Der Käseteller

Ich bin die Nachbarin von gegenüber, dritter Stock, und ich sitze normalerweise mit meinem Kater Theo auf dem Balkon, wenn die Baumanns Besuch haben. Man hört bei denen alles, die Fenster gehen zum Innenhof, und im Sommer stehen sie sowieso immer offen. Ich habe an diesem Samstag im Juni eigentlich nur meinen Kräutertee austrinken wollen, bevor die Tagesschau kommt. Es kam anders.

Gegen halb sieben hörte ich Kofferraumdeckel zuschlagen, dann Kinderstimmen im Treppenhaus, dann Lachen. Die Baumanns – Ricarda und ihr Mann Jonas – hatten zur Grillfeier geladen, so viel wusste ich, weil Ricarda mir Tage vorher erzählt hatte, wer alles kommt: ihre Schwester Franziska mit Ehemann Timo, dazu Jonas' Bruder Malte mit seiner Frau Susanne und den beiden halbwüchsigen Söhnen. Sechs Erwachsene, zwei Teenager, ein Garten mit Gasgrill, den Jonas erst im April für über sechshundert Euro gekauft hatte.

Ich saß da mit meinem Tee, Theo döste neben mir auf dem warmen Balkonstein, und durch die offene Terrassentür hörte ich Susannes Stimme, laut und fröhlich, so als würde sie eine gute Nachricht verkünden:

„Wir sind heute mit leeren Händen, stell dir vor! Auf der A81 ging gar nichts mehr, Rückstau bis Böblingen. Ricarda, deck einfach schon mal, die Männer verhungern gleich."

Ich kenne Ricarda seit acht Jahren, seit sie mit Jonas in die Wohnung unter mir gezogen ist. Sie ist Physiotherapeutin, arbeitet in einer Praxis in der Innenstadt, drei Tage die Woche bis achtzehn Uhr. Eine Frau, die zählt. Nicht geizig – zählt. Sie hat mir mal erklärt, wie sie ihr Haushaltsbuch führt, mit einer App, in der jede Ausgabe kategorisiert wird. Für so jemanden ist eine Whatsapp-Nachricht, die einen um Punkt achtzehn Uhr noch verabschiedet, kein Beweis für einen Stau.

„Vor einer Stunde habt ihr geschrieben, ihr wärt gerade erst am Losfahren", sagte Ricarda, und ihre Stimme klang, wie ich sie kannte: ruhig, ohne Schärfe. Sie hantierte offenbar mit Geschirr, ich hörte Porzellan.

„Bis wir angezogen waren, bis die Kinder aus dem Bett kamen, dann stand plötzlich alles", antwortete Susanne, ohne eine Sekunde Zögern, so als hätte sie die Ausrede schon im Auto vorbereitet. Dann: „Oh, mit Blauschimmelkäse! Lecker. Der ist gerade wahnsinnig teuer, deshalb haben wir uns das gespart. Dein Kühlschrank ist doch eh immer voll, für uns alle reicht's."

Ich stellte meine Teetasse ab. Man muss dazu wissen: In der Whatsapp-Gruppe, die Ricarda mir vor der Feier gezeigt hatte, stand alles schwarz auf weiß. Ricarda und Jonas: Kartoffelsalat, Schweinenacken, selbstgemachte Kräuterbutter. Franziska und Timo, die schon eine Stunde früher gekommen waren mit einer großen Box mariniertem Hähnchen, Gemüsespießen, zwei Flaschen Wein und einer Kiste Bier – die hatten geliefert, das sah ich vom Balkon aus, als sie die Kofferraumklappe öffneten. Und Malte mit Susanne: Aufschnitt, Räucherfisch für Brote, den Rest der Getränke. Jeder hatte in der Gruppe mit einem Daumen-hoch bestätigt. Vier Wochen vorher schon.

Ich hörte, wie Susanne noch ein zweites Stück Käse nahm, dann ein drittes – man erkennt das Geräusch, wenn man oft genug am offenen Fenster gesessen hat, dieses leise Schmatzen zwischen zwei Sätzen. Sie fragte nicht, wofür der Käse gedacht war. Sie war sich offenbar sicher, dass man ihr in diesem Haus alles durchgehen ließ.

Ich muss ehrlich sagen: Mich ging das nichts an. Ich hatte meinen Balkon, meinen Tee, meinen Kater, und um acht wollte ich sowieso rein, weil die Abendluft im Juni schon reichlich Mücken bringt. Aber ich blieb noch ein bisschen sitzen. Man wird neugierig, wenn man eine Nachbarin seit Jahren kennt und spürt, dass gerade etwas kippt.

Es dauerte noch eine gute Stunde. Der Grill wurde angeworfen, Jonas rief irgendwann „Fleisch ist fertig", Kinderstimmen, Beckengeklapper. Gegen halb neun, es war schon dämmrig, kam Ricarda kurz auf ihren eigenen Balkon raus, um die Wäscheleine abzuhängen, direkt unter mir. Ich fragte über das Geländer, wie viele Leute sie denn heute bekocht habe.

