Ich holte gerade die Gläser mit Gurken aus der Tasche, um sie in der Speisekammer zu verstauen, als aus dem Wohnzimmer Klaus' Stimme drang.
— Sabine, hör mal, ich hab mich mit den Jungs für die Mecklenburgische Seenplatte verabredet. Eine Woche, zweites Augustwochenende. Wirfst du mir die Gummistiefel in den Kofferraum? Sind im Schrank, hinter dem Staubsauger.
Das Gurkenglas klackte lauter gegen das Holzregal, als ich es eigentlich zulassen wollte. Ich schloss die Speisekammertür und drehte mich um. Klaus stand im Türrahmen zur Küche, im Jogginganzug, checkte irgendwas auf seinem Handy. Sah mich nicht mal an.
— Und was ist mit deiner Mutter? — fragte ich und versuchte, meine Stimme neutral klingen zu lassen. Innerlich stieg schon diese vertraute Welle der Gereiztheit in mir hoch.
— Na was… du bist doch zu Hause.
— Ich will aber auch Urlaub. Wir haben vor zwei Wochen darüber geredet. Ich hab einen Platz in Bad Wörishofen gefunden, mein Rücken macht schlapp nach der Inventur im Großhandel.
Er hob den Blick vom Bildschirm.
— Sabine, was soll das? Mutter kannst du nicht alleine lassen. Sie schafft es kaum bis zum Bad. Die Jungs haben schon alles gebucht, die Unterkunft ist bezahlt. Du verstehst das doch.
Er endete immer mit diesem „du verstehst das doch", wenn für ihn eine Sache hundertprozentig feststand. Zweiundzwanzig Jahre Ehe — ja, ich verstand tatsächlich. Dass seine Mutter, Frau Erika, vor drei Jahren einen schweren Schlaganfall hatte und ohne Betreuung nicht zurechtkam. Dass Klaus Einzelkind ist. Dass eine Vollzeitpflegekraft in München fünfeinhalbtausend Euro im Monat kostet, und mein Gehalt als leitende Buchhalterin in einem Baustoffhandel kaum mehr ist.
Aber da war etwas, das er offenbar nicht begriff.
— Moment — ich wischte mir die Hände am Geschirrtuch ab, hängte es auf und setzte mich an den Tisch. — Reden wir mal ehrlich. Du fährst eine Woche weg. Wo bin ich dann?
— Na zu Hause. Bei Mutter.
— Und mein Urlaub? Ich hab um eine Woche Kur gebeten, mit Schwimmbad. In der Abteilung sind nur ich und Petra, seit zwei Jahren hatte ich keinen Urlaub, der länger war als über die Feiertage. Das letzte Mal war ich bei der Tante in Passau, zur Beerdigung. Das zählt nicht.
Klaus setzte sich mir gegenüber, legte das Handy mit dem Display nach unten. Eine versöhnliche Geste, aber sein Rücken blieb gerade — er nahm eine Verteidigungshaltung ein.
— Sabine, du kannst doch jeden Monat fahren. Meinetwegen im September. Aber ich hab mich mit den Jungs schon letzten Sommer verabredet. Damals hat's nicht geklappt — Mutter musste zur Untersuchung. Jetzt läuft alles. Boot, Echolot, Anzahlung ist überwiesen.
— Ich sammle seit September Urlaubstage. Ich hab Quartalsberichte, Steuerprüfungen und zwei Audits. Du warst letztes Jahr dreimal weg. Dreimal. Ich hab mitgezählt. Februar — Skifahren mit deinen Kumpels. Pfingsten — Kanutour. November — Ferienhaus mit Sauna. Und ich? Ich bin die kostenlose Pflegekraft für deine Mutter!
Es rutschte mir raus, aber ich bereute es nicht. Etwas in mir zerriss — wie ein Gummiband in einer alten Jogginghose, das man zu lange gedehnt hat, bis es reißt.
