In Kettenhof, einem kleinen Ort im Vogelsberg, steht am Feldweg zur alten Ziegelei ein Birnbaum. Niemand hat ihn gepflanzt, sagt man im Dorf, er war einfach immer da. Das Haus daneben gibt es kaum noch. Der Zaun ist eingesunken, die Fensterläden hängen schief in den Angeln, und der Weg zur Tür verschwindet unter Brennnesseln und Löwenzahn. Der Baum aber steht. Und trägt jeden Sommer Früchte.
Ich bin letzte Woche daran vorbeigekommen, mit dem Fahrrad, auf dem Weg zum Angelteich hinter der alten Molkerei. Die Luft roch nach frisch gemähtem Gras und ein bisschen nach Gülle vom Hof der Familie Brenner nebenan. Und da hingen sie wieder, die Birnen. Klein, unförmig, mit braunen Flecken, keine von der Sorte, die man im Rewe kaufen würde. Aber echt. Ich bin abgestiegen und habe eine Weile nur dagestanden.
Die Frau, der das Grundstück früher gehörte, hieß Erna Vollmer. Ich kannte sie noch, aus meiner Kindheit, als alte Nachbarin meiner Großtante. Sie hatte diesen Baum wie ein zweites Kind behandelt. Wenn wir Kinder ihn schüttelten, bevor die Früchte reif waren, stand sie am Küchenfenster und rief über den ganzen Hof: "Die sind noch grün, wartet gefälligst, bis September!" Wir warteten nie lange. Rannten trotzdem immer wieder hin, um zu prüfen, ob es schon so weit war. Und wenn es endlich so weit war, saßen wir auf der Bank vor ihrer Haustür, aßen die Birnen bis zum Kerngehäuse und wischten uns den Saft mit dem Ärmel ab, während drinnen im Radio der Hessische Rundfunk lief.
Erna Vollmer starb vor elf Jahren, im Winter, mit dreiundachtzig. Ihr einziger Sohn, Klaus, lebte da schon längst in Frankfurt und hatte mit dem Dorf, wie er sagte, "nichts mehr am Hut". Das Haus stand leer, dann verfiel es. Zwischendurch hieß es, jemand wolle es kaufen und abreißen, ein Investor aus Fulda, der dort Ferienwohnungen bauen wollte. Nichts davon ist je passiert. Nur der Baum blieb, als wäre er von alldem nicht informiert worden. Er blüht im April, wirft im Hochsommer seinen Schatten über den Weg, und im August lässt er die Birnen fallen, so wie er es wohl schon tat, als Erna Vollmers Mutter noch ein Kind war.
Ich bückte mich, hob eine der Früchte vom Boden auf und drehte sie in der Hand. Die Schale war rau, an einer Stelle schon braun und weich, und wo ich mit dem Daumennagel hineindrückte, lief ein bisschen Saft heraus, süß und ein wenig gärig zugleich. Ich steckte die Birne in die Jackentasche, ohne groß nachzudenken, und fuhr weiter, ohne mich noch einmal umzudrehen.
Zu Hause lag sie zwei Tage auf der Fensterbank, bis meine Tochter fragte, woher die sei. Ich erzählte ihr von Erna Vollmer, vom Küchenfenster, vom Radio. Meine Tochter hat nie einen der beiden gekannt, weder die Frau noch das Haus, wie es einmal war. Für sie war es nur eine Geschichte. Für mich war es, als würde ich noch einmal auf der Bank sitzen.
Am Freitag darauf klingelte mein Handy, während ich noch beim Bäcker in der Schlange stand. Klaus Vollmer, seine Nummer hatte ich mir vor Jahren einmal notiert, falls "irgendwas mit dem Grundstück" sei. Er kam gleich zur Sache: Ein Bauunternehmer aus Fulda habe sich wieder gemeldet, wolle diesmal wirklich kaufen, dreizehntausend Euro seien im Gespräch, und der Mann habe schon einen Bagger für Anfang Oktober reserviert, falls der Vertrag zustande komme. "Der reißt das Ding ab, den Baum gleich mit, für die Zufahrt", sagte Klaus. "Wenn du willst, hast du bis Montag Zeit, sonst ist das durch." Ich stand da mit der Tüte Brötchen in der Hand und hörte, wie hinter mir jemand nach halben Broten fragte, und dachte nur: Montag. Das waren drei Tage.
Ich rief noch am selben Abend zurück und bot zwölftausend. Klaus zögerte, sagte, der andere biete mehr, das wisse ich ja. Ich legte tausend drauf, dann sagte er, er müsse "kurz nachdenken" und legte auf. Zwei Stunden lang hörte ich nichts. Ich saß am Küchentisch, das Handy vor mir, und rechnete im Kopf durch, was ich noch zusammenbekommen würde, falls es auf vierzehn oder fünfzehn hinausliefe, und ob sich das überhaupt rechtfertigen ließe für ein Stück Wildwuchs, das nicht einmal mir gehörte. Um kurz vor zehn schrieb Klaus: "Ok, 13.000, aber schnell, ich will das vom Tisch haben." Ich rief sofort einen Notar in Alsfeld an, dessen Kanzlei ich noch aus einer Erbschaftssache kannte, und bat um einen Termin am Montagvormittag, vor der Frist.
Am Montag saß ich in einem Büro, das nach Aktenstaub und kaltem Kaffee roch, an einem viel zu großen Tisch aus dunklem Holz, mit dem Grundbuchauszug vor mir. Der Notar las die Klauseln vor, langsam, jedes Wort einzeln, während ich die ganze Zeit auf die Uhr an der Wand schaute, deren Zeiger sich viel zu behäbig bewegten. Meine Hand zitterte leicht, als ich den Kugelschreiber nahm, nicht aus Unsicherheit über den Kauf, sondern weil ich die ganze Zeit befürchtete, das Telefon würde klingeln und Klaus würde sagen, der Investor habe gerade eben noch draufgelegt. Ich unterschrieb unten rechts, neben Klaus Vollmers Unterschrift, die krakelig und eilig wirkte, als wolle auch er möglichst schnell fertig sein. Erst als der Notar den Stempel auf das letzte Blatt drückte, ließ die Enge in meiner Brust nach.
Zwei Tage später stand ich wieder am Zaun, diesmal mit dem Grundbuchauszug in der Manteltasche und einer Gartenschere in der Hand. Ich habe den morschen Zaun nicht repariert. Ich habe ihn abgebaut, Stück für Stück, und die Bretter zur Seite gestapelt. Den Weg zur ehemaligen Haustür habe ich freigeschnitten, nicht aus Sentimentalität, sondern weil ich will, dass man den Baum von der Straße aus sieht, ohne über umgestürzte Zaunlatten klettern zu müssen.
Klaus Vollmer hat sich nicht mehr gemeldet, nachdem das Geld auf seinem Konto war. Vielleicht war ihm der Baum egal, vielleicht wollte er einfach nur, dass die Sache erledigt ist. Mir soll es recht sein. Das Grundstück gehört jetzt mir, eingetragen im Grundbuch von Kettenhof, Blatt 214. Das Haus werde ich irgendwann abtragen lassen, weil es einsturzgefährdet ist, das hat der Statiker letzte Woche bestätigt. Aber den Baum rühre ich nicht an.
Meine Tochter hat gefragt, ob wir im September zusammen Birnen pflücken gehen. Ich habe ja gesagt. Und dann habe ich ihr erzählt, dass eine alte Frau früher immer gerufen hat, man solle warten, bis sie reif sind. Wir werden warten. So wie damals.











