begann er und ließ sich auf den Sessel gegenüber fallen. „Ich habe mir überlegt… die Firma hat er ja mir vermacht, du hast dein Auskommen. Aber die Wohnung hier – die steht noch zur Hälfte auf seinen Namen. Ich denke, es ist am fairsten, wenn wir sie verkaufen und den Erlös teilen. Lara und Mia finden schon was Kleineres.”

Lara, die vom Kinderzimmer aus zugehört hatte, blieb im Türrahmen stehen. Margit sah den Ausdruck in Daniels Gesicht – nicht Kalkül, sondern eine Art selbstverständlicher Anspruch, als wäre das alles nur eine Formalität. Er hatte offenbar vergessen, dass seiner Mutter die andere Hälfte der Wohnung schon immer allein gehörte und dass sein Vater den gemeinsamen Besitzanteil bereits vor zwei Jahren, nach einem heftigen Streit über Daniels Schulden, auf Margit übertragen ließ. Schriftlich, notariell, abgeheftet im Bankschließfach der Haspa Reeperbahn.

Margit stand auf, ohne Eile. Sie ging zum antiken Sekretär, zog den Schlüsselbund aus der obersten Schublade und hielt ihn so in der Hand, dass Daniel es sehen konnte.

„Du willst also verkaufen”, sagte sie und ließ die Schlüssel dabei locker baumeln. „Damit du mit Vera – oder wie sie heißt – durchstarten kannst. Weißt du, Daniel, die Wohnung gehört mir. Seit zwei Jahren komplett. Dein Vater und ich haben damals alles geregelt, weil wir beide ahnten, dass deine ‚Serverwartungen’ noch teuer werden könnten.”

Daniel starrte auf den Schlüsselbund, dann auf seine Mutter. „Das kann nicht sein. Ich bin doch sein Sohn. Da gibt’s einen Pflichtteil…”

Margit zog die Handtasche vom Haken, steckte die Schlüssel ein und griff nach ihrem Mantel. „Und ich bin seine Witwe. Komm mit, dann zeige ich dir den Grundbuchauszug.”

Er kam nicht mit – er blieb sitzen und rief ihr etwas hinterher, von einem Anwalt und dass sie das nicht machen könne. Margit war schon auf dem Weg zur U-Bahn. Die kalte Luft tat gut, sie drückte den obersten Knopf ihres Mantels zu und fuhr mit der U3 zum Rathaus, wo der Notar Dr. Schenk noch eine späte Sprechstunde hatte. Der Mann kannte sie seit Jahren, er hatte schon den Kauf der Wohnung abgewickelt.

Das, was dann geschah, brauchte knapp zwanzig Minuten. Margit unterschrieb eine Schenkungsurkunde, die den gesamten Wohnungseigentum zu je fünfzig Prozent an Lara und ihre Tochter Mia übertrug – unter lebenslangem Wohnrecht für Margit selbst. Kein halber Satz für Daniel oder Vera. Als der Notar die Unterschrift beglaubigte und den Betrag von 1.230 Euro für die Beurkundung abbuchte, war das kein Triumph. Es war ein einfacher Vorgang, fast bürokratisch routiniert, nur mit dem leisen Geräusch von Papier, das über den Tisch geschoben wurde.

Später am Abend, als Margit zurückkam, brannte das Licht in der Diele. Lara saß am Küchentisch, Mia schlief in ihrem Bettchen mit dem blauen Nachthimmelprojektor, der Sterne an die Decke warf. Margit legte die Urkunde neben Laras Tasse mit dem längst kalt gewordenen Fencheltee.

„Das ist jetzt deine Wohnung. Deine und Mias. Niemand kann sie dir wegnehmen. Kein Daniel, keine Bank, keine falsche Vera.”

Lara nahm das Papier, ihre Finger glitten über das Siegel. Sie sagte nichts, aber sie stand auf, ging zum Telefon und wählte die Nummer von Daniels Anwalt, die er ihr hinterlassen hatte, um einen Termin für die Scheidungsvereinbarung zu besprechen. Als die Gegenseite fragte, welche Vermögenswerte denn aufzuteilen seien, antwortete Lara mit ruhiger Stimme: „Keine Immobilie meinerseits. Ich bringe nur meine Hände und unsere Tochter mit.”

Daniel erfuhr von der Schenkung erst, als er drei Tage später mit einer resoluten Vera im Schlepptau vor der Wohnungstür stand und Einlass verlangte, um „endlich die Sachen zu holen”. Margit öffnete nicht. Sie zeigte durch den Spalt den amtlichen Grundbuchauszug, der ab sofort zwei neue Eigentümerinnen auswies, und schob danach einen Zettel mit der Adresse eines Immobilienmaklers unter der Tür durch.

„Falls du eine Bleibe suchst. Eure Kaution ist aufgebraucht, habe ich gehört.”

Draußen keifte Vera etwas von „Urkundenfälschung” und „Gericht”. Daniel stand einfach nur da, die Hände in den Taschen seines Jackets, und musterte das alte Türschild „Krause”, das jetzt nichts mehr mit ihm zu tun hatte. Es begann zu regnen, ein typischer Hamburger Niesel, und die beiden gingen schließlich, ohne noch ein Wort zu sagen. Der Schlüsselbund, den Margit in der Hand gewogen hatte, war jetzt ein reines Familienstück ohne jeden Wert für ihn. Sie drehte einmal um, ging ins Kinderzimmer und schaltete den Sternenprojektor für Mia aus – das Blau an der Decke erlosch, und im echten, grauen Abendhimmel tauchte ein Frachterhupen auf, lange und tief.

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