Klaus' Gesicht veränderte sich. Nicht zu Wut — eher zu Verwirrung. Er hatte sich seit zwanzig Jahren daran gewöhnt, dass ich ohne Widerworte zustimmte, und dieses Gespräch brachte ihn aus dem Gleichgewicht.
— Hör zu, ich vernachlässige Mutter nicht. Ich bring am Wochenende Einkäufe vorbei, geh mit ihr im Park spazieren, wenn's schön ist. Ja, du kochst und putzt — aber ich trage auch meinen Teil bei.
— Ich koche? — meine Stimme brach. — Ich komme um sechzehn Uhr von der Arbeit, koche Suppe, helf ihr ins Bad, wechsle die Bettwäsche, mach alle Übungen, die der Physiotherapeut verordnet hat. Dann husch zum Supermarkt, dann Abendessen für dich, dann Geschirr. Du kommst um achtzehn Uhr, isst und setzt dich vor Angelvideos. Dein Engagement — einmal die Woche mit Mutter durch den Park und Windeln aus der Apotheke holen. Einmal im Monat zum Arzt fürs Rezept anmelden. Das war's. DAS WAR'S, Klaus.
Der Kühlschrank sprang an. Ich zuckte zusammen. Klaus schwieg. Dann sagte er leise:
— Ich dachte, dir macht das nichts aus. Mutter mag dich, du hast dich dran gewöhnt…
— Ich hab mich NICHT dran gewöhnt! — ich stand auf. — Ich schlafe jeden Abend ein mit dem Gedanken, dass morgen das Gleiche wieder ist. Ich hab keine Wochenenden. Samstag — Wäsche, Sonntag — Putzen und Kochen für die ganze Woche im Voraus. Wo bin ich in dem allen? Ich bin einundfünfzig, sitze nicht in Rente, aber lebe wie eine unbezahlte Pflegehilfe bei fremden Leuten.
— Sie ist nicht fremd. Das ist meine Mutter.
— DEINE. Deine. Nicht meine. Meine Mutter lebt seit fünfzehn Jahren nicht mehr, und ich hab mich ALLEIN um sie gekümmert bis zum letzten Tag, ohne Auszeit und ohne deine Hilfe. Du hast damals gesagt: „Ich hab Deadline auf der Arbeit, du verstehst das doch." Und jetzt wieder — „du verstehst das doch." Den eigenen Menschen kann man nicht im Stich lassen. Aber das ist DEINE Mutter.
Klaus lehnte sich zurück. Ich sah, dass er nach einem Argument suchte, nur die alten Muster funktionierten nicht mehr. Früher zerbrach ich schon beim ersten „du verstehst das doch". Heute nicht mehr.
Ich ging in den Flur, zog die Jacke über und stand auf dem Treppenabsatz. Einfach, um Luft zu holen. Grauer Fliesenboden unter den Füßen, die Fußmatte des Nachbarn mit der Aufschrift „Willkommen", das Kunststofffenster einen Spalt geöffnet. Es roch nach Ölfarbe — Herr Bauer aus dem vierten Stock renovierte seine Küche. Ich stand da und betrachtete meine Hausschuhe vom Discounter, dachte angestrengt nach.
Ich bin einundfünfzig. Ich bin leitende Buchhalterin in einem Baustoffhandel. Mein Gehalt geht aufs gemeinsame Konto, und davon Miete, Rate für den Passat, Medikamente für Frau Erika und Angelzubehör für Klaus. Zuletzt hab ich mir eine Bluse gekauft im Februar, im Winterschlussverkauf im Kaufhof.
Ich holte mein Handy raus. Öffnete die Seite, die ich in den Favoriten hatte: „Kurklinik Bad Wörishofen". Altes Kurhaus, Schwimmbad mit Thermalwasser, Fangopackungen. Freier Termin: 12.–19. August. Ich atmete tief durch und drückte „Buchen". Anzahlung — zweihundertzwanzig Euro. Ich gab die Kartendaten ein.
