Mit siebzig Jahren habe ich wieder allein zu leben begonnen. Drei Wochen später stand mein Exmann mit einem Koffer vor meiner Wohnungstür.
Ich heiße Ingrid Brandner, bin dreiundsiebzig und habe mich nach vierundvierzig Jahren Ehe von Walter scheiden lassen. Keine andere Frau, kein großer Knall. Nur unzählige kleine Risse, die sich über Jahrzehnte aufgetan hatten, bis nichts mehr zu kitten war.
Walter hat immer bestimmt. Wohin wir in den Urlaub fuhren, welchen Opel wir kauften, wie jeder Cent ausgegeben wurde. Ich habe den Haushalt geführt, unsere beiden Kinder großgezogen und mich an den Streit gewöhnt, indem ich ihm auswich. Als wir beide in Rente gingen, war plötzlich vierundzwanzig Stunden am Tag Zeit, die Risse zu sehen, die die Arbeit vorher überdeckt hatte. Walter kommentierte, wie ich kochte, wie lange ich im Supermarkt in der Kaiserstraße brauchte, mit wem ich telefonierte.
An einem Nachmittag im Frühling, nach einem lächerlichen Streit über ein offenes Fenster im Wohnzimmer, sagte er: "Wenn es dir hier so unangenehm ist, dann geh doch." Ich glaube, er hat nicht gedacht, dass ich es wirklich tun würde.
Ich habe Monate gebraucht. Ich bin zu einer Anwältin in der Innenstadt gegangen, habe unsere Ersparnisse durchgerechnet und eine Wohnung gesucht. Unsere Kinder haben versucht, es uns beiden auszureden. "In eurem Alter macht man sich doch nicht mehr so einen Stress." Gerade weil ich schon siebzig war, wollte ich die Zeit, die mir noch bleibt, nicht damit verbringen, mich in meinem eigenen Zuhause unsichtbar zu fühlen.
Ich habe mir ein Einzimmerapartment in Freiburg gemietet, ein paar Straßen von meiner Schwester Renate entfernt. Nichts Besonderes: eine schmale Küche, ein Balkon, auf dem kaum zwei Blumentöpfe Platz hatten. Aber es war meins, in dem Sinne, der wirklich zählt: Dort entschied niemand mehr über mich.
Die ersten Nächte waren schwer. Ich wachte auf und war überzeugt, Walter schnarche im Nebenzimmer. Ich kochte zu viel und fror die Reste ein. Aber dann kam auch die Erleichterung. Ich konnte ein Buch aufgeschlagen auf dem Tisch liegen lassen, abends nur einen Apfel essen, bis spät spazieren gehen, ohne jemandem Rechenschaft abzulegen. Ich kaufte orangefarbene Vorhänge, die Walter geschmacklos gefunden hätte. Ich hängte Fotos meiner Enkelkinder auf und stellte ein kleines Radio ans Küchenfenster.
Drei Wochen später, an einem Samstagvormittag, klingelte es. Ich öffnete, und da stand Walter mit einem schwarzen Koffer und einer Stofftasche. Ich dachte, er bringe mir Unterlagen oder wolle einfach reden.
"Was willst du hier?"
Er ging einfach an mir vorbei, ohne dass ich ihn hereingebeten hätte, und stellte den Koffer neben das Sofa. "Die Heizung ist kaputt gegangen. Ich bleibe ein paar Tage."
Ich schlug vor, er solle zu unserem Sohn Markus fahren oder sich ein Zimmer im Gasthof am Marktplatz nehmen. Walter zog die Augenbrauen hoch, als würde ich aus einer Kleinigkeit eine Tragödie machen. "Jetzt übertreib nicht. Wir sind immer noch Familie."
Die Heizung war nur ein Vorwand. Später habe ich erfahren, dass er seit Wochen schlecht gegessen, Wäsche gestapelt und sich mit der Putzfrau gestritten hatte. Er wusste nicht einmal, wie man die Waschmaschine bediente oder seine Tabletten sortierte. Er ist einfach davon ausgegangen, dass ich wieder alles übernehme, ohne dass sich sonst etwas zwischen uns ändert.
Ich habe Kaffee gemacht, wir haben uns an den Tisch gesetzt. Ich fragte, ob er sich versöhnen wolle. "Mach kein Drama draus. Ich muss nur eine Zeit lang hier wohnen."
Dieses Wort, "eine Zeit lang", hat mich kalt erschreckt. Ich sah seine Schuhe wieder im Flur, seine Beschwerden in der Küche, meinen kleinen Rückzugsort, der sich wieder in den Ort verwandelt, an dem ich nachgeben muss. Ich sagte ihm, es gehe nicht, dass er bleibe.
Walter wurde wütend. "Nach vierundvierzig Jahren setzt du mich auf die Straße?"
"Ich setze dich nicht auf die Straße. Wir sind geschieden, und du kannst das selbst regeln."
Er nannte mich kalt. Er sagte, meine Schwester habe mir das eingeredet. Mir liefen die Tränen übers Gesicht, während ich seinen Koffer zum Fahrstuhl trug. Es war nicht leicht, den Mann, mit dem ich fast mein ganzes Leben geteilt hatte, mit seinem Koffer dort stehen zu sehen.
Ich habe Markus angerufen und ihm alles erzählt. Walter hat zwei Nächte bei ihm verbracht und ist zurück in seine Wohnung, als der Heizungsmonteur fertig war.
In den Wochen danach kamen Nachrichten von ihm. Wie das Waschmaschinenprogramm funktioniere, wie lange die Nudeln kochen müssten, wo bestimmte Unterlagen lägen. Manche habe ich beantwortet, andere nicht. Mit der Zeit hat er eine Haushaltshilfe engagiert und das Nötigste gelernt.
Ich bin allein weitergegangen. Monate später haben wir uns beim Geburtstag unserer Enkelin wiedergesehen. Walter war schlanker geworden, mit einem neuen, helleren Hemd, das er sich offenbar selbst gebügelt hatte. Er setzte sich zu mir an den Gartentisch, rührte in seinem Kaffee und erzählte, er könne inzwischen ein ordentliches Omelett machen und verbrenne seine Hemden beim Bügeln nicht mehr.
"Das freut mich für dich", sagte ich, und meinte es auch so.
Er nickte, sah kurz zu den Kindern hinüber, die mit Luftballons über den Rasen liefen, und sagte nichts mehr dazu. Ich ließ seinen Satz einfach stehen, ohne ihn zu einem großen Schluss zu machen, nahm mein Kuchenstück und ging zu Renate hinüber, die mir schon ein zweites Stück abgeschnitten hatte.










