An diesem Dienstagmorgen roch der Hof nach Heu und nassem Holz. Ich stellte den leeren Bierkasten vor der Haustür ab – mein wöchentlicher Weg zum Getränkemarkt – und sah den schwarzen Wagen die Dorfstraße heraufkriechen. Kein gewöhnliches Auto. Ein BMW X7, breit wie ein Traktor, die Scheiben so dunkel, dass ich nur meine eigene Silhouette darin sah. Zwischen den Hühnerställen und dem Brennnesselzaun wirkte das Gefährt, als hätte jemand einen Tresor ins Gestrüpp gestellt.
Der Fahrer stieg aus. Ein Mann um die vierzig, sportliches Hemd, die Uhr am Handgelenk blinkte jede Minute im Takt des Dieselmotors. Paul. Ich hatte ihn vor zwei Jahren zuletzt gesehen, bei der Beerdigung des alten Schäfers. Jetzt stand er da, räkelte sich und sah auf das Haus seiner Großmutter, als wäre es ein Altenteil, das ihm nicht mehr gehörte.
Greta saß auf der Bank unter dem Nussbaum. 83 Jahre, die Hände ruhig auf dem Stock, die Schürze voller Windfall. Sie hatte das Motorengeräusch natürlich bemerkt, aber sie schälte weiter Äpfel in eine Emailleschüssel. Erst als Paul rief, „Oma, ich bin’s“, hob sie den Kopf und das ganze Gesicht wurde weich. Sie stand auf, nicht hastig, und legte den Stock beiseite. Die Schritte hin zum Gartentor waren so kurz, dass es eine ganze Weile dauerte, bis sie bei ihm war. Paul umarmte sie, wobei sein Arm über ihre Schulter fuhr wie über eine dünne Gardinenstange.
Ich hätte weitergehen können, aber mein Hund, der alte Rüde vom Nachbarshof, drückte sich an mein Bein und winselte. Also blieb ich, tat so, als müsste ich die Zaunlatten zählen, und sah zu, wie die beiden ins Haus gingen. Das Küchenfenster stand offen; ich hörte das Klappern von Tellern, das Tuckern des alten Kachelofens, Gretas Stimme: „Ich hab dir Zwetschgenkuchen gebacken, Paul. Mit Streuseln, wie früher.“ Eine halbe Stunde später traten sie wieder auf die Veranda. Paul hielt einen glänzenden Schlüsselbund zwischen den Fingern und wedelte damit vor der Stoßstange herum.
„Der Wagen ist für dich, Oma. Alles bezahlt. Vollkasko. Du musst ihn nur noch zulassen, die Papiere hab ich mitgebracht.“ Er klopfte auf die Motorhaube, dass es hohl klang. „Allrad, Sitzheizung, eine Klimaanlage, die den Wagen in vier Minuten auf Temperatur bringt. Damit fährst du zum Arzt und zum Einkaufen, als wärst du die Bürgermeisterin persönlich.“
Greta hielt den Schlüsselbund in der flachen Hand, wie einen toten Vogel, den man aufhebt, ohne zu wissen, ob er noch lebt. Sie wog ihn kurz, dann gab sie ihn zurück – nicht heftig, einfach so, als lege sie ein Briefporto auf den Tresen.
„Ich hab keinen Führerschein, Paul. Schon seit elf Jahren nicht mehr. Das weißt du.“
Paul lachte auf, dieses kurze Lachen, das wartet, dass jemand einlenkt. „Dann fährt dich eben der Nachbar, oder ich komm öfter. Ist doch egal. Du hast ein Auto, das jeder haben will. Hundertzwanzigtausend Euro Listenpreis. Ich dachte, du freust dich wenigstens ein bisschen.“ Er trat von einem Bein aufs andere, die Autoschlüssel klimperten an seinem Gürtel.
Greta legte das Küchenmesser, das sie in der Schürzentasche getragen hatte, auf die Fensterbank. „Warte“, sagte sie und ging ins Haus. Die Tür fiel nicht ins Schloss; durch den Spalt sah ich, wie sie eine Kommodenschublade aufzog und einen braunen Umschlag herausholte. Als sie zurückkam, hielt sie ihn Paul hin, ohne ihn loszulassen, bis er danach griff.
„Bevor du das nächste Geschenk kaufst, sieh dir das an.“
Paul öffnete den Umschlag. Ein Sparbuch der Raiffeisenbank Berchtesgaden, die Ecken abgegriffen, auf dem Deckblatt eine handschriftliche Summe: 38.500 Euro. Er blätterte die Seiten durch, auf denen seit dreißig Jahren derselbe Betrag eingetragen war – 50 Euro, Monat für Monat, beginnend im Jahr 1995, als er zur Schule kam.
„Das war für dein Studium“, sagte Greta. „Aber du hast einen Fabrikjob gefunden und Geld verdient, also blieb es liegen. Ich hab weiter eingezahlt. Für den Fall, dass du irgendwann etwas anderes willst. Kein Auto, sondern einen Ort. Einen kleinen Laden. Oder eine Wohnung für dich und deine Tochter. Emma wird nächstes Jahr neunzehn, nicht wahr?“
Paul sagte nichts. Die Seiten des Sparbuchs zitterten im Windzug; er musste es mit beiden Händen festhalten. Der Hund drückte seine Nase gegen meine Wade, und ich merkte, dass auch ich die Luft anhielt.
Greta nahm das Sparbuch wieder an sich, blätterte zur letzten Seite und riss langsam, ganz ruhig, die Karteikarte mit der Kontonummer heraus. Dann steckte sie den Zettel in Pauls Brusttasche. „Bring es zur Bank. Lass das Geld auf dein Konto übertragen. Das hier“ – sie tippte mit dem Finger auf die gläserne Windschutzscheibe des BMW – „kannst du verkaufen oder gegen einen kleineren Wagen tauschen. Aber ich will nicht mehr, dass du mir etwas bringst, als ob ich eine Fremde wär. Fahr zurück nach München. Und wenn du das nächste Mal kommst, dann ohne Motor, nur mit der Eisenbahn, und bring Emma mit. Übernachtet im Gästezimmer, nicht im Gasthof. Das ist mein Geschenk an dich. Kein Wagen, sondern der Auftrag, die paar Kilometer ohne Blechpanzer auszuhalten.“
Paul stand noch einen Moment, das Sparbuch lose in der Hand. Dann stieg er ein, ließ den Motor an und fuhr rückwärts aus dem Hof. Der Kies spritzte nicht, die Reifen knirschten kaum. Vom Rückspiegel wehte noch ein Hauch Abgas herüber.
Greta hob den Kopf, sah zu mir herüber, als hätte sie die ganze Zeit gewusst, dass ich dort stand, und sagte: „Der Kuchen ist fertig, Friedrich. Wollen Sie ein Stück?“
Ich band den Hund los und folgte ihr in die Küche, während auf der Landstraße das Motorengeräusch leiser wurde und endlich mit dem Mittagsläuten der Kirche verschmolz.