Morgens stand ich um fünf auf, wie immer. Kochte Grießbrei — mit Milch halb und halb mit Wasser, genau so, wie Frau Erika ihn mag. Weckte Klaus um sechs.
— Steh auf.
— Mhm…
— Steh auf, deine Mutter will Frühstück.
Klaus stützte sich auf den Ellbogen.
— Und du, wo gehst du hin?
— Zur Arbeit. Erst zum Hausarzt, ich bin um acht dran. Dann in die Firma. Monatsbericht, hast du vergessen?
Er sah mich aufmerksam an. Spürte, dass sich etwas verändert hatte.
— Und Mutter?
— Füttere sie und hilf ihr ins Bad. Suppe ist im Kühlschrank, Hauptgericht: Frikadellen mit Kartoffeln, aufwärmen. Anleitung ist am Magneten.
Ich hatte diese Anleitung nachts geschrieben, während er schlief. Auf einem rechteckigen Magneten aus dem Allgäu, mit Marker — alles, was man mit seiner Mutter von morgens bis abends machen musste. Zwei Spalten, sechzehn Punkte.
Klaus schleppte sich aus dem Bett, ging in die Küche. Ich hörte, wie er vor dem Kühlschrank stehen blieb. Stille. Dann:
— Meinst du das ernst?
— Absolut.
Ich nahm Mantel, Tasche und ging. In meinen Rücken:
— Kommst du abends wieder? Sabine? SABINE!
Ich schlug die Tür zu.
Der Hausarzt, zu dem ich seit Jahren in die Praxis im Viertel gehe, stellte mir eine Überweisung für Massagetherapie und Kältetherapie aus.
— Ihre Wirbelsäule ist in einem beklagenswerten Zustand, Frau Meyer — sagte er und tippte mit dem Kugelschreiber auf das Röntgenbild. — Eine Kur würde Ihnen guttun, Fangopackungen. Und Ruhe. Wenigstens eine Woche.
— Ich fahre.
— In den Urlaub? — er war überrascht. — Zum ersten Mal höre ich von Ihnen dieses Wort.
— Im August. Am zwölften.
— Na also, sehr gut. Die Kur wird Ihre Knochen heilen.
Von der Praxis direkt in die Firma. In der Buchhaltung drei Personen. Petra, mit der ich das neue Personalsystem einführte, sah mich über ihre Brille an.
— Sabine, du strahlst. Was ist los?
— Ich geh in den Urlaub. Ab dem zwölften.
— Nicht zu glauben! Und Klaus?
— Bleibt bei Frau Erika.
Petra zog die Augenbraue hoch. Sie kannte meine Situation. Sie hatte vor eineinhalb Jahren leise beim Kaffee gefragt: „Sag mal, warum nehmt ihr nicht ein paar Tage die Woche eine Pflegekraft?" Ich hatte damals geantwortet, dass Klaus das nicht wollte, sagte, er würde seine Mutter keiner fremden Person anvertrauen. Petra hatte die Lippen zusammengepresst und das Thema nicht mehr angesprochen.
An diesem Tag fielen mir die Zahlen im Bericht wie von selbst in die Spalten. Im Kopf lief: „Ich fahre. ICH FAHRE."
Abends kam ich zur gewohnten Zeit nach Hause. Klaus saß in der Küche vor dem Laptop, daneben ein Teller mit Kartoffelresten. Erschöpft.
— Wie geht's Mutter? — fragte ich beim Schuheausziehen.
— Gut. Suppe hat sie gegessen, nachmittags waren wir eine halbe Stunde auf der Bank vorm Haus. Danach ist sie eingeschlafen. Sabine… — er zögerte. — Ich hab sie heute zum ersten Mal seit drei Jahren selbst gefüttert. Nicht das Tablett hingestellt, sondern mit dem Löffel gefüttert. Sie hat Probleme beim Schlucken. Wusste ich nicht.
