# Der Kater, der mir die Stücke diktierte

Ich heiße Richard. Richard Aßmann. Und ja, ich bin der Mann, der William Shakespeare erfunden hat.

Das glaubt mir kein Mensch. Ich sehe auch nicht aus wie ein Genie. Ich sehe aus wie das, was ich vierzig Jahre lang war: ein Kopist in einer Anwaltskanzlei in Braunschweig. Gebückte Haltung, steife Finger, eine Hornbrille, die ständig von der Nase rutscht. Im Winter schlafe ich in Wollhandschuhen, weil die Gelenke schmerzen, wenn sie kalt werden. So einer erfindet keine Weltliteratur. So einer schreibt Verträge über Grenzstreitigkeiten ab und rechnet am Monatsende, ob es noch für Kohlen reicht.

Aber es war wirklich so. Nur dass nicht ich der Urheber war – sondern mein Kater.

Er hieß Moritz. Ein roter Kater mit einem weißen Latz, den ich im November 1876 aus einem Kartoffelkeller in der Bruchstraße gezogen habe. Die Hauseigentümerin wollte die Polizei rufen, weil irgendetwas im Keller jammerte. Ich dachte, es sei ein Kind. Es war ein halb verhungertes Kätzchen, so leicht, dass es sich anfühlte wie ein Handschuh.

Ich nahm es mit in meine Kammer unterm Dach. Der Ofen zog schlecht, im Waschbecken bildete sich nachts eine Eisschicht. Aber Moritz schlief auf meiner Brust, und von da an war mir selten kalt.

Tagsüber schrieb ich in der Kanzlei Akten ab. Abends saß ich an meinem kleinen Tisch, aß Brot mit Schmalz und teilte mir jeden Bissen mit dem Kater. Die Kollegen lachten. „Aßmann und sein roter Teufel“, sagten sie, wenn ich in der Pause auf den Hof ging, um Moritz die Wursthaut aus dem Papier zu fischen. Sie verstanden nicht, dass das Tier das einzige Lebewesen war, dem etwas an mir lag.

Und dann geschah das Sonderbare.

Es war Anfang Dezember. Der Notar, für den ich arbeitete, hatte einen Prozess gewonnen, und zur Feier des Tages gab es Glühwein aus einem großen Blechtopf. Ich trank zwei Becher – auf nüchternen Magen. Mehr vertrug ich nicht. Auf dem Heimweg kaufte ich Moritz eine kleine Scholle beim Fischmann am Burgplatz. Das tat ich selten, aber es war ein Festtag.

In dieser Nacht träumte ich. Nicht so einen Traum, wie man ihn sonst hat – grau, wolkig, halb vergessen. Sondern grell und genau. Ich sah Menschen, die redeten. Ich hörte Sätze, so scharf, als hätte sie jemand ins Zimmer gesprochen. Eine Frau schrie. Ein alter Mann hob ein Messer. Ein Bote rannte durch eine Tür, und ich wusste, hinter dieser Tür würde jemand sterben. Ich wachte auf, schweißgebadet, und saß noch vor dem ersten Hahnenschrei am Tisch und schrieb.

Es schrieb aus mir heraus. Ich war nicht schneller als sonst. Aber ich verwechselte kein Wort. Es war, als fasste ich ab, was in der Luft lag.

So ging es Nacht für Nacht. Und jede Nacht, bevor ich einschlief, saß Moritz neben meinem Kissen und begann zu miauen. Nicht hungrig. Nicht schmeichelnd. Er saß aufrecht, sah mich an und gab Laute von sich, als erzählte er mir etwas. Pausen. Betonungen. Als wäre es eine Diktat.

Nach vierzehn Tagen wusste ich, dass ich kein Protokoll schrieb, sondern ein Theaterstück. Ein blutiges Trauerspiel über einen Feldherrn, dem alles genommen wird. Ich nannte es „Titus Andronicus“. Ein Name, der mir nachts eingefallen war und den ich am Morgen auf dem Deckblatt stehen hatte. Das hatte ich, auch nach drei Bechern Glühwein, noch nie gekonnt: einen Namen erfinden.

