Der Hund, der Nils hieß und der Angst vor September hatte

Am schlimmsten im Leben eines Straßenhunds ist es, wenn man dich nur bis zum Spätsommer füttert. Nils wusste das aus eigener Erfahrung. Er hatte es schon einmal durchgemacht. Es gab da einen Mann in Brandenburg, gar nicht mal übel, das muss man ehrlich sagen. Der hatte ihm aus alten Europaletten eine Hütte gezimmert, den Napf unter den Kirschbaum gestellt, ihn manchmal hinterm Ohr gekrault und "na, alter Kumpel" gesagt. Den ganzen Sommer über. Und dann fielen die ersten Blätter, und der Mann kratzte sich am Hinterkopf: "Tut mir leid, Kumpel. In die Stadt kann ich dich nicht mitnehmen." Nils wunderte sich damals nicht mal. Er hatte längst geahnt, wie das enden würde. Denn der Mann hatte ihm den ganzen Sommer über keinen Namen gegeben. Weder Bello noch Rex, nicht mal das simpelste Fiffi. Er hatte sich das gespart. Ein Tier ohne Namen wegzugeben fällt leichter — es gehört einem ja nie ganz.

Seitdem mochte Nils den September nicht. Den Monat des Verrats, so nannte er ihn bei sich.

Die Kleingartenkolonie am Rand von Fürstenwalde ging ihren letzten warmen Wochen entgegen. Die Rentnerinnen wühlten in ihren Beeten, schimpften mit den Enkeln und seufzten dabei heimlich: bald Schule, bald zurück in die Stadt, und bis zum nächsten Sommer ist es gefühlt so weit wie bis zum Mond. Aus einem offenen Fenster dudelte leise ein Fußballkommentar im Radio, irgendwer testete schon die Laterne für den Laternenumzug im Herbst.

Nils machte sich seine eigenen Gedanken. Wenn die Sommergäste abreisten, würde die Mülltonne neben dem Vereinshaus nur noch halb so ergiebig sein. Dann müsste er wieder zum Bahnhof trotten, und dort gab es genug eigene Streuner, die einen aus Prinzip anknurrten. Er tapste an den Zäunen entlang, schnupperte durch die Ritzen und blieb plötzlich stehen. Hinter einem der Gartenzäune zog Bratkartoffelgeruch mit Zwiebeln vorbei. Hier wohnte eine Frau, die er kannte — streng, aber im Rahmen des Erträglichen. Einen Versuch war es wert.

"Mäuschen!", brüllte es von der Veranda so laut, dass der Hund zusammenzuckte. Welches Mäuschen denn? Sie hatte doch gar keine Katzen.

"Mäuschen! Wie lange soll ich noch warten? Nimm das Geld und ab zum Kiosk!"

Unter dem Kirschbaum kroch ein Junge von etwa zehn Jahren hervor. Pummelig, mit Brille, in der einen Hand ein Handy, in der anderen einen angebissenen Apfel. So ein Mäuschen, dachte Nils erstaunt, eher ein kleines Nilpferd.

Der Junge schlurfte zum Gartentor, entdeckte den Hund und blieb stehen. "Wow, ein richtiges Vieh. Hast du auch Hunger? Dich füttern sie auch nicht richtig, was? Mich auch nicht", seufzte er wie ein Erwachsener. "Ich soll abnehmen, sagen sie. Warte, ich hol dir was."

Nils setzte sich zum Warten hin. Er erwartete nicht viel — in der Kolonie mochte man ihn nicht besonders. Groß, rotbraun, ohne Papiere, das Fell voller Kletten. Kurz: ein Schreckgespenst. Aber der Junge log nicht. Er kam nach einer Minute wieder, schlich sich wie ein Agent aus einem schlechten Film zum Zaun und zog aus einer Tüte eine Frikadelle. Eine echte, hausgemacht, mit Dill drin.

Donnerwetter, damit hatte er nicht gerechnet. Nils schluckte die Frikadelle in einer halben Sekunde. Respekt, Mäuschen. Der Name ist zwar furchtbar, aber du hältst Wort. Das muss vergolten werden, ich mag es nicht, jemandem etwas schuldig zu bleiben.

