Die Fremde im Garten

Der Herbst kam in diesem Jahr früh nach Cuxhaven. Schon Ende September roch es nach Kaminrauch und feuchtem Tang, und von der Kugelbake wehte ein Wind, der die Wohnwagen auf dem Parkplatz am Strand heftig schüttelte. Die Leute liefen mit hochgeschlagenen Kragen und gesenkten Köpfen die Alte Deichstraße entlang, und in den Fenstern der kleinen Backsteinhäuser brannte schon am Nachmittag Licht.

Ich stand an der Spüle und sah zu, wie Hella von gegenüber ihren Dackel Gassi führte. Der Hund blieb an jedem zweiten Zaunpfahl stehen. Hella wartete, ohne zu ziehen. Sie hatte Zeit. Seit ihr Mann vor drei Jahren gestorben war, ging sie viermal am Tag dieselbe Runde. Der Hund war seither langsamer geworden. Hella auch.

*„Ich komme vorbei“*, hatte Klaus am Telefon gesagt. Nicht gefragt. Gesagt. Als wäre mein Haus eine Dependance seiner Firma.

Ich kannte diesen Ton. Elf Jahre lang hatte ich ihn gehört, jedes Mal, wenn es um Mutters Pflege gegangen war. Um die Beerdigung. Um das Grab. Um die Kosten für den Grabstein. Klaus hatte den Stein ausgesucht, einen polierten schwarzen Granitblock mit goldenen Buchstaben, teurer als nötig. Bezahlt hatte ich ihn. Klaus hatte bei der Rechnung mit den Schultern gezuckt und gesagt, die Firma brauche gerade Liquidität.

Erik wollte, dass ich vorher etwas esse.

Ich setzte Wasser auf und sah aus dem Fenster. Der erste Regen sprühte gegen die Scheibe. Im Hafen legte gerade der Krabbenkutter ein.

Dann klopfte es.

Ich öffnete. Klaus stand auf der Matte, hinter ihm die Auffahrt wie eine leere Bühne. Er trug einen dunkelblauen Kaschmirmantel, der mehr gekostet hatte als meine erste Monatsmiete in der Wohnung an der Neuen Reihe. Die Zwillinge blieben im Auto sitzen. Vier Jahre alt, beide im Kindersitz, beide mit dem Gesicht zum Fenster. Sie sahen aus, als hätten sie keine Lust, auszusteigen. Verstand ich gut. Der Regen wurde stärker, und die Tropfen liefen an der Seitenscheibe herunter, sodass ihre kleinen Gesichter hinter Wasserstreifen verschwammen.

„Ich komme zur Sache“, sagte er.

Er zog keine Schuhe aus. Nie tat er das. Auch bei Mutters Beerdigung hatte er, im Wohnzimmer, beim Kaffee danach, die Schuhe anbehalten.

„Die Situation hat sich geändert“, sagte er.

Ich trat einen Schritt zur Seite, weil der Wind mir die Haare ins Gesicht blies.

„Deine Situation hat sich immer geändert“, sagte ich. „Jedes Mal, wenn ich dich sehe, hat sich deine Situation geändert. Was ist es diesmal?“

Er schaute an mir vorbei in den Flur, als suchte er dort nach etwas, das er benutzen konnte.

„Das Haus muss verkauft werden“, sagte er.

Das Wasser im Kessel begann zu singen.

Ich ging in die Küche, nahm den Kessel vom Herd. Erik stand am Küchentisch und rieb mit dem Daumen über die Macke in der Tischplatte. Dieselbe Macke, an der sich schon sein Vater als Kind den Ellbogen gestoßen hatte. Erik sagte nichts. Er sah mich nur an, und sein Mund war schmal.

Klaus kam mir nach.

„Kannst du mir überhaupt zuhören?“

Ich stellte die Tasse auf die Arbeitsplatte. Das war mein erster Gedanke: *Tee*.

„Ich höre zu“, sagte ich.

„Das Haus ist das letzte, was uns noch gemeinsam gehört“, sagte Klaus. „Aus der Erbmasse. Vater hat es mir und dir zu gleichen Teilen hinterlassen. Wir sind uns einig, dass es so nicht weitergeht.“

Zwei-acht-null. Jede Woche zwei-acht-null Euro für ihre Betreuung, das Mittagessen, die Fahrten.