Ich nahm mir zum ersten Mal seit neun Jahren Urlaub. Auf dem Bahnhofskiosk kaufte ich mir eine Fahrkarte nach Leipzig. Ich hatte gehört, dass dort ein Verleger junge dramatische Texte suchte.

Ich betrat den Laden im Pelz- und Regenmantel, der mir um zwei Größen zu weit war, und legte das Manuskript auf den Tresen. Der Mann sah mich an, dann das Manuskript, dann wieder mich.

„Wie heißen Sie?“ fragte er.

Und da – ich weiß bis heute nicht, warum – hörte ich mich antworten:

„Shakespeare. William Shakespeare.“

Es klang aus meinem Mund wie ein Echo aus dem Traum. Der Verleger hob die Brauen. „Klingt englisch.“

„Ist es auch“, sagte ich und rührte mich nicht.

„Von drüben? Aus London?“

Ich nickte. Ich log. Und es fühlte sich nicht einmal fremd an. Als hätte der Name selbst es so gewollt.

Der Mann las drei Seiten. Dann noch einmal von vorn. Dann rief er in den hinteren Raum: „Kurt! Komm her. Das musst du lesen.“

Man druckte dreitausend Stück. Man zahlte mir einen Vorschuss von sechzig Talern. Ich kaufte Moritz eine ganze Makrele und mir neue Handschuhe. Und dann kam der Gedanke, der mich seither verfolgt: Wer hat das Stück geschrieben?

Ich nicht. Das weiß ich inzwischen.

Nicht, dass ich dumm wäre. Ich kann lesen. Ich kenne die Bibel. Aber ein Stück von diesem Bau? Mit diesen Figuren? Mein Hirn reicht für Protokollnotizen, nicht für Verse, die einem beim bloßen Anhören den Atem nehmen.

Es musste Moritz sein.

Ich weiß, wie das klingt. Aber ich habe ihn beobachtet. Der Kater wartete jeden Abend, bis ich die Feder beiseitelegte, das Licht löschte und die Decke bis zum Kinn zog. Dann stellte er sich neben meinen Kopf und begann zu schnurren. Nicht wie ein Tier schnurrt. Sondern mit Unterbrechungen, im Rhythmus, als skandierte er Zeilen. Und ich schlief ein und träumte Szenen, die am nächsten Morgen auf dem Papier standen.

Ich sprach nicht darüber. Nicht einmal mit dem Verleger. Denn wenn ich erzählt hätte, dass ein roter Kater aus einem Kartoffelkeller der größte Dramatiker des Kontinents wäre, hätte man mich ins Landeskrankenhaus nach Königslutter gebracht.

Stattdessen schrieb ich weiter. Moritz diktierte, ich schrieb. Ich reichte die Stücke in Leipzig ein. „Richard III.“, „Was ihr wollt“, „Sturm“. Ich blieb dabei: Der Autor hieße Shakespeare, der lebe zurückgezogen in England, reise nicht gern.

Die Auflagen stiegen. Man druckte in Berlin nach. Ich bekam Briefe von Theatern aus Wien, die aufführen wollten. Mein altes Leben wurde mir eng, wie ein Anzug, den man über Nacht anbehalten hat.

Und dann kam der Abend, an dem alles kippte.

Ich saß am Tisch und ordnete die Papiere, als es klopfte. Dreimal, hart. Nicht das schüchterne Pochen des Hauswirts, nicht das Klopfen des Briefträgers.

Vor der Tür stand der Verleger aus Leipzig. Ohne Anmeldung, ohne Telegramm. Im Mantel, den Hut in der Hand. Hinter ihm ein jüngerer Mann, den ich nicht kannte; er hielt eine lederne Mappe an die Brust gedrückt, als enthielte sie etwas Lebendiges.