"Bruno! Was hast du aus der Küche geklaut?", die Frau schoss wieder auf die Veranda. "Kein Krümel Brot mehr im Haus, und der füttert Streuner! Ab zum Kiosk, hab ich gesagt!"

"Ich heiße Bruno", knurrte der Junge beleidigt. "Hört auf, mich Mäuschen zu nennen."

"Ach was. Für mich bist du ein kleines Mäuschen. Liegst den ganzen Tag in der Sonne und wartest aufs Mittagessen. Aber zum Kiosk laufen — da muss man dich dreimal bitten."

Der Junge nahm das Geld, die Tüte, und schlurfte zum Tor, als würde man ihn zur Physikklausur schicken. "Da will ich nicht hin", murmelte er vor sich hin. "Da hängen immer die Typen ab. Die machen mich fertig."

Na also. Nils stand auf und trottete hinterher. Schulden sind Schulden.

"Begleitest du mich? Dann komm mit."

Zuerst schwieg der Junge, trat mit der Turnschuhspitze gegen einen Kieselstein. Dann fing er an zu reden — so, wie man redet, wenn man lange niemanden zum Reden hatte. "Meine Eltern haben mich hierher geschickt. Fahr zur Oma nach Fürstenwalde, hieß es, frische Luft schnappen, Fahrrad fahren, Freunde finden. Aber wie soll ich Freunde finden, wenn alle mich nur auslachen? Und dann hat Oma auch noch beschlossen, dass ich abnehmen muss. Du isst zu viel und bewegst dich zu wenig, sagt sie. Na gut, dann kümmere ich mich eben um dich!" Er verzog das Gesicht. "Sie kümmert sich, klar. Keine Pfannkuchen mehr, keinen Kuchen, meckert, wenn ich am Handy sitze. Und? Hab ich abgenommen von ihrer Gemeinheit? Von wegen. Bin nur ständig hungrig."

Und einsam, dachte der Hund. Da haben sie was Schönes angerichtet, die Erzieher. Beschwert sich bei einem streunenden Hund über sein Leben. Sonst hat er wohl niemanden.

Er zuckte zusammen, als sich eine warme Hand auf seinen Kopf legte. Daran war er nicht mehr gewöhnt. Und dann geschah etwas völlig Unerwartetes.

"Hör mal, willst du mein Freund sein?"

Nils war überfordert. Er hatte nicht vorgehabt, irgendjemandes Freund zu werden. Schon gar nicht der eines Menschen. Aber zum Antworten kam er nicht mehr — sie waren am Kiosk angekommen.

Unter dem Schild "Getränke & Snacks" standen drei Jungs, lehnten an ihren Fahrrädern, spuckten Sonnenblumenkerne aus. Ein, zwei Jahre älter als Bruno, dafür mit doppelt so viel Großmäuligkeit im Blick.

"Oh, die Kugel rollt an."

"Will uns bestimmt Eis kaufen."

Der Dritte beließ es nicht bei Worten: Er stellte sein Rad an die Wand und schubste Bruno Richtung Tür. Nils trat vor. Senkte den Kopf, zog die Lefzen hoch und knurrte so, dass in der nächsten Pfütze Ringe entstanden.

"Die Kugel hat 'nen Kampfhund dabei…"

"Verpiss den Köter!"

"Ach vergiss es, komm, wir fahren."

Die drei Fahrräder verschwanden hinter der Ecke schneller, als Nils bis drei knurren konnte. Er drehte sich zum Jungen um: na, hat sich die Frikadelle gelohnt?

"Das war der Hammer!", Bruno hüpfte richtig. "Krass! Ich nenn dich Donner. So hast du geknurrt, richtig laut, wie Donnergrollen."

Nils erstarrte innerlich. Ein Name. Der Junge gab ihm einen Namen. Schön, kräftig, seiner. Na gut, dann muss ich diese Freundschaft wohl annehmen.

Sie gingen langsam zurück. Bruno brach von einem noch warmen Brötchen knusprige Stücke ab und teilte sie. Und nur irgendwo tief drin nagte es an Donner: Was für ein Gespann sind wir eigentlich, ein pummeliger Junge mit Katzenspitznamen und ein Hund, den keiner braucht. Was für eine Zukunft haben wir schon. In drei Wochen fahren die Sommergäste ab. Man darf sich nicht binden, dachte er — und merkte, dass es zu spät war. Der Faden war schon gespannt. Reißen kann man ihn leicht, will man aber nicht.

