Sieben Jahre lang hat mein Mann die Kartoffeln für seine Schwester angebaut – dann habe ich den Spaten weggelegt

Ich stand im Gartencenter an der Kasse, den Wagen voller Stauden. Rittersporn, Pfingstrosen, Funkien, Taglilien. Die Kassiererin, eine junge Frau mit Nasenpiercing, tippte die Preise ein und fragte: „Na, legen Sie einen neuen Garten an?“ Ich bejahte: „Ja, auf der Parzelle meines Mannes. Aber jetzt kommt Farbe rein.“ Sie lachte und legte mir eine Tüte Sommerblumensamen als Geschenk dazu. Draußen auf dem Parkplatz blieb ich im alten Opel Astra sitzen, den Schlüssel in der Hand, ohne den Motor zu starten. Es war Mitte Mai, die Luft roch nach frisch geteertem Asphalt und blühendem Raps von den Feldern hinter dem Gewerbegebiet. Ich wusste, in drei Tagen würde Klaus anfangen, die Säcke mit Saatkartoffeln aus dem Schuppen zu holen. Wie jedes Jahr. Sieben Jahre lang hatte er die Parzelle bewirtschaftet wie eine kleine Landwirtschaft, und die Ernte ging an seine Schwester und deren Familie. Ich war nur die Arbeitskraft.

Die Parzelle liegt im Kleingartenverein „Flora“ am südlichen Rand von Lüneburg, direkt an der Bahnstrecke nach Hamburg. Wenn der Metronom vorbeifährt, vibriert der Boden unter den Beeten. Unser Nachbar, Herr Petersen, ein ehemaliger Briefträger, hat einen alten Jack-Russell-Terrier, der jeden anbellt, der am Zaun vorbeigeht. Aber das stört mich nicht. Nach all den Jahren kenne ich jeden Grashalm auf den 600 Quadratmetern. Nur dass ich die meisten nie freiwillig angefasst habe.

Ich bin 61, seit drei Jahren in Rente. Davor habe ich 28 Jahre als Buchhalterin in einer Spedition gearbeitet. Zahlen, Belege, Konten. Auf der Parzelle war ich für die grobe Arbeit zuständig: pflanzen, jäten, ernten. Klaus, mein Mann, ist 73, ehemaliger Fernfahrer. Er ist in Ostwestfalen aufgewachsen, auf einem Hof, wo der Garten immer alle ernährt hat. Als er die Parzelle bekam, hat er beschlossen, seine Schwester Ingrid und ihre Familie mitzuversorgen. Jedes Jahr im Herbst fuhr er mit dem Anhänger zu ihr nach Celle, beladen mit Säcken voll Kartoffeln, Zwiebeln, Möhren, Gurken. Ich habe nie gefragt, wie viel es war. Bis ich eines Tages angefangen habe zu rechnen.

Im März dieses Jahres hat meine Arthritis sich verschlimmert. Die Finger sind abends so geschwollen, dass ich den Reißverschluss meiner Stiefel nicht mehr hochbekomme. Die Ärztin in der Praxis am Marktplatz hat gesagt: „Reduzieren Sie die Belastung, die Feinmotorik leidet.“ Ich habe nichts gesagt und an die Kartoffeln gedacht. Im April habe ich mir am Küchentisch einen Taschenrechner und ein altes Schulheft genommen. Ich habe aufgeschrieben, wer jedes Jahr von uns Kartoffeln bekommt. Ingrid, ihr Mann, ihre zwei erwachsenen Kinder. Und dann habe ich grob überschlagen: 400 Kilogramm pro Jahr. Sieben Jahre lang. Fast drei Tonnen. Für Menschen, die nie ein einziges Mal zum Jäten gekommen sind. Ingrid hat immer nur angerufen, wenn die Kartoffeln zu klein waren. „Die sind ja dieses Jahr winzig“, hat sie gesagt. Klaus stand daneben und hat mich so angesehen, dass ich genau wusste: Ich soll jetzt bloß den Mund halten. Ich habe geschwiegen. Sieben Jahre lang.

Ich habe mir also gedacht: Jetzt reicht's. Ende April bin ich zu einer Staudengärtnerei in der Nähe von Bardowick gefahren und habe 40 Töpfe bestellt. Pfingstrosen, Rittersporn, Funkien, Taglilien, Astilben. Die Verkäuferin, eine Frau mit kräftigen Armen, hat gefragt: „Wollen Sie einen neuen Garten anlegen?“ Ich habe gesagt: „Nein, ich will mein Leben zurück.“ Sie hat gelacht und mir noch eine Kiste mit Blumenzwiebeln angeboten. Ich habe genommen.

Das Problem war, die Stauden auf die Parzelle zu bringen, ohne dass Klaus es merkt. Er war für ein paar Tage bei seinem Bruder in Bielefeld, um beim Renovieren zu helfen. Ich habe unseren Nachbarn, Herrn Petersen, gebeten, mir mit seinem Anhänger zu helfen. Er hat nur mit dem Kopf gewackelt und gesagt: „Klar, machen wir.“ Wir haben die Töpfe hinter dem Geräteschuppen versteckt, unter einer alten Plane. Dann habe ich angefangen, die Hälfte des Kartoffelbeets umzugraben. Allein, mit dem Spaten. Zwei Tage lang. Meine Hände haben gezittert, aber ich habe es geschafft. Ich habe vier große Beete angelegt, mit alten Ziegelsteinen eingefasst, die ich vom Komposthaufen geholt habe. Die Stauden habe ich gepflanzt und mit Rindenmulch abgedeckt. Auf der anderen Hälfte habe ich Rasen gesät. An einem der ersten Tage habe ich das alte Windspiel vom Kirschbaum abgenommen, es war verrostet und klang schief. Ich habe es in den Mülleimer geworfen und später ein neues gekauft, aus Messing, das bei jedem Windhauch einen klaren Ton machte. Als Klaus zurückkam, stand er mit einem Kasten Bier unter dem Arm vor dem Gartentor und blieb stehen. Er hat den Garten angeschaut, dann die Bierflaschen abgestellt, sich auf die Bank neben der Laube gesetzt und lange nichts gesagt.

„Wo ist die andere Hälfte der Kartoffeln?“, hat er schließlich gefragt.

„Die Hälfte reicht für uns“, habe ich gesagt. „Ich habe das andere Beet mit Blumen bepflanzt.“

Er hat auf die Pfingstrosen geschaut, die gerade ihre ersten dunkelroten Triebe zeigten. „Ich wusste gar nicht, dass du Pfingstrosen magst.“

„Du hast nie gefragt.“

Er hat den Kopf gesenkt und die Hände zwischen die Knie geklemmt. „Und was sage ich Ingrid?“

„Ingrid kann sich ihre Kartoffeln auf dem Markt kaufen. Wie alle anderen auch.“

Er hat geseufzt. „Sie ist meine Schwester. Ich habe meiner Mutter versprochen, mich um sie zu kümmern.“

Ich habe mich neben ihn auf die Bank gesetzt. „Klaus, ich bin 61. Ich habe sieben Jahre lang jeden Frühling gehasst. Ich habe mich vor dem Mai gefürchtet, weil ich wusste, dass ich wieder auf den Knien liegen und Kartoffeln legen muss. Für Menschen, die mir nie gedankt haben. Ich kann nicht mehr. Die Ärztin sagt, meine Hände sind kaputt.“

Er hat auf meine Hände geschaut, die rot und geschwollen auf meinem Schoß lagen. Er hat nichts gesagt. Dann hat er die Hand ausgestreckt und meine Finger berührt, ganz vorsichtig. „Das habe ich nicht gesehen“, hat er gemurmelt.

„Weil du nie hingeschaut hast.“

Da hat er sich aufgerichtet und lange auf den Garten geschaut. Auf die frisch gepflanzten Stauden, auf die sauberen Beete, auf die kleine Fläche mit dem neuen Rasen. „Es sieht schön aus“, hat er gesagt. Mehr nicht.

Die Wochen danach waren seltsam. Wir haben kaum geredet. Klaus hat die restlichen Kartoffeln gepflanzt, ich habe mich um meine Blumen gekümmert. Am Nachmittag saß ich oft auf der kleinen Veranda der Laube, mit einer Tasse Tee, und habe den Zug vorbeifahren hören. Der Jack-Russell-Terrier von Herrn Petersen bellte, wenn jemand am Zaun vorbeiging. Aber ich war ruhig. In all den sieben Jahren hatte ich den Garten noch nie als etwas gesehen, das mir gehört. Bis zu diesem Sommer.

Im Juni, als die Pfingstrosen aufblühten, kam Ingrid unangemeldet. Sie stand plötzlich am Gartentor, einen leeren Einkaufskorb unter dem Arm. Ich war gerade dabei, die verblühten Blüten abzuschneiden. Sie hat den Garten angeschaut, dann mich. „Was ist das denn?“, hat sie gefragt. „Wo sind die Kartoffeln?“

„Auf der anderen Hälfte“, habe ich gesagt und mit der Schere auf das Beet gezeigt. „Aber die sind für uns. Du kannst dir auf dem Markt welche kaufen.“

Sie hat gelacht, aber es klang nicht freundlich. „Du machst Witze. Klaus hat gesagt, ihr habt dieses Jahr weniger angebaut. Ich dachte, das ist nur ein kleines Beet. Aber das hier?“ Sie hat auf die Blumen gezeigt, als wären sie Unkraut.

„Das ist mein Garten“, habe ich gesagt. „Die Hälfte gehört mir. Und auf meiner Hälfte wachsen jetzt Blumen.“

Ingrid hat den Kopf geschüttelt. „Das kann nicht dein Ernst sein. Wir haben immer von euch bekommen. Das ist Tradition.“

„Tradition“, habe ich wiederholt. „Sieben Jahre lang habe ich auf den Knien gelegen und Kartoffeln für dich geerntet. Und du hast nie ein einziges Mal gefragt, ob ich Hilfe brauche. Du hast nicht einmal danke gesagt. Nur gemeckert, wenn die Kartoffeln zu klein waren.“

Sie hat mich mit zusammengekniffenen Augen angesehen. „Du bist egoistisch. Klaus ist zu weich, er hat dich immer gewähren lassen. Früher hätte er auf mich gehört.“

In dem Moment kam Klaus aus der Laube. Er hatte die Werkzeugkiste in der Hand, weil er den Wasserhahn reparieren wollte. Er hat Ingrid gesehen und ist stehen geblieben. Dann hat er zu mir geschaut, dann zu ihr. „Ingrid“, hat er gesagt, „das ist auch Brigittes Garten. Sie hat das Recht zu pflanzen, was sie will.“

Ingrid hat den Mund geöffnet, wieder geschlossen. Dann hat sie den leeren Korb genommen und ist gegangen. Ohne ein Wort. Wir haben ihr nachgeschaut, wie sie den Weg zwischen den Parzellen entlangging, vorbei an Herrn Petersens bellendem Hund. Klaus hat die Werkzeugkiste abgestellt und mich angesehen. „Das war nicht leicht“, hat er gesagt.

„Für mich auch nicht.“

Er hat nichts mehr gesagt und ist zum Wasserhahn gegangen.

Im August haben wir die restlichen Kartoffeln geerntet. Es waren nur 150 Kilogramm. Genug für uns zwei. Klaus hat sie in Säcke gefüllt und in den Keller der Laube getragen. Ingrid hat sich nicht mehr gemeldet. Ihr Mann auch nicht. Nur Klaus‘ Bruder aus Bielefeld hat eine SMS geschickt: „Alles klar bei euch?“ Klaus hat geantwortet: „Ja. Kartoffeln gibt es dieses Jahr nur für uns. Sorry.“ Mehr nicht.

Im September habe ich die Stauden zurückgeschnitten und die Beete mit Laub abgedeckt. An einem kühlen Morgen, als der Nebel über der Bahnstrecke hing, habe ich mich auf die Bank gesetzt und mein altes Gartenheft aus der Tasche gezogen. Ich habe die Seite mit den Kartoffelmengen herausgerissen und in den Kompost geworfen. Dann habe ich eine neue Seite aufgeschlagen und geschrieben: „Nächstes Jahr: kein Gemüse für andere. Nur Blumen. Und ein Fliederbusch am Zaun.“ Ich habe das Heft zugeschlagen und auf den Tisch neben der Bank gelegt.

Klaus kam mit zwei Tassen Tee aus der Laube. Er hat mir eine gereicht und sich neben mich gesetzt. Er hat das Heft gesehen, es aufgehoben und die Seite gelesen. Dann hat er gelacht, aber es war ein warmes Lachen. „Ein Fliederbusch?“, hat er gefragt. „Dann bestelle ich nächste Woche einen im Gartencenter.“

Ich habe den Tee getrunken. Er war heiß, mit Zitrone. Der Zug fuhr vorbei, der Boden vibrierte leicht. Herr Petersens Hund bellte. Und ich habe gedacht: Sieben Jahre lang habe ich Kartoffeln für fremde Leute angebaut. Dieses Jahr habe ich endlich für mich gepflanzt. Und der Fliederbusch wird mir gehören.

Rate article
Sieben Jahre lang hat mein Mann die Kartoffeln für seine Schwester angebaut – dann habe ich den Spaten weggelegt