„Herr Aßmann“, sagte der Verleger leise. „Ich hätte gern gewusst, wem ich die Tantiemen überweise.“

Ich ließ ihn ein. Was sollte ich tun? Ihn auf dem Flur stehen lassen, wo die Treppenkälte durch die Ritzen kroch?

Er setzte sich auf den einzigen Stuhl, den ich besaß. Der junge Mann blieb stehen. Ich stand auch. Da war es still, nur Moritz miaute einmal kurz und sprang vom Fensterbrett.

„Sie sind also Shakespeare“, sagte der Verleger.

Ich antwortete nicht.

„In Leipzig“, fuhr er fort, „fragen die Zeitungen nach dem geheimnisvollen Engländer. Sie wollen ein Porträt, eine Lebensgeschichte. Was soll ich ihnen sagen?“

„Sagen Sie, dass er scheu ist.“

Der junge Mann räusperte sich. „Das Problem, Herr Aßmann, ist nicht die Presse. Das Problem ist ein gewisser Charles Kemble aus London. Ein Schauspieler. Er behauptet, der Name Shakespeare sei eine Fälschung. Er sagt, so einen Autor gäbe es in England nicht. Und er will gerichtlich feststellen lassen, wem die Werke gehören.“

Mir wurde kalt. Kalter als an jedem Wintermorgen in dieser Kammer.

„Ich habe die Stücke geschrieben“, sagte ich. Meine Zunge lag dabei wie ein Stein im Mund.

Der Verleger sah mich lange an. „Ich glaube Ihnen ja. Aber Ihr Gesicht — das glaubt man nicht, Herr Aßmann. Das glaubt einem im Burgtheater keiner. Man erwartet keinen Kopisten aus Braunschweig. Man erwartet einen Engländer mit Samtjacke. Wenn die Wahrheit ans Licht kommt, ist der Mythos dahin. Und mit ihm die Stücke.“

Er ließ die Worte im Raum stehen. Dann legte er einen Bogen Papier auf den Tisch. Eine Vollmacht. Ich sollte sämtliche Rechte an eine eigens zu gründende Verlagsgesellschaft abtreten. Als Gegenleistung: eine Leibrente von achthundert Talern im Jahr. Dafür würde er, der Verleger, jedem, der fragte, den Mythos vom englischen Dichterfürsten liefern. Und ich hätte zu schweigen. Für immer.

Moritz strich um meine Beine. Einmal, zweimal. Dann blieb er vor dem Tisch stehen, setzte sich und sah den Verleger an. Schnurgerade, mit diesen hellbraunen Augen, die aussahen wie Türen zu einem Zimmer, in dem jemand wartet.

Und da wusste ich, was ich zu tun hatte. Nicht weil ich es dachte. Sondern weil es mich durchfuhr, als hätte mir jemand die Antwort ins Ohr gesagt.

Ich setzte mich an den Tisch. Ich zog die Feder aus dem Halter. Ich tunkte sie ein. Und ich schrieb. Langsam, in der Schrift, mit der ich mein halbes Leben Verträge kopiert hatte.

*Ich, Richard Aßmann, übernehme hiermit die Verantwortung für sämtliche unter dem Namen William Shakespeare veröffentlichten Werke. Der Erlös aus deren Verwertung soll zu drei gleichen Teilen verwendet werden: ein Teil für den Unterhalt des Autors, ein Teil für die Ausbildung begabter Kinder unbemittelter Eltern. Und ein Teil für den Bau und Erhalt eines Hauses, in dem alte und kranke Tiere aufgenommen werden.*

Der Verleger beugte sich vor. „Was soll das?“

„Das ist meine Bedingung“, sagte ich. „Oder die Stücke wandern zur Konkurrenz nach Frankfurt.“

Er wurde rot, dann blass, dann lachte er. Aber als er in mein Gesicht sah, hörte er auf zu lachen.