Der September beeilte sich, den Herbst hereinzulassen. Legte morgens Nebel über den Vereinsteich, tupfte Gold in die grünen Kronen, streute kalte Regenschauer. Und Donner rannte jeden Morgen zu dem vertrauten Gartentor. Sie gingen zusammen zur Spree hinunter. Wälzten sich im Gras. Spielten Ball, bis der Ball in den Brennnesseln landete und dort für immer blieb. Bruno übte, mit zwei Fingern zu pfeifen — am vierten Tag klappte es, und Donner bellte vor Schreck.

Die Oma schimpfte anfangs: "Hast dir da einen fürchterlichen Straßenköter angefüttert." Dann gab sie nach: "Meinetwegen, Mäuschen. Der Hund tut dir gut. Wenigstens bewegst du dich jetzt, statt wie ein Pilz unterm Blatt auf der Terrasse zu hocken." Und fügte hinzu: "Schade, dass er nicht früher aufgetaucht ist. Bald geht's zurück in die Stadt."

Dieses "bald zurück in die Stadt" traf Donner mitten ins Herz. Wieder eine Trennung. Wieder Kälte und fremde Hinterhöfe. Nur würde es diesmal mehr wehtun, weil Bruno sein Mensch war. Er hatte ihm einen Namen gegeben.

Das Wunder kam auf dem schwarzen Rücken der alten Promenadenmischung Trudi angeritten. Die beiden kannten sich schon lange, grüßten sich, plauderten manchmal am Tor der Kleingartenanlage. Trudi hatte Glück gehabt: ihr ganzes Leben bei demselben Herrchen, beide schon in die Jahre gekommen, beide gemächlich unterwegs. An diesem Tag wartete sie vor dem Tor auf ihren Opa, und Donner trottete vorbei, den Kopf gesenkt, ohne sie überhaupt zu bemerken.

"Warum grüßt du alte Bekannte nicht mehr?"

"Ach, Trudi… Entschuldige. War in Gedanken."

"Wobei denn? Nun sag schon, mein Opa braucht noch zehn Minuten."

"Das ist nicht so schnell erzählt. Ich hab jetzt ein Mäuschen."

"Ein Mäuschen?" Trudi setzte sich sogar hin. "Das ist mal eine Neuigkeit. Ich dachte, du drehst denen nur Runden."

"Der hat gar keinen Schwanz."

"Umso spannender! Was ist das für ein schwanzloses Mäuschen?"

"Ganz normal. Rundlich. Gutmütig." Er musste sie hinführen, um es zu zeigen. Bruno saß auf der Treppe der Veranda und wartete.

"Ach so, da haben wir's", zog Trudi das Wort in die Länge. "Hast dich also an den Jungen gehängt?" Donner nickte ergeben. "Gut. Und der Sommer geht zu Ende, der Junge fährt zurück in die Stadt, Schule und so. Stimmt's?" Noch ein Nicken. "Ich sehe da kein Problem. Fahr mit ihm mit."

"Die nehmen mich doch nicht."

"Hast du's schon versucht?" Trudi schnaubte. "Der Junge lebt bei seinen Eltern. Mit denen musst du verhandeln. Wenn sie ihn abholen kommen, zeig dich, sei präsent. Streich ihnen um die Beine. Zähne bloß nicht zeigen, sonst erschreckst du sie. Deine Aufgabe: einen guten Eindruck machen."

"Wo denke ich hin", verzagte Donner. "Ich seh doch fürchterlich aus. Struppig."

"Du bist dumm, nicht fürchterlich. Hunde liebt man nicht wegen der Schönheit."

"Wofür dann?"

Trudi überlegte, hob die graue Braue. "Wer weiß das schon so genau. Für die Treue. Dafür, dass du da bist, wenn alle anderen gegangen sind. Kurzum, mein Rat: versuch's. Du gehst dabei nicht kaputt." Sie wedelte mit dem strubbeligen Schwanz und trabte zum Tor.

Zwei Tage lang bereitete sich Donner vor wie auf die wichtigste Prüfung seines Lebens. Er ging im Kopf durch: erst mit dem Schwanz wedeln, dann die Pfote geben. Oder gleich die Pfote? Vielleicht zu früh?

"Du bist irgendwie komisch", bemerkte Bruno. "Hast Angst, dass ich wegfahre? Keine Angst. Ich lass dich nicht zurück. Ich frag Mama und Papa, ob sie dich mitnehmen. Und wenn nicht, bleib ich eben hier."

So einfach ist das für ihn, dachte der Hund traurig. Aber wer lässt dich schon einfach hierbleiben. Die packen dich, setzen dich ins Auto — und weg seid ihr.

Der graue Kombi fuhr am Samstagnachmittag auf das Grundstück. Donner fühlte sich alles andere als bereit. Weder als zwei Personen ausstiegen und Bruno umarmten, noch als die Oma auf die Veranda trat und alle ins Haus bat. Er legte sich neben das Gartentor und brachte es nicht über sich, sich von der Stelle zu rühren. Und wenn ich denen nicht gefalle. Und wenn ich nicht passe.

Endlich kam Bruno mit einer riesigen Reisetasche aus dem Haus. Hinter ihm Vater und Mutter, dahinter die Oma.

"So, verabschiede dich von Oma", sagte die Mutter. "Nächsten Sommer kommst du wieder. Tut dir gut hier draußen."

"Mama, ich hab dir doch erzählt, dass ich hier einen Freund gefunden hab."

"Willst du dich verabschieden? Dann lauf schnell. Wo wohnt er denn?"

"Er wohnt nirgends. Und laufen muss ich auch nicht. Der wartet direkt am Tor auf mich." Bruno nickte in Richtung des Gartentors.

Die Mutter schaute hin. Schaute lange. "Mama, keine Angst, der ist lieb. Ich hab ihn Donner genannt. Er hat mich vor den Typen vom Kiosk beschützt." Der Junge griff nach der Hand der Mutter und zog sie zum Hund. Donner saß da, mehr tot als lebendig, und hatte Trudis ganzen Rat vergessen. Dann legte sich eine Hand auf seinen Kopf. Blieb dort. Fuhr zwischen die Ohren.

"Ein schöner Hund. Aber ganz schön groß. Wo soll der in die Wohnung? Baden, Gassi gehen, erziehen…"

"Mama, bitte! Ich mach alles selbst. Papa, ich versprech's!" Der Vater zuckte mit den Schultern: entscheidet selbst. Und dann stellte sich unerwartet die Oma auf die Seite des Hundes.

"Der Hund tut Bruno gut. Als ihr ihn hergebracht habt, wusste ich nicht mehr, wie ich den Jungen vor die Tür kriegen soll. Sitzt den ganzen Tag mit dem Handy da. Rennt nicht, spielt nicht. Wie ein kleiner alter Mann, keine Kindheit. Und dann taucht dieser Hund auf — und der Junge ist wie ausgewechselt. Vorher musste man ihn zu jeder Hilfe zwingen, jetzt macht er alles freiwillig. Und kräftiger ist er geworden, mutiger."

Die Mutter fuhr noch einmal mit der Hand über den rotbraunen Kopf. "Gut, Bruno. Wir nehmen deinen Donner mit. Aber enttäusch mich nicht. Du bist für deinen Freund verantwortlich."

"Fahren wir jetzt endlich, oder was?", rief der Vater schon vom Auto aus. "Steigt ein mit dem Hund, sonst stehen wir noch im ganzen Autobahnstau nach Berlin!"

Donner lag auf der Rückbank, den Kopf auf Brunos Knien, und konnte es immer noch nicht fassen. Vor dem Fenster zogen herbstliche Felder vorbei, Windräder am Horizont. Es roch nach Benzin, irgendeinem Parfüm und einem warmen Jungen. Irgendwo vor ihnen lag die Stadt, fremde Hausflure, glatte Fliesen und eine Leine. Und er dachte daran, wie schwer es ist, anders zu sein als die anderen. Wie fast unmöglich es ist, einen Freund zu finden, wenn man als großer, rotbrauner Hund ohne Stammbaum zur Welt kommt oder als nicht ganz so schlanker Junge mit Brille. Alle jagen dich weg, machen sich über dich lustig. Aber wenn man doch einen findet — dann hält man fest, mit Händen und Pfoten.

Bruno und Donner hatten Glück gehabt.

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