Es war die einzige Zahl, an die ich in diesem Moment denken konnte. Zwei Jahre lang hatte ich zwei-acht-null Euro pro Woche an die Tagespflege gezahlt, bis Mutters Pflegegrad endlich bewilligt war. Klaus hatte damals gesagt, er sei finanziell nicht in der Lage, sich zu beteiligen. Dieselbe Firma, die jetzt den Fuhrpark vergrößert hatte.

„Ich habe das Haus allein getragen“, sagte ich. „Die Hypothek. Die Reparaturen. Das neue Dach. Die Heizung.“

„Du hast drin gewohnt“, sagte Klaus. „Das war der Ausgleich.“

„Ich habe bei ihr gewohnt“, sagte ich. „Nicht bei dir. Nicht auf deine Kosten. Ich habe ihre Verbände gewechselt. Du bist Weihnachten vorbeigekommen, einmal im Jahr, und hast Fotos für die Firma gemacht. Der Familienmensch.“

Für einen Moment war es still. Der Kuckuck an der Wand tickte. Mutters Kuckucksuhr, seit 1978 aufgezogen, jede Woche von Hand, jetzt von mir. Sie ging zwei Minuten nach. Ich hatte nie herausgefunden, wie man sie stellte.

„Ich habe einen Interessenten“, sagte Klaus. „Er zahlt gut. Wir teilen. Danach ist jeder frei.“

Ich dachte an die Fotos in der Schublade. Mutter am Deich. Mutter mit den Zwillingen, an dem einen Tag, an dem sie noch beide Arme heben konnte. Mutter mit mir, im Nieselregen, beide lachen wir in die Kamera, als wüssten wir etwas, das der Fotograf nicht wusste.

„Ich mache es“, sagte ich.

Er zog eine Augenbraue hoch.

„Du machst es?“

„Ich mache es“, wiederholte ich.

Er atmete aus. Fast erleichtert.

„Vernünftig. Ich rufe dich an wegen des Notartermins.“ Er ging zur Tür. Kehrte an der Schwelle noch einmal um. „Ach ja. Ich brauche noch das Sparbuch von Mutter. Für die Unterlagen. Du hast es doch?“

„Ich habe es“, sagte ich.

„Bring es mit. Beim Termin.“

„Ja“, sagte ich. „Das mache ich.“

Er sah mich an, als wäre ihm gerade bewusst geworden, dass ich nicht geschrien hatte. Dass ich nicht verhandelt hatte. Dass ich einfach nur ja gesagt hatte, mit der Ruhe einer Frau, die einen Plan bereits gefasst hat.

Aber er fragte nicht.

Er stieg in den Wagen, die Kinder drehten sich nicht um. Die Rücklichter verschwanden in der Alten Deichstraße, Richtung Grimmershörnbucht.

Ich saß an dem Abend lange am Küchentisch. Erik briet Rührei. Wir aßen schweigend. Der Regen war in einen feinen Nebel übergegangen, der die Straßenlampe vor dem Haus in einen gelben Hof verwandelte. Hella ging noch einmal am Zaun vorbei, diesmal ohne Hund.

Am nächsten Morgen fuhr ich in die Stadt.

Zuerst zur Bank: Kontoauszug, Saldo, Kündigung nach § 490 Abs. 2 BGB — außerordentliches Kündigungsrecht des Darlehensnehmers nach zehn Jahren Laufzeit. Die Frau am Schalter rechnete mit dem Kugelschreiber auf einem Zettel. „Achtundvierzigtausend“, sagte sie. „Die Restschuld beträgt achtundvierzigtausend Euro.“ Ich nickte. Das Geld war da. Nicht mehr.

Dann das Grundbuchamt. Einen Auszug, beglaubigt, zwei Kopien. Die junge Beamtin hinter dem Schalter fragte, ob ich einen Termin zur Eigentumsübertragung bräuchte. „Nein“, sagte ich. „Ich brauche nur den Auszug.“ Sie zog die Brauen zusammen und tippte etwas in den Computer. Draußen fuhr eine Straßenbahn der Linie 4 vorbei, Sommerfahrplan, letzter Betriebstag.

Danach saß ich eine Stunde lang im Café Schröder an der Neuen Reihe und sah zu, wie sich die Wolken über dem Landkreis brachen. Die Bedienung kannte mich seit Jahren. Sie brachte mir eine Kanne Ostfriesentee, ohne zu fragen. Mein Fahrrad lehnte an der Wand, das Schloss klapperte leise im Wind.

