Ich war neunzehn, als ich das Foto zum ersten Mal sah. Eine Illustrierte, geliehen von einer Nachbarin in Regensburg, aufgeschlagen auf einer Doppelseite mit der Ponte Vecchio im Abendlicht. Ich riss die Seite heraus – ja, das gebe ich zu, ich war sonst nie eine, die Bücher beschädigt – und legte sie zwischen die Seiten meines Kochbuchs, zwischen ein Rezept für Rouladen und eines für Streuselkuchen. Dort blieb sie liegen. Sechsundfünfzig Jahre.
Mit Werner, meinem Mann, habe ich früh darüber gesprochen. Wir saßen auf dem Balkon unserer ersten Wohnung in der Andreasstraße, er rauchte noch damals, und ich sagte: Irgendwann will ich nach Florenz. Er nickte und meinte, es sei noch Zeit genug. Das war 1971.
Dann kam die Eigentumswohnung, die wir über zwölf Jahre abbezahlten, Monat für Monat, jede Mark hatte ihren Platz, bevor sie überhaupt auf dem Konto war. Dann kamen unsere Kinder, Susanne und Torben. Die Ferien wurden zu Besuchen bei den Großeltern in der Oberpfalz oder zu einer Woche in einer geliehenen Ferienwohnung an der Ostsee. Als die Kinder aus dem Haus waren, kamen andere Rechnungen: Studiengebühren, Kautionen, die Hochzeit von Susanne, die Anzahlung für Torbens Reihenhaus in Regensburg-Burgweinting. Und dann die Enkelkinder. Fast fünfzehn Sommer lang habe ich sie betreut, weil beide Elternpaare arbeiteten. Ich habe sie zum Spielplatz an der Donau gebracht, Frikadellen gebraten, Mensch-ärgere-dich-nicht gespielt, damit sie nicht den ganzen Tag vor dem Fernseher hockten. Niemand hat mich direkt dazu gezwungen. Ich habe es getan, weil ich sie liebte, und weil es mir immer wichtiger erschien, zu helfen, als an mich zu denken.
Werner starb, da war ich siebzig. Wir hatten oft davon geredet, nach seiner Pensionierung zu reisen, aber es fand sich immer ein Grund, es zu verschieben – das Dach musste neu gedeckt werden, Torben brauchte einen Kredit als Bürgschaft, Susannes Scheidung kostete uns beide Nerven und Geld. Nach Werners Tod fiel es mir schwer, überhaupt wieder etwas zu planen. Monatelang kam ich kaum aus dem Stadtteil heraus. Meine Kinder riefen jeden Tag an und sagten, ich solle mich beschäftigen – aber sobald ich etwas vorschlug, das über den üblichen Rahmen hinausging, machten sie sich Sorgen.
Mit dreiundsiebzig fand meine Freundin Hedwig vom Seniorentreff in der Alten Mälzerei eine organisierte Reise nach Italien. Neun Tage, deutschsprachige Reiseleitung, einfache Hotels, Busfahrten zwischen den Städten. Die Gruppe bestand größtenteils aus älteren Leuten. Der Preis war nicht gering – neunhundertfünfzig Euro, alles inklusive – aber ich hatte genug zurückgelegt. Ich buchte einen Platz.
Ich erzählte niemandem davon. Tagelang lag die Buchungsbestätigung in der obersten Schublade meiner Kommode, unter den Handtüchern. Ich kaufte mir bequeme Schuhe im Sportgeschäft am Neupfarrplatz und einen kleinen Koffer mit vier Rädern, weil die Verkäuferin sagte, der lasse sich leichter ziehen als tragen. Als ich meine Kinder schließlich zusammenrief, um es ihnen zu sagen, hatte ich gehofft, sie würden sich freuen.
Susanne zog die Stirn kraus. Wer mich begleite, fragte sie, was passiere, wenn mir schlecht werde, ob die Reiseversicherung einen Krankenhausaufenthalt abdecke. Torben war direkter: „Mama, in deinem Alter musst du dich nicht auf so was einlassen.“ Ich erklärte, ich reise in einer Gruppe, ich hätte eine Auslandskrankenversicherung, und mein Hausarzt in der Praxis am Ernst-Reuter-Platz habe keine Einwände gehabt. Da fiel Susanne ein, dass genau in dieser Woche ihre Kinder betreut werden mussten, weil sie eine Fortbildung hatte. Ich wusste, dass sie in den Schulferien gern auf meine Hilfe zählte, aber vereinbart hatten wir das nie. Ich sagte ihr, sie müsse sich eine andere Lösung suchen. Sie war gekränkt. „Lässt du uns einfach so im Stich, wegen einer Reise?“
Dieser Satz hat mir wehgetan. Ich ließ keine Kleinkinder ohne Aufsicht zurück. Meine Enkel waren dreizehn und sechzehn und lebten bei ihren Eltern. Ich war lediglich nicht verfügbar. Torben fügte hinzu, so viel Geld für eine Reise auszugeben sei unnötig, ich solle die Ersparnisse lieber für gesundheitliche Notfälle zurücklegen. Ich fragte, wann ich denn nach ihrer Meinung mein eigenes Geld für etwas ausgeben dürfe, das ich mir wünschte. Keiner antwortete.
In den folgenden Tagen bekam ich Nachrichten über Taschendiebstähle, Stürze auf Kopfsteinpflaster, Zwischenfälle an Flughäfen. Susanne schickte mir einen Zeitungsartikel über einen Senioren, der in Neapel mit Kreislaufkollaps ins Krankenhaus musste. Ich fing an zu zweifeln.
Eines Abends holte ich die alte Zeitschriftenseite aus dem Kochbuch. Sie war vergilbt, an den Kanten eingerissen, die Falzlinie fast durchgescheuert vom vielen Öffnen und Zuklappen. Ich saß am Küchentisch, das Radio lief leise, irgendein Nachtprogramm mit Klaviermusik, und mir wurde klar: Ich hatte über ein halbes Jahrhundert auf den Moment gewartet, in dem niemand mehr etwas von mir brauchte. Dieser Moment würde nie kommen.
Ich fuhr nach Italien.
Die Reise hatte ihre Tücken. In Rom war ich so erschöpft, dass ich einen ganzen Nachmittag im Hotelzimmer verbrachte, während die anderen das Kolosseum besichtigten. In Pisa verlor ich mein Kopftuch, das Werner mir einmal aus Wien mitgebracht hatte, und suchte eine ganze Stunde danach, vergeblich. Eine Nacht bekam mir das Hotelessen schlecht, Muscheln, die ich besser hätte stehen lassen sollen. Es war keine perfekte Fantasie. Aber ich habe auch Florenz im Morgengrauen gesehen, von der Piazzale Michelangelo aus, mit dem Nebel noch über dem Arno. Ich habe Eis gegessen, auf einer Bank sitzend, an einem Dienstagnachmittag, ohne dass jemand auf die Uhr schaute. Ich habe meinen Enkeln von Venedig aus ein Foto geschickt, ich auf einer Gondel, mit einer Sonnenbrille, die viel zu groß für mein Gesicht war.
Susanne brauchte vier Tage, um zu antworten. Dann schrieb sie: „Du siehst richtig glücklich aus.“
Als ich am Flughafen München zurückkam, standen beide da, um mich abzuholen. Sie glaubten immer noch, ich sei ein unnötiges Risiko eingegangen. Aber sie begriffen auch, dass sie nicht mein ganzes Leben nach ihren Bedürfnissen ausrichten konnten. Ich hatte kleine Geschenke dabei, ein Lederetui für Torben, einen Schal für Susanne. Entschuldigt habe ich mich nicht.
Zwei Wochen nach der Rückkehr saß ich wieder am Küchentisch, diesmal mit einem anderen Blatt Papier vor mir: einer Liste. Ich rief meine Bank an und stellte einen Dauerauftrag über hundertfünfzig Euro monatlich auf ein separates Sparkonto um, das ich „Reisekasse“ nannte. Kein Familienmitglied hat Zugriff darauf, außer mir. Ich strich außerdem eine Zusage: Ich hatte Susanne vor Jahren mündlich versprochen, in den Sommerferien immer verfügbar zu sein, sollte sie einen Kurs oder eine Reise haben. Ich rief sie an und sagte ihr, dass dieses stillschweigende Abkommen ab sofort nicht mehr gilt – dass ich in den Ferien Betreuung übernehmen kann, wenn es passt, aber dass sie sich nicht mehr darauf verlassen darf.
Vierzig Jahre lang war ich zuerst Ehefrau, dann Mutter, dann Großmutter, bevor ich irgendetwas anderes war. In Florenz, auf der Bank mit dem Eis in der Hand, ist mir wieder eingefallen, dass ich auch eine Frau mit eigenen Wünschen bin – Wünsche, die mit dreiundsiebzig nicht abgelaufen sind. Im nächsten Frühjahr fahre ich nach Sizilien. Diesmal habe ich es allen schon beim Abendessen erzählt, zwischen der Suppe und dem Nachtisch, ganz beiläufig, während ich mir noch ein Glas Wein einschenkte.