— Ich weiß es. Ich füttere sie so jeden Tag.
Klaus sah mich lange an.
— Mir war nicht klar, wie viel du machst. Ehrlich. Ich dachte, du bist einfach… na, du bist einfach da.
Ich antwortete nicht. Ging ins Schlafzimmer, zog mich um. Kam zurück, goss Tee ein, setzte mich ihm gegenüber.
— Ab dem zwölften August fahre ich nach Bad Wörishofen. Ist bezahlt.
Zehn Sekunden Stille. Klaus rieb sich mit der Hand übers Gesicht.
— Und Mutter?
— Das ist deine Mutter, Klaus. Ich hab alles aufgeschrieben. Anleitung am Kühlschrank. Petra ist telefonisch erreichbar — ihr Vater hatte auch einen Schlaganfall, sie hat Erfahrung. Du schaffst das.
— Aber ich hab die Bootstour…
— Du wolltest Urlaub. Ich will auch. Ich hab das gleiche Recht.
Ich sah ihm direkt in die Augen. Er wandte zuerst den Blick ab.
— Und die Sache mit den Jungs?
— Entscheide selbst. Frag die Nachbarin. Stell für die Tage eine Pflegekraft ein. Ruf die Cousine aus Regensburg an. Verkauf das Boot. Aber lad Mutter nicht mehr auf mich ab.
Klaus stand auf, ging zum Fenster. Ich sah seinen Rücken an und erinnerte mich, wie er mich vor vierundzwanzig Jahren nach den Vorlesungen an der TU nach Hause begleitete und sagte: „Ich mach alles für dich." Jung, unbeschwert, mit dieser unbeholfenen Zärtlichkeit. Wir heirateten, nahmen einen Kredit für die Wohnung im Plattenbau. Der Sohn wurde geboren, machte die Ausbildung, zog nach Stuttgart wegen der Arbeit, rief alle zwei Wochen an: „Wie geht's euch?" Ich antwortete: „Gut." Ich erzählte ihm nicht, dass sein Vater mich zur persönlichen Krankenschwester der Oma gemacht hatte. Der Junge trug keine Schuld, er hatte sein eigenes Leben.
Klaus drehte sich um.
— Ich halte dich nicht auf. Du hast entschieden — fahr. Mutter lass ich nicht allein. Wenn nötig, sag ich die Tour ab. Die Jungs werden sauer sein, egal. Mutter ist wichtiger.
In den Tagen vor meiner Abreise sprach er wenig. Ich hörte nur, wie er am Telefon jemandem aus der Truppe erklärte, dass es nichts wird. Sah nicht glücklich aus dabei. Ich ertappte mich, wie ich Mitleid mit ihm hatte. Und gleich danach der zweite Gedanke: Hat er mich auch nur einmal bemitleidet?
Am elften August packte ich die Tasche. Badeanzug, vor vier Jahren gekauft und kein einziges Mal getragen. Bademantel. Hausschuhe. Ein Buch — ein Krimi im Taschenbuch, Geschenk von Petra zum Frauentag.
Als ich mich verabschieden ging, sah Frau Erika mich über ihre karierte Decke hinweg an.
— Du fährst weg? — die Stimme schwach, aber die Augen klar.
— In den Urlaub, Mutter Erika. Eine Woche. Klaus bleibt bei euch.
Sie sah mich einen Moment an. Dann nickte sie:
— Wurde auch Zeit.
Ich verließ ihr Zimmer. Drei Jahre hatte ich gedacht, sie hielte meine Geschäftigkeit für selbstverständlich. Sie hatte es, wie sich herausstellte, wohl gesehen.
Am zwölften früh fuhr ein Taxi vor. Klaus kam heraus aufs Treppenhaus.
— Na. Erhol dich.
— Danke. Anleitung am Kühlschrank. Falls was ist — ruf an.
— Ja.
Er wechselte von einem Fuß auf den anderen.
