Wir nannten sie immer die West-Larissa, meine Schulfreundin Katharina. Ihre Mutter war irgendeine Abteilungsleiterin bei einem Schifffahrtskonzern in Rostock, immer im Kostüm, immer mit diesem Terminkalenderledergeruch. Meine Mutter hingegen trug von Mai bis September Fischerhemd und Shorts und kassierte die Kurtaxe in bar. Wir hatten die Pension.
Das Haus lag in Ahrenshoop, ein reetgedeckter Kasten mit sieben Gästezimmern, direkt hinterm Deich. Von April bis Oktober roch es nach Sonnencreme, Rostocker Hafen und dem Bockwurststand zwei Straßen weiter. Ich bin mit dem Geräusch der Möwen und dem Knarzen der Kiefernböden aufgewachsen. Es war nie viel Geld, aber in den Neunzigern und frühen Zweitausendern kamen die Urlauber aus dem Westen, aus Stuttgart, aus dem Ruhrgebiet, manchmal sogar aus Zürich. Sie ließen ordentlich liegen. Im Sommer lebten wir besser als Katharinas Familie, obwohl ihre Mutter das ganze Jahr durchmalocht hat.
Wir waren beste Freundinnen. Zusammen auf die gleiche Schule in Ribnitz-Damgarten, zusammen am Strand, zusammen auf dem Fahrrad zum Pfannkuchenhaus. Und wir haben immer diskutiert, was aus der Gegend werden soll. Sie fand die Ostsee langweilig, sie träumte von Amsterdam, von Barcelona. Ich hab gesagt: Wart ab, wenn der neue Hafen kommt, wird hier die Hölle los sein.
Dieser Hafen. Das war unser großer Irrtum. Das Projekt hieß Marina Fischland-Darß, sollte die größte Yachtanlage zwischen Kiel und Rügen werden, mit Boutiquen und Glasrestaurant. Die Gemeinde hatte das Ding schon 2004 durchgewunken, die Lokalzeitung titelte „Goldrausch am Bodden“, und der Bürgermeister persönlich hat meiner Mutter bei einem Glas Sanddornlikör versichert, dass die Pensionspreise sich verdreifachen, sobald die ersten Eigner anlegen. Wir haben ihm geglaubt. Wir haben alle geglaubt.
Zwei Monate nach dem Abi, 2005, stand ich mit Mutti in der Volksbank und unterschrieb den Kredit für die Dachsanierung und fünf neue Badezimmer. 140.000 Euro. Ich gab meinen Studienplatz in Greifswald zurück. Katharina ist an demselben Tag mit dem Zug nach Utrecht gefahren, um Kulturwissenschaften zu studieren. Sie schrieb mir eine Postkarte: *Ich find’s mutig. Aber wer, wenn nicht du?* Ich fand’s auch mutig. Ich fand’s richtig.
Den ersten Riss gab es im Sommer 2008. Die Bagger für die Marina kamen nicht. Naturschutzklage, Kiebitzbrutgebiet, Sie wissen schon. Die Badezimmer waren fertig, makellos weiß, aber die Gäste blieben aus, weil die Baustelle vor dem Ort einfach nur ein zugiges Loch war. Wir senkten die Preise, boten Frühstück inklusive, aber die Leute buchten jetzt lieber die neuen Resorts auf Usedom. Oder flogen nach Mallorca. Katharina postete unterdessen Fotos aus der Altstadt von Edinburgh, vom Pont Neuf, von einer Dachterrasse in Lissabon. Ich gab ihr ein Like und scrollte weiter. Unser Kater Maunzi, der immer auf dem Gartenzaun saß, war an dem Tag gestorben. Ich weiß noch, wie ich den Zettel für die Wohnungsauflösung vom Tierarzt in der Hand hielt, während das Handy das nächste Reisefoto von ihr anzeigte. Merkwürdig, woran man sich erinnert.
Irgendwann 2011 war der Hafen endgültig gestorben. Der Investor war pleite, die Bebauungspläne eingestampft. In der *Ostsee-Zeitung* stand nur ein Satz auf Seite sechs. Meine Mutter weinte nicht, sie stellte nur die Kaffeetasse so hart auf den Tisch, dass der Henkel abbrach. Da wusste ich: Das war’s.
Wir schleppten die Pension noch drei Jahre mit immer weniger Buchungen durch. 2014, genau in dem Jahr, als die Krim-Annexion die Nachrichten beherrschte, hatten wir im August genau zwei Zimmer belegt. Ein Ehepaar aus Neuruppin und eine ältere Dame, die jedes Jahr kam und uns „die Seele des Darß“ nannte. Die Dame starb im Winter darauf. Ich habe sie gefunden, als ich für die Heizölrechnung unterschrieb – die letzte Rate von 2.400 Euro. Die Rechnung war höher als der Gewinn des ganzen Monats.
2016 haben wir das Haus verkauft. Für einen Preis, der nicht mal den Kredit deckte. Ein Berliner Anwalt hat es als Ferienhaus genommen. Er hat gleich die alten Fenster rausgerissen und eine Betonterrasse gebaut. Als ich das letzte Mal vorbeifuhr, hing ein Schild „Privat“ am Tor. Mutti bekam eine kleine Rente, 780 Euro. Ich fing in der Obst- und Gemüseabteilung bei Edeka in Barth an.
Katharina? Die hatte inzwischen ihren Doktor in Utrecht gemacht, lebte mal in Buenos Aires, mal in Tokio, und seit 2019 in Singapur. Ihre Instagram-Storys waren wie eine Dauereinladung in ein Leben, das ich mir nicht mal mehr vorzustellen wage. Ich hörte irgendwann auf, sie anzuschauen. Nicht aus Neid – eher, weil es so weit weg war, dass es nichts mehr mit mir zu tun hatte.
Letzten Donnerstag dann der Keller. Ich räumte die letzten Kisten vom Hausflur meiner neuen Einzimmerwohnung in Rostock, als ich das alte Gästebuch fand. Dickes, abgewetztes Leder, die Ecken mit Salzwasserflecken. Ich blätterte. Die Handschriften von Leuten, die mit ihren Familien hier waren, die „Danke für den herrlichen Urlaub!“ schrieben, als die Welt noch ganz war. Eine Eintragung von 1998: *„Das schönste Fleckchen an der Ostsee. Wir kommen wieder.“* Familie Schulte aus Dortmund. Ich wusste nicht, ob sie wiedergekommen sind.
Ich setzte mich auf den Boden und überlegte eine Viertelstunde. Dann machte ich ein Foto von der ersten Seite und stellte es bei eBay Kleinanzeigen rein. Kategorie: Zu verschenken. Beschreibung: *Gästebuch einer kleinen Pension in Ahrenshoop, 1993–2012. Echte Erinnerungen. Abholung in Rostock oder Versand gegen Porto.*
Innerhalb von einer Stunde meldete sich eine Frau. Ihre Nachricht war kurz: *„Wir waren 1998 da. Darf ich das haben?“* Sie hieß Leonie. Wir trafen uns am nächsten Tag vor dem Rewe in Warnemünde. Eine schmale Frau, um die fünfzig, mit einem Stoffbeutel und müden Augen. Sie nahm das Buch, blätterte, und plötzlich zeigte sie auf den Eintrag der Familie Schulte: *„Das sind meine Eltern. Das war unser letzter gemeinsamer Urlaub, bevor Papa starb.“* Sie drückte das Buch an ihre Brust, als wäre es ein Tier. Dann sah sie mich an. *„Es war wirklich das schönste Fleckchen. Ich habe noch nie so guten Rhabarberkuchen gegessen wie bei Ihrer Mutter.“*
Ich musste grinsen. Den Kuchen machte immer ich, ab meinem vierzehnten Lebensjahr.
Sie bot mir Geld an. Ich winkte ab. Dann ging sie, und das Buch verschwand in ihrem Stoffbeutel.
Ich fuhr mit der S-Bahn zurück. In der Wohnung lag auf dem Tisch noch das Foto von 2012, Swinemünde, der letzte gemeinsame Trip mit Katharina. Wir sitzen auf einer weißen Bank an der Promenade, im Hintergrund die Piastensäule. Sie zeigt mit dem Finger auf irgendetwas hinter dem Fotografen und lacht, den Kopf in den Nacken gelegt. Ich halte eine Tüte mit warmen Churros in der Hand, die es an dem polnischen Stand gab. Eine doofe, schöne Aufnahme. Elf Jahre her.
Ich schob das Foto zurück in die Schublade und schrieb eine SMS an meine Chefin: *Kann morgen die Frühschicht übernehmen.* Dann nahm ich die Tüte vom Bäcker, die noch auf dem Küchentresen lag, und aß das kalte Brötchen einfach so, ohne Teller, am Fenster stehend. Draußen fuhr die Fähre nach Gedser vorbei. Ich dachte: Vielleicht fahr ich da auch mal rüber. Vielleicht.











