Ich arbeite seit drei Jahren als Kellnerin im „Elbblick“, einem Club am Hamburger Hafen, den man sonst nur für Hochzeiten oder Firmenfeiern bucht. Ich heiße Lena. An dem Abend, von dem ich erzähle, war es Ende September, und es hatte den ganzen Tag geregnet. Draußen klatschte das Wasser gegen die Scheiben, drinnen roch es nach nassem Backstein und Heizlüftern. Wir hatten für den sechzigsten Geburtstag von Teresa Möller eingedeckt. Teresa ist die Mutter des Besitzers. Sie kommt jeden ersten Dienstag im Monat, trinkt genau ein Glas Riesling und gibt nie Trinkgeld.
Die Stimmung war schon komisch, bevor die ersten Gäste da waren. Teresa stand an der Bar und sprach zu laut mit Klara Weber, der früheren Frau ihres Sohnes. Klara trug ein schwarzes Kleid ohne Rücken und einen breiten Armreif, der bei jeder Bewegung gegen die Theke schlug. Die beiden lachten über irgendetwas, das mit der neuen Frau des Besitzers zu tun hatte. Ich hörte nur Fetzen: „…Krankenschwester…“ und „…hat keine Manieren…“. Dann kam Anna Rein ins Lokal.
Ich kannte Annas Namen aus der Zeitung. Vor zwei Jahren hatte Michael Möller sie geheiratet. Sie war vorher Krankenschwester auf der Intensivstation im Marienkrankenhaus gewesen. Sein Vater lag dort nach einem Unfall, und Anna hatte sich um ihn gekümmert. Michael verliebte sich in eine Frau in Gummischuhen und mit müden Augen, so hatte es die Zeitung geschrieben. Teresa und Klara nannten sie hinter ihrem Rücken nur „die Pflegerin“.
Anna kam allein. Sie trug einen hellgrauen Trenchcoat, der am Saum dunkel vor Nässe war, und darunter eine beigefarbene Stoffhose. Ihr Handy hielt sie in der linken Hand, den Daumen auf dem Display. Sie sah müde aus, aber nicht verloren. Ich dachte: Die hat heute schon etwas hinter sich.
Klara stellte sich ihr in den Weg, noch bevor Anna die Jacke abgeben konnte. Sie lächelte nicht. Sie sprach so laut, dass es bis zu unserem Tresen drang.
— Der Eingang für Lieferanten ist hinten, sagte Klara. — Oder bist du heute zum Putzen da?
Anna zog nur die Augenbrauen hoch. Sie ging um Klara herum und setzte sich an einen kleinen Tisch direkt am Fenster zur Elbe. Draußen zogen die Lichter der Barkassen vorbei. Ich brachte ihr ein Wasser mit Zitrone, weil sie das immer bestellte. Sie nahm den Strohhalm nicht an, sondern trank direkt aus dem Glas. Ihre Hand war ruhig.
Was ich nicht wusste: Anna hatte zu Hause in den Unterlagen des Clubs geblättert. Sie hatte Wirtschaft studiert, nach der Krankenpflege, und Michael hatte sie gebeten, einen Blick auf die Bücher zu werfen. Was sie fand, war kein Versehen. Gefälschte Rechnungen für Landschaftspflege, Möbel, Reparaturen am Bootssteg, den es nie gegeben hatte. Die Empfängerfirmen gehörten einem Mann – dem Bruder von Klara. Teresa hatte unterschrieben. Monat für Monat. Über Jahre.
Davon ahnte ich gar nichts. Ich sah nur, wie Klara mit einem vollen Rotweinglas an Annas Tisch trat.
— Dein Michael kommt nicht mehr, oder? sagte Klara. — Er hat endlich gemerkt, dass man eine Putzfrau nicht ins Restaurant mitbringt.
Anna schaltete ihr Handy aus. Sie legte es mit dem Display nach unten auf den Tisch.
— Geh weg, Klara.
Klara beugte sich vor, als wollte sie eine Einzelheit ins Ohr flüstern. Stattdessen kippte sie das Glas. Der Wein lief über Annas Hose, breit und dunkel, wie ein Fleck, der sich sofort in den Stoff fraß. Ein Gast neben mir zog die Luft ein. Am Klavier hörte der Mann für einen halben Takt auf zu spielen.
— Genieß es, Putzfrau, sagte Klara über den ganzen Saal.