Bevor er ging, fragte er: „Warum Tiere? Warum ein Tierhaus? Dafür gibt es kein Publikum, Herr Aßmann. Dafür gibt es nicht einmal eine Zeile in den Zeitungen.“

Ich sah zu Moritz hinüber. Er saß jetzt auf dem Manuskript, wie er es jede Nacht tat, und leckte sich die Pfote.

„Weil niemand umsonst dichtet“, sagte ich. „Irgendwer muss für die Arbeit ja bezahlen.“

Am nächsten Morgen unterschrieb ich die Vollmacht. Der Verleger reiste mit dem jungen Mann ab. Die Zeitungen in Berlin und Wien brachten kurz darauf die Nachricht vom geheimnisvollen Genie in London, das keine Interviews gebe. Man druckte Stiche, die einen breitstirnigen Herrn mit Knebelbart zeigten. Ich schnitt einen aus und heftete ihn über meinen Tisch, neben die Kerzenhalterung.

Moritz lebte noch acht Jahre. Er diktierte mir in dieser Zeit vier weitere Stücke. Dann, an einem Abend im Frühjahr, setzte er sich auf meine Brust, atmete dreimal langsam aus, ließ den Kopf auf meine Hand sinken und blieb still. Ich beerdigte ihn unter dem Holunderbusch hinter dem Haus, in einer Zigarrenkiste, auf die ich mit Tinte *S.* schrieb.

Ich schrieb danach nichts mehr. Kein Wort. Die Feder trocknete ein, der Halter verkam. Die Leibrente zahlte der Verlag pünktlich, auch als in London längst ein Schauspieler namens Kemble auf den Bühnen stand und die Stücke aufführte, von denen er behauptete, ihr Autor existiere nicht.

Das Tierhaus in Braunschweig wurde gebaut. Ich ließ über das Tor meißeln: *Für jene, die uns die Worte geben.* Der Steinmetz fragte, was das bedeuten solle. Ich sagte: „Fragen Sie nach hundert Jahren noch einmal.“

Heute, ein halbes Jahrhundert später, sitze ich wieder in einer Dachkammer. Der Ofen zieht besser, die Fenster sind dicht. Auf dem Tisch liegt die Akte mit den Verträgen: achthundert Taler jährlich, Zahlungspflicht der Verlagsgesellschaft bis zum Tod des Begünstigten. Ich brauche das Geld nicht. Ich trage es jeden Monat ins Tierhaus und sage der Verwalterin: „Füttern Sie die Roten zuerst.“

Vorgestern kam ein Brief aus Leipzig. Der Sohn des Verlegers, jetzt selbst Verleger, schrieb mir in höflicher, kühler Schrift, man bitte um mein Einverständnis, das Tierhaus in ein Schulhaus umzuwandeln. Der Unterhalt lohne nicht. Tiere hätten keine Lobby, und die Stücke liefen auch ohne das sentimentale Beiwerk.

Ich las den Brief dreimal. Ich legte ihn neben die Zigarrenkiste, die ich als Mahnung behalten habe, und ich antwortete noch am selben Abend.

Zwei Sätze nur:

*Machen Sie, was Sie wollen. Aber dann sind Sie derjenige, der dem Kater die letzte Zeile schuldig bleibt.*

Am Morgen fiel Schnee. Ich stand am Fenster und sah zu, wie er die Konturen der Stadt zudeckte, bis Braunschweig aussah wie ein Blatt Papier. Irgendwo unten schlug das Tor des Tierhauses. Ich legte meine Hand an die Scheibe. Sie war kalt. Aber nicht zu kalt.

Auf dem Sims hinter mir kratzte es leise. Als ich mich umdrehte, war da nichts. Nur ein roter Abdruck in der Eisblume am Glas. Vier kleine Ballen, ein Daumen. Ein Abdruck, der aussah wie eine Pfote.

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