Ich erinnerte mich an den Tag, an dem Mutter die Diagnose bekam. Klaus hatte gesagt, ich solle Ruhe bewahren. Er selbst war danach in den Baumarkt gefahren, um Farbe für sein Büro zu kaufen. Ich hatte gesehen, wie er den Beleg in die Jackentasche schob. Sah ihn noch heute vor mir: der weiße Zettel, der aus der Anoraktasche ragte wie eine Anklage.

„Der Kuchen ist frisch“, hatte die Bedienung gesagt. „Apfel mit Mandeln.“ Ich hatte abgewunken. Heute bestellte ich ihn. Während ich aß, schrieb ich auf eine Papierserviette: *Kuckucksuhr, Fotos, Meißner Geschirr.* Ich strich *Meißner Geschirr*. Mutter hatte es nie benutzt. Es gehörte ihr, aber sie hatte es nie benutzt. Das war der Punkt. Man erbt nicht nur Dinge. Man erbt, was mit ihnen geschah.

Der Notartermin war auf einen Donnerstag gelegt. Klaus kam zehn Minuten zu spät. Ich saß bereits im Wartebereich, die Mappe mit den Unterlagen auf dem Schoß. Der Notar war ein schmaler Mann mit randloser Brille, der über allem, was er diktierte, leicht nachdachte.

„Bevor wir beginnen“, sagte ich, „will ich etwas klarstellen.“

Klaus setzte sich mir gegenüber. Er trug denselben Kaschmirmantel. Kleine Regenflecken auf den Schultern, als wäre er gerade vom Deich gekommen.

Der Notar legte den Füller hin.

„Es gibt einen Punkt, den mein Bruder vergessen hat“, sagte ich.

„Was?“, fragte Klaus.

Ich schob die erste Unterlage über den Tisch.

„Das Sparbuch“, sagte ich. „Von Mutter. Es ist aufgelöst. Bereits vor zwei Jahren.“

Er zuckte mit keiner Wimper. „Das wusste ich nicht.“

„Nein“, sagte ich. „Ich weiß. Aber die Kontoauszüge lagen jahrelang in der Küche. Neben ihrer Medikamentenliste. Du hast nie hineingesehen. Das Regal neben der Tür, Klaus. Die Schublade unter dem Telefon. Ein Griff. Ein einziger. Du hast es nie getan.“

Der Notar rutschte auf seinem Stuhl.

„Das Sparbuch war eine Rücklage“, sagte ich. „Für den Pflegefall. Falls die Kasse das Pflegegeld ablehnt. „Achtundzwanzig Jahre“, sagten sie. „In Cuxhaven gemeldet, im selben Haus.“ Eine andere Stimme, männlich: „Typisch. Wer kurz vor der Rente einem das Reihenhaus überlässt, der hat es nicht anders verdient.“ Ich zog meine Stalljacke an. Der Regen war stärker geworden, er prasselte auf die Mülltonnen vor dem Fenster. Ein Nachbar lief mit einer Taschenlampe über die Straße. Ich hörte den Kutter im Hafen tuten.

Dann, gegen halb zehn, klopfte es.

Ich öffnete. Klaus stand davor, den Kragen hochgeschlagen. Ich sah, dass die Innenseite seines Mantels durchnässt war. Er hielt einen einzelnen Schlüssel in der Hand.

„Du hast das Schloss ausgetauscht“, sagte er.

„Ja“, sagte ich. „Vor drei Stunden. Schenk dir die Arbeit, den alten zu suchen. Der steckt im Müll. Jörg von der Tischlerei hat ihn eingebaut, nachdem er das Schloss für die Haustür geliefert hat. Weißt du, wie oft ich ihm das erzählt habe? Jedes Mal, wenn du sagtest, du kämest vorbei.“

Klaus hob die Hand, als wollte er den Schlüssel irgendwo ablegen. Aber es gab keine Stelle. Keine Bank vor dem Haus. Keinen Haken. Er ließ den Arm sinken.

„Du kannst nicht alles behalten.“

„Ich behalte nichts“, sagte ich. „Ich habe das Haus lastenfrei übernommen. Eli hat ein Zuhause. Du hast deine Firma. Und ich habe die Kiste mit den Fotos und eine Uhr, die zwei Minuten nachgeht, weil ich nicht weiß, wie man sie stellt. Das ist der ganze Rest.“

Er starrte mich an. Die Regenrinne über ihm gurgelte. Weiter oben an der Alten Deichstraße fuhr ein Bus mit voller Geschwindigkeit durch eine Pfütze, das Wasser spritzte gegen einen Laternenpfahl.

„Du hast das mit dem Darlehen allein entschieden“, sagte er.

„Nein“, sagte ich. „Das hast du. Vor elf Jahren. Ich habe nur den Vertrag durchgelesen. Und diesmal nicht gewartet, bis du das für mich übernimmst.“

Er stand da, den Schlüssel in der Faust, als wüsste er nicht mehr, was eine Faust war. Dann sagte er etwas, womit ich nicht gerechnet hatte.

„Mutter hätte gewollt, dass wir teilen.“

„Ja“, sagte ich. „Und sie hat es getan. Achtundvierzig Stunden pro Woche. Du hast den ersten Teil genommen. Ich den zweiten.“

Ich sah ihm an, dass er antworten wollte. Aber hinter mir, aus dem Wohnzimmer, hörte ich die Kuckucksuhr. Neun Uhr dreißig. Der Vogel kam heraus, blieb einmal kurz hängen, dann rief er zehnmal. Zehn Töne für halb zehn, weil die Uhr zwei Minuten nachging und der Mechanismus aus dem Takt war, aber am Ende stimmte die Zahl. Mutter hatte immer gesagt: *Wenn man oft genug aufsteht, stimmt die Bewegung auch ohne Zeit.*

„Ich gehe“, sagte Klaus.

„Ich weiß“, sagte ich.

Er trat zwei Schritte zurück. Der Regen klatschte ihm auf die Stirn, die Tropfen liefen an seinem Kragen entlang. Er öffnete die Autotür, blieb noch einen Moment stehen. Ich konnte die Kindersitze im Wagen sehen. Leer. Die beiden hatte er vor dem Haus seiner Schwägerin gelassen, hatte ich am Vormittag von Elisa gehört. Er wollte sie nicht mitnehmen, hatte er gesagt. Nicht zu mir. Als wäre ich der Ort, an dem man Kinder schützen müsse.

„Du warst nie bereit, etwas abzugeben“, sagte er.

„Stimmt“, sagte ich. „Das Haus nicht. Das Darlehen nicht. Die Wochenenden nicht. Aber ich habe etwas gelernt. Man muss nicht alles tragen. Man muss es richtig tragen.“

Er stieg ein. Der Motor sprang an. Die Scheibenwischer arbeiteten auf voller Stufe, als er zurücksetzte, als wollte er mich und das Haus in einem einzigen Wisch aus dem Sichtfeld bekommen.

Ich blieb unter dem Vordach stehen, bis die Rücklichter verschwanden.

Am nächsten Morgen rief ich beim Bestattungsinstitut an und ließ den Grabstein überarbeiten lassen. Die Rückseite. Eine kleine Inschrift. „In Erinnerung und darüber hinaus.“ Das kostete hundertzwanzig Euro. Ich zahlte sofort.

Dann stellte ich die Kiste mit den Fotos auf den Küchentisch und holte die Kuckucksuhr von der Wand. Ich nahm die kleine Schraube, die Jörg mir gegeben hatte, und justierte den Auslöser. Es dauerte keine zehn Minuten. Die Uhr ging jetzt richtig. Ich hängte sie wieder auf, trat einen Schritt zurück und hörte zu, wie sie den Vormittag schlug. Zehn Uhr. Zehn Schläge. Immer noch eine halbe Stunde zu früh, denn erst zehn Uhr dreißig. Aber die Zahl stimmte, und für diesen Tag genügte das.

Gegen Mittag kam Eli aus der Schule. Sie warf den Ranzen in den Flur und lief in die Küche. Ich stand am Fenster und sah zu, wie Hella mit ihrem Dackel vorbeiging. Der Hund blieb an unserem Zaun stehen. Diesmal zog Hella nicht.

Eli fragte, ob ich geweint hätte. Ich schüttelte den Kopf. Sie stellte sich dicht neben mich, ihre Schulter an meinen Arm. Draußen begann der Regen wieder, ganz leicht, fast wie ein Sprühen. In der Ferne, über der Elbe, brach die Sonne durch die Wolken, und für einen Moment lag das Wasser da wie ein silbernes Tuch, das jemand glatt gezogen hatte.

Und ich dachte: Ich muss noch die Blumen gießen. Die Geranien vor dem Fenster. Die Erde war trocken. Ich würde es nach dem Mittagessen tun, dachte ich, oder besser gleich.

„Komm“, sagte ich zu Eli.

Ich nahm die Gießkanne vom Haken. Wir gingen zusammen hinaus in den Regen.

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