Die Werkstatt an der Bornholmer Straße

Es riecht nach Bremsenreiniger und kaltem Kaffee, wenn ich morgens die Rolltore hochziehe. Zwölf Jahre führe ich schon die Buchhaltung für die Autowerkstatt von Kerem Aydın, Bornholmer Straße, Prenzlauer Berg. Kerem ist kein Kunde für mich, er ist so etwas wie ein jüngerer Bruder geworden. Deshalb saß ich am Samstagabend auch mit ihm im Hinterzimmer, zwischen Aktenordnern und einem Kalender von der Wagenpflege-Firma, als sein Handy klingelte und er die Farbe verlor.

Seine Schwester Derya hatte angerufen. Sie war mit Freundinnen bei der Parade zum Christopher Street Day am Halleschen Ufer, mit einer Trillerpfeife um den Hals und Regenbogenfarbe auf den Wangen, so hatte sie es mir Tage vorher noch stolz gezeigt. Am Telefon war ihre Stimme kaum zu verstehen. Nur Sätze wie „ein Lieferwagen", „Leute liegen auf der Straße", „ich weiß nicht, wo Aylin ist".

Kerem ließ den Autoschlüssel eines BMW 3er fallen, den er gerade für einen Kunden hatte inspizieren wollen. Ich hörte, wie er zur Tür rannte, und rief ihm noch hinterher, er solle das Rolltor nicht offen lassen. Dumme Sache, an so etwas zu denken in dem Moment. Aber man klammert sich an das, was man kontrollieren kann.

Was an diesem Abend tatsächlich passiert war, erfuhren wir erst später aus den Nachrichten, während wir im Wartezimmer der Notaufnahme der Charité saßen. Ein weißer Transporter war in die Menschenmenge der CSD-Parade gefahren. Eine Frau war noch am Unfallort gestorben. Sechzehn Menschen waren verletzt worden, elf davon schwer. Die Polizei ging davon aus, dass aus dem Fahrzeug Personen ausgestiegen waren, die mit scharfen Gegenständen auf Umstehende losgegangen waren – einige der Verletzten hatten Schnittwunden, keine reinen Aufprallverletzungen.

Derya und Aylin waren unverletzt, hatten sich nur in einer Seitenstraße hinter einem Bäckereiwagen versteckt, bis die Polizei die Straße räumte. Kerem fand seine Schwester gegen 23 Uhr, sie zitterte, ihre Hände waren voller Kies vom Boden, auf den sie sich geworfen hatte. Er hat sie nicht umarmt, er hat nur ihre Hände genommen und den Kies rausgeklopft, einen nach dem anderen Kieselstein, als wäre das die einzige Aufgabe, die gerade zu bewältigen war.

Zwei Tage danach kam ein Ermittler der Kripo Berlin in die Werkstatt. Kein Uniformierter, ein Mann in Zivil mit einer Aktenmappe, der sich nach Deryas Zustand erkundigte und dann fragte, ob jemand in der Nachbarschaft verdächtige Personen bemerkt hätte, die sich für Fahrzeuge in der Gegend interessiert hätten. Die Ermittlungen liefen auf Hochtouren. Ein iranischer Staatsangehöriger war festgenommen worden, er soll Beifahrer in dem Transporter gewesen sein, mit dem man in die Parade gefahren war. Nach dem Fahrer wurde weiter gefahndet.

Kerem hörte sich das an, die Arme vor der Brust verschränkt, und sagte nichts. Erst als der Ermittler ging, drehte er sich zu mir um und sagte: „Weißt du, was das Dümmste ist? Ich hab am Samstagmorgen noch überlegt, ob ich mitgehe. Hab's dann sein lassen, weil der Kunde mit dem Golf seinen Wagen um vier abholen wollte."

Die Werkstatt blieb die Woche über halb leer. Zwei Stammkunden sagten ihre Termine ab, telefonisch, ohne Begründung, aber ich kann zwei und zwei zusammenzählen: Kerems Familienname klingt nicht deutsch, und manche Leute denken in solchen Wochen komisch. Ein anderer Kunde, ein Rentner namens Herr Bosbach, der seit Jahren seinen alten Passat bei uns warten lässt, kam extra vorbei, obwohl an seinem Auto nichts zu tun war, nur um zu fragen, wie es Derya geht, und um eine Kiste Berliner Pfannkuchen auf die Werkbank zu stellen. Solche Sachen vergisst man nicht so schnell.

Derya kam eine Woche nicht aus dem Haus. Ich habe sie zweimal besucht, in der Wohnung der Familie in der Schönhauser Allee, dritter Stock, ohne Aufzug. Beim ersten Mal saß sie nur auf dem Sofa und hat den Fernseher angehabt, ohne hinzusehen, irgendeine Kochshow lief, der Ton war fast aus. Beim zweiten Mal hat sie mir erzählt, dass sie den Trillerpfeifenanhänger noch in der Jackentasche gefunden hat, als sie die Jacke waschen wollte, und dass sie ihn nicht wegwerfen konnte, aber auch nicht mehr ansehen wollte. Sie hat ihn in eine Streichholzschachtel gelegt und die Schachtel in die Nachttischschublade.

Kerem selbst hat in dieser Woche etwas gemacht, das ich nicht erwartet hatte. Er hat den Werkstattkredit bei der Sparkasse Berlin, den er noch für die neue Hebebühne abzahlt – vierunddreißigtausend Euro, auf sieben Jahre –, nicht angerührt. Aber er hat aus der Rücklage der Firma, knapp zweitausendachthundert Euro, die eigentlich für die Wintersaison und neue Reifensätze gedacht waren, eine Spende an die Organisation überwiesen, die die CSD-Parade jedes Jahr organisiert. Er hat mir den Überweisungsbeleg gezeigt, ohne ein großes Wort darüber zu verlieren, nur: „Die sollen nächstes Jahr wieder laufen können. Und Derya soll wieder mitgehen wollen."

Am Freitag darauf, elf Tage nach dem Anschlag, saß der Ermittler noch einmal bei uns, diesmal mit einer Kollegin. Der mutmaßliche Fahrer war in Sachsen-Anhalt festgenommen worden, in der Nähe von Halle, in einer Pension. Die Kollegin erklärte kurz den Ermittlungsstand, mehr aus Höflichkeit als aus Pflicht, glaube ich, weil Deryas Aussage zu den Zeugenprotokollen gehörte. Kerem hat nur genickt und gefragt, ob Derya jetzt noch einmal aussagen müsse. Nein, hieß es, ihre erste Aussage reiche vorerst.

Als die beiden gegangen waren, hat Kerem das Rolltor der Werkstatt hochgezogen, obwohl es schon fast acht war und eigentlich Feierabend. Er hat den BMW 3er, an dem er seit Tagen nicht mehr weitergearbeitet hatte, wieder auf die Hebebühne gefahren und die Inspektion zu Ende gemacht, die er am Samstag hatte liegen lassen. Ich habe ihm noch eine Stunde beim Aufräumen geholfen, die Werkzeuge sortiert, den Kaffee von der Kanne gekippt, der seit dem Morgen kalt geworden war.

Beim Rausgehen hat er die kleine Regenbogenflagge, die sonst am Kundeneingang gehangen hatte und die er in der Woche abgenommen hatte, wieder an den Nagel gehängt. Kein Satz dazu, kein Blick zu mir. Er hat einfach das Rolltor wieder runtergelassen, abgeschlossen und ist zur Schönhauser Allee gegangen, um seine Schwester zum Essen abzuholen.

Rate article
Die Werkstatt an der Bornholmer Straße