Von Teresas Tisch kam ein helles, kurzes Lachen.
Anna saß aufrecht. Sie zupfte nicht an der Hose. Sie nahm keine Serviette. Sie schaute auf den Fleck, dann auf Klara, dann zur Tür.
Da öffnete Michael die schwere Eichentür. Er kam durch den Regen, Mantel offen, in der Hand eine schwarze Ledermappe. Er sah sofort, was passiert war. Alle sahen ihn an.
Michael ging zu Anna, zog sein Jackett aus und legte es ihr über die Knie. Dann drehte er sich zu Klara.
— Du holst dir deinen Mantel, sagte er. — Du hast drei Minuten. Danach rufe ich den Sicherheitsdienst.
Klara lachte. — Das ist mein Club, Michael. Ich habe hier genauso…
— Nein, unterbrach er. Er öffnete die Mappe. — Das hier ist der neue Gesellschaftsvertrag. Heute früh unterschrieben. Alleinige Gesellschafterin ist Anna Rein. Nicht mehr meine Mutter, nicht mehr du, nicht mehr irgendeine Firma deines Bruders.
Er legte das Papier auf den Tisch. Anna nahm es, schlug die letzte Seite auf und setzte ihre Unterschrift unter einen Zusatz. Ich sah es von meinem Platz aus: ein kurzer, sicherer Strich mit einem schwarzen Stift, den Michael ihr hinhielt. Dann klappte sie die Mappe zu.
— Jens, rief Michael zu unserem Administrator. — Sperr sofort alle Kreditkarten, die auf Teresa Möller und Klara Weber laufen. Auch die Handykarten. Alles.
Jens tippte auf seinem Tablet. Man hörte nur das Regenwasser in der Dachrinne.
Klara griff nach ihrem Handy. Ihre Finger blieben auf dem Display liegen. Die Bewegung stoppte, als hätte jemand den Strom abgeschaltet.
— Das könnt ihr nicht machen, flüsterte Teresa. Sie stand am Tisch, die rechte Hand auf die Tischkante gelegt. Ihr Brillantring drehte sich.
— Der Club gehört jetzt Anna, sagte Michael. — Und Anna entscheidet, wer hier arbeitet und wer hier sitzt. Du kannst morgen früh einen Termin bei ihr machen. Über das Sekretariat.
Er reichte Anna die Hand. Anna stand auf, die Mappe unter den Arm geklemmt, das Jackett ihres Mannes noch über den Beinen. Sie strich es glatt, als wäre es ihr eigenes. Dann gingen sie zur Tür.
Klara lief hinter ihnen her, bis zur Garderobe. Ich hörte sie sagen: — Meine Karte ist abgelehnt. Ich komme nicht mal ins Taxi. Das könnt ihr…
Die Tür fiel zu.
Ich blieb bis kurz nach Mitternacht. Der Regen hatte nachgelassen. Draußen vor dem Eingang stand Klara. Sie hielt ein Taxi an der Bordsteinkante fest, die Hintertür offen, während sie mit dem Fahrer diskutierte. Ihre Stimme war scharf wie eine Sirene. Neben ihr stand Teresa, den Kragen ihres Pelzmantels hochgeklappt, das Handy ans Ohr gepresst.
Ich sah, wie Klara die Taxitür zuschlug. Der Wagen fuhr an. Sie beide blieben vor dem Club stehen, unter der nassen Markise, ohne Auto, ohne Kreditkarte, ohne Schlüssel für irgendeinen Raum, der ihnen gehörte.
Anna und Michael fuhren in einem dunklen Wagen die Auffahrt hinunter. Durch das Heckfenster sah ich, wie Anna die Mappe auf ihrem Schoß öffnete. Sie legte die Unterschrift obenauf. Dann bog das Auto in die Straße Richtung Hafen ein.
Ich habe noch die Gläser vom Nebentisch eingesammelt. Auf dem Fußboden lag eine einzelne Serviette, nass vom Rotwein. Ich habe sie aufgehoben und in den Müll geworfen.
Der nächste Morgen war kalt. Um sieben kam die erste Lieferung für die Küche. Der Fahrer fragte, wer jetzt die Rechnung unterschreibt. Jens zeigte auf das neue Klingelschild neben der Tür.
Da stand nicht mehr Möller. Da stand, auf einem frischen weißen Schild, ein einziger Name. Rein.