„Zehn", sagte sie. „Vier davon haben nichts mitgebracht. Wieder mal."

„Wieder mal?"

„Beim letzten Fest im Mai auch schon. Da hieß es, der Kühlschrank von Malte sei kaputtgegangen, alles verdorben. Ich hab's ihnen geglaubt." Sie faltete ein Handtuch, viel zu ordentlich für die Situation, wie jemand, der die Hände beschäftigen muss, um ruhig zu bleiben. „Diesmal hab ich schon vorher gewusst, dass wieder was kommt. Franziska hat mich gewarnt, Susanne hätte am Telefon gesagt, man müsse ja nicht immer alles einkaufen, wenn Ricarda eh genug da hat."

Ich sagte nichts dazu, das war nicht meine Sache. Aber ich sah, wie sie die Wäscheklammern in die kleine Plastikdose sortierte, jede einzeln, mit einer Genauigkeit, die nicht zur Aufgabe passte. Dann ging sie wieder rein.

Was dann passierte, bekam ich nur in Fetzen mit, weil die Terrassentür inzwischen halb geschlossen war gegen die Mücken. Aber genug, um mir den Rest zusammenzureimen. Gegen zehn, als der Nachtisch aufgetragen wurde – ich hatte vom Balkon aus den Duft von Zimt und warmen Äpfeln gerochen –, holte Ricarda eine Klarsichthülle aus der Küchenschublade. Ich sah es, weil das Küchenfenster zu meinem Balkon zeigt: Sie legte ein paar bedruckte Blätter auf den Tisch.

Aufstellungen. Ich habe später von Ricarda selbst erfahren, was drinstand: eine Liste jeder gemeinsamen Feier der letzten zwei Jahre, mit Datum, mit dem, was jede Familie beigesteuert hatte, und mit dem geschätzten Wert in Euro. Neun Zusammenkünfte. Bei sechs davon waren Malte und Susanne mit leeren Händen erschienen oder mit einer einzigen Packung Kekse, während Ricarda und Jonas jedes Mal für Fleisch, Beilagen, oft auch für Getränke aufgekommen waren. Macht nach ihrer eigenen Rechnung, die sie mir später zeigte, gut dreihundertachtzig Euro, die allein bei diesen Familienfeiern draufgegangen waren, ohne dass je etwas zurückkam.

„Ab heute", hörte ich Ricarda sagen, und ihre Stimme trug bis zu mir rauf, weil im Garten inzwischen Stille eingekehrt war, „gibt es eine neue Regel. Wer nichts mitbringt, isst auch nichts mit, außer dem, was er selbst zahlt. Ich hab schon eine Kasse eingerichtet, fünfzehn Euro pro Erwachsenem, wer vorher liefert, ist raus aus der Kasse. Steht seit heute Nachmittag in der Gruppe, mit Screenshot von der Liste."

Ein paar Sekunden war es still im Garten, dann redete Malte los, irgendwas von „das kann doch nicht dein Ernst sein" und „wir sind doch Familie", aber Ricardas Stimme blieb, wie ich sie kannte: gleichmäßig, ohne Erhöhung.

„Ich hab zwei Jahre gewartet, dass sich das von selbst regelt. Es hat sich nicht geregelt."

Ich stand auf, weil Theo an meinem Bein strich und Hunger hatte, und ich verpasste den Rest des Gesprächs. Aber ein paar Tage später, beim Altpapier-Rausbringen im Treppenhaus, erzählte mir Ricarda den Ausgang. Sie hatte tatsächlich einen Ordner angelegt – einen richtigen, aus Pappe, mit den Ausdrucken drin, dazu ihr Kontoauszug der letzten sechs Monate, wo die Supermarkteinkäufe vor jeder Familienfeier markiert waren. Malte und Susanne hatten den Abend fluchend verlassen, ohne den Nachtisch anzurühren. Zwei Wochen lang herrschte Funkstille in der Familiengruppe.

Dann, an einem Sonntagabend, klingelte bei Ricarda das Handy: Susanne, mit der Bitte, ob man nicht doch wieder normal miteinander reden könne, man habe schließlich die Kinder, die sich mögen. Ricarda hat zugestimmt – aber die Kasse blieb. Beim nächsten Grillfest im Juli, das habe ich selbst vom Balkon aus mitbekommen, kam Susanne mit zwei vollen Einkaufstaschen die Treppe hoch, bevor sie überhaupt geklingelt hatte. Malte trug eine Kiste Bier. Niemand sprach mehr über die Liste, aber niemand kam mehr mit leeren Händen.

Ich saß an dem Julyabend wieder mit meinem Tee auf dem Balkon, Theo schlief neben mir, und von unten hörte ich nur noch normales Familiengelächter, Grillgeruch, Kinderrufe. Der Pappordner, hat mir Ricarda später gestanden, liegt immer noch im Küchenschrank, ganz unten, unter den Kochbüchern. Für den Fall.

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