Ich arbeite seit vier Jahren im Café Elbwiese an der Eppendorfer Landstraße. Dienstags schließe ich um sechs, und an diesem Dienstag wollte ich pünktlich raus, weil meine Mitbewohnerin Lena für acht Uhr Pizza angekündigt hatte. Draußen schob sich ein Bus der Linie 4 durch den Nieselregen, die Scheiben beschlugen von innen.
Die Frau kam kurz vor fünf. Setzte sich ans Fenster, bestellte einen Kräutertee und rührte ihn nicht an. Stattdessen faltete sie eine Papierserviette zu einem kleinen Quadrat, dann noch einmal, bis es nicht mehr ging. Neben ihr lag eine aufgeschlagene Tageszeitung, jemand hatte das Kreuzworträtsel mit Kugelschreiber bearbeitet. Falsch: Bei fünf senkrecht stand „Elbtunnel“, aber es waren sieben Buchstaben.
Ich wischte die Tische neben ihr ab. Sie bemerkte mich nicht. Alle paar Sekunden nahm sie ihr Handy, legte es wieder hin, drehte es mit dem Display nach unten. Ihre Fingernägel waren dunkelrot lackiert, an der rechten Hand war der Zeigefinger abgebrochen.
Um halb sechs kam der Mann. Sein Mantelkragen war nass, obwohl es nicht mehr regnete. Er setzte sich ihr gegenüber, ohne zu bestellen. Sie schob ihm die gefaltete Serviette beiseite, als wäre sie sein Platzhalter.
„Du weißt, warum ich hier bin“, sagte sie.
Ich stand hinter der Theke und spülte Tassen. Die Kaffeemaschine rauschte, aber die beiden saßen keine drei Meter entfernt.
„Ich wollte es dir erklären“, fing der Mann an. „Es war nicht so, wie du denkst –“
„Sag es jetzt.“ Ihre Stimme war ruhig, aber so, wie ein Gummiband kurz vor dem Reißen ruhig ist.
Er atmete aus. „Ich habe das Geld genommen. Alles. Die achtundsiebzigtausend Euro vom gemeinsamen Konto. Ich habe gedacht, ich kann es verdoppeln. An der Börse. Über so einen Typen aus Bremen, der mir das versprochen hat.“
Die Frau nahm einen Schluck Tee. Der Tee war kalt, sie trank trotzdem.
„Und die Wohnung?“
„Ich habe sie verkauft. Ohne dich zu fragen. Die Maklerin hieß Frau Petersen, ich habe deine Unterschrift gefälscht. Das tut mir leid.“
Die Frau legte die Serviette auf den Tisch. Dann griff sie in ihre Handtasche und holte einen beigen Schnellhefter heraus. Die Ecken waren abgegriffen, als hätte sie ihn oft in der Hand gehabt. Sie legte ihn zwischen die Tassen.
„Dann unterschreibst du hier“, sagte sie. „Du verzichtest auf deinen Anteil an der Wohnung. Und du zahlst mir die achtundsiebzigtausend Euro in dreißig Monaten zurück. Ich habe morgen früh einen Termin beim Notar. Wenn du nicht unterschreibst, gehe ich zur Polizei.“
Der Mann sah auf den Hefter. Sein Mund bewegte sich, aber es kam kein Ton. Er nahm den Kugelschreiber, den die Frau aus ihrer Jackentasche geholt hatte. Klickte. Unterschrieb auf der letzten Seite. Dann stand die Frau auf. Sie legte einen Zwanzigeuroschein auf den Tisch.
„Der Tee geht auf mich“, sagte sie zu mir, als sie an der Theke vorbeiging. „Der Herr nimmt bestimmt einen doppelten Espresso. Den bezahlt er selbst.“
Sie zog den Reißverschluss ihrer Handtasche zu und ging hinaus. Die Glocke über der Tür klimperte.
Der Mann blieb sitzen. Ich stellte ihm einen doppelten Espresso hin, weil ich nicht wusste, wohin mit meinen Händen. Er rührte Zucker hinein, obwohl er keinen genommen hatte. Der Zuckerstreuer war halb leer, er schüttete den Rest dazu.
Um sechs schloss ich die Tür ab. Draußen war es fast dunkel, die Straßenlaternen spiegelten sich in den Pfützen. Der Mann saß noch immer am Fenstertisch. Er hatte den Hefter nicht angerührt. Nur den Espresso, der jetzt kalt war.
Ich hängte meine Schürze an den Haken, schaltete das Licht aus und ging zur U-Bahn. An der Ecke drehte ich mich nicht um.











