Der Junge mit dem Umschlag

Ich sitze seit sechzehn Jahren an der Kasse im Netto in der Bornstraße, Stadtteil Gartenstadt, Rostock, und ich dachte, mich überrascht nichts mehr. Bis zu dem Nachmittag im September, an dem der kleine Finn aus dem dritten Stock bei mir an der Kasse stand und mit fünf Euro in kleinen Münzen einen Sandwich, einen Apfel und eine Packung Kekse bezahlte. Er hatte sein ganzes Taschengeld dabei, in einem Zip-Beutel, wie ihn seine Mutter für die Pausenbrote benutzt.

Ich kannte ihn, weil sein Opa Herbert jeden Dienstag seine Rente hier abhebt und mir dabei erzählt, was der Junge in der Schule wieder angestellt hat. Zehn Jahre alt, schmale Schultern, ein Anorak, der ihm eine Nummer zu groß ist, weil er reinwachsen soll. An diesem Tag zählte er die Münzen zweimal nach, als könnte er sich das Fehlen eines Fünfzigers nicht leisten.

Ich hab nicht weiter drüber nachgedacht. Bis ich ihn zwanzig Minuten später im Stadtpark wiedersah, auf dem Weg zu meiner Pause, mit dem Kaffeebecher in der Hand, weil die Bank direkt gegenüber vom Kiosk liegt und ich da immer eine Zigarette rauche, auch wenn ich eigentlich aufgehört habe.

Auf der Parkbank saß Lina, ein Mädchen aus der Parallelklasse, das ich vom Sehen kannte, weil ihre Mutter im Rollstuhl sitzt und morgens manchmal am Bäcker gegenüber wartet. Lina weinte, leise, mit hängenden Schultern, die Hände in den Ärmeln ihrer Jacke vergraben. Finn stellte sich vor sie, öffnete seinen Rucksack und legte ihr das Sandwich, den Apfel, die Kekse in den Schoß. Dann zog er noch etwas anderes heraus — einen Briefumschlag, ziemlich dick, an den Rändern schon weich vom vielen Anfassen.

„Ich weiß nicht, wie ich die Behandlung bezahlen soll", sagte sie, kaum hörbar, „Mama hat nicht genug für die nächste Rechnung vom Facharzt."

Finn drückte ihr den Umschlag in die Hand. „Behalt das. Du brauchst es mehr als ich."

Sie fing an zu weinen und fiel ihm um den Hals, so fest, dass er fast das Gleichgewicht verlor. Ich stand mit meiner Zigarette da und dachte: Meine Güte, dieser Junge. Ich hab nichts gesagt, wollte mich nicht einmischen — meine Pause war sowieso gleich vorbei, und es ging mich schlicht nichts an. Aber den Umschlag hab ich mir gemerkt. Auf der Vorderseite stand in Kinderschrift, mit blauem Filzstift: „Für Linas Behandlung."

Am Abend, ich hatte gerade Feierabend und stand an der Bushaltestelle vor dem Netto, kam Herbert vorbei, außer Atem, mit genau diesem Umschlag in der Hand. Er war bei seinem Sohn Kevin gewesen — Finns Vater — und die beiden hatten wohl gerade eine Auseinandersetzung hinter sich, mitten in der Küche, bei offener Balkontür, sodass die halbe Nachbarschaft es mitbekommen hat.

Kevin hatte den Umschlag in Finns Zimmer gefunden, unter der Matratze, zusammen mit einem leeren Sparschwein aus Ton, das seit drei Jahren auf dem Fensterbrett stand. Über tausend Euro. Erspart aus Geburtstagsgeld, aus Pfandflaschen, die der Junge monatelang gesammelt hatte, aus dem, was Oma Ingrid ihm für gute Noten zugesteckt hatte.

„Wo hast du das ganze Geld her, das du hier versteckt hast?", soll Kevin gefragt haben, die Stimme hart, weil er im ersten Moment an Diebstahl gedacht hat — es hatte in der Straße vorher schon Ärger gegeben, ein aufgebrochenes Auto, und er wollte sicher sein, dass sein Sohn da nicht irgendwie mit drinsteckt.

Finn, hatte Herbert mir erzählt, stand da mit gesenktem Kopf und brachte die Worte kaum raus: „Lina ist schwer krank. Keiner konnte ihr helfen."

Kevin hat das ziemlich getroffen. Er setzte sich auf Finns Bett, den leeren Umschlag noch in der Hand, und irgendwann zog er den Jungen zu sich und hielt ihn fest. „Entschuldige, mein Sohn. Ich dachte, du hättest was Falsches gemacht — dabei hast du das Richtige getan."

Herbert erzählte mir das alles noch an der Bushaltestelle, während sein Bus schon zweimal vorbeigefahren war, weil er einfach weiterreden musste. Am nächsten Dienstag, als er wieder seine Rente holte, sagte er nur noch: Linas Mutter hätte sich bei Kevin gemeldet, mit zittriger Stimme am Telefon, und Kevin habe zugesagt, den Rest der Rechnung vom Facharzt zu übernehmen — was der Umschlag nicht gereicht hatte.

Ich hab Finn seitdem noch ein paar Mal an der Kasse gehabt. Er kauft jetzt wieder Kaugummi für vierzig Cent und zählt sein Kleingeld nicht mehr zweimal.

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