Die Wohnung in der Mommsenstraße

Mir ist achtundsechzig, und ich lebe seit vierunddreißig Jahren in Essen, in der Mommsenstraße, in derselben Zweizimmerwohnung, in der ich meinen Sohn Jonas großgezogen habe. Mein Mann Dieter ist vor acht Jahren gestorben, und seitdem ist der Donnerstag für mich der feste Tag der Woche: vormittags gehe ich auf den Wochenmarkt am Rüttenscheider Stern, kaufe immer dasselbe – Lachs, Clementinen, die Butterkekse, die Mila so mag –, und nachmittags fahre ich zu Jonas, um Mila und Finn bei den Hausaufgaben zu helfen, bis er und seine Frau Sandra von der Arbeit kommen.

Vor zwei Jahren hat Jonas seinen Job bei einem Zulieferer verloren, wo er dreizehn Jahre lang in der Logistik gearbeitet hatte. Er fand hier und da etwas – als Fahrer für einen Lieferdienst, ein paar Vertretertätigkeiten –, aber nichts Festes, und am Ende des Monats ging die Rechnung nie auf. Eines Abends, ohne dass jemand mich darum gebeten hätte, sagte ich, ich würde ihnen jeden Monat etwas Geld für die Schule der Kinder geben. Vierhundert Euro, mehr als die Hälfte meiner Rente. Mir blieb gerade genug zum Leben, aber ich dachte, wozu brauche ich das alles allein, wenn ich helfen kann.

Vor drei Wochen fing Sandra an, von „Dingen regeln" zu sprechen. Sie sagte, da ich allein sei und die Wohnung ohnehin eines Tages Jonas gehören würde, wäre es praktischer, jetzt, solange ich noch lebe, einen Schenkungsvertrag zu machen, damit es später keinen Ärger mit Erbschaft, Papieren und Steuern gebe. Sie sagte das sehr warm, nahm dabei meine Hand. „Das ist auch besser für dich, Mama Hilde, dann musst du dir um nichts mehr Gedanken machen." Ich, die von solchen Papieren wenig versteht, sagte zu. Für Montag war ein Termin beim Notar in der Rellinghauser Straße vereinbart.

An diesem Donnerstag ging ich wie immer hin, mit der Markttasche – Lachs, Clementinen, Milas Kekse. Ich nahm den Aufzug, und vor der Wohnungstür hörte ich Sandras Stimme, laut, am Telefon. Die Tür war angelehnt, wie so oft, wenn die Kinder rein- und rauslaufen. Ich wollte nicht lauschen. Aber ich blieb stehen, den Schlüssel noch in der Hand, weil ich den Namen erkannte – Birgit, ihre Schwester.

„…ich sag dir, Birgit, halt noch kurz die Luft an. Montag unterschreibt sie beim Notar, und die Wohnung gehört uns. Wenn sie erst auf unseren Namen läuft, brauchen wir dieses Theater mit dem Mittagessen jeden Donnerstag und dem Fuchseln nicht mehr. Und was die Rente angeht – mal sehen, aber die brauchen wir dann wahrscheinlich gar nicht mehr so dringend, wenn das erst geregelt ist…"

Ich stand da, die Tasche am Arm, und in mir rührte sich nichts. Nicht einmal das Herz, so kam es mir vor. „Theater." Die Donnerstage, Milas Kekse, Finns Hausaufgaben, der Sonntagsbraten. Theater. Ich ging langsam die Treppe hinunter, ohne zu klingeln. Ich weiß nicht, wie lange ich auf der Bank am Spielplatz saß, die Tasche neben mir, und den Kindern beim Fußballspielen zusah. Dann fuhr ich heim.

Ich rief den Notar an – es war kurz vor sechs, er war noch im Büro – und sagte, ich wolle den Termin am Montag absagen, ich hätte es mir anders überlegt, ohne weitere Erklärung. Dann öffnete ich die Banking-App und löschte den Dauerauftrag an Jonas. Das alles dauerte keine zehn Minuten.

Um halb zehn klingelte das Telefon. Jonas, mit dieser nervösen Stimme, die er hat, wenn etwas schiefgegangen ist.

„Mama, der Notar hat angerufen, er sagt, du hast den Termin abgesagt… was ist los? Geht's dir gut?"

„Mir geht's gut, Jonas. Ich habe mir das mit der Wohnung anders überlegt."

„Aber warum? Du hattest doch gesagt, dass…"

Und dann, ohne die Stimme zu heben, ohne zu schreien, erzählte ich, was ich gehört hatte. Wort für Wort. „Theater." „Brauchen wir dann wahrscheinlich gar nicht mehr."

Es entstand eine lange Stille. Im Hintergrund hörte ich Sandra fragen, was passiert sei, und dann ihre Stimme, näher am Telefon, brüchig:

„Mama Hilde… mein Gott, Mama Hilde, es tut mir so leid, du kannst dir nicht vorstellen, wie leid es mir tut, das war dumm, das habe ich gesagt, ohne nachzudenken, ich wollte das nicht sagen, wirklich nicht…"

Jonas entschuldigte sich ebenfalls, einer über den anderen. Dass sie mich liebten, dass die Kinder mich vergöttern, dass Sandra das nicht so gemeint habe. Ich sagte, es sei schon gut, dass ich heute Abend keine Erklärungen brauche, dass wir ein anderes Mal darüber sprechen würden. Und legte auf.

Ich weiß nicht, ob das nur ein dummer Satz war, unüberlegt gesagt, wie Sandra behauptet, oder ob es das ist, was sie wirklich denken, wenn sie nicht glauben, dass ich sie höre. Vermutlich ein bisschen von beidem.

Am Freitagmorgen rief ich meine Nichte Carolin an, die in Bochum als Rechtsanwältin arbeitet, und bat sie, mit mir zum Notar zu fahren – nicht um den Termin vom Montag wahrzunehmen, sondern um etwas anderes zu tun. Wir setzten uns an ihren Küchentisch, und sie erklärte mir in Ruhe, was ein Wohnrecht ist, was ein Rückforderungsrecht bei einer Schenkung bedeutet, was passiert, wenn ich gar nichts unterschreibe. Ich entschied mich für das Einfachste: nichts unterschreiben. Die Wohnung bleibt, wie sie ist, auf meinen Namen, in meinem Testament geregelt, mit einer Klausel, die Carolin „Vermächtnis mit Bedingung" nannte – Jonas erbt die Wohnung, aber erst nach meinem Tod, und nicht, wenn vorher jemand versucht, mich zur Unterschrift zu drängen.

Am Montagabend kamen Jonas und Sandra unangemeldet vorbei, mit einem Blumenstrauß und Milas selbstgemalter Karte. Ich ließ sie herein, setzte Wasser auf. Sandra redete viel, zu viel, über Stress, über Geldsorgen, über einen Satz, der ihr „einfach so herausgerutscht" sei. Ich hörte zu, bis sie fertig war.

Dann holte ich die Mappe vom Küchenschrank – den Entwurf des Testaments, den Carolin mir mitgegeben hatte, noch ohne Unterschrift, aber mit allem, was ich entschieden hatte, schon festgehalten. Ich legte sie auf den Tisch, zwischen die Teetassen.

„Ich habe mir das mit der Wohnung überlegt", sagte ich. „Sie gehört weiter mir. Jonas bekommt sie, wenn ich einmal nicht mehr da bin – das steht hier drin, schwarz auf weiß, bei einer Anwältin, nicht bei euch am Küchentisch. Bis dahin bleibt alles, wie es war: ich wohne hier, ich bezahle meine Rechnungen, und ihr müsst euch um nichts mehr Gedanken machen, was mit mir passiert, wenn ich sterbe, denn das ist jetzt geregelt."

Sandra wollte etwas sagen, aber ich hob die Hand, nicht böse, nur bestimmt.

„Den Dauerauftrag stelle ich nicht wieder ein. Nicht, weil ich euch nicht mehr helfen will – sondern weil ich merke, dass dreihundert Euro jeden Monat aus etwas, das Liebe war, etwas gemacht haben, das sich wie ein Gehalt anfühlt, das man mir schuldet. Wenn ihr Geld braucht, fragt mich, wie es sich gehört, von Angesicht zu Angesicht. Und ich entscheide dann, nicht ihr."

Jonas senkte den Blick auf seine Hände. Sandra weinte, leise, ohne Theater diesmal. Niemand widersprach.

Am Donnerstag darauf ging ich wie immer auf den Markt am Rüttenscheider Stern. Kaufte Lachs, Clementinen, Milas Kekse. Und am Nachmittag half ich den Kindern bei den Hausaufgaben, wie jeden Donnerstag seit Jahren. Mila fragte mich zwischendurch, warum Mama in der letzten Zeit so still sei. Ich sagte ihr, Mama und ich hätten uns gestritten, aber wie Erwachsene es manchmal tun, und dass alles wieder gut werde. Sie nickte und widmete sich wieder ihren Matheaufgaben, als hätte ich ihr gerade erklärt, warum es im Winter früher dunkel wird.

Ich weiß nicht, mit welchem Gesicht ich noch lange an diesem Tisch sitzen werde. Aber ich weiß, dass die Wohnung in der Mommsenstraße meine bleibt, solange ich lebe, und dass die nächste Unterschrift, die ich leiste, nur noch meine eigene Entscheidung sein wird.

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