— Sabine, ich hab alles verstanden. Wenn du zurück bist, machen wir das anders. Wir finden eine Pflegekraft für nachmittags. Oder ich geh ins Homeoffice, der Chef hat's schon lange vorgeschlagen.
Ich nickte. Glaubte es noch nicht ganz. Aber ich nickte.
Bad Wörishofen empfing mich mit dem Geruch von nassem Asphalt nach dem morgendlichen Regen und frischer Bergluft. Die Kurklinik lag in einem restaurierten Sanatorium nahe der Kneippanlagen. Vom Fenster im zweiten Stock hatte ich Blick auf die Wieskirche. Am ersten Tag ging ich ins Schwimmbad und schwamm eine ganze Stunde lang, bis der Bademeister pfiff. Danach Massagetherapie — eine Frau mit kräftigen Händen knetete meinen Rücken so, dass ich die eigenen Wirbel hören konnte. Danach Fangopackungen. Abends saß ich auf einer Bank an der Kurpromenade und schaute zu, wie über der Allee die Lichterketten angingen. Das Handy blieb stumm.
Ich rief zuerst an.
— Hallo?
— Hallo. Wie geht's Mutter?
— Normal. Suppe hat sie gegessen, ich hab den Puls gemessen, etwas höher als sonst. Ich hab in der Praxis angerufen, die sagten, nichts Ernstes.
— Hast du bei der Praxis angerufen?
— Na klar. Du hast geschrieben: „Bei Unwohlsein Praxis anrufen."
Ich lächelte. Das System funktionierte.
— Und du, was machst du?
— Sitz da und les deine Anleitungen. Schreib mir noch, wie man den Grießbrei ohne Klumpen kocht. Zweites Mal sind Klöße rausgekommen.
— Auf kleiner Flamme, mit dem Schneebesen rühren. Und Milch halb und halb mit Wasser, hab ich geschrieben.
— Hab ich gelesen. Aber Theorie ist eine Sache, Praxis eine andere…
Er verstummte.
— Sabine, ich bin ein Idiot. Wirklich, mir war das nicht klar. Ich dachte, dir fällt's nicht schwer. Dass du's gewohnt bist. Dass das so Frauensachen sind. Und ich sitz hier drei Tage — der Rücken tut weh, der Kopf schwirrt. Und du… drei Jahre. Jeden Tag.
Ich schwieg, schaute in der Ferne zu, wie an der Wieskirche der erste Scheinwerfer anging. Über den Wiesen zog Nebel auf.
— Wenn du zurückkommst, ändern wir das. Wirklich. Ich nehm Homeoffice. Oder eine Pflegekraft. Mutter lass ich nicht im Stich, aber das auf dich abladen, mach ich nicht mehr. Willst du glauben — glaub, willst du nicht — nicht.
— Ich will glauben. Aber ich werd's auch prüfen.
— Prüf ruhig. Hab ich verdient.
Pause.
— Gut. Grießbrei drei Minuten länger kochen als im Rezept. Und vergiss die Creme nicht — im Schrank neben dem Bett, rechte Seite.
— Merk ich mir. Erhol dich.
— Erhol mich.
Ich legte auf. Vom Fluss her kam Wind — warm, mit dem Geruch von Wasser und frisch gemähtem Gras.
Den Rest der Woche schlief ich bis acht, ging zu den Anwendungen, las, schwamm, aß im Speisesaal, ohne mir zu überlegen, was ich wem zum Abendessen kochen sollte. Einmal schickte Klaus ein Foto: Frau Erika im Sessel auf dem Balkon, auf den Knien eine Decke mit Teddybär-Muster, im Gesicht fast ein Lächeln. Bildunterschrift: „Hab sie zum Balkon überredet. Zufrieden." Ich schrieb zurück: „Bravo, ihr beide."
Am letzten Tag, beim Kofferpacken, sah ich mich im Schrankspiegel. Ausgeruhtes Gesicht, der Rücken schmerzte nicht mehr, die Schultern gerade. Ich sah nicht aus wie einundfünfzig.
Der Zug nach München kam abends an. Klaus wartete am Bahnsteig des Hauptbahnhofs. In der Hand knautschte er einen Strauß Wiesenblumen und Kamille — wahrscheinlich irgendwo am Stadtrand gepflückt. Ich lächelte unwillkürlich.
— Willkommen zurück. Wie war's?
— Gut. Der Rücken tut fast nicht mehr weh.
— Bei mir fängt's grad an — murmelte er. — Aber ich hab's geregelt. Eine Pflegekraft kommt dreimal die Woche. Den Rest — mach ich.
— Und die Bootstour?
— Abgesagt. Die Jungs sind sauer, überleben's aber. Mutter ist wichtiger. Familie.
Wir stiegen ins Auto. Ich schaute auf die vorbeiziehenden Häuser, die Leuchtreklamen der Tankstellen, die Lichter der Straßenbahn — und spürte, dass ich nicht in das Leben zurückkehrte, aus dem ich weggefahren war.
Zu Hause roch es nach Gemüsesuppe und neuem Bodenreiniger. Der Magnet mit der Anleitung hing noch am Kühlschrank. Ich schaute in Frau Erikas Zimmer. Sie schlief nicht, sah sich eine Familienserie an.
— Ich bin wieder da.
— Bist du.
— Hast du dich erholt?
— Hab ich. Wie war's bei euch ohne mich?
Sie richtete den Blick wieder auf den Bildschirm, wo eine Krankenhausszene lief.
— Mein Sohn ist zurückgekommen.
Ich stand im Türrahmen und verstand: Sie meinte nicht, dass er körperlich zu Hause gewesen war. Sie meinte, dass er endlich Sohn geworden war, und nicht nur Gast mit einer Tüte Medikamente einmal die Woche.
Später tranken wir Tee in der Küche. Klaus erzählte, wie er nach meinem Rezept Frikadellen gebraten und die Pfanne fast in Brand gesetzt hatte. Er lachte. Goss Tee nach. Fragte nach Bad Wörishofen, nach dem Schwimmbad, den Fangopackungen. Ich sah ihn an und dachte: Jetzt gibt er sich Mühe. Aber das eine ist eine Woche ohne mich, das andere die ganze weitere Zukunft. Wird er es schaffen? Wird er nicht nach einem Monat zurückrutschen in diese bequeme Haltung „Sabine schafft das schon allein"?
Als könnte er meine Gedanken lesen.
— Montag geh ich zum Chef. Wenn er das Homeoffice genehmigt, teilen wir uns das auf. Du — drei Tage, ich — vier.
— Mal sehen.
— Glaubst du mir nicht?
— Noch nicht. Aber ich bin bereit, es zu prüfen.
Er nickte, ernsthaft.
Nachts lag ich wach und lauschte dem Regen, der gegen das Fenster prasselte. Neben mir atmete Klaus gleichmäßig. Ich dachte an Bad Wörishofen, das Schwimmbad, die Lichter an der Wieskirche. Und mir wurde klar, dass ich kein Schuldgefühl verspürte. Zum ersten Mal seit drei Jahren — weder dafür, dass ich weggefahren war, noch dafür, dass ich sie ihm überlassen hatte, noch dafür, dass ich Geld für mich selbst ausgegeben hatte.
Ich schloss die Augen und schlief ein.
Morgens stand ich um sechs auf, kochte Grießbrei — diesmal für alle, mich eingeschlossen — und setzte mich mit Klaus zum Frühstück. Der Magnet mit der Anleitung hing noch am Kühlschrank, aber daneben hing jetzt ein neuer Zettel, geschrieben in Klaus' Handschrift: „Dienstag und Donnerstag — Klaus' Dienst. Rest — nach